Ein mutiges Nein – Hermann Person und die Landesverfassung

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11. November 1953 | Dieser Mann traute sich etwas. Als am 11. November 1953 in der Verfassunggebenden Landesversammlung von Baden-Württemberg über die neue Landesverfassung abgestimmt wurde, sagte er Nein. Er war nicht ganz allein – die vier Kommunisten der KPD versagten ebenfalls ihre Zustimmung. Aber Dr. Hermann Person, Regierungsrat in Freiburg, war alles andere als ein Kommunist: Er war Mitglied der CDU.

Er habe mit Nein gestimmt, „da die Verfassung nicht dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden wird“, begründete Person seine Ablehnung: „Ich halte die Forderung nach einer Volksabstimmung (…) für eine elementare demokratische Forderung.“ Schließlich seien die Verfassungen der drei in den neuen Südweststaat aufgegangenen Länder Württemberg-Baden, Baden und Württemberg-Hohenzollern durch Volksabstimmungen legitimiert worden. Und dann hatte Person noch ein besonderes Beispiel parat: Obwohl die badische Verfassung von 1919 von der Karlsruher Nationalversammlung einstimmig angenommen worden war, sei sie dem Volk vorgelegt worden. Nur das Außerkraftsetzen der Verfassung durch die Gleichschaltungsgesetze in der NS-Zeit seien „der bisher einzige vom Volk nicht bestätigte Eingriff in die badische Verfassungsgeschichte seit 1919.“ Ähnlich argumentierten auch die KPD-Mitglieder, die überdies fehlende Möglichkeiten zu Volksbegehren in der Landesverfassung ankreideten.

Dr. Hermann Person
Er hatte etwas gegen fehlende Bürgerbeteiligung: Dr. Hermann Person.

Auch im weiteren Verlauf seiner politischen Karriere bewahrte sich Person einen eigenen Kopf. Als Freiburger Regierungspräsident setzte sich der überzeugte Südbadener ab 1967 nicht nur für die Wirtschaftsförderung und den Ausbau von Verkehrswegen ein. Er knüpfte auch sehr früh Kontakte zu den Nachbarn auf der anderen Rheinseite oder stoppte für den Umweltschutz mehrfach umstrittene Bauvorhaben. Selbst nach seiner Pensionierung forderte Person als Präsident des Schwarzwaldvereins weiterhin eine umfangreiche Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger.


Zum Weiterlesen:

/// Alle Räder stehen still … Halt: Unser OnlineKalender bringt morgen auf jeden Fall ein neues Blatt über einen bemerkenswerten Streik.

1918, der Südwesten erhebt sich (Teil 4) – Badens provisorische Regierung

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 10. November 1918 | Stuttgart und Friedrichshafen hatten stark vorgelegt: Mit Generalstreik und der frühen Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten am 4./5. November stand Württemberg in erster Reihe des revolutionären Geschehens von 1918. Verschlief Baden die Veränderungen? Natürlich nicht: Am 8. November fanden sich in den badischen Garnisonsstädten Lahr und Offenburg erste Soldaten in Räten zusammen; über den Rüstungswerken in Karlsruhe hatten Arbeiter rote Fahnen gehisst. Kern der Krise, in der „das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann“ (Antonio Gramsci) war die Frage, welche Institution in Zukunft die Regierungsmacht ausüben darf und wer sie dazu berechtigt.

