Hand in Hand? – Ein Streik bei John Deere wird wild

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22. Mai 1973 | Ein Taschenmesser, eine Planierraupe, eine Brechstange und zahlreiche deutsche und migrantische Arbeiter mit ordentlich Wut im Bauch: Bereits diese kurze Aufzählung macht klar, dass der „Wilde Streik“ beim Landmaschinenhersteller John Deere in Mannheim ein echter sozialer Krimi gewesen ist. Ein „wilder“ Streik ist zunächst eine Arbeitsniederlegung, die spontan und ohne Ankündigung von Gewerkschaften abläuft. Ganz unbeteiligt waren sie allerdings nicht, riefen doch die Ergebnisse ihrer Tarifrahmenverhandlungen nicht durchgängig Jubel hervor. Als weitere Belastung wurde auch bei Deere die Akkordarbeit am Band empfunden. Konrad Siegel hatte Ende 1971 mit 18 Jahren nach dem Abitur als Arbeiter in dem Mannheimer Werk begonnen und wurde rasch als Jugendvertreter aktiv in einem Organ der Betriebsverfassung.

 

In jenen Maitagen des Jahres 1973 war die Industrielandschaft Rhein-Neckar in Aufruhr: Die Welle der Arbeitsniederlegungen gipfelte im Arbeitskampf bei John Deere vom 22. bis 29. Mai – mittendrin war Konrad Siegel. Die Bereiche Gießerei und Montage seien damals wie zwei eigene Welten gewesen, der Kontakt zwischen den dort Beschäftigten eher gering. Zudem arbeiteten besonders in der Gießerei viele migrantische Arbeiter, von denen die meisten in werkeigenen Baracken hausen mussten. Dem zum Trotz sollten alle zum Streik mobilisiert werden: Ab 9 Uhr morgens zogen die ersten Streikenden durch die Werkhallen und riefen ihre Kollegen auf, sich anzuschließen. „Besonders die ausländischen Kollegen hatten keine Scheu, sich öffentlich zu zeigen, ganz nach dem Motto ,Wenn wir schon streiken, dann muss es wild und laut sein!‘, erinnert sich Siegel. Für viele Deutsche hatte dies nicht nur etwas Exotisches an sich, sondern zugleich etwas Bedrohliches, so der damalige Jugendvertreter weiter. Auch die Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter waren in der Streikleitung ganz vorne mit dabei und riskierten den Rauswurf.

In der aufgeheizten Stimmung des Streiks sei es auch zu menschlichen Missverständnissen und Spannungen gekommen. Deutsche Kollegen hätten noch gearbeitet, als die Streikenden eine Halle betraten, hätten dann jedoch rasch ihr Pausenbrot mitsamt Taschenmesser ausgepackt, um abzulenken. Beim Gespräch zwischen migrantischen und deutschen Arbeitern habe der Deutsche mit dem Messerchen herumgefuchtelt, was als Provokation aufgenommen wurde und ihm einen leichten Schlag mit dem Helm eines der streikenden Gießereiarbeiter einhandelte. Als ein Deutscher mit einer Planierraupe langsam auf migrantische Arbeiter zufuhr, einer aus deren Reihen wütend die Fensterscheibe der Fahrerkabine einschlug, gab dies den Bewegungsspaltern zusätzlich Futter, so Siegel. ,Jetzt machen die Ausländer sogar die Fabrik kaputt und verprügeln euch Deutsche‘, sei von Seiten einiger Unternehmensvertreter zu hören gewesen. Trotz dieser Vorfälle sei der Zusammenhalt der Streikenden, deutscher wie migrantischer Herkunft, sehr gut gewesen: „Wir ließen uns nicht spalten“, erinnert sich Siegel.

Der Streik wurde intensiv begleitet von kommunistischen Gruppen und polarisierte die Mannheimer Öffentlichkeit extrem. Nach Ende des Streiks wurden zahlreiche migrantische Arbeiter entlassen, wogegen die IG-Metall protestierte. Die Fähigkeit zu betrieblichen Streiks bei John Deere sei in den folgenden zehn Jahren erheblich beeinträchtigt gewesen, bilanziert Konrad Siegel rückblickend. Eine positive Schlussfolgerung aus die­sem Konflikt sei, dass über die Jahre und bis heute die Notwendigkeit einer aktiven Einbeziehung migrantischer Beschäftigter in die Interessenvertretungsarbeit bei John Deere eine selbstverständliche Realität ist.


Zum Weiterlesen:

  • Torsten Bewernitz: „Terror der ausländischen Arbeiter“. Die „wilden“ Streiks im Rhein-Neckar-Gebiet im Mai 1973, in: Arbeit-Bewegung-Geschichte 15 (2016), H. 1, S. 63-72.

/// Und morgen wieder etwas Grundsätzliches: Unser Kalenderblatt zu 70 Jahre Grundgesetz der Bundesrepublik.

