Im Zeichen der Biene – in Alfdorf entsteht der erste Landfrauenverein nach 1945

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20. April 1946 | Die Biene steht für Fleiß und Gemeinschaftssinn, für harte Arbeit und das Leben in der Natur. Nicht zuletzt deshalb ist die geflügelte Sympathieträgerin seit über einhundert Jahren selbstgewähltes Symbol der Landfrauen. Elisabeth Boehm legte im Jahre 1898 in Ostpreußen mit ihrem „Landwirtschaftlichen Hausfrauenverein“ den Grundstein einer Bewegung, die damals deutschnationale Denkmuster vertrat und – wie im Falle Boehms – auch vor antisemitischen Parolen nicht zurückschreckte. Unter dem NS-Regime wurden die Landfrauen im Jahre 1934 in den Reichsnährstand integriert und zahlreiche Aktivistinnen nahmen die „Blut und Boden“-Ideologie sowie die staatlich verordnete Reduzierung der Frau auf ihre Mutterrolle bereitwillig an.

Im völligen Gegensatz dazu startete ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine neue Landfrauenbewegung unter demokratischen Vorzeichen. Im kleinen Alfdorf bei Schwäbisch Gmünd gründete Margarethe Freifrau vom Holtz gemeinsam mit anderen Aktivistinnen den ersten Landfrauenverein im damaligen Württemberg-Baden. Jede Frau im Dorf ansprechen, von der Bäuerin bis zur Pfarrersfrau, explizit auch die Frauen der Arbeiter – diesen Grundsatz schrieb Marie-Luise Gräfin Leutrum von Ertingen den Alfdorferinnen bei ihrem Besuch im November 1946 buchstäblich ins Stamm- beziehungsweise Gästebuch. Leutrum reiste in dieser Zeit unentwegt durch das Ländle und animierte Frauen zur Gründung von Ortsvereinen; im Folgejahr gelang es ihr, den Landfrauenverband Württemberg-Baden ins Leben zu rufen, dessen Vorsitzende sie wurde.

Seit der Neugründung in der Nachkriegszeit hat sich das Profil des Landfrauenverbands abermals gewandelt. Statt für Frauen einzutreten, die hauptsächlich in landwirtschaftlich geprägten Umfeldern („Haus und Hof“) tätig sind, stehen nun Frauen auf dem Land im Mittelpunkt der Aktivität. Prägten in den 1950er Jahren noch die bekannten Spinnstubenabende und Hauswirtschaftskurse die örtliche Arbeit, so regte der Landesverband in den 1980ern grundlegende Diskussionen zu den Themen Heimat und Zukunft des ländlichen Raumes an. Mit eigenständigen Seminaren soll Frauen der Weg in die Kommunalpolitik geebnet und mit Nachdruck der Wert weiblicher Tätigkeit in Beruf und Familie öffentlich betont werden. Dabei machen die Aktivistinnen nicht vor Ländergrenzen halt: Anfang der 1990er Jahre bildeten sich Kontakte zu Frauenvereinigungen im Baltikum sowie in verschiedenen afrikanischen Staaten aus. Seit 2005 unterstützt der Landesverband Selbsthilfeprojekte in Kenia, mit denen unter anderem das Auskommen verwitweter Frauen und verwaister Mädchen gesichert werden sollen.

LandFrauen von heute ziehen erfolgreich Honig aus ihrer Herkunft und bieten einen Blumenstrauß voller Ideen und Projekte.


Zum Weiterlesen:

  • LandFrauenverband Baden-Württemberg: Homepage.
  • Anke Sawahn: Die Frauenlobby vom Land. Die Landfrauenbewegung in Deutschland und ihre Funktionärinnen 1898 bis 1948, Frankfurt am Main 2009.
  • Landfrauenverband Württemberg-Baden (Hg.): Rückblicke – Einblicke – Ausblicke, 1947-1997. 50 Jahre Landfrauenverband Württemberg-Baden e.V. , Stuttgart 1996.

/// Gebildet in der Kneipe: Was es damit auf sich hat, lesen Sie am 23. April.