Zwei Tage darauf wurde eine doppelte Lösung auf die Frage gefunden. Der Arbeiter- und Soldatenrat Mannheim rief die „Sozialistische Republik Baden“ aus. Weiter in Süden wandte sich der Karlsruher Soldaten- und Arbeiterrat (SAR) an die Bevölkerung der badischen Residenzstadt:

„Eine neue Zeit der Freiheit ist angebrochen. Lasst uns ihrer würdig sein. […] Haltet zu ihm [dem SAR], vertraut ihm. Sorgt selbst für Ruhe und Ordnung, die unbedingt im Interesse der Allgemeinheit gewahrt werden muss.“

Bei Gewalttätigkeiten wurden standrechtliche Erschießungen angedroht. So weit kam es aber nicht: Dass die Revolution im Südwesten weitgehend friedlich verlief, liegt auch in der historisch gemäßigten Einstellung der Sozialdemokraten begründet, die in Baden ab 1905 eng mit den Liberalen zusammengearbeitet hatten und 1918 einen erheblichen Teil der Mitglieder in lokalen Räten stellten. Radikale Kräfte wie die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) hatten es schwer, ihrer Meinung Gehör zu verschaffen.

Die vorläufige Volksregierung Badens nimmt Platz (Generallandesarchiv Karlsruhe, Nachlaß Geis, Nr. 1)
Die vorläufige Volksregierung Badens nimmt Platz (Generallandesarchiv Karlsruhe, Nachlaß Geis, Nr. 1)

In Karlsruhe arbeiteten SAR und Wohlfahrtsausschuss, ein Zusammenschluss verschiedener Parteien, eng zusammen und fanden sich am 10. November zu einer provisorischen Regierung zusammen. Vorsitzender wurde der SPD-Mann Anton Geiß. Großherzog Friedrich II. von Baden blieb nichts anderes übrig, als ohnmächtig zu akzeptieren, was er nicht mehr ändern konnte. Fünf Sozialdemokraten, zwei USPD-Mitglieder, zwei Zentrums-Mitglieder sowie jeweils ein Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei und der Nationalliberalen Partei stellten die Minister. Schon in ihrer ersten Bekanntmachung kündigten sie an, das Volk über die zukünftige Staatsform, Monarchie oder Republik, abstimmen zu lassen.

Am Folgetag forderte der eigenmächtig handelnde Matrose Heinrich Klumpp den „größten Lump von Baden“, Großherzog Friedrich II., zum Thronverzicht auf und feuerte mit einigen Begleitern auf die Fassade des Karlsruher Schlosses. Eingeschüchtert verließ der Monarch die Stadt und verzichtete am 13. November auf den Thron.

Parlamentarische Republik oder Räterepublik: Diese Frage sollte nicht nur in Baden die kommenden Monate beherrschen.


/// Morgen steht ein gewichtiges „Nein“ im Mittelpunkt!

1918, der Südwesten erhebt sich (Teil 3) – Karl Fraaß und die Revolution

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9. November 1918  | Revolution in Stuttgart! Für den 18jährigen Karl Fraaß ging am 9. November 1918 ein Traum in Erfüllung. Begeistert schrieb der aus Wannweil stammende Elektromonteur in sein Tagebuch auf, wie er mitten im Geschehen war.  Als „Spartakist“ zählte er sich zum linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), die sich wegen ihrer Ablehnung des Krieges von der SPD abgespalten hatte. Fraaß wollte eine sozialistische Räterepublik verwirklichen, in der die Arbeiterinnen und Arbeiter bestimmen sollten.

Tatsächlich wehte am 9. November 1918 eine rote Fahne über dem Wilhelmspalais, dem Wohnsitz von König Wilhelm II.. Selbst in Württemberg hatte der populäre König keine Zukunft mehr, auch wenn sich seine Abdankung noch bis zum 30. November hinauszögerte. Aber für eine „sozialistische Republik“ gab es deswegen noch lange keine Chance. Im liberal-konservativ geprägten Württemberg bekannte sich die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung zu einer umfassende Beteiligung aller Bevölkerungsschichten und lehnte einen radikalen Bruch ab. Fraaß musste dies schnell enttäuscht feststellen. Bereits am 20. November notierte er: „Die Revolution wird von den Blauen Schritt für Schritt verraten auf den Schlossplatz werden schwarz-weiß-rote Fahnen u. Wimpeln aufgehängt um den heimkehrenden Truppen etwas zu bieten u. diese marschieren in voller Ausrüstung samt Stahlhelm ein. O Revolution, ich beklage deinen frühen Fall. O Tage der Freiheit wo seid ihr geblieben?“ Fraaß wollte dies nicht akzeptieren und kämpfte mit der Waffe in der Hand am 9. Januar 1919 für „seine“ Republik, als er an der Tagblattturm-Besetzung teilnahm. Vergebens!