Straße, endlose Straße – der Vagabundenkongress 1929 in Stuttgart

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21. Mai 1929 | Ein „umherschweifender Rebell, ein revolutionärer Wanderagitator der Brüderlichkeit in den Pennen und Asylen Europas“ sei der „Kunde“ (eine alte Selbstbezeichnung der Landfahrer und Vagabunden). So formuliert es der anarchistische, später kommunistische Aktivist Gregor Gog auf dem ersten Internationalen Vagabundenkongress in Stuttgart im Jahre 1929.  Über 500 „Kunden“ folgen seinem Ruf und finden sich vom 21. bis 23. Mai 1929 im Freidenker-Jugendgarten an der Kunsthochschule auf dem Stuttgarter Killesberg ein. Für drei Tage ist hier die Hauptstadt des „Vagabundischen“: In ihren Reden greifen politisch aktive Kunstschaffende wie Alfons Paquet, Hans Tombrock und Heinrich Lersch ebenso wie der libertäre Kommunist Rudolf Geist oder der Pfarrer Jakob Weidemann das herrschende Gesellschaftssystem an.

Georg Gog brachte eine eigene „Zeit- und Streitschrift“ für die Tippelbrüder heraus: „Der Kunde“.

Neben der Möglichkeit, einen sicheren Ort für Geselligkeit und Austausch bereitzustellen, geht es den Veranstaltern auch darum zu zeigen, wie vielfältig die im Schoße der Vagabundenbewegung erwachsene Kunst ist: Mit einer eigenen Kunstausstellung und einer durch behördliche Eingriffe zensierten Rundfunksendung erreichen die Aktiven ein großes Publikum, nicht immer zur Freude der damaligen Stadtverwaltung. Diese versucht, das Ereignis möglichst geräuschlos passieren zu lassen. Entgegen dieser Hoffnung strömen zahlreiche Pressevertreter auf den Killesberg, um ein möglichst exotisches und romantisierendes Bild der Versammelten zu erheischen. Doch Aktivisten wie Gregor Gog, der als Bewohner einer selbstgezimmerten Hütte vor den Toren Stuttgart bereits selber reichlich exotisch wirkt, wissen es besser: Obdach- und Arbeitslosigkeit sind schwere Bürden der rund 100.000 Menschen auf der Straße, von denen sich nur ein kleiner Teil bewusst und freiwillig zu diesem Lebensstil entschieden hat.

Die linke Arbeiter-Illustrierte Zeitung (AIZ) berichtete in Ausgabe 23/1929 halb solidarisch, halb kritisch über das Stuttgarter Ereignis.

Bereits im Jahre 1927 nahm Gog den Kampf gegen die „Vereinsamung“ der Vagabunden auf, gründete die „Bruderschaft der Vagabunden“, veröffentlichte die „Zeit- und Streitschrift“ „Der Kunde“ und leitete einen eigenen „Verlag der Vagabunden“. Hier wurde unter anderem Otto Zieses Gedichtband „Straße – endlose Straße“ zur Veröffentlichung gebracht. Vagabundentum, das sei ein lebenslanger Generalstreik, mit der die „kapitalistische, ,christliche‘, kerkerbauende Gesellschaft ins Wackeln, ins Wanken, zu Fall“ gebracht werde, erklärt Gog in seiner Rede auf dem Vagabundenkongress. In der Folgezeit radikalisierte er sich zunehmend, trat (erneut) der KPD bei und floh vor der Verfolgung durch das NS-Regime in die Sowjetunion, wo er nach dramatischen Jahren Ende 1945 verstarb. Die Vagabundengemeinschaft wurde ab 1933 systematisch durch die braunen Machthaber in Deutschland verfolgt.

Im Jahre 1981 erregte der letztendlich gescheiterte Versuch, eine Neuauflage des Vagabundenkongresses zu veranstalten, noch einmal die Stadt Stuttgart: Alte Vorurteile und Ängste brachen sich erneut Bahn, diesmal sogar vermischt mit fremdenfeindlichen Stimmen.


Zum Weiterlesen:

  • Diethart Kerbs: Vagabundenkongreß Stuttgart Mai 1929 (= Edition Photothek, Bd. XVII), Berlin 1986 [darin: zahlreiche Fotografien des Kongresses].
  • Klaus Trappmann: Landstraße, Kunden, Vagabunden. Gregor Gogs Liga der Heimatlosen, Berlin 1980.
  • Patrick Spät/Beatrice Davies: Der König der Vagabunden. Gregor Gog und seine Bruderschaft, Berlin 2019 [Graphic Novel, erscheint vorraus. im September].
  • Michael Kienzle/Dirk Mende:  Denkblatt: Gregor Gog. 1891 – 1945. Generalstreik das Leben lang! Stuttgart 2004 [digitale Ausgabe].

/// Ein weiterer gemeinsamer Kampf steht auf dem morgigen Kalenderblatt.

