„Festival just for you“ – Der Reutlinger Verein GIG für Musik statt Kommerz

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13. Dezember 1970 | Vier DM – dafür gab es 1970 am Kiosk 13 „Capri“-Eis.  Das war die finanzielle Größenordnung für 30 Rock- und Popfreunde jüngeren Semesters, die sich am 13. Dezember 1970 in Reutlingen zusammenfanden. Vier DM sollte der reguläre Ticketpreis für selbstveranstaltete Rockkonzerte sein – eine klare Kampfansage an die „Profitgeier“ des boomenden Musik- und Konzertbusiness. Die Liebe zur Livemusik für ’ne kleine Mark mündete in die Gründung des Vereins „GIG. Kultureller politischer Verein zur Förderung progressiver Kunst und Musik Reutlingen“ am 1. März 1971.

Das ambitionierte Projekt passte perfekt in die politisierte Atmosphäre jener Jahre, die von der damaligen Musikszene klangvoll und stimmgewaltig beflügelt wurde. Es waren die Jahre der wabernden Klangteppiche des Progressive Rocks beziehungsweise und dessen deutscher Entsprechung, des Krautrocks. Die Haare waren lang, die Lieder mit Spielzeiten bis zu 25 Minuten noch länger. Neben der unverzichtbaren Hammondorgel wurden weitere ungewöhnliche Instrumente bemüht, es jazzte, blueste und folkte an allen Ecken und Enden mit oftmals psychodelischen Einschlag. Viele Texte wurden politischer und manche Bands eröffneten den musikalischen Klassenkampf gegen das alte Establishment, darunter die Kölner Politrocker Floh de Cologne, Ihre Kinder aus Nürnberg oder Eylenspiegel aus dem Großraum Stuttgart.

 

GIG änderte die Spielregeln des Musikgeschäfts: Der Verein organisierte Konzerte, die sich finanziell selbst tragen konnten, aber niemanden bereichern sollten. Eine gehörige Portion Eigenleistung half beim Sparen. Den weltverändernden Idealismus hinter dem GIG-Konzept zu vermitteln, erwies sich als schwierig, wie der Musikjournalist Christoph Wagner betont. Dass einigen Jugendlichen selbst drei Mark Eintritt zu viel waren und diese sich deshalb am Mobiliar der Konzertstätten austobten, riss Löcher in die klammen Kassen des Vereins.

Dennoch gelang den GIG-Aktivisten um Horst Werb und Reinhard Kühner immer wieder, frischen Wind in die schwäbische Provinz zu bringen, beispielsweise beim Reutlinger Open Air-Pop Festival im Juli 1971 mit den Bands Swegas, Warm Dust und Kraftwerk. Relative Newcover wie Raw Material, Magma, Beggars Opera, Barclay James Harvest füllten mal mehr mal weniger die Hallen. Allerdings verstrickten sich die GIG-Leute auch immer wieder in Kleinkriege mit kommerziellen Veranstaltern sowie dem sparsamen wie anspruchsvollen Publikum. In Tübingen floppte im Mai 1972 ein Auftritt der britischen Rocker von UFO und endete in Empörung und Gewalt. Schlussendlich zog der Rockzirkus weiter und der kapitalismuskritische GIG-Verein zerbrach noch in den 1970er Jahren. Dass es heute immer mehr alternative Festivals (Stichwort „Umsonst und Draußen“) gibt, ist vielleicht ein später Erfolg der Reutlinger Antikommerz-Musikrebellen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folksfreaks Baden-Württemberg aufmischten, Stuttgart 2017.

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