Auch nach der Revolution blieb das Leben von Fraaß mehr als spannend. Er trat der neuen KPD bei und hoffte noch immer auf die „richtige“ Revolution. Nachdem er 1930 arbeitslos geworden war, reiste er zweimal in die Sowjetunion. Im März 1933 rettete er sich vor den Nationalsozialisten in die Schweiz. Im Exil in der Schweiz begann seine Ernüchterung über den Kommunismus. Die Schweiz schob ihn 1940 nach Deutschland ab. Als Mitglied der Organisation Todt kam Fraaß an die Ostfront und musste bis 1944 Kriegsdienst leisten. Ab 1946 baute er den Behrendt-Verlag in Stuttgart auf und gründete die Buchgemeinschaft „Stuttgarter Bücherfreunde“. Politisch überzeugten ihn nun vor allem Theodor Heuss und dessen liberale Demokratische Volkspartei (DVP). Fraaß starb 1962.


/// Morgen stellt sich in unserem OnlineKalender die Machtfrage. Blieben Sie neugierig!

1918, der Südwesten erhebt sich (Teil 2) – der irrtümliche Generalstreik

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4. November 1918 | Vielleicht war es ein Anflug revolutionärer Ungeduld, als der Stuttgarter Delegierte Ferdinand Hoschka die Sitzung der revolutionären Betriebsobleute in Berlin vorzeitig verließ. Sonst hätte er bei seiner Rückkehr nach Stuttgart den Genossen um Fritz Rück nicht irrtümlicherweise mitgeteilt, dass ein reichsweiter Generalstreik für den 4. November 1918 vorgesehen war. Sofort ließ Rück Flugblätter drucken und traf Vertrauensleute aus verschiedenen Stuttgarter Betrieben. „Unsere Flugblätter haben eingeschlagen, aber in der Sitzung der Betriebsvertreter wandten sich einige Sozialdemokraten und Gewerkschafter scharf gegen den Streik“, erklärte zwar ein Vertrauensmann bei Daimler dem wartenden Rück am morgen des 4. November. Doch es gab kein Halten mehr: Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter zogen durch den Stuttgarter Osten und trafen auf einen zweiten Zug der Cannstatter Schuharbeiter.

„In dem Zuge, der etwa 10-12.000 Personen umfasste, sah man vorwiegend junge Burschen und Arbeiterinnen […]. Die Leute an der Spitze schrien und brachten Hochrufe auf die sozialistische Republik aus“,

beschreibt der damalige württembergische Staatsminister des Inneren, Ludwig Köhler, die Szene. Vorbei am Wilhelmspalais, dem Wohnsitz von König Wilhelm II., zog die Masse zum naheliegenden Schlossplatz, versäumte es jedoch nicht, dem Hausherrn ein „Hoch auf die Republik“ entgegen zu schmettern. In einer Rede forderte Fritz Rück die Abdankung aller deutschen Monarchen. Fortan sollten Arbeiter- und Soldatenräte demokratisch über das Geschick des Landes entscheiden.

Schließlich kam es zum Showdown zwischen den Revolutionären und der Staatsmacht im Innenministerium. Schnell war klar, dass es keine Einigung geben konnte.  „S’ischt aber wäge dem Sischtem!“, konterte Karl Seeberger den Hinweis des Innenministers, dass der König in Württemberg doch immer vorbildlich konstitutionell regiert habe. Nach weiteren Protestzügen und Ansprachen endete die Demonstration um 16.30 Uhr.

