Niemals vergessen – Jugendliche gedenken des Massakers von Sant‘Anna

Schreiben Sie einen Kommentar!

12. August 2019 | 560 Menschenleben wurden in den Morgenstunden des 12. August 1944 auf grausamste Weise ausgelöscht. Was damals im kleinen toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema geschah, lässt die wenigen Überlebenden nicht mehr los. Mit roher Gewalt metzelten Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision Männer, Frauen, Alte, Kinder, ja sogar Säuglinge nieder. Enrico Pieri und Enio Mancini waren damals Kinder und überlebten das Massaker nur mit viel Glück. Bleierne Trauer und Fassungslosigkeit ob des Geschehenen ergriffen die Überlebenden und prägte die folgenden Jahre.

Die Täter jedoch blieben über Jahrzehnte weitgehend unbehelligt, bis das im Jahre 1994 in Rom entdeckte Aktenmaterial dazu genutzt wurde, zehn Verantwortliche im Jahre 2005 zu lebenslänglichen Haftstrafen zu verurteilen. Vollstreckt werden konnte das italienische Urteil nicht, denn die Täter befanden sich in Deutschland und eine Auslieferung fand nicht statt. Mit Empören nahm die italienische Seite das Ergebnis eines Verfahrens in Stuttgart auf, das den Tätern keine individuelle Schuld beschied und diese somit freisprach. Die abweichenden Entscheidungen anderer deutscher Gerichte kam zu spät, waren die Täter doch entweder bereits verstorben oder nicht mehr haftfähig.

„Nie wieder Sant’Annas!“ Die Gedenkstätte in Sant’Anna di Stazzema (Bildnachweis: querwege).

Bereits 2012 brachen deutsche Unterstützer der italienischen Opferverbände zu einer Solidaritätsfahrt nach Sant’Anna auf und sendeten das Signal aus: Ihr führt euren Kampf um Gerechtigkeit nicht allein, erinnert sich Eberhard Frasch, aktiv in der „Initiative Sant’Anna“ der AnStifter Stuttgart. Im Folgejahr nahmen erneut 50 Menschen aus Baden-Württemberg an den italienischen Gedenkveranstaltungen teil, unter ihnen auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Staatsrätin Gisela Erler.

Bewegt von den Erfahrungen sicherte die politische Seite Unterstützung und Gelder zu, die unter anderem in das erste Friedenscamp der AnStifter floss. Deutsche und italienische Jugendliche sollen sich gemeinsam der Geschichte des Massakers vor Ort annähern, erklärt Eberhard Frasch. Dazu gehören unter anderem Gespräche mit den Zeitzeugen Pieri und Mancini sowie das Erstellen eines Beitrags zur Gedenkfeier. In Workshops widmen sich die Jugendlichen aktuellen Fragen rund um Europa, Völkerverständigung und Demokratie. Dies ist ganz im Sinne der Überlebenden: „Werdet Europäer! Fühlt euch europäisch! Wir brauchen Europa.“ Es sei wichtig, internationale Freundschaften zu knüpfen und zusammenzuhalten, betont Enrico Pieri. Camp-TeilnehmerInnen wie Christina Gohle fassen die intensive Reise wie folgt zusammen: „Sie hat uns weinen und lachen lassen“.

Auch in diesem Jahr findet 75 Jahre nach dem Massaker wieder das Friedenscamp statt. Es ist ein Baustein für Enrico Pieris Maxime „Nie wieder Sant’Annas“ !


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Die Alb ruft. Morgen ziehen wir wieder die Wanderstiefel an.

Der „alte Gruschd“ – Mosbach saniert seine Altstadt, nicht den Bahnhof

Schreiben Sie einen Kommentar!

27. Juli 1967 | Man nehme: Fachwerkhäuser, schmale Gässchen, Kopfsteinpflaster und eine gehörige Prise Romantik, backe dies einige Jahrhunderte und fertig ist eine typische Kleinstadt in Baden-Württemberg. Heute sind die zumeist umfassend sanierten Orte touristische Kleinode. Dies ist jedoch nicht immer so gewesen: In den 1950er Jahren waren viele alte Häuser verwohnt, Bäder und Toiletten sehr einfach gehalten und Komfort war in etlichen Wohnstuben ein Fremdwort. Das „Wirtschaftswunder“ weckte gleichermaßen Bedürfnisse wie Möglichkeiten: Fort mit dem „alten Gruschd“ war ein Satz, der auch in Mosbach im Odenwald häufig zu hören war. Ganze Häuser fielen dem Bagger zu Opfer, so beispielsweise das ehemalige Kaufhaus Held am Marktplatz oder das Fachwerkhausensemble Goebes an der Hauptstraße. Mit viel Glas und Beton schufen die Bauherren zeitgenössische Symbole des Fortschritts.