Unter Strom – die „Eltern für atomfreie Zukunft“ werden aktiv

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19. Mai 1987 | Dass sich Eltern um ihre Kinder Sorgen machen, ist der Normalfall. Ob nun auf dem Fahrrad im Straßenverkehr, beim Klettern auf Bäumen oder beim Sport: Eltern sehen scheinbar instinktiv die Gefahren, die ihrem Nachwuchs drohen könnten. Unsichtbar, aber nicht weniger gefährlich war die Bedrohung, die nach dem verheerenden Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl im Jahre 1986 in Mitteleuropa viele Menschen beunruhigte. Auch im kleinen Ort Schönau im Schwarzwald lebten Eltern, die die Nachrichten über radioaktiven Regen und verstrahlte Lebensmittel mitbekamen. Der Schönauer Wolf Dieter Drescher erinnert sich:

Wer suchet, der findet: Mit einer Anzeige im örtlichen Heftli (hier eine Rekonstruktion) versammelte Familie Drescher gleichgesinnte Eltern aus Schönau (Bildnachweis: EWS).

„Nachdem dann eben auch die Situation entstanden ist, ‚Lasst eure Kinder nimmer im Sandkasten spielen!‘, da war klar: irgendetwas muss man eigentlich tun. Ich hab‘ die Anzeige im lokalen Anzeigeblatt geschaltet, zusammen mit meiner Frau unterschrieben, und war ehrlich gesagt sehr gespannt, was passiert.“

Dreschers Forsthaus wurde daraufhin zum Treffpunkt jener, die wie Ursula Sladek der Meinung waren, dass die Regierung und die Stromversorger die Risiken der Kernenergie unterschätzt hätten: „Wenn sich etwas ändern soll, müssen wir die Ärmel hochkrempeln und selbst was ändern!“, schildert die Schönauerin den Energieschub, der zur Gründung des Verein „Eltern für atomfreie Zukunft“ (EfAZ) am 19. Mai 1987 führte. Zunächst wollten sie die Bundesregierung dazu bewegen, das Energiewirtschaftsgesetz zu ändern, sodass einzelne Regionen aus dem Bezug von Atomstrom hätten aussteigen können.

Jung und alt aktiv gegen Atomenergie: Die „Eltern für atomfreie Zukunft“ zogen auch künstlerisch alle Register – hier eine „Delegation“ um Michael Sladek (Mitte) im fernen Hamburg (Bildnachweis: EWS).

Doch rasch kam Vereinsmitglied Michael Sladek zur Erkenntnis, dass die Bürgerinnen und Bürger die Energiewende von unten alleine stemmen mussten. Es war die Geburtsstunde einer „Rebellion“. Die EfAZ wurde kreativ: Bereits im November lud sie zum „Ersten Schönauer Energietag“ ein, der den Anstoß zum Start einer Stromsparkampagne im Folgejahr wurde. Sie gründeten die Theatergruppe „Wattkiller“, die mit einer gehörigen Portion Humor für das Thema Stromverbrauch, Stromsparen und alternative Formen der Energieerzeugung trommelten. Doch mit Sparen allein war der Kampf nicht zu gewinnen: Die Schönauer „Stromrebellen“ wollten aktiv in die umweltfreundliche Stromgewinnung einsteigen und betraten einen steinigen Weg, der schlussendlich zu der erfolgreichen Gründung der „Elektrizitätswerke Schönau“ (EWS) und der Übernahme des lokalen Stromnetzes führte.

Die „Eltern für atomfreie Zukunft“ unterstützen seit Anfang der 1990er Projekte, mit denen krebskranken Kindern und Jugendlichen, den späten Opfern der Tschernobyl-Katastrophe, in Kiever Kliniken geholfen wird.


Zum Weiterlesen:

  • Eltern für atomfreie Zukunft e.V.: Homepage.
  • Bernward Janzing: Störfall mit Charme. Die Schönauer Stromrebellen im Widerstand gegen die Atomkraft, Vöhrenbach 2008.
  • DVD: Die Schönauer Gefühl. Die Geschichte der Stromrebellen aus dem Schwarzwald. Eine Produktion des Fördervereins für umweltfreundliche Stromverteilung und Energieerzeugung Schönau im Schwarzwald e.V., Schönau 2007.

/// Überall zu Hause sein: Am 21. Mai folgt der nächste Eintrag.

Badisches Déjà-vu – die Abstimmung über die neue Verfassung Badens 1947

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18. Mai 1947 | „Als Treuhänder alter badischer Überlieferungen“ habe sich das badische Volk seine Verfassung gegeben, heißt es in der Präambel zur Badischen Verfassung von 1947. Eine dieser „alten“ Überlieferungen war es auch, das Volk über seine verfasste Grundordnung abstimmen zu lassen, so geschehen im Jahre 1919. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war das Land Baden (bis 1946: Südbaden) Teil der französischen Besatzungszone und Teil verschiedener Gedankenspiele der Franzosen, wie mit der Region zwischen Freiburg und Karlsruhe zu verfahren sei. Als Vorsitzender der badischen Regierung setzte sich Leo Wohleb, zugleich Landesvorsitzender der Badisch Christlich-Sozialen Volkspartei (BCSV, Vorläufer der CDU), dafür ein, die Souveränität seines Landes gegen etwaige Zusammenschlüsse mit den württembergischen Nachbarn zu verteidigen.