Die Rote Fahne vom 5. November 1918 (Bildnachweis: Hauptstaatsarchiv Stuttgart P 2 Bü 12)
Die Rote Fahne vom 5. November 1918 (Bildnachweis: Hauptstaatsarchiv Stuttgart P 2 Bü 12)

Zwei Stunden später trat der Arbeiter- und Soldatenrat Württembergs mit Rück als Vorsitzenden zum ersten Mal im Gewerkschaftshaus zusammen. Dessen Forderungen wurden in einer neuen Zeitung, der „Roten Fahne“, abgedruckt. Die Ernüchterung war groß, als am Folgetag klar wurde, dass nur in Stuttgart gestreikt worden war. Noch hielt Friedrichshafen die Streikfahne hoch, was Rück und August Thalheimer veranlasste, zu den rund 5.000 Demonstrierenden zu fahren. Noch im Zug wurden sie verhaftet. Den Zug der Zeit konnten die Polizeibeamten allerdings nicht mehr anhalten.


Zum Weiterlesen:

  • Sylvia Neuschl: Geschichte der USPD in Württemberg, oder: Über die Unmöglichkeit einig zu bleiben, Esslingen 1983, S. 157-163.
  • Ludwig Köhler: Zur Geschichte der Revolution in Württemberg. Ein Bericht, Stuttgart 1930.
  • Die Erinnerungen Fritz Rücks an die Revolution im Südwesten, vgl. Fritz Rück: Schriften zur deutschen Novemberrevolution (=Beiträge zur Geschichte des Sozialismus und der sozialen Bewegung in Süddeutschland, Bd. II), hrsg. von Ulrich Cassel u.a., Stuttgart 1978.
  • Elisabeth Benz: Ein halbes Leben für die Revolution. Fritz Rück (1895 – 1959). Eine politische Biografie, Essen 2014.
  • Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.): Vertrauensfragen. Der Anfang der Demokratie im Südwesten, 1918 – 1924. Katalog zur Großen Landesausstellung, Haus der Geschichte Baden-Württemberg, 30. September 2018 bis 11. August 2019, Stuttgart 2018.

/// Der nächste Eintrag folgt am 9. November.

Filderkraut statt Flughafen – die Schutzgemeinschaft Filder nimmt den Kampf auf

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31. Oktober 1967 | Der Schauspieler Louis de Funès setzte mit seinem kultigen Filmklamauk „Louis und die außerirdischen Kohlköpfe“ einer wahren Vitamin-C-Bombe ein Denkmal. Im Film waren Außerirdische von der Kohlsuppe zweier französischer Bauern dermaßen begeistert, dass sie zum Dank den beiden einen Alterswohnsitz auf einem fernen Planeten anboten, wo sie in Ruhe und Frieden leben konnten.

Nicht gewöhnlicher Kohl, sondern das edle Filderspitzkraut, und auch keine UFOs, sondern lärmende irdische Flugzeuge spielten Mitte der 1960er Jahre auf der Filderebene im Süden von Stuttgart eine Hauptrolle. Im Sommer 1967 wurde der Generalausbauplan für den Flughafen Stuttgart verkündet: Drei Landebahnen sollten bei Plieningen das Ländle an die „große weite Welt“ anbinden und interkontinentale Flugverbindungen ermöglichen. Doch wer neben dem bestehenden Flughafen wohnte, war bereits damals von Lärm und Abgasen geplagt und fürchtete eine massive Dauerbeschallung. Landwirte warnten vor einer Betonierung des fruchtbaren Filderbodens: Drohte das Ende des Filderkrautes und mit ihm der Landwirtschaft vor Ort?