 

Was die einen als notwendig, ja sogar als Chance betrachteten, lehnten andere scharf ab. Konsequenterweise formierte sich Widerstand: Am 27. Juli 1967 wurde der Verein „Alt-Mosbach“ unter ihrem Ersten Vorsitzenden Adolf Frank in das Vereinsregister eingetragen. Als Fürsprecher für die alte Bausubstanz wollte der Verein auftreten, indem er Veränderungen in Mosbach kritisch dokumentierte und immer wieder auf den Stadtrat einredete, das historische Stadtbild nicht dem Zeitgeist zu opfern. Zudem versuchten die Aktiven, den Autoverkehr aus der engen Innenstadt herauszubringen. Diese Forderung wurde mit dem Bau der B27-Umgehungsstraße bis zum Jahre 1976 verwirklicht. Die 70er Jahre brachten mit dem „Städtebauförderungsgesetz“ in Baden-Württemberg neue Möglichkeiten der Veränderungen: Während in Karlsruhe der Abriss des Stadtviertels „Dörfle“ anlief, besannen sich die Mosbacher auf ein Konzept der „erhaltenden Erneuerung“. In drei Stufen wurde die Innenstadt saniert, wobei Denkmalschutz und die Interessen der Anlieger gleichermaßen Beachtung fanden – Gesamtkosten: 36 Millionen DM.

 

In den 90er Jahren erregte noch einmal der geplante Ausbau der B27-Umgehungsstraße die Mosbacher Gemüter. Dem Autoverkehr sollte der alte Bahnhof aus dem Jahr 1862, eine architektonische Visitenkarte der Stadt, geopfert werden. Eine Bürgerinitiative (BI)  ging entschlossen gegen das Projekt vor, sammelte Unterschriften und hielt Demonstrationen ab. „Das war für Mosbach schon etwas Besonderes“, erinnert sich Christine Krieger, damals selbst in der BI aktiv. Beachtlich sei zudem gewesen, dass sich über alle Parteigrenzen hinweg Mosbacher für ihren Bahnhof engagiert hatten, ergänzt Tim Krieger. Sehr ärgerlich für die Aktiven sei die Entscheidung des Denkmalamtes Karlsruhe gewesen, das Bahnhofsgebäude zum Abriss freizugeben, obwohl es zunächst für den Erhalt plädiert hatte, so Christine Krieger weiter. Im Februar 2002 rollten die Bagger an und beendeten 140 Jahre Verkehrsgeschichte. Neben diesem „Mahnmal für die Exzesse der 1960er Jahre“ (Tim Krieger) brachten die 90er auch viel Positives: Mit der Sanierung der „Alten Mälzerei“ ist ein vorzeigbares Kulturzentrum entstanden.

Unser Dank gilt dem Stadtarchiv Mosbach, dem Stadtmuseum sowie den Eheleuten Krieger für die freundliche Unterstützung.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Große Kreisstadt Mosbach (Hg.): Mosbach und die Sanierung seiner Altstadt 1974 bis 1997, Mosbach 1997.
  • Verein Alt-Mosbach (Hg.): Neues Haus in alter Stadt. Kritische Würdigung baulicher Veränderungen in der Altstadt von Mosbach/B. seit 1961, Mosbach 1969.
  • Verein Alt-Mosbach (Hg.): O Mosbach! Kritik der Altstadt-„Sanierung“ in Mosbach seit 1981 (= Mosbacher Schriften, Heft 6), Mosbach 1985.
  • Bürgerinitiative „Rettet des Bahnhof“ (Hg.): Der alte Bahnhof in Mosbach. Geschichte und Zerstörung eines Kulturdenkmals, Mosbach 2002.
  • LeoBW: Überblick über fotografische Archivalien zur Altstadtsanierung Karlsruhe.

/// In unserem nächsten Kalenderblatt am 5. August geht es um das Thema „Heimat in der Fremde“.

„Vom anderen Ufer“ – der Christopher Street Day am Bodensee kennt keine Grenzen

Schreiben Sie einen Kommentar!

18. Juli 2009 | Für einen Regenbogen ist neben Sonnenschein auch Wasser notwendig. Direkt am Bodensee gelegen, bietet Konstanz somit beste Möglichkeiten, um die Farben leuchten zu lassen. Und wie sie leuchteten, als am 18. Juli 2009 die fröhliche Menge beim „Christopher Street Day (CSD) am See“ die Deutsch-Schweizer Grenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen überschritt. Tanzend, jubelnd, protestierend hatten die Teilnehmer*Innen Geschichte geschrieben: Der erste grenzüberschreitende CSD weltweit sorgte hüben wie drüben dafür, dass der harte Kampf gegen die Diskriminierung Homosexueller und für die Anerkennung verschiedener sexueller Identitäten noch hörbarer und sichtbarer wurde. Die CSD-Paraden gehen auf die 1969er Proteste nach einer brutalen Razzia gegen Schwule und Lesben in einer New Yorker Kneipe zurück. Seitdem gibt es weltweit CSD-Veranstaltungen, die zwischen politischen Demonstration mit ernsten Anliegen und schrill-bunter Party pendeln.