 

Im Spätherbst des Jahres 1946 liefen die Beratungen über eine neue badische Verfassung an. Die verschiedenen Regierungsparteien waren bemüht, ihren Vorstellungen und Interessen einen möglichst prägenden Einfluss auf den Entwurf zu verschaffen. Die BCSV machte sich beispielsweise für christliche Gemeinschaftsschulen stark, was die liberale Demokratische Partei (DP), die Sozialistische Partei und die Kommunisten ablehnten. Die beiden letztgenannte sprachen sich für weitreichende antikapitalistische Maßnahmen aus, die von einer tiefgreifenden Arbeitermitbestimmung bis hin zur Sozialisierung von Schlüsselindustrien reichten. Diesbezüglich erwies sich die BCSV als Bremser. Schlussendlich wurde der Verfassungsentwurf mit einer Mehrheit aus BCSV- und DP-Stimmen (32 bzw. 8) gegen die Stimmen von SP und KP (8 bzw. 4) angenommen. Nach der Zustimmung der französischen Militäradministration war es an den Badenerinnen und Badenern, ihr Votum abzugeben. Mit rund 68% der abgegebenen gültigen Stimmen hatte die Verfassung des Volkes Segen und trat am Folgetag in Kraft.

Das Werk enthielt neben vermehrten Gottesbezügen einige Formulierungen, wie sie in dieser Deutlichkeit in anderen Landesverfassungen nicht zu lesen waren. So regelten die Paragrafen 118 bis 121 sehr ausführlich die besondere Rolle von Parteien innerhalb der Demokratie und Paragraf 3 legte fest, dass „kein badischer Staatsbürger zur Leistung militärischer Dienste gezwungen werden [darf].“ Jeder habe das Recht auf Arbeit, die zugleich „sittliche Pflicht“ sei (§37). Die Verfassung unseres 1953 gebildeten Bundeslandes Baden-Württemberg hob die badische auf. Sehr zum Ärger einiger Badener wurde über deren Text nicht das Volk befragt.


Zum Weiterlesen:

/// Morgen machen in unserem Onlinekalender Eltern gegen eine strahlende Zukunft mobil.

Umsturz oder nicht – die zweite Volksversammlung in Offenburg

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13. Mai 1849 | Offenburg, finaler Akt der Revolution. Nach den Vorbereitungen im Salmen am 12. September 1847 und der Ouvertüre zur Revolution bei der ersten großen Volksversammlung am 19. März 1848 beginnt an diesem Sonntag bei schönstem Wetter nun das große Finale. Die Bühne ist erneut der Platz vor dem Offenburger Rathaus. Die Nachfrage ist ungebrochen, das Publikum ist noch größer geworden – angeblich sollen es jetzt 30.000 Menschen sein -, obwohl die seitherigen Hauptakteure fehlen: Friedrich Hecker befindet sich 7401 Kilometer weiter westlich. Sobald er die Breaking News aus Baden hört, wird er zwar in seiner neuen Wahlheimat nahe Lebanon, Illinois, USA, eilig einen Koffer packen und sich auf den Weg machen, aber er wird es bis zum Ende des Stückes nicht mehr schaffen. Auch sein alter Weggefährte Gustav Struve kann am 13. Mai in Offenburg nicht dabei sein. Er ist zwar nur 100 Kilometer entfernt, sitzt aber in Bruchsal leider hinter Gittern. Erst am Abend des 13. Mai wird die aus Offenburg zurückkehrende Bruchsaler Delegation ihm wieder seine volle Bewegungsfreiheit verschaffen.

Als Ersatz für die alten Helden treten nur eher zweitklassige Akteure auf. Dafür gibt es jedoch einen höchst begabten und vielversprechenden neuen Regisseur. Er kommt aus Renchen und heißt Amand Goegg. Der 29-Jährige zieht bereits seit einiger Zeit meisterhaft die Strippen und hat in seinem Drehbuch alles bestens vorbereitet. Für die Dekoration hat er einen Wechsel der Farben veranlasst: Das strahlende Schwarz-Rot-Gold hat einem kräftigem Rot Platz gemacht – die Zeit für verschiedene Töne ist vorbei. Um den gewünschten Gang der Dinge zu beschleunigen, hat er eine Delegation nach Karlsruhe geschickt, die dem Großherzog die Forderungen der Demokraten überbringt. Die erwartete Ablehnung ist die notwendige Hinführung zum ersten Höhepunkt. Der Chor der 30.000 intoniert die Revolution mit Nachdruck und folgt dem Libretto hingebungsvoll: „Die deutschen Fürsten haben sich zur Unterdrückung der Freiheit verschworen und verbunden (…). Die Deutschen befinden sich also im Stande der Notwehr, sie müssen sich verbinden, um die Freiheit zu retten; sie müssen dem Angriffe der fürstlichen Rebellen den bewaffneten Widerstand entgegensetzen.“

Der Erfolg ist beispiellos. Bereits am Abend findet das Stück sogar bei den Garnisonen in Rastatt und Bruchsal enormen Anklang. Nur der Großherzog nimmt Reißaus und verlässt seine Karlsruher Loge – vorläufig.