(K)ein Elendsgebiet – der Protest gegen die Schließung des Audi/NSU-Werks in Neckarsulm

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18. April 1975 |  Im Februar 1975 titelte die Tageszeitung „Heilbronner Stimme“ Schockierendes: Der Vorstand des VW-Konzerns, zu dem auch Audi/NSU gehörte, habe die Schließung des Standorts am Neckar beschlossen. Damit wollte man Überkapazitäten abbauen, die sich in Folge des Ölpreisschocks ergeben hatten und zeitgleich die Produktion rationalisieren, galten doch die Neckarsulmer als schwächstes Glied des Konzerns. Welche sozialen Folgen der Entschluss haben könnte, machte die Wochenzeitung „ZEIT“ klar, die von einem drohenden Elendsgebiet um Heilbronn schrieb, wenn die Fertigungstradition erlischte.

Am Morgen des 18. April 1975 demonstrierten zwischen 7.000 und 8.000 Automobilbeschäftigte mit einem Marsch nach/durch Heilbronn gegen die Entlassungspläne. Der Widerstand gegen die seit Jahresanfang gerüchteweise in der Luft liegenden Werksschließung hatte sich allmählich aufgebaut. Trotzig hatte der Betriebsratsvorsitzende Karl Walz gedonnert: „Solang mer no schnauft, is mer net tot.“ IG-Metall und Arbeiterschaft fühlten sich von der Konzernspitze hintergangen, sie sahen ihre Identifikation mit dem Werk und den gebauten Fahrzeugen nicht wertgeschätzt. Klaus Zwickel, Erster Bevollmächtigter der IG-Metall-Verwaltungsstelle Neckarsulm, zeigte sich besonders resolut und setzte auf harte Konfrontation bis hin zum „Wilden Streik“.

Mit dem Ro 80, einem Wankelmotorenfahrzeug, war Audi in Sachen automobiler Innovation dermaßen vorangeprescht, dass Kundinnen und Kunden vor dem störungsanfälligen Spritfresser zurückschreckten. Nicht zuletzt dessen schlechte Absatzzahlen wirkten sich schnell existenzbedrohend auf das Neckarsulmer Audi/NSU-Werk aus, wo der Ro 80 gefertigt wurde. Seit den 1960er Jahren spielten vor Ort ausländische Arbeitskräfte eine besondere Rolle, wie der Historiker Arnd Kolb nachweisen konnte. Diese Gruppe stellt im Jahre 1973 rund 43% der Beschäftigten bei Audi/NSU Neckarsulm. Sie waren es auch, die in den Krisenjahren 1974/75 hauptsächlich auf die Straße gesetzt wurden (6.500 Arbeiter wurden entlassen, zwei Drittel von ihnen waren Ausländer). Mit Prämien für die Rückkehr in ihre Herkunftsländer wollte man die nun wirtschaftlich lästig Gewordenen abspeisen und loswerden.

Die Bilanz des energischen Protests liest sich durchwachsen: Mehr als die Hälfte der Neckarsulmer Belegschaft wurde arbeitslos, doch das Werk war gerettet. Ein hoher Preis für den Automobilstandort um Heilbronn. In den kommenden Jahren sah sich die Konzernspitze zudem gezwungen, erneut ausländische Arbeitskräfte anzuwerben, um jene kraftzehrenden und niedrig bezahlten Arbeiten ausführen zu lassen, für die sich zu wenig Einheimische fanden.


Zum Weiterlesen:

  • Arnd Kolb: Autos – Arbeit – Ausländer. Die Geschichte der Arbeitsmigration des Audi Werks Neckarsulm. Bielefeld 2011.
  • Heinz Michaels: Falls das Autowerk geschlossen wird. Stadt auf dem Pulverfass, in: DIE ZEIT 24. Januar 1975 (Onlinearchiv).
  • Peter Brügge: „Solang mer no schnauft, is mer net tot“, in: DER SPIEGEL 10.03.1975 (Onlinearchiv).

/// Etwas beschaulicher und ländlicher wird es in unserem kommenden Eintrag am 20. April.

„Wenn der Hahn kräht …“ – der Reutlinger Schulstreik gegen den NC-Erlass

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15. April 1970 | „Wenn der Hahn kräht, wachen die Schüler auf!“ Mit diesem Slogan überschrieb die Bezirks-Schülermitverantwortung (SMV) Tübingen-Reutlingen ein Flugblatt, das in den heißen Reutlinger Tagen des Protests von Hand zu Hand ging. Den Begriff „Klassenkampf“ hatten die Schülerinnen und Schüler der Reutlinger Gymnasien wörtlich genommen. Und sie waren nicht die einzigen:  In 40 Städten Baden-Württembergs forderte die junge Generation die Abschaffung des 1968 eingeführten Numerus Clausus, der Zugangsbeschränkung auf besonders gefragte Fächer. Damit nicht genug: Auch für eine prinzipiell bessere Bildungspolitik und mehr Mitspracherecht an den Schulen wurde gestreikt.