Auf der ersten Konstanzer CSD-Veranstaltung im Jahre 1992 boten rund 50 Menschen den damals noch häufig anzutreffenden Vorurteilen und Anfeindungen die Stirn. Die Formulierung „Vom anderen Ufern sein“ wurde vielfach noch abwertend gebraucht und sollte eine deutliche Trennung zwischen den „Normalen“ und den „Unnormalen“ kennzeichnen: Homosexuelle seien pervers, alle AIDS-krank, so gängige Vorwürfe. Solidarisch und kämpferisch zeigten sich die Mitglieder der immer selbstbewusster werdenden Homo-, Bi- und Transsexuellengruppen, die aktiv politische Forderungen stellten, beispielsweise nach der gleichgeschlechtlichen Ehe oder nach einer stärkeren Erwähnung verschiedener sexueller Orientierungen im Schulunterricht.

Der „CSD am See“ machte in den 2000ern in verschiedenen Bodenseestädten Station. Mit dem 2009 erfolgten Sprung über die Grenze pfiffen die Aktivisten und Teilnehmenden auf alle Ufer und sorgten mit bekannten Szenegrößen wie Lilo Wanders und Ralph Morgenstern für Stimmung und vermehrte Beachtung ihrer Anliegen. Auch zwischen den alle zwei Jahre stattfindenden CSD-Paraden sorgt der Verein „CSD in Konstanz“ für zahlreiche Möglichkeiten der Vernetzung, der Antidiskrimierungsarbeit, der Information und der Unterhaltung. So bieten unter anderem Ehrenamtliche des Projekts „SchLAu“ (Schwul Lesbisch Bi Trans Aufklärung) Workshops an, in denen Jugendliche und Erwachsene für sexuelle Vielfalt sensibilisiert werden, um gegen Homophobie und Mobbing auftreten zu können.

Denn nicht nur am Bodensee ist es ganz normal, (auch) vom anderen Ufern zu sein.


Zum Weiterlesen:

/// Am 26. Juli erinnern wir an die Verteidiger der Weimarer Republik.

Besondere Eidgenossen – die Freundschaft Rottweil-Brugg hält seit über einem Jahrhundert

Ein Kommentar

28. Juni 1913 | Wie viele bemerkenswerte Freundschaften hat die Weltgeschichte hervorgebracht: Goethe und Schiller, Marianne Weber und Marie Baum, Äffle und Pferdle. Ein guter Freund, eine gute Freundin sind in Leid und Freud an deiner Seite. Wenn Freundschaften über Jahrhunderte andauern, dann sind sie etwas ganz Besonderes. Seit genau 500 Jahren (1519) besteht zwischen dem schwäbischen Rottweil und der Schweizer Eidgenossenschaft ein „Ewiger Bund“, der eine im Jahre 1463 angebahnte eidgenossenschaftliche Freundschaft auf eine neue Stufe hob. Für Süddeutschland ein einmaliger Sonderfall und in Rottweils Geschichte ein Glanzlicht: die einstige Zugehörigkeit zur Schweizer Eidgenossenschaft.

Der Besuch des Brugger Männerchors „Frohsinn“ am 28. Juni 1913 in Rottweil und der anschließende gemeinsame Auftritt mit den Rottweiler Sängern des Männergesangvereins schlug ein neues Kapitel der Städtefreundschaft auf; es war zugleich der Beginn der ersten modernen Städtepartnerschaft überhaupt. Die Freundschaft zwischen Brugg und Rottweil galt als Muster und Vorbild aller späteren Städtepartnerschaften im deutschsprachigen Raum. Die Schweizer hatten sich umfassend auf ihren Auftritt bei den „Neckarschweizern“ vorbereitet, was eine eigens angefertigte 15-seitige Broschüre ihres Sangesbruders Ernst Laur über die Geschichte der grenzübergreifenden Verbindung bezeugt. 1914 brachen 90 Rottweiler Sänger zum Gegenbesuch auf, der von Schweizer Seite ebenso begeistert aufgenommen wurde. Mit Geld- und Sachspenden sowie Schulspeisungen – „Brugger Volksküche“ genannt – , halfen die Schweizer nach den Weltkriegen ihren notleidenden deutschen Freunden. Als weitere Zeichen der Freundschaft gab es Straßenbenennungen in beiden Städten, 2003 wurde auch eine Freundschaftslinde in Brugg gepflanzt.