/// Am 18. Mai ist das Stück nicht ganz so dramatisch, dafür hat es aber auch ein wirkliches Happy End.

Der Streit um den Nationalpark – die Bürgerbefragung im Nordschwarzwald

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12. Mai 2013 |  „Wilde Wälder“ heißt eine wunderbare Band aus dem Hochschwarzwald, die mit G’schrei, G’joohmer oder auch Blaare ihr Publikum erfreut. Der Name bezieht sich auf die vier Bandmitglieder, die sich selbst als „Ureinwohner“ bezeichnen. Ist ja auch klar: Die Menschen mögen wild sein, die Wälder selbst sind es schon längst nicht mehr. Sie werden gehegt und gepflegt, sie sind oft sogar von Menschenhand geplant und angelegt worden. Von Wildnis kann keine Rede sein.

Dies zu ändern, um damit die Natur besser zu schützen und so eine größere Vielfalt von Fauna und Flora wieder zuzulassen, war das Ziel einer Initiative der 2011 gewählten grün-roten Landesregierung. Der Weg dahin sollte die Gründung eines Nationalparks sein, in dem die Natur sich weitgehend selbst überlassen bleiben sollte. Als dafür geeignetes Gebiet wurden im Nordschwarzwald zwei von den Städten Baden-Baden und Freudenstadt begrenzte Bereiche um den Ruhestein und den Hohen Ochsenkopf auserkoren, mit einer Gesamtfläche von etwas mehr als 10.000 Hektar (was ca. 0,7 % des gesamten Waldes im Land entspricht).  In einer Kernzone sollte fortan jeder menschliche Eingriff unterbleiben, während in einer Entwicklungszone erst noch die Voraussetzungen für das sich-selbst-überlassen geschaffen werden sollten – denn selbst die Rückkehr der Wildnis benötigt ein Stück weit menschliche Hilfe.

Aber in einem dicht besiedelten Land wie Baden-Württemberg liegt selbst ein Nationalpark nicht in einer von Menschen weit abgelegenen Gegend. Im Nordschwarzwald leben Menschen in vielen Gemeinden in unmittelbarer Nähe des Waldes, und nicht nur das: Sie leben auch vom Wald. Was passiert mit den Privatwäldern, wenn der Staat seinen Wald nicht mehr bewirtschaftet? Konkret: Macht der Borkenkäfer, der sich vielleicht im Nationalpark ausbreiten wird, Halt an der Grenze der privaten Wälder?  Und können wir es uns überhaupt erlauben, das wertvolle Holz einfach verrotten zu lassen? Ist es dafür nicht zu schade? Ist ein so radikaler Waldschutz nicht einfach nur ein romantisches Alibi für ein hochindustrialisiertes Land?

Die Landesregierung startete einen umfassenden Beteiligungsprozess, konnte aber einen heftigen Streit über den Nationalpark nicht verhindern. Die Ablehnung vieler Menschen in der Region trotz aller Informationen und Diskussionen zeigte sich in den Ergebnissen einer Bürgerbefragung, die am 12. Mai 2013 in sieben Gemeinden abgeschlossen wurde: Von Bad Wildbad bis Freudenstadt stimmten mehr als 70 % gegen den Nationalpark. Aber das Ergebnis war nicht bindend. Der Landtag beschloss am 28. November 2013 das Nationalparkgesetz. Seit dem 1. Januar 2014 besteht der Nationalpark Schwarzwald. Laut Umfragen soll inzwischen auch in der Region die Akzeptanz gestiegen sein.

Der Wald wird „eine Spur WILDER“.


/// Morgen geht es wieder einmal in die Hauptstadt der badischen Revolution. Wissen die Menschen dort überhaupt, was am 13. Mai 1849 bei ihnen geschah?

Das Schweigen wird beendet – Louise Dittmar spricht öffentlich

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10. Mai 1847 | „Das Weib soll schweigen“ (1. Kor. 14, 34). An diesem Montag nahm das jahrhundertelange Schweigen ein Ende. In aller Öffentlichkeit sprach Louise Dittmar im Mannheimer „Montags-Verein“ über „vier Zeitfragen“. Ihr Auftritt war eine Sensation für das Publikum – „einige hundert Männer und Frauen, hörbegierig lauschend auf die seltenen Mut und liebenswürdige Schüchternheit und Bescheidenheit innig vereinende Sprecherin!“ (Mannheimer Abendzeitung, 12. Mai 1847)

Die in 1807 in Darmstadt geborene Louise Dittmar hatte in den Jahren zuvor verschiedene Schriften verfasst.  Auf ihr Essay „Skizzen und Briefe aus der Gegenwart“ folgten 1846 und 1847 die Schriften „Der Mensch und sein Gott in und außer dem Christenthum“ sowie „Lessing und Feuerbach“. Obwohl ihre Texte ohne Namensnennung erschienen waren, verbreitete sich schnell Dittmars Ruf, eine kirchenkritische Denkerin zu sein, die an der Religionskritik von Ludwig Feuerbach angelehnt, den herkömmlichen Gottesglauben hinterfragte. Ausdrücklich wurde sie im Mannheimer „Montags-Verein“ auch als eine entsprechende Autorin begrüßt.