52 Aktive beschlossen in einer Versammlung in Plieningen, als „Schutzgemeinschaft gegen Großflughafen e.V“ den Kampf aufzunehmen. Bereits ein Jahr später war die Mitgliederzahl der Bürgerinitiative auf 5.000 angewachsen und ein erster Erfolg zu vermelden: Gemeinsam mit 22 Anliegerstädten und –gemeinden konnte ein Nachtstartverbot für moderne Düsenflugzeuge erstritten werden. In den Folgejahren stand die Bürgerinitiative  unter ihrer rührigen Vorsitzenden Liesel Hartenstein vor immer neuen Herausforderungen, sei es nun bei der Durchsetzung von Schallschutzmaßnahmen, der Abwehr weiterer Ausbaupläne des Flughafens und ab den 1990er Jahren beim Streit um den Neubau der Messe. Nicht immer waren die Spitzkrautfreunde erfolgreich, doch aufgeben kam nicht in Frage: Im letzten Jahr feierte die Schutzgemeinschaft ihren 50. Geburtstag und ist damit die älteste existierende Umweltinitiative Deutschlands.


/// Unser nächstes Kalenderblatt folgt am 4. November. Die Revolution nimmt Fahrt auf.

Premiere in Mannheim – die erste Vorlesung einer Frau

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29. Oktober 1908 | Die besten Überraschungen kommen immer am Ende. Die Leser des Mannheimer General-Anzeigers vom 26. September 1908 staunten nicht schlecht, als sie die letzten Zeilen der Ankündigung der öffentlichen Vorlesungen im Wintersemester an der Mannheimer Handelshochschule lasen: „Und die erste von einer weiblichen Dozentin in einer deutschen Hochschule abgehaltene Vorlesung der Frau Altmann-Gottheiner über die Arbeiterinnenfrage, donnerstags.“

Im Vorlesungsverzeichnis der Handelsschule Mannheim steht es schwarz auf weiß: Frau Dr. Altmann-Gottheiner lehrt.
Im Vorlesungsverzeichnis der Handelsschule Mannheim steht es schwarz auf weiß: Frau Dr. Altmann-Gottheiner lehrt. (Bildnachweis: Universitätsarchiv Mannheim)

Am 29. Oktober 1908 war es um 19 Uhr soweit. Im Auditorium der Handelshochschule trat eine Frau an das Katheder, um ihre Vorlesung zu halten. Nicht weniger als 61 Jahre nachdem Louise Dittmar ebenfalls in Mannheim im ersten öffentlichen Vortrag einer Frau über die Gleichberechtigung gesprochen hatte, vollzog Dr. Elisabeth Altmann-Gottheiner einen weiteren großen Schritt in Richtung Emanzipation der Geschlechter. Das Thema ihrer Lesung sprach für sich.

Frau Dr. Altmann-Gottheiner (Bildnachweis: Universitätsarchiv Mannheim)
Frau Dr. Altmann-Gottheiner (Bildnachweis: Universitätsarchiv Mannheim)

Elisabeth Gottheiner war am 26. März 1874 in Berlin geboren worden. Da in Deutschland die Beschränkungen für Frauen allgegenwärtig waren, ging sie zum Studium der National-Ökonomie nach London und Zürich, wo sie 1902 promovierte. In Frankfurt am Main setzte sie sich aktiv für die Frauenbewegung ein, bevor ihr Ehemann Sally Altmann einen Lehrauftrag in Mannheim erhielt. Sie selbst wurde als „Lehrkraft für einzelne Vorlesungen“ angestellt. Ihren wissenschaftlichen Schwerpunkt setzte sie fortan bei Themen der Frauen- und Sozialpolitik. Auch nach dem Krieg blieb sie in Mannheim und etablierte sich endgültig an der Hochschule. Am 30. April 1925 wurde sie zur Professorin ernannt. Nur fünf Jahre später verstarb sie.