Schweizer aus Brugg zu Besuch bei den „Neckarschweizern“ in Rottweil. Gruppenbild vom 28. Juni 1913 (Bildnachweis: Stadtarchiv Rottweil).

Trotz regelmäßiger Besuche und grenzübergreifender Vereinskontakte fehlte etwas, wie sich Edgar Enderle aus Rottweil erinnerte. Kurzerhand gründete er im Jahre 2000 gemeinsam mit achtzehn Schweizbegeisterten den Freundeskreis „Rottweiler Freunde von Brugg“, der allen Bürgerinnen und Bürger offensteht. Die Völkerverständigung möchten die Aktiven durch direkte Beziehungen zwischen den Menschen vorantreiben, erklärt Enderle als Präsident des Freundeskreises Brugg. Regelmäßige Feste wie die Rottweiler Fasnet, das Rottweiler Stadtfest sowie das Jugendfest in Brugg geben einen geselligen Anlass für gegenseitige Besuche, die gemeinsam mit dem Schweizer Verein „Brugger Freunde Rottweil“ abgestimmt werden. Die zwischenmenschlichen Freundschaften seien Motoren der Städtepartnerschaft, betont Enderle, der selber eine Freundschaft zur Brugger Familie Lardon pflege.

Dass Freunde sich verändern können, die Verbindung jedoch bestehen bleibt, zeigt sich am Männergesangverein „Frohsinn“. Seit 2002 tritt er als gemischter „Chor 02 Region Brugg“ auf und hat zuletzt im Jahre 2013 anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der  Städtefreundschaft einen gemeinsamen Auftritt mit den Rottweiler Sangesfreunden der heutigen Chorgemeinschaft absolviert. Überhaupt sei die Freundschaft für die Zukunft gut gerüstet, merkt Edgar Enderle beruhigt an. Die junge Generation komme über die örtlichen Musikschulen, über die Stadtkapellen und die Feuerwehren regelmäßig in Kontakt und auch die Stadtverwaltungen möchten das Band der Eidgenossenschaft weiter flattern lassen. Brugg und Rottweil ist „eine unserer schönsten Freundschaften“, eine „tiefe und lebendige“ Partnerschaft, die sich auch in schwerer Zeit bewährt hat, so der Lokalhistoriker Winfried Hecht.


Zum Weiterlesen:

  • Winfried Hecht: Eine Freundschaft durch die Jahrhunderte, . Die Schweizer Eidgenossenschaft und Rottweil, Rottweil 2013.
  • Rottweiler Freunde von Brugg: Homepage.
  • Brugger Freunde von Rottweil: Homepage.

/// Baden-Württemberg – mal wieder in bester Verfassung. Mehr hierzu lesen Sie am 30. Juni.

Frischzellenkur für die Demokratie – Wählen ab 16 in den Kommunen

Schreiben Sie einen Kommentar!

25. Mai 2014 | Ein Kreuzchen auf einem Wahlzettel zu machen ist kinderleicht, oder? Zumindest Jugendlichen ab 16 Jahren traute die grün-rote Landesregierung die nötige Reife zu, als sie am 11. April 2013 das Gesetz zur Absenkung des aktiven Wahlalters in Baden-Württemberg auf den Weg brachte. Fünf Tage später trat die Änderung der Gemeindeordnung in Kraft, sodass die Jugend bereits im Folgejahr, am 25. Mai 2014, an die Urnen schreiten durfte. Doch das Recht auf Mitbestimmung blieb auf die Kommunalwahlen beschränkt und die Möglichkeit, aktiv für einen Sitz im Gemeinderat zu kandidieren (passives Wahlrecht), sah die geänderte Gemeindeordnung nicht vor.

Im Vorfeld wurde über Sinn und Unsinn des aktiven Wahlrechts ab 16 Jahren umfassend diskutiert. Die Gegner des Anliegens führten Argumente ins Feld, dass Jugendliche sich noch nicht der Tragweite ihrer politischen Entscheidung bewusst seien oder dass sie verstärkt radikalen Parteien ihre Stimme geben würden. Gemäßigt-kritische Personen gaben zu bedenken, dass mit den Jugendgemeinderäte in verschiedenen Kommunen bereits die Chance gegeben sei, dass junge Menschen unter 18 Jahren ihre Anliegen und Interessen demokratisch legitimiert vertreten könnten. Prinzipiell sei dies richtig, allerdings gäbe es die parlamentarische Vertretung junger Menschen nicht flächendeckend, hielten die Befürworter des Wahlrechts ab 16 entgegen. Man solle der Jugend überhaupt mehr zutrauen, sie frühzeitig an der Gestaltung jener Gesellschaft teilhaben lassen, in der sie leben werden (und in der junge Auszubildende bereits Steuern zahlen).