Karl Scholl, der die einführenden Worte sprach, galt als einer der führenden Kräfte des Vereins. Der Prediger der neuen deutsch-katholischen Gemeinde in Mannheim hatte zusammen mit Amalie und Gustav Struve im Februar 1847 den „Montags-Verein“ gegründet. Dort sollten im Sinne der Aufklärung nicht nur religiöse, sondern auch sozial- und gesellschaftspolitische Fragen diskutiert werden. Allein die Beteiligung des Ehepaares Struve garantierte, dass die Veranstaltungen des Vereins prinzipiell offen für Frauen waren. Die Einladung an Louise Dittmar hob diese völlig ungewohnte Gleichberechtigung noch einmal auf ein neues Niveau. „Zum ersten Mal spricht eine Frau sich öffentlich über das aus, was sie unter Gewissensfreiheit versteht“, betonte Dittmar die historische Bedeutung. Entschlossen nutzte sie das Mannheimer Forum für ein überzeugendes Plädoyer für die Gleichberechtigung von Frauen: „Nicht eher wird die Menschheit einer harmonischen Fortentwicklung fähig werden, nicht eher werden jene rohen Triebe sich läutern und edleren Empfindungen Raum geben, bis man allen Teilen der Gesellschaft das Recht gestattet, sich auszusprechen, bis man auf alle Forderungen hört, und alle gegen einander abwägt!“

Der Mannheimer Vortrag war so erfolgreich, dass Dittmar ihn publizieren ließ – dieses Mal unter ihrem Namen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Christina Klausmann: Louise Dittmar (1807-1884): Ergebnisse einer biographischen Spurensuche, in: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, Band 28 (1989), S. 17-39.

/// Und am 12. Mai machen wir endlich wieder einen Ausflug in den Schwarzwald.

Schillerndes Gedenken – wie ehrt man einen Dichterfürsten?

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9. Mai 1835 | Dass ausgerechnet diese Stadt ihm ein Denkmal errichten würde, hätte Friedrich Schiller zumindest belustigt. Als französische Truppen im Jahr 1796 in Stuttgart einmarschieren wollten, schrieb er an Johann Wolfgang von Goethe: „Ich kann das aber nicht glauben,  da [… ] es keinem Mensch, der bei Sinnen ist, einfallen kann, sich auch nur 3 Stunden darin halten zu wollen.“ Der gebürtige Marbacher sah in der Residenzstadt des 1793 gestorbenen Württembergischen Herzogs Carl Eugen ein Symbol für provinzielles Despotentum: Wie Recht er haben sollte, bewiesen die verhärmten Reaktionen der Obrigkeit auf Schillers Revoluzzer-Stück „Die Räuber“, das im Jahre 1781 uraufgeführt wurde und ihn letztendlich im darauffolgenden Jahr zur endgültigen Flucht aus Carl Eugens Schwabenreich zwang. Aus dem studierten Militärarzt der Württembergischen Armee wurde der epochenmachende Literat, der im thüringischen Weimar Seite an Seite mit Goethe lebte und wirkte – nicht ohne Heimweh, denn als Schwabe fühlte er sich stets.

In Wirklichkeit nur einmal vorhanden und nicht ganz so bunt: Das Stuttgarter Schillerdenkmal (Collage: Hemberger).
In Wirklichkeit nur einmal vorhanden und nicht ganz so bunt: Das Stuttgarter Schillerdenkmal (Collage: Hemberger).

Sein Tod am 9. Mai 1805 erschütterte das fortschrittliche Bürgertum in den deutschen Landen und entfachte umgehend die Diskussionen, wie der „Dichterfürst“ angemessen gewürdigt werden könnte. In Württemberg brachte die erste Stuttgarter Schillerfeier im Jahre 1825, ausgerichtet vom liberalen Stuttgarter Liederkranz, Bewegung in die Denkmalpläne. Deutschlandweit wurden Spenden gesammelt und der seiner Zeit begehrteste Bildhauer, Bertel Thorvaldsen, erklärte sich bereit, ohne Honorar das Standbild auszuführen. Als Standort wurde bewusst der Alte Schlossplatz (heute: Schillerplatz) gewählt, einen Steinwurf von der damaligen Residenz der Württembergischen Könige entfernt.