Aus Unterlagen des Isolde-Kurz-Gymnasiums (Reutlingen) geht hervor, dass die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 6 bis 9 zu 90% für den Streik gestimmt hatten; 391 von 517 SchülerInnen der Jahrgangsstufen 4 bis 9 beteiligten sich schließlich an der Arbeitsniederlegung. So berichtete die „Südwestumschau“ am Donnerstag, den 16. April 1970: „In Reutlingen beteiligten sich fast 3.000 streikende Schüler an einem Demonstrationszug, bei dem auf Spruchbändern die Bevölkerung aufgefordert wurde, sich mit dem dreitägigen Streik […] zu solidarisieren.“

 

Manche Eltern und Lehrer gingen diesem Aufruf nach und schlossen sich den Streikenden an. Auch am Friedrich-List-Gymnasium in Reutlingen wurden Hefte und Tafeln nicht genutzt. Die Klassentagebüchern blieben die Tage leer, nur ein Wort ist darin zu lesen: „Streik“.

Hauptangriffsziel der Schüler war der damalige Kultusminister Wilhelm Hahn. In einer Erklärung versprach der CDU-Politiker verschmitzt: „Geben Sie mir Geld und ich baue den Numerus Clausus sofort ab.“  Zwar sagte Hahn zu, das Anliegen der Streikenden an die Landesregierung weiterzugeben, doch lehnte er den Streik als Mittel der Mitbestimmung ab. Disziplinarische Maßnahmen für die Streikenden gab es hingegen keine, befürchteten doch die Verantwortlichen, dass dies dem Streik nur zusätzlichen Aufwind geben würde. Zudem stünde dies in keinem Verhältnis zum insgesamt friedlichen Verlauf.

 

Insgesamt beförderte der Streik die Kultur der Mitbestimmung und des kritischen Engagements der SchülerInnen, auch wenn das eigentliche Ziel verfehlt wurde, nämlich die Abschaffung des NC-Erlasses. Was einst als Notmaßnahme eingeführt worden war, behielt seine Gültigkeit bis zum heutigen Tage.

(In Zusammenarbeit mit Frau Clara Ebert, für deren umfassende Recherche und Co-Autorenschaft an dieser Stelle herzlich gedankt sei).


/// Auch am 18. April wird auf dieser Seite wieder gestreikt. Zu Lesen wird es dennoch etwas geben.

Verhalten selbstbestimmt – die Volksabstimmung über Badens Verfassung 1919

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13. April 1919 | Mitbestimmung ist wie ein Dauerlauf: Wer nicht mit seinen Kräften haushaltet, fällt zurück. Und wer irrigerweise glaubt, er wäre bereits über die Ziellinie getrabt, steht am Ende als trauriger Verlierer allein. In Sachen Demokratie waren die BadenerInnen mit ihrem revolutionären Engagement der Jahre 1848/49 an die Spitze vorgeprescht, um anschließend eine Art Staffellauf zu absolvieren. In einer konstitutionellen Monarchie lebend, gaben sich liberale wie sozialdemokratische Politiker, Parteien und Vereine mit fortschrittlichen Ideen für eine demokratischere Gesellschaft den Staffelstab wechselseitig in die Hand: Beispielhaft hierfür steht die Umstellung auf direkte Wahlen der Zweiten Badischen Kammer im Jahre 1905. 

Die Novemberrevolution des Jahres 1918 mischte die machtpolitischen Karten auch in Baden von Neuen. Revolutionäre Arbeiter- und Soldatenräte wie jener in Mannheim riefen parallel zur Abdankung Großherzogs Friedrich II. am 22. November 1918 die Räterepublik aus. Gemäßigtere Töne schlug die aus Mehrheits-SPDlern und Liberalen bestehende provisorische Regierung in Karlsruhe an: Eine parlamentarische Republik sollte ihrer Meinung nach entstehen. Ein kluger Schachzug war es, dass die provisorische Regierung bereits am 5. Januar 1919 die Verfassungsgebende Nationalversammlung wählen ließ und  die Arbeiter- und Soldatenräte nicht in die Verfassungsdiskussion einbezog. So kam es, dass ein Verfassungsentwurf des Karlsruher Sozialdemokraten Eduard Dietz vom Landtag am 21. März 1919 angenommen wurde und der Einfluss der Rätebewegung versandete.