Die Ergebnisse der Kommunalwahlen vom 25. Mai 2014 zeigten, dass die jungen Wählerinnen und Wähler weder besonders radikal noch auffällig häufiger wählten als die Über-18-Jährigen. „Verschwende deine Jugend“, forderte die Elektroband D.A.F in den 80er-Jahren – zumindest ihr Stimmrecht klammern zahlreiche Jugendliche heute vom Verschwenden aus.


Zum Weiterlesen:

/// Am 1. Juni stehen Räder still.

Der Streit um den Nationalpark – die Bürgerbefragung im Nordschwarzwald

Ein Kommentar

12. Mai 2013 |  „Wilde Wälder“ heißt eine wunderbare Band aus dem Hochschwarzwald, die mit G’schrei, G’joohmer oder auch Blaare ihr Publikum erfreut. Der Name bezieht sich auf die vier Bandmitglieder, die sich selbst als „Ureinwohner“ bezeichnen. Ist ja auch klar: Die Menschen mögen wild sein, die Wälder selbst sind es schon längst nicht mehr. Sie werden gehegt und gepflegt, sie sind oft sogar von Menschenhand geplant und angelegt worden. Von Wildnis kann keine Rede sein.

Dies zu ändern, um damit die Natur besser zu schützen und so eine größere Vielfalt von Fauna und Flora wieder zuzulassen, war das Ziel einer Initiative der 2011 gewählten grün-roten Landesregierung. Der Weg dahin sollte die Gründung eines Nationalparks sein, in dem die Natur sich weitgehend selbst überlassen bleiben sollte. Als dafür geeignetes Gebiet wurden im Nordschwarzwald zwei von den Städten Baden-Baden und Freudenstadt begrenzte Bereiche um den Ruhestein und den Hohen Ochsenkopf auserkoren, mit einer Gesamtfläche von etwas mehr als 10.000 Hektar (was ca. 0,7 % des gesamten Waldes im Land entspricht).  In einer Kernzone sollte fortan jeder menschliche Eingriff unterbleiben, während in einer Entwicklungszone erst noch die Voraussetzungen für das sich-selbst-überlassen geschaffen werden sollten – denn selbst die Rückkehr der Wildnis benötigt ein Stück weit menschliche Hilfe.

Aber in einem dicht besiedelten Land wie Baden-Württemberg liegt selbst ein Nationalpark nicht in einer von Menschen weit abgelegenen Gegend. Im Nordschwarzwald leben Menschen in vielen Gemeinden in unmittelbarer Nähe des Waldes, und nicht nur das: Sie leben auch vom Wald. Was passiert mit den Privatwäldern, wenn der Staat seinen Wald nicht mehr bewirtschaftet? Konkret: Macht der Borkenkäfer, der sich vielleicht im Nationalpark ausbreiten wird, Halt an der Grenze der privaten Wälder?  Und können wir es uns überhaupt erlauben, das wertvolle Holz einfach verrotten zu lassen? Ist es dafür nicht zu schade? Ist ein so radikaler Waldschutz nicht einfach nur ein romantisches Alibi für ein hochindustrialisiertes Land?

Die Landesregierung startete einen umfassenden Beteiligungsprozess, konnte aber einen heftigen Streit über den Nationalpark nicht verhindern. Die Ablehnung vieler Menschen in der Region trotz aller Informationen und Diskussionen zeigte sich in den Ergebnissen einer Bürgerbefragung, die am 12. Mai 2013 in sieben Gemeinden abgeschlossen wurde: Von Bad Wildbad bis Freudenstadt stimmten mehr als 70 % gegen den Nationalpark. Aber das Ergebnis war nicht bindend. Der Landtag beschloss am 28. November 2013 das Nationalparkgesetz. Seit dem 1. Januar 2014 besteht der Nationalpark Schwarzwald. Laut Umfragen soll inzwischen auch in der Region die Akzeptanz gestiegen sein.

Der Wald wird „eine Spur WILDER“.


/// Morgen geht es wieder einmal in die Hauptstadt der badischen Revolution. Wissen die Menschen dort überhaupt, was am 13. Mai 1849 bei ihnen geschah?

Neue Formen für die Hangweide – ein Beteiligungsprozess in Kernen

Ein Kommentar

21. März 2018 | Irgendwie muss heute (fast) alles partizipativ sein. Ob Bauvorhaben, Ausstellungen oder Kindergarten – ohne Partizipation ist vieles kaum noch denkbar. Aber wie wird das überhaupt gemacht?