In der allgemeinen Schillerbegeisterung jener Jahre war die Gründung des Marbacher Schillervereins am 9. Mai 1835 ein weiterer Baustein, das Andenken und geistige Erbe Schillers systematisch zu fördern und zu sichern. Als am 8. Mai 1839 das Stuttgarter Denkmal mit einem großen Volksfest enthüllt wurde, sahen liberale Kreise darin ein Symbol des Sieges über den alten Despotismus. Verschnupft reagierten lediglich einige Marbacher, die sich laut dem Chronisten Hermann Kurz eine solche zentrale Gedenkstätte nur in Schillers Geburtsort vorstellen konnten: „Alles wollen sie  an sich ziehen! […], und nun haben sie auch noch Den da!“ (Hermann Kurz, zitiert nach: Davidis, 150 Jahre Schiller-Denkmal, S. 11).

Doch die Marbacher zogen nach: 1859 richteten sie in Schillers Geburtshaus eine Gedenkstätte ein, 1876 folgte das obligatorische Denkmal und im Jahre 1903 schließlich das große Schiller-Museum, das heute ein Teil des Deutschen Literaturarchivs Marbach ist. Schiller für alle!


Zum Weiterlesen und -forschen

/// Geben Sie Gedankenfreiheit! Aber gerne doch: Morgen ergreift eine Frau das Wort.

„Denkmal in den Herzen“ – die Erzberger-Gedenkfeier in Buttenhausen

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8. Mai 1927 | Unter „flotter Musik“ marschierten Reichsbannerleute aus Reutlingen und Ulm in das „sonst so stille Dörflein“ Buttenhausen ein, wie ein zeitgenössischer  Beitrag im Münsinger Alb-Boten nicht ohne Stolz verkündete. Ihr Ziel: Ein unscheinbares kleines Haus, in dessen vier Wänden eine später zentrale Figur der jungen Weimarer Republik das Licht der Welt erblickt hatte. Am 20. September 1875 hineingeboren in einfache Verhältnisse, beschritt der Katholik Matthias Erzberger einen Lebensweg, der ihn politisch in die Reihen der Zentrumspartei führte, für die er ab 1903 im Reichstag als Abgeordneter tätig wurde. Erzberger eckte innerhalb seiner Fraktion des Öfteren an, wenn er beispielsweise Missstände in deutschen Afrikakolonien benannte. Zu Beginn des 1. Weltkriegs stimmte er in den Kanon der Kriegsbefürworter ein, kam jedoch im Jahre 1916 zur Überzeugung, dass nur ein Verständigungsfrieden dem Deutschen Reich und den europäischen Staaten eine gerechte Zukunft werde sichern können.

Riesenandrang vor Erzbergers Geburtshaus bei der Gedenkveranstaltung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold(Bildnachweis: Stadtarchiv Münsingen; Einfärbung.: HdG BW/Hemberger).
Riesenandrang vor Erzbergers Geburtshaus bei der Gedenkveranstaltung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold(Bildnachweis: Stadtarchiv Münsingen; Einfärbung.: HdG BW/Hemberger).

Am 11. November 1918 setzte Erzberger im Eisenbahnwaggon bei Compiègne als Leiter der deutschen Delegation seine Unterschrift unter das Waffenstillstandsabkommen, und damit quasi unter sein eigenes Todesurteil. „Es gab kein Wort des Hasses und der Niedertracht, das ihm hierfür und später für seine Zustimmung zum Friedensvertrags erspart geblieben wäre“, erinnerte der Reutlinger Gemeinderat und Reichsbanner-Mitglied Hans Freytag in seiner Rede an Erzbergers Geburtshaus. Deutsch-völkische und sonstige rechtsradikale Gruppen schossen sich  auf den Republikaner ein, der ihnen als Vaterlandsverräter und Novemberverbrecher galt. Aus Worten wurden Patronen: In Bad Griesbach im Schwarzwald wurde Erzberger am 26. August 1921 ermordet, die rechtsradikalen Täter konnten fliehen.

Die alte Gedenktafel an Matthias Erzbergers Geburtshaus in Buttenhausen (Aufnahme nach 1927).
Die alte Gedenktafel an Matthias Erzbergers Geburtshaus in Buttenhausen (Aufnahme nach 1927).