Es folgte ein demokratischer Endspurt: Die Verfassung der Badischen Republik wurde als einzige ihrer Art den Wahlberechtigten zur Abstimmung am 13. April 1919 vorgelegt. Darin festgehalten waren weitreichende bürgerschaftliche Rechte und Möglichkeiten, die in dieser Form bis dato nicht gegeben waren: Beispielweise konnten das Volk direkt Gesetze vorschlagen bzw. die Änderung bestehender einfordern, wenn rund 80.000 Stimmberechtigte ihren Willen hierzu kundtaten (Volksvorschlagsrecht, §§ 21-24).

Die Volksabstimmung ging zugunsten der Verfassung aus, doch hatte lediglich ein Drittel der badischen Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Der große Akt der Volkssouveränität erschien vielen als bereits hinter der Ziellinie liegend.


Zum Weiterlesen:

/// Am 15. April streiken im Onlinekalender Schülerinnen und Schüler von damals.

Die Männer von Brettheim – Einsichten und Fanatismus zum Kriegsende

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7. April 1945 | „Kann dein Tod hier in den letzten Kriegswochen den Ausgang dieses Krieges ändern?“ Diese Frage richtete die vorrückende US-Armee in den ersten Monaten des Jahres 1945 in Flugblättern an die deutsche Bevölkerung. Objektiv war der Krieg für das NS-Regime schon lange verloren, doch der Fanatismus seiner treusten AnhängerInnen trieb noch zahlreiche Menschen in den Tod, auch im Südwesten. Beispielhaft hierfür steht die Episode um die Männer von Brettheim.

Zu Kadavergehorsam erzogen, bildeten Hitlerjungen einen Teil des „Volkssturms“, dessen Ziel es war, die vorrückenden Alliierten unter anderem mit Panzerfäusten abzuwehren – ein regelrechtes Selbstmordkommando. Zudem brachte es all jene in Gefahr, die die Aussichtlosigkeit ihrer Lage erkannt hatten und mit wehenden weißen Fahnen kapitulieren wollten, um ihre Häuser und Habseligkeiten vor der Zerstörung zu retten.

Flugblatt der Waffen-SS nach der Hinrichtung von Brettheim
Flugblatt der Waffen-SS nach den Hinrichtungen von Brettheim
(Bildnachweis: Staatsarchiv Nürnberg).

Am 7. April stehen amerikanische Panzer sechs Kilometer von Brettheim entfernt, als am frühen Morgen vier Hitlerjungen mit Panzerfäusten ihnen entgegenschreiten wollen. In der Molkerei des Ortes regt sich Empörung über die „Rotzbuben“: Der Gemeindediener Friedrich Uhl und der Bauer Friedrich Hanselmann entreißen den Vieren ihre Waffen und der Molkereilehrling Hans Schwarzenberger entsorgt die Gerätschaften im nahegelegenen Weiher – gemäß der NS-Terminologie ein Akt der „Wehrkraft-zersetzung“ und mit dem Tode zu bestrafen. Max Simon, Generalleutnant der Waffen-SS, schäumt vor Wut, als er von der Aktion in Kenntnis gesetzt wird und entsendet den SS-Sturmbannführer Friedrich Gottschalk zum Verhör nach Brettheim. Hanselmann räumt seine Beteiligung ein, Uhl ist flüchtig.

Als Bürgermeister Leonhard Gackstatter und NSDAP-Ortsgruppenleiter Leonhard Wolfmeyer die Unterschrift unter das eben gefasste Todesurteil verweigern, werden sie ebenfalls verhaftet und standrechtlich zum Tode verurteilt. Am Abend des 10. April werden sie an der Seite Hanselmanns an den Linden am Friedhof aufgehängt; die Stühle unter den Verurteilten treten Hitlerjungen fort. Die Leichen sollen auf Befehl Gottschalks drei Tage hängen, und in einer allgemeinen Bekanntmachung kommentiert Simon die Hinrichtung, dass „das deutsche […] Volk entschlossen [ist], mit zunehmender Schärfe solche feigen, selbstsüchtigen und pflichtvergessenen Verräter auszumerzen […].“

Henselmann wird am 9. April 1945 in das Gerichtsgefängnis Rothenburg eingewiesen. Bereits am nächsten Tag wird lapidar seine "Entlassung" im Gefangenenbuch vermerkt - in den Tod (Bildnachweis: Staatsarchiv Nürnberg).
Hanselmann (Nr. 128) wird am 9. April 1945 in das Gerichtsgefängnis Rothenburg eingewiesen. Bereits am nächsten Tag wird lapidar seine „Entlassung“ im Gefangenenbuch vermerkt – in den Tod (Bildnachweis: Staatsarchiv Nürnberg).