Zum Weiterlesen:

  • Isabel Funke: Frauenbildung im Kaiserreich. Elisabeth Altmann-Gottheiner im Kontext ihrer Zeit, Bachelorarbeit an der Universität Mannheim, 2014.
  • Rosmarie Günther: Eine vorbildliche Netzwerkerin – Elisabeth Altmann-Gottheiner (1874-1930), in: Mannheimer Geschichtsblätter remmagazin 20/2010, S. 21-34.
  • Lebenslauf auf Leo BW

/// Am 31. Oktober wird es laut. Doch keine Angst: Bürgerinnen und Bürger wehrten sich!

Kampf dem Preiswucher! (Teil 2) – der „Stuttgarter Tumult“

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28. Oktober 1948 | Was die MannheimerInnen mit ihrer Protestkundgebung am 20. Oktober 1948 erfolgreich vorgemacht hatten, wollten die Menschen in  Stuttgarter ebenfalls haben. Auch in Stuttgart hatten die kleinen Sparer durch die Währungsreform ihr Vermögen verloren, auch in Stuttgart waren die Preise enorm gestiegen und die Löhne niedrig geblieben, auch in Stuttgart waren Bauprojekte eingestellt worden und die Zahl der Arbeitslosen gestiegen. Die Unzufriedenheit ließ sich nicht mehr übersehen.

Vor den Ruinen des Alten Schlosses in Stuttgart regte sich der Massenprotest (Bildnachweis: Stadtarchiv Stuttgart).
Vor den Ruinen des Alten Schlosses in Stuttgart regte sich der Massenprotest (Bildnachweis: Stadtarchiv Stuttgart).

Auf dem Karlsplatz versammelten sich am 28. Oktober ab 13 Uhr rund 50.000 ArbeiterInnen. Der Stuttgarter Gewerk-schaftsvorsitzende Hans Stetter wurde deutlich: „Was wir verlangen ist eine planmäßig gelenkte Wirtschaft mit staatlich kontrollierten Preisen.“ Lohn- und Gehaltserhöhungen sollten sofort erfolgen. Auch gegenüber der amerikanischen Besatzungsmacht nahm er kein Blatt vor den Mund: „Wir fragen, wo bleibt der demokratische Gedanke, wenn die Besatzungsmacht die Außerkraftsetzung der Bestimmungen über das Mitbestimmungsrecht in wirtschaftlichen Fragen anordnet.“

Aber anders als in Mannheim blieb es in Stuttgart nicht nur bei Worten. Im unteren Teil der Königstraße ging ein Schaufenster zu Bruch, Rangeleien mit Polizisten und sogar auch mit Militärpolizisten folgten, wobei mehrere von ihnen verletzt wurden. Tränengas und Panzerwagen kamen zum Einsatz, über 30 Personen wurden festgenommen. Die amerikanische Militärregierung antwortete mit einem Versammlungsverbot und einer Ausgangssperre von 21 bis 4 Uhr. Militärgouverneur Lucius D. Clay stellte Stetter persönlich scharf zur Rede. Für diesen war danach klar, dass Clay „für die sozialen Nöte der Arbeiterschaft und des deutschen Volkes nichts übrig“ habe.


Literaturhinweis:

  • Roland Müller: Der „Stuttgarter Tumult“ vom 28. Oktober 1948 – Protest im Spannungsfeld von Währungsreform und Kaltem Krieg, in: Wege in ein neues Leben: Die Nachkriegszeit, Stuttgarter Symposion 2015. Herausgegeben vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Verbindung mit der Stadt Stuttgart, Ubstadt-Weiher 2017, S. 121-147.

/// Preiswucher: Ein Thema, das sicherlich auch eine herausragende Mannheimer Nationalökonomin interessiert hätte. Wer es war lesen Sie morgen.