Ein Blick auf ein knapp acht Hektar großes Gelände im Remstal mit dem schönen Namen „Hangweide“ könnte weiterhelfen. Die Diakonie Stetten betreute dort in mehreren Gebäuden Wohnungen für Menschen mit Behinderungen. Nun sucht sie neue inklusive Wohnformen. Dafür hat sie bereits einige Häuser aufgegeben, die sie an die Gemeinde Kernen verkaufen will. Das Ziel ist klar: Kernen benötigt dringend bezahlbaren Wohnraum. Aber wie kann heute ein neues Wohnquartier entstehen?

 

Die Bürgerinnen und Bürger von Kernen waren entschlossen, dabei nicht einfach nur zuzusehen – und der Gemeinderat wollte dies auch ernst nehmen. Er beschloss Anfang 2018 einen umfassenden Bürgerbeteiligungsprozess und beauftragte Dr. Konrad Hummel und dessen Tochter Lena, diesen zu begleiten und zu moderieren. In mehreren Schritten vollzog sich seither die Beteiligung. Auf eine Auftaktveranstaltung folgte am 21. März 2018 der erste Workshop. An diesem konnten zum einen Interessierte teilnehmen, zum anderen wurden nach dem Zufallsprinzip Bürgerinnen und Bürger angeschrieben. Insgesamt meldeten sich 55 Personen an, 35 bis 40 von ihnen kamen regelmäßig zu den verschiedenen Workshops. In mehreren Gesprächsrunden erarbeiteten die Mitwirkenden ihre Vorstellungen für die neue Hangweide. Die unterschiedlichsten Wünsche und Vorstellungen prallten dabei aufeinander. Den Moderatoren fiel dabei die Schlüsselstellung zu. Sie mussten einen Weg finden, bei dem sich niemand übergangen oder ausgeschaltet fühlt. In Kernen gelang dies: Am 19. Juni übergaben die Moderatoren die Bürgerempfehlungen an die Verwaltung und den Gemeinderat.

Aber was davon letztlich Realität wird, entscheidet immer noch der Gemeinderat.


Zum Weiterlesen:

/// Psst, streng geheim! Doch Sie dürfen es exklusiv lesen: Unser nächster Eintrag erscheint am 26. März.

 

 

Lauter Störfälle – die Schönauer Stromrebellen übernehmen das Stromnetz

Ein Kommentar

10. März 1996 | Spannung ist messbar, das bestätigt jeder und jede ElektrotechnikerIn. Die emotionale Spannung, die an diesem besonderen Wahlabend in der kleinen südbadischen Kommune Schönau herrschte, war unermesslich: Wer würde im jahrelangen Ringen um das Stromnetz den Sieg davontragen: Die Stromrebellen oder der etablierte Versorger, die „Kraftübertragungswerke Rheinfelden“ (KWR)? Der Aufbruch in die Zukunft der Energieversorgung in Schönau begann mit einer Katastrophe, die sich über 1.600 Kilometer weiter östlich abgespielt hatte, mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl. Das Ehepaar Ursula und Michael Sladek ergriff zusammen mit anderen alarmierten Schönauern die Initiative und nahmen den Kampf gegen Nutzung der Kernkraft im eigenen Land auf.

Durch energisches Stromsparen sollte den großen Stromkonzernen das Geld abgegraben werden. Jedoch wuchs rasch die Erkenntnis, dass die Lösung nur eine vollständige Loslösung von der Abhängigkeit externer Stromversorger sein konnte: Ende 1990 gründet sich die Netzkauf Schönau GbR. Anfang 1991 verlängerte der Gemeinderat den bestehenden Konzessionsvertrag mit der KWR, die auf Atomkraft setzte und als kapitalkräftiger Stromanbieter für viele Menschen vor Ort die sicherere Wahl darstellte. Die Stromrebellen von der Netzkauf organisierten daraufhin einen Bürgerentscheid, der im Oktober 1991 richtungsweisend ausging: 55,7% stimmten für die Aufnahme von Verhandlungen zum Kauf des lokalen Stromnetz.

Je enger, desto größer der Widerstand, ist eine weitere Regel in der Elektrolehre. Enger wurde es für die KWR nach der Gründung der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) im Jahre 1994. Nachdem der Gemeinderat im November 1995 entschieden hatte, der EWS den Konzessionszuschlag zu geben, strebte diesmal die unterlegene CDU-Fraktion einen Bürgerentscheid an, um das „drohende Abenteuer“ abzuwenden. Während die KWR und die Bürgerinitiative „Pro Bürgerentscheid“ mit Zahnbürsten, Flugblättern und moderner Technik eine sichere Stromversorgung und stabile Preise versprachen, warben die Stromrebellen mit Marmelade, nachhaltigen Argumenten und viel persönlichen Einsatz für ein „Nein“ zur Verlängerung des KWR-Vertrags. Am Wahlabend zeigte sich erneut, wie zerrissen die Kommune bezüglich der Stromfrage war: Mit lediglich rund 54% der abgegebenen Stimmen erteilten die Schönauer dem alten Stromversorger KWR eine Absage. Die siegreichen Stromrebellen traten nun die mühevolle Aufgabe an, das Stromnetz aufzukaufen und die Elektrizitätsversorgung in eigene Hände zu nehmen.