Hanselmann und Uhl hätten die Eingangsfrage ohne großes Zögern verneinen können, während SS und HJ in ihrem verbrecherischen Handeln noch immer Chancen für den Sieg sahen und Brettheim halten wollten. Wie von den US-Amerikanern angekündigt, wurde das Dorf am 17. April zerstört.

Ende der 1950er Jahre mussten sich die Täter in mehreren Prozessen verantworten, doch lediglich Gottschalk wurde verurteilt, Max Simon kam mit einem Freispruch davon.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Die Brettheimer Erinnerungsstätte: Homepage.
  • Jürgen Bertram: Das Drama von Brettheim. Eine Dorfgeschichte am Ende des Zweiten Weltkriegs, Frankfurt am Main 2005.
  • Hans Schultheiß: Die Tragödie von Brettheim, Tübingen 2002.
  • Landeszentrale für politische Bildung BW: Die Männern von Brettheim. Lesebuch zur Erinnerungsstätte, Villingen-Schwenningen 1993.

/// Am 12. April legt Hecker endlich los – oder doch nicht?

Bleibe stark! – die widerständige Beerdigung Ludwig Marums in Karlsruhe

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3. April 1934 | Möglichst ohne öffentliches Aufsehen wollte das NS-Regime den Leichnam Ludwig Marums im Karlsruher Krematorien verbrennen und unter die Erde bringen lassen. Lediglich eine randständige Notiz in der „Badischen Presse“ durften seine Ehefrau Johanna Marum und seine drei Kinder schalten – es war sogar untersagt worden, die Uhrzeit der Beerdigung anzugeben. Dass dennoch rund 3.000 KarlsruherInnen dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen, war eine stumme Botschaft des Protests gegen die NS-Herrschaft. In Tüten versteckt wurden Blumen zum Grab gebracht, alles unter den fotografierenden Blicken der Politischen Polizei.

Ludwig Marum blieb entschiedener Gegner der Faschisten - mit allen Konsequenzen (Bildnachweis: Stadtarchiv Karlsruhe; Bearb.: HdG BW/Hemberger).
Ludwig Marum blieb entschiedener Gegner der Faschisten – mit allen Konsequenzen (Bildnachweis: Stadtarchiv Karlsruhe; Bearb.: HdG BW/Hemberger).

Ludwig Marum, geboren am 5. November 1882 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns, schloss sich nach seinem erfolgreichen Jurastudium im Jahre 1904 der SPD an. Sein großes Engagement innerhalb der badischen Sozialdemokratie sowie als sozial denkender Rechtsanwalt ließen ihn 1914 in den badischen Landtag aufrücken. In der Weimarer Republik vertrat Marum wie die gesamte badische Sozial-demokratie gemäßigt-sozialistische Ansichten, getreu der Losung „Sozialismus auf evolutionären Wege, nicht auf revolutionären erreichen“.

Dem Reichstag gehörte der Karlsruher seit 1928 an und übernahm sogleich das Amt des rechtspolitischen Sprechers seiner Fraktion. Sein Status als Jude und Sozialdemokrat machten Marum in doppelter Hinsicht zur Zielscheibe völkisch-nationalistischer und anderer rechtsradikaler Köpfe und Parteien, allen voran der NSDAP. Seine klare Positionierung gegen den aufkommenden deutschen Faschismus vertrat Marum noch anlässlich der letzten halb-freien Reichstagswahl vom 5. März 1933 in einer Freiburger Wahlkampfrede, in welcher er die NSDAP als „Schutztruppe des Kapitalismus“ zu entlarven versuchte.