Immer wieder montags – der Protest gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21

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26. Oktober 2009 | „So eine Art Montagsdemo“ sollte es werden. Von Demo konnte am 26. Oktober 2009 aber kaum die Rede sein. 1, 2, 3, 4, 5 – mehr Teilnehmer gab es beim ersten Termin nicht. Und die waren auch noch an verschiedenen Orten unterwegs. Zwei Frauen standen vor dem Stuttgarter Rathaus, und drei Männer vor dem Nordausgang des Hauptbahnhofs. Ein paar Wochen später waren es Tausende, die gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 pfiffen und schrien. Jetzt konnten die Stuttgarter dem Leipziger Beispiel vom Herbst 1989 doch noch erfolgreich nacheifern.

100, 200, 300, 400 – inzwischen sind es in Stuttgart schon weit mehr Montagsdemonstrationen geworden, als es jemals in Leipzig gab. Der Protest gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 ist zu einem Dauerbrenner geworden. Der Bahnhof wird zwar seit Jahren gebaut, aber ein Ende ist nicht absehbar – weder beim Bau, noch beim Protest.

Ob die Montagsdemonstrationen jemals ihren ursprünglichen Zweck erreichen werden, ist mehr als fraglich. Aber vielleicht haben sie ja bereits etwas anderes unter Beweis gestellt: BürgerInnen können (und müssen) manchmal sehr ausdauernd sein.


Zum Weiterlesen:

  • Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.): Dagegen leben? Der Bauzaun und Stuttgart 21. Katalog zur Sonderausstellung, 16. Dezember 2011 bis 1. April 2012, Stuttgart 2011.
  • Frank Brettschneider / Wolfgang Schuster (Hgg.): Stuttgart 21 – ein Großprojekt zwischen Protest und Akzeptanz. Wiesbaden 2013.

/// Penunzen, Moneten, Kröten: Im nächsten Kalenderblatt am 28. Oktober dreht sich alles um das „liebe Geld“ und was man sich davon (nicht) kaufen kann.

1918, der Südwesten erhebt sich (Teil 1) – Fritz Rück spricht Klartext

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24. Oktober 1918 | Deutschland im Oktober 1918: Hunger und Krieg und keine Aussicht auf Besserung. Im Gegenteil: Die Arbeiter der Zeppelinwerft in Friedrichshafen waren zu einem „Vaterländischen Erbauungsabend“ geladen, auf dem der SPD-Abgeordnete Paul Lensch seine Durchhalteparolen verbreiten wollte. Nicht eingeladen, dennoch anwesend war ein gewisser Fritz Rück aus Stuttgart. Mit seinen kritischen Einwürfen brachte er den Redner aus dem Konzept und den Saal zum Kochen, ein „Orkan von Beifall“ erhob sich. Rück war 1917 Mitglied der Spartakus-Gruppe geworden und führte ab Oktober 1917 die USPD in Württemberg, eine SPD-Abspaltung, die sich gegen die Fortsetzung des Krieges stark machte.

Demonstration Ende Oktober 1918 in Friedrichshafen (Bildnachweis: Kreisarchiv Bodenseekreis).
Demonstration Ende Oktober 1918 in Friedrichshafen (Bildnachweis: Kreisarchiv Bodenseekreis).

Dasitzen und abnicken, das war nicht sein Stil. So forderte Rück vom Redeleiter eine freie Aussprache nach dem Referat. „‚Hier gibt es keine Aussprache‘, fauchte der Oberingenieur. ‚Dann gehen wir!‘“, antwortete das Publikum. Ein Teil der Versammlung schritt durch die Tür und mit der Arbeitermarseillaise auf den Lippen zogen sie durch die dunklen Friedrichshafener Straßen. Auf dem Marktplatz redete nun Fritz Rück zu 400 Menschen: „Vom Rande eines Brunnentrogs aus entwickelte ich die Grundzüge des revolutionären Programms“, schreibt er in einer zeitnah erschienenen Erinnerungsschrift. Nieder mit dem Krieg, hoch die sozialistische Republik, so zwei Kernforderungen. Was zwei Tage vorher mit den Demonstrationen der Maybach-Arbeiter in Friedrichshafen begonnen hatte, nahm nun weiter Fahrt auf. Noch vor dem Aufstand der Kieler Matrosen Anfang November setzte die Arbeiterschaft im äußersten Südwesten ein Signal gegen Krieg und für die Revolution.