Das Schönauer Beispiel hat Schule gemacht: Einige Kommunen in Deutschland betreiben bereits die lokale Stromversorgung in Eigenregie, in BürgerInnenhand.


Zum Weiterlesen und -schauen:

  • Bernward Janzing: Störfall mit Charme. Die Schönauer Stromrebellen im Widerstand gegen die Atomkraft, Vöhrenbach 2008.
  • DVD: Die Schönauer Gefühl. Die Geschichte der Stromrebellen aus dem Schwarzwald. Eine Produktion des Fördervereins für umweltfreundliche Stromverteilung und Energieerzeugung Schönau im Schwarzwald e.V., Schönau 2007.

/// Am 12. März geht es spannend weiter: Frauenpower an der Uni in unserem Onlinekalender.

Weil Blumen nicht reichen – der Frauenstreik in Tübingen

Schreiben Sie einen Kommentar!

8. März 1994 | Der Weltfrauentag, ein zweiter Muttertag mit Blumen und Geschenken? Streitbare Frauen wie Edda Rosenfeld, über viele Jahre Frauenbeauftragte der Stadt Tübingen, wollten neue Wege beschreiten: „Wir müssen mal ein bisschen aus dem Rahmen fallen, um zu irritieren und nicht nur immer mehr vom selben zu tun!“, so ihre damalige Überzeugung als Mitglied des Vorbereitungsteams zum Frauenstreik 1994. Vorläufer der Proteste waren unter anderem der Frauenstreik auf Island im Jahr 1975 sowie der Streik in der Schweiz 1991. In der eher beschaulichen Universitätsstadt Tübingen fielen die streikenden Frauen mit zahlreichen Aktion richtig aus dem Rahmen: Neben der Blockade des Lustnauer Tors durch 200 Aktivistinnen sorgten die Streikenden unter anderem mit einer humorvollen Abladeaktion typischer Hausarbeitsgeräte auf dem Marktplatz für Aufmerksamkeit.

Die Themen, welche auf den Kundgebungen und kreativen Happenings zur Sprache gebracht wurden, waren vielfältig: Ungleiche Löhne, Gewalt gegen Frauen, eine Doppelbelastung durch Arbeit und Haushalt, überkommene Rollenklischees, § 218 und viel mehr. Dass es sich hierbei nicht um reine Frauenprobleme handelte, sondern um gesamtgesellschaftliche, versuchte die Frauenbewegung jener Jahre zu vermitteln. An zahlreichen anderen Orten in Baden-Württemberg wiederholten sich die Tübinger Szenen: In Stuttgart besetzten Frauen den Verkehrsknotenpunkt Charlottenplatz und erhoben Forderungen nach einer Umbenennung des Karlsplatz in Clara-Zetkin-Platz. In Heidelberg hieß der Rathausplatz einen Tag lang Rote-Zora-Platz. Hier öffnete Oberbürgermeisterin Beate Weber das Rathaus den streikenden Frauen. Echte Arbeitsniederlegungen in den Betrieben blieben allerdings die Ausnahme, auch wenn vereinzelnd Betriebsversammlungen dazu genutzt wurden, die Anliegen des Frauenstreiktags zu diskutieren.

Auch 20 Jahre später seien die damals vorgetragenen Forderungen noch immer tagesaktuell, bemerkt Susanne Rückl-Kohn, Leiterin des Bildungszentrums und Archivs zur Frauengeschichte Baden-Württembergs Tübingen (BAF e.V.). Höchste Zeit also, selber aktiv zu werden: Heute findet bundesweit eine Neuauflage der 1994er-Aktionen statt: Bunt, kreativ, laut soll es werden – und Sie mittendrin? Das gilt selbstverständlich auch für alle Männer.

Wir bedanken uns bei Edda Rosenfeld sowie bei Susanne Rückl-Kohn vom BAF. e.V. Tübingen.