Die neuen brauen Machthaber ließen keine Zeit verstreichen, sich an ihren Widersachern zu rächen. Am 10. März 1933 wurde Ludwig Marum verhaftet und in „Schutzhaft“ verbracht. Nach zwei Monaten wurde er in einer öffentlichen Schaufahrt in das Konzentrationslager Kislau verlegt. Seine Tochter, Elisabeth Marum-Lunau, erinnert sich:

„Ich stand zitternd am Fenster. Der Vater, ganz hinten auf dem offenen Polizeilastwagen […] sitzend, eingerahmt von SS-Männern, schaute herauf. Ich machte eine kleine, schüchternde Bewegung mit der Hand.“

Kurz darauf wurde ein Angestellter Marums verhaftet, als er sich den aufmerksam gewordenen SS-Männern entgegenwarf, um Marum-Lunau zu schützen.

Marums Briefe auf dem KZ zeugen von seinem großen Lebenswillen und seiner Sorge um die Familie, die durch die Schikanen der Behörden bedrängt wurde. Stark zu bleiben, empfahl er deshalb, als seine Frau Überlegungen äußerte, nach Marums etwaiger Freilassung nach Palästina auswandern zu wollen:

„Du weißt, daß ich meine jüdische Abstammung immer bekenne, daß ich den Zionismus und die Idee eines jüdischen Staates aber ablehne. […] Irgendein Fleckchen Erde wird sich für uns schon finden.“ (Brief vom 04. Aug. 1933).

Jeder könnte es in der Zeitung lesen: Im Konzentrationslager war Ludwig Marum verstorben (Bildquelle: Badische Presse 1. April 1934, S. 20, Digitalisat: Badische Landesbibliothek).
Jeder konnte es in der Zeitung lesen: Im Konzentrationslager war Ludwig Marum verstorben (Bildquelle: Badische Presse, 1. April 1934, S. 20, Digitalisat: Badische Landesbibliothek).

In den wenigen Zeitungsmeldungen über Marums Tod in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1934 wurde von einem Selbstmord des Sozialdemokraten gesprochen und dies mit einem „Anfall von Schwermut“ erklärt; erst nach 1945 wurden die damals bereits kursierenden Gerüchte von einem Mord der KZ-Aufseher an Marum bestätigt.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Monika Pohl:  Ludwig Marum : Gegner des Nationalsozialismus; das Verfolgungsschicksal eines Sozialdemokraten jüdischer Herkunft (=Forschungen und Quellen zur Stadtgeschichte, Bd. 13), Karlsruhe 2013.
  • Friedrich Becker/u.a.: Ludwig Marum. Biographische Skizzen, Karlsruhe 1996 [enthält den Augenzeugenbericht Elisabeth Marum-Lunaus sowie die Briefe Ludwig Marums aus dem KZ Kislau].
  • Harald Denecken/u.a. (Hgg.): „…ihr dürft ihn nie vergessen!“ Der Ludwig-Marum-Preis 1988-1999, Karlsruhe 2000.
  • LEO BW: Biografie und Material zu Ludwig Marum.

/// Am 7. April decken wir das nächste Kalenderblatt auf. Vernunft besiegt den Wahnsinn.

 

Psst, geheim – das württembergische Wahlgesetz wird reformiert

Ein Kommentar

26. März 1868 | „Nach §. 143 wird folgender Paragraph eingeschaltet: „Die Wahlen erfolgen durch geheime Stimmgebung.“ So spröde sich ein zentraler Satz der württembergischen Wahlrechtsreform von 1868 liest, so bewegt war die Zeit, in welcher er formuliert worden war. Vier Jahre zuvor war Württembergs langjähriger Potentat, Wilhelm I. verstorben, der zwar weitgehend verfassungstreu regiert hatte, jedoch im Grunde seines Wesens ein autoritär Handelnder gewesen war. Den Staffelstab an der Spitze des Ländles übernahm sein Sohn Karl, dessen weicherer Charakter durch kommende machtpolitische Krisen und Entscheidungen aufgerieben wurde. In der großen militärischen Entscheidungsschlacht von Königsgrätz zwischen dem aufstrebenden Preußen und Österreich im Jahre 1866 hatte sich Württemberg auf die Seite des südlichen Nachbarn geschlagen. Ein strategischer Fehler, der letztendlich die Souveränität Württembergs vollends abschmelzen ließ. König und Regierung sahen sich gezwungen, dem von Preußen dominierten Norddeutschen Bund und dem zunächst geheimen „Schutz und Trutzbündnis“ beizutreten.