Zum Weiterlesen:

  • Die Erinnerungen Fritz Rücks an die Revolution im Südwesten, vgl. Fritz Rück: Schriften zur deutschen Novemberrevolution (=Beiträge zur Geschichte des Sozialismus und der sozialen Bewegung in Süddeutschland, Bd. II), hrsg. von Ulrich Cassel u.a., Stuttgart 1978.
  • Elisabeth Benz: Ein halbes Leben für die Revolution. Fritz Rück (1895 – 1959). Eine politische Biografie, Essen 2014.
  • Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.): Vertrauensfragen. Der Anfang der Demokratie im Südwesten, 1918 – 1924. Katalog zur Großen Landesausstellung, Haus der Geschichte Baden-Württemberg, 30. September 2018 bis 11. August 2019, Stuttgart 2018.

/// Am 26. Oktober erscheint ein neues Kalenderblatt. Wieder geht es um einen Bahnhof, der die Gemüter erhitzt.

Hand in Hand zum Frieden – die Rekord-Menschenkette der Friedensbewegung

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22. Oktober 1983 | Im Atomzeitalter schien selbst Gevatter Tod seine alte Sense zur Seite gelegt zu haben und auf Atomwaffen umgestiegen zu sein. Anfang der 1980er Jahre war der Rüstungswettlauf zwischen den NATO-Staaten im Westen und den Staaten des Warschauer Vertrages im Osten auf einem neuen Höhepunkt angelangt. Atomwaffen befanden sich bereits seit Längerem auch auf dem Gebiet der Bundesrepublik und der DDR. Aber jetzt sollten es noch mehr werden. Die Sowjetunion erneuerte ihre veralteten atomaren Mittelstreckenraketen durch die SS-20, die NATO sah darin eine zusätzliche Bedrohung und wollte mit den Waffensystemen Pershing II und Cruise Missiles nachziehen. Die Friedensbewegung in Westdeutschland blühte auf: Kirchen, Gewerkschaften, Ökogruppen, Jung und Alt fanden sich zu einer bunten Truppe zusammen, um ein Zeichen gegen die Nachrüstung zu setzen.

Im Oktober 1983 schwappte eine regelrechte Protestwelle durch den Südwesten. So verschrotteten beispielsweise über 600 Frauen in Freiburg symbolisch Raketenmodelle aus Pappmaché. Mehr als 1000 Personen, zumeist Jugendliche, besetzten in einem „Akt der aktiven Gewaltlosigkeit“ die Werkstore von „Litef“, einem Zulieferer für die großen Rüstungsbetriebe. Freiburger Schülerinnen und Schüler lösten große Diskussionen mit ihren Aufrufen in der Schulzeitung aus, für die Friedensproteste einfach mal zu schwänzen.

Höhepunkt der Demonstrationen war unzweifelhaft die Menschenkette  zwischen Stuttgart und Neu-Ulm. Zwischen 200.000 und 400.000 Friedensbewegte standen Hand in Hand, sangen Lieder, zeigten Protestplakate. Kreativ, bunt und entschlossen war das Happening. Von überall her kamen sie. Auch 6.300 Menschen aus Südbaden reihten sich bei Plochingen ein, so friedlich, dass selbst ein mürrischer Wirt am Bahnhof nur halbherzig lästern konnte: „An Vogel habet se alle. Aber anständig waret se doch.“ (Badische Zeitung, 24. Oktober 1983).

Die Raketen kamen trotzdem.


/// Am 24. Oktober erscheint ein neues Kalenderblatt. Die Zeichen stehen auf Sturm!