Zum Weiterlesen:

§ 218 – Stuttgarter Proteste für Else Kienle und Friedrich Wolf

Ein Kommentar

26. Februar 1931 | Ungewollt schwanger: Und jetzt? Die Betroffenen stecken in einer absoluten Ausnahmesituation, die weitreichende Entscheidungen abverlangt. Wer sich für eine Schwangerschaftsunterbrechung entscheidet, begeht gemäß § 218 eine Straftat. Straffreiheit garantiert allerdings die Fristenregelung, d.h. bis zur zwölften Schwangerschaftswoche kann die Unterbrechung durch Mediziner nach vorheriger Beratung vorgenommen werden sowie die Indikationsregelungen (wenn die Schwangerschaft gefährdet das körperliche wie seelische Wohl bzw. ist die Folge einer Vergewaltigung). Die heute gültigen Fassungen der §§ 218 und 219 – letztgenannter regelt die Beratungspflicht vor einer Abtreibung – stellen einen gesellschaftlichen Kompromiss dar, der von verschiedenen Seiten als faul, antiquiert, anti-emanzipatorisch beschrieben wird. Folglich branden wieder verstärkt Demonstrationen für die weibliche Selbstbestimmung („Mein Körper gehört mir“). Sie sehen sich oftmals mit kirchlich begründeten Bewegungen für den „Schutz des ungeborenen Lebens“ konfrontiert.

Der § 218 stammt noch aus Kaisers Zeiten und wurde seinerzeit mit aller Härte zur Anwendung gebracht. Besonders die wachsende Arbeiterklasse kam mit dem Gesetz in Konflikt. Fehlende Verhütungsmittel, unsichere und beengte Lebensverhältnisse – das alles trieb Frauen zur Abtreibung unter höchst gefährlichen Umständen, nicht selten mit tödlichen Ausgang. Eine solche Situation schildert der 1930 uraufgeführte Film „Cyankali“, der auf einem Theaterstück des Stuttgarter Arztes und Befürworter der Geburtenreglung, Friedrich Wolf, fußt. Er und die Stuttgarter Ärztin Else Kienle nahmen den Kampf für das medizinisch betreute Recht auf Abtreibung in der Weimarer Republik auf und sahen sich deshalb heftigsten Anfeindungen verschiedener konservativer Kreise ausgesetzt – im Besonderen Kienle, die selber Abtreibungen vornahm. Zugleich betonte Kienle immer wieder: „Ich bin genau wie Friedrich Wolf und wie jeder fühlende Mensch Gegner der sogenannten Abtreibung, hingegen Anhänger der Geburtenreglung.“

Am 19. Februar 1931 wurden Wolf und Kienle zunächst ohne Begründung verhaftet. Besonders innerhalb der kommunistischen Bewegung regte sich heftiger Protest: Am 26. Februar zogen mehrere tausend Menschen durch die Stuttgarter Straßen und fordert vehement die Freilassung der beiden. „Kulturbolschewistische Gedankengänge“ seien in den Demovorträgen zu hören gewesen, ist in einem Polizeispitzelbericht zu lesen. In jenen Jahren trat die KPD als einzige deutsche Partei in Reichstag für eine vorbehaltlose Abschaffung des §218 ein –  „Die Proletarierin ist keine Gebärmaschine!“, mahnte der KPD-Abgeordnete  Edwin Hörnle. Während Wolf schnell gegen Kaution freikam, wurde Else Kienle erst Ende März freigelassen, nachdem sie in den Hungerstreik getreten war, der beinahe den Tod der 31-Jährigen nach sich gezogen hätte. Die beiden Aktivisten traten in den Folgemonaten auf zahlreichen Kundgebungen auf und reisten im Mai 1931 sogar in die UdSSR, wo Schwangerschaftsunterbrechungen legal waren und medizinisch betreut durchgeführt wurden – ein Unikum zu jener Zeit.

Der aktuelle Fall der Gießener Ärztin Kristina Hänel, die sich wegen des gemäß § 219 verbotenen Werbeverbots für Schwangerschafts-unterbrechungen vor Gericht verantworten musste, lassen Friedrich Wolfs Gedanken von 1931 allzu utopisch erscheinen : „Das alles wird vorübergehen, nach 20 Jahren wird man an den § 218 denken, wie an einen unmöglichen Traum.“


Zum Weiterlesen und -schauen:

  • Else Kienle: Frauen. Aus dem Tagebuch einer Ärztin, Stuttgart 1989 (Neuauflage des Originals von 1932).
  • Projekt Zeitgeschichte im Kulturamt der Landeshauptstadt Stuttgart (Hg.): Ausstellungsreihe Stuttgart im Dritten Reich. Friedrich Wolf. Die Jahre in Stuttgart 1927 – 1933. Ein Beispiel, Stuttgart 1983.
  • Michael Kienzle/Dirk Mende: Dr. Friedrich Wolf, Stuttgart, Zeppelinstraße 43, Marbach 1992.
  • Hans Tintner/Jurij Kramer: Cyankali (1930/1977) [DVD], Berlin: Atlantis Film GmbH/Fernsehen der DDR [Neuauflage in der Edition Filmmuseum Potsdam].

/// Vor 171 Jahren wurde Demokratie eingefordert – mehr dazu bereits morgen!