Ein Zentrum würrtembergischer Politik des 19. Jahrhunderts: Das Stuttgarter Ständehaus (Bildnachweis: Marbacher Literaturarchiv/Dt. Schillergesellschaft)
Ein Zentrum württembergischer Politik des 19. Jahrhunderts: Das Stuttgarter Ständehaus (Bildnachweis: Marbacher Literaturarchiv/Dt. Schillergesellschaft).

Auch innenpolitisch war einiges in Bewegung geraten: Kurz nach Königsgrätz war die Deutsche Partei gegründet worden, welche die eingeleitete Entwicklung begrüßte. Als auf Bismarcks Betreiben hin die süddeutschen Länder in der Zollverein integriert wurden, waren besonders die dadurch bevorteilten schwäbischen Unternehmer vom indirekten Abgesang württembergischer Eigenständigkeit angetan – Stichwort: freier Warenverkehr. Zugleich nutzte die wachsende Arbeiterbewegung die deutsche Einigung, um Kräfte zu bündeln und mit der sozialdemokratischen Partei den Kampf für den Sozialismus und um die Parlamente aufzunehmen.

Am 26. März 1868 wurde das Wahlgesetz in Württemberg mit den übrigen Staaten des Norddeutschen Bundes – exklusive Preußen – in Einklang gebracht. Das bedeutete fortan, dass auch im Reiche König Karls die Zweite Kammer direkt, geheim und gleich gewählt wurde. Der alte einschränkende Passus, dass nur Steuerzahler das Wahlrecht ausüben dürfen, entfiel somit; Frauen blieb jedoch das Recht auf demokratische Mitbestimmung bis nach der Revolution von 1918/19 verwehrt.

Die Reform brachte dem Wahlvolk ein kleines Plus an Mitbestimmung, ließ in weiten Teilen allerdings Wünsche offen. Beispielhaft dafür: „Art. 25 Die Wähler erhalten weder für Zeitversäumnis, noch für Zehrungs- und Reiseaufwand eine Entschädigung.“

Eigentlich schade, oder?


Zum Weiterlesen:

/// Eine Beerdigung wird zum stillen Protest: Mehr hierzu am 3. April.

Exil im Südwesten – die Reichsregierung flieht vor dem Kapp-Putsch

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16. März 1920 | Alle sollten es sehen: „Wir stehen auf dem Boden der von uns beschworenen Reichsverfassung.“ So prangte es auf zahlreichen Plakaten, die ab dem 13. März 1920 in Württemberg aufgehängt wurden. Unterzeichnet hatten der württembergische Staatspräsident Wilhelm Blos und der für Württemberg zuständige Reichswehrgeneral Walter von Bergmann.  Ein völkisch-reaktionärer Putschversuch gegen die Demokratie nötigte zu dieser grundsätzlichen Aussage: In Berlin hatten am 13. März Freikorps, Soldaten und rechtsradikale Konservative entscheidende Teile der Reichshauptstadt besetzt. Die Aufrührer unter Führung des ostpreußischen Generallandschaftsdirektors Wolfgang Kapp und des Oberbefehlshabers in den Marken (Berlin-Brandenburg) Walther von Lüttwitz erklärten die Deutsche Nationalversammlung für aufgelöst und die gewählte Regierung für absetzt. Reichspräsident Friedrich Ebert, Reichskanzler Gustav Bauer und der Großteil seiner Minister flohen daraufhin über Dresden nach Stuttgart. Reichsinnenminister Erich Koch-Weser war ebenfalls im Zug und notierte in seinen Reiseaufzeichnungen über die Hoffnungen zahlreicher rechter Republikfeinde:

„Das südlichste Kap Afrikas nannten die Schiffer, solange sie es nicht umsegeln konnten, das Kap der Stürme und als es gelungen war, das Kap der guten Hoffnung – Bei uns kommt hinter einem Kapp der guten Hoffnung, ein Kapp der Stürme“

Deutscher Reichstag im Exil: Tagung im Stuttgarter Kunstbau während des Kapp-Lüttwitz-Putsches (Bildnachweis: #####).
Deutscher Reichstag im Exil: Tagung im Stuttgarter Kunstbau während des Kapp-Lüttwitz-Putsches (Bildnachweis: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, HStA Q 1-2 Bü 43 Bild 94).

