(K)ein Elendsgebiet – der Protest gegen die Schließung des Audi/NSU-Werks in Neckarsulm

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18. April 1975 |  Im Februar 1975 titelte die Tageszeitung „Heilbronner Stimme“ Schockierendes: Der Vorstand des VW-Konzerns, zu dem auch Audi/NSU gehörte, habe die Schließung des Standorts am Neckar beschlossen. Damit wollte man Überkapazitäten abbauen, die sich in Folge des Ölpreisschocks ergeben hatten und zeitgleich die Produktion rationalisieren, galten doch die Neckarsulmer als schwächstes Glied des Konzerns. Welche sozialen Folgen der Entschluss haben könnte, machte die Wochenzeitung „ZEIT“ klar, die von einem drohenden Elendsgebiet um Heilbronn schrieb, wenn die Fertigungstradition erlischte.

Am Morgen des 18. April 1975 demonstrierten zwischen 7.000 und 8.000 Automobilbeschäftigte mit einem Marsch nach/durch Heilbronn gegen die Entlassungspläne. Der Widerstand gegen die seit Jahresanfang gerüchteweise in der Luft liegenden Werksschließung hatte sich allmählich aufgebaut. Trotzig hatte der Betriebsratsvorsitzende Karl Walz gedonnert: „Solang mer no schnauft, is mer net tot.“ IG-Metall und Arbeiterschaft fühlten sich von der Konzernspitze hintergangen, sie sahen ihre Identifikation mit dem Werk und den gebauten Fahrzeugen nicht wertgeschätzt. Klaus Zwickel, Erster Bevollmächtigter der IG-Metall-Verwaltungsstelle Neckarsulm, zeigte sich besonders resolut und setzte auf harte Konfrontation bis hin zum „Wilden Streik“.

Mit dem Ro 80, einem Wankelmotorenfahrzeug, war Audi in Sachen automobiler Innovation dermaßen vorangeprescht, dass Kundinnen und Kunden vor dem störungsanfälligen Spritfresser zurückschreckten. Nicht zuletzt dessen schlechte Absatzzahlen wirkten sich schnell existenzbedrohend auf das Neckarsulmer Audi/NSU-Werk aus, wo der Ro 80 gefertigt wurde. Seit den 1960er Jahren spielten vor Ort ausländische Arbeitskräfte eine besondere Rolle, wie der Historiker Arnd Kolb nachweisen konnte. Diese Gruppe stellt im Jahre 1973 rund 43 % der Beschäftigten bei Audi/NSU Neckarsulm. Sie waren es auch, die in den Krisenjahren 1974/75 hauptsächlich auf die Straße gesetzt wurden (6.500 Arbeiter wurden entlassen, zwei Drittel von ihnen waren Ausländer). Mit Prämien für die Rückkehr in ihre Herkunftsländer wollte man die nun wirtschaftlich lästig Gewordenen abspeisen und loswerden.

Die Bilanz des energischen Protests liest sich durchwachsen: Mehr als die Hälfte der Neckarsulmer Belegschaft wurde arbeitslos, doch das Werk war gerettet. Ein hoher Preis für den Automobilstandort um Heilbronn. In den kommenden Jahren sah sich die Konzernspitze zudem gezwungen, erneut ausländische Arbeitskräfte anzuwerben, um jene kraftzehrenden und niedrig bezahlten Arbeiten ausführen zu lassen, für die sich zu wenig Einheimische fanden.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Arnd Kolb: Autos – Arbeit – Ausländer. Die Geschichte der Arbeitsmigration des Audi Werks Neckarsulm, Bielefeld 2011.
  • Heinz Michaels: Falls das Autowerk geschlossen wird. Stadt auf dem Pulverfass, in: DIE ZEIT 24. Januar 1975 (Onlinearchiv).
  • Peter Brügge: „Solang mer no schnauft, is mer net tot“, in: DER SPIEGEL 10.03.1975 (Onlinearchiv).

/// Etwas beschaulicher und ländlicher wird es in unserem kommenden Eintrag am 20. April.

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