Mit der Enthüllung einer Gedenkplakette an Erzbergers Geburtshaus in Buttenhausen schuf der Reutlinger Ortsverband des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold (RB) mehr als einen einfachen personenbezogenen Gedenkort. Das im Jahre 1924 gegründete Reichsbanner vereinte Mitglieder der SPD, der liberalen Deutsch-Demokratischen Partei und der katholischen Zentrums-Partei zum gemeinsamen Schutz der Weimarer Republik und ihrer parlamentarischen Demokratie. Mittels Gedenkfeiern, Fahnenappellen, Reden und einer demonstrativ gezeigten Geschlossenheit sollte nicht zuletzt der erstarkenden nationalsozialistischen Bewegung ein starkes Bollwerk entgegengesetzt werden. Erzberger würde heute in den Reihen des RB stehen, gab sich Freytag überzeugt und ein Vertreter der Zentrumspartei, Ortsgruppe Reutlingen, forderte neben dem Denkmal aus Erz, ein Denkmal in den Herzen aller. Die eiserne Gedenktafel wurde 1933 unter der Herrschaft Adolf Hitlers, der Erzberger bereits 1920 als „größten Lump“ verunglimpft hatte, abgehängt und in neuer Form erst 1971 wieder aufgehängt.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Haus der Geschichte BW (Hg.):  Matthias Erzberger. Ein Wegbereiter der deutschen Demokratie. Buch zur Dauerausstellung der Erinnerungsstätte Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen, Stuttgart 2011.
  • Elena Müller: Demokratisches Gedenken: Die Erinnerung an Matthias Erzberger in Reutlingen, in: Reutlinger Geschichtsblätter 2018, Neue Folge Nr. 57, S. 175-199.

  • Erinnerungsstätte Matthias Erzberger: Homepage.

/// Denk mal! Bereits morgen steht das Gedenken an einen weiteren schwäbischen Promi an.

Liebe und Gerechtigkeit aus der Fabrik – Gustav Werner als Pionier der Sozialdiakonie

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7. Mai 1851 | „Die hießige Papierfabrik […] stand seit zwei Jahren verlassen da, auf sie hatte ich schon längere Zeit mein Auge gerichtet; […] Aber die steigende Noth in der Menschheit, die drohende Zukunft, die Mahnungen des Herrn drangen immer stärker auf mich ein, und ließen mir keine Ruhe; […] am Pfingstmittwoch den 22. Mai schloß ich den Kauf rasch in einer frühen Morgenstunde ab, ohne auch nur meinen nächsten Freunden etwas davon zu sagen […].“ (Gustav Werner in: „Der Friedensbote. Eine Zeitschrift für das Reich Gottes“, 1851, 2. Heft, S. 52f.).

Werners Schilderungen, wie er im Morgengrauen vom Wanderprediger zum christlichen Fabrikbesitzer geworden war, gewähren nicht nur einen Einblick in das Seelenleben eines Einzelnen. Vielmehr spiegelt sich darin auch die Suche der Gesellschaft nach Antworten auf die „sozialen Frage“. In Württemberg grassierten Hunger, Armut und Hoffnungslosigkeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts besonders stark. Während in Baden Revolutionäre wie Hecker und Struve tatkräftig für die Republik stritten und europaweit erste sozialistische Gruppierungen die Überwindung von Ungleichheit und Unterdrückung einforderten, wollte Gustav Werner seinen Mitmenschen einen gottgefälligen Weg zu Liebe und Gerechtigkeit ebnen. Er erkannte, dass Teilhabe an der Gesellschaft und individuelle Würde eng mit der eigenen Hände Arbeit verbunden ist.

Mit dem am 7. Mai 1851 in Reutlingen eingeweihten Bruderhaus, einer Hausgemeinschaft mit angeschlossener Papierfabrik, beabsichtigte er, das „Reich Gottes“ stückweise auf Erden erfahrbar zu machen. 130 Menschen fanden hier ihr Auskommen. Zugleich setzte Werner in der Frühphase voraus, dass sich die Arbeitenden als fromme Christenmenschen zeigten: „[…] ich weise auch fast immer Leute ab, welche bei mir Hilfe und Arbeit suchen und dabei vorwenden, daß sie meine Vorträge hören.“ (ebd., S. 74). Er persönlich erblickte in der Industrialisierung das Wirken Gottes und trieb die Expansion des Bruderhausvereins mit seinen „christlichen Fabriken“ energisch voran. Doch schon zwei Jahre später zeigten sich offensichtliche Probleme seines Modellversuchs: Die Fabrik war unrentabel, immer mehr Arbeitskräfte kamen von außen und waren nicht in der frommen Hausgemeinschaft organisiert. Der württembergische Staat musste im Jahre 1865 sogar Werners Unternehmen retten, doch nach der Ausgabe von Anteilsscheinen (Aktien) stellte sich eine relative Stabilität ein.

Besonders erwähnenswert ist der Umstand, dass Gustav Werner Menschen mit Behinderung, im damaligen Jargon „halbe Kräfte“ genannt, als selbstbewusste Arbeitskräfte ernst nahm und ihnen Arbeit gab. Die Gründung der „Gustav Werner-Stiftung zum Bruderhaus“ im Jahr 1882 setzte ein Ausrufungszeichen hinter die Idee der Integration von behinderten Menschen in den Alltag und wirkt bis heute fort.


Zum Weiterlesen:

  • Hartmut Zweigle: Herrschen mög‘ in unseren Kreise Liebe und Gerechtigkeit! Gustav Werner – Leben und Werk, Stuttgart 2009.
  • BruderhausDiakonie: Homepage der Stiftung Gustav Werner.

/// Das Gedenken an ein Opfer politischer Gewalt steht im Mittelpunkt unseres morgigen Kalendereintrags.