Der deutsche Südwesten war nicht windstill, aber deutlich weniger sturmumtost als andere Regionen. Hier vertraute die gewählte Regierung auf den Rückhalt bei Politikern, Bevölkerung und Sicherheitskräften und trat am 15. März zu einer Kabinettssitzung zusammen, um das weitere Vorgehen zu beraten. In den badischen und württembergischen Industriezentren bildeten sich Aktionsausschüsse sozialdemokratischer, kommunistischer und parteiloser ArbeiterInnen, die den Generalstreik regelten. Revolutionäre Betriebsräte und die Gewerkschaften waren ebenso widerständig. Zudem hatten ArbeiterInnen das Daimler Benz-Werk in Mannheim besetzt, um zu verhindern, dass produzierte Fahrzeuge den Putschisten in die Hände fielen.

Dass die Landesregierung und der oberste Soldat in Württemberg die Reichsregierung unterstützten würden, erfuhren alle Württembergerinnen und Württemberger durch Plakate und Zeitungssondermeldungen. Lange mussten Ebert und das Reichskabinett nicht in Stuttgart Zuflucht suchen. Der umfassende Widerstand ließ den Kapp-Lüttwitz-Putsch nach vier Tagen zusammenbrechen. Reichspräsident Ebert und Teile der Regierung blieben noch bis zum 20. März 1920 in Stuttgart. Dann kehrten sie nach Berlin zurück und zerstreuten damit aufkommende Gerüchte, dass das sichere Stuttgart nun dauerhaft Hauptstadt der Deutschen Reiches werden könnte.

(Gemeinsam verfasst mit Dr. Christopher Dowe).


Zum Weiterlesen und – forschen:

  • Hauptstaatsarchiv Stuttgart: Q 1/2 Bü 43 Nachlass Dr. Conrad Haussmann [enthält zahlreiche Unterlagen und Materialien zum Kapp-Putsch].
  • Wilhelm Blos: Der Kapp-Putsch, in: Paul Löbe (Hg.): Friedrich Ebert und seine Zeit. Ein Gedenkwerk über den ersten Präsidenten der deutschen Republik. Volksausgabe, Berlin 1926, S. 279-302 [Schilderung der Exilzeit des Parlaments in Stuttgart].
  • Unsere Sonderausstellung „Vertrauensfragen“ gewährt noch bis August 2019 erkenntnisreiche Einblicke in die Frühzeit der Weimarer Republik: Homepage der Ausstellung.

/// Am 19. März stellt sich die Frage: Republik oder nicht?

Lauter Störfälle – die Schönauer Stromrebellen übernehmen das Stromnetz

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10. März 1996 | Spannung ist messbar, das bestätigt jeder und jede ElektrotechnikerIn. Die emotionale Spannung, die an diesem besonderen Wahlabend in der kleinen südbadischen Kommune Schönau herrschte, war unermesslich: Wer würde im jahrelangen Ringen um das Stromnetz den Sieg davontragen: Die Stromrebellen oder der etablierte Versorger, die „Kraftübertragungswerke Rheinfelden“ (KWR)? Der Aufbruch in die Zukunft der Energieversorgung in Schönau begann mit einer Katastrophe, die sich über 1.600 Kilometer weiter östlich abgespielt hatte, mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl. Das Ehepaar Ursula und Michael Sladek ergriff zusammen mit anderen alarmierten Schönauern die Initiative und nahmen den Kampf gegen Nutzung der Kernkraft im eigenen Land auf.

Durch energisches Stromsparen sollte den großen Stromkonzernen das Geld abgegraben werden. Jedoch wuchs rasch die Erkenntnis, dass die Lösung nur eine vollständige Loslösung von der Abhängigkeit externer Stromversorger sein konnte: Ende 1990 gründet sich die Netzkauf Schönau GbR. Anfang 1991 verlängerte der Gemeinderat den bestehenden Konzessionsvertrag mit der KWR, die auf Atomkraft setzte und als kapitalkräftiger Stromanbieter für viele Menschen vor Ort die sicherere Wahl darstellte. Die Stromrebellen von der Netzkauf organisierten daraufhin einen Bürgerentscheid, der im Oktober 1991 richtungsweisend ausging: 55,7% stimmten für die Aufnahme von Verhandlungen zum Kauf des lokalen Stromnetz.

Je enger, desto größer der Widerstand, ist eine weitere Regel in der Elektrolehre. Enger wurde es für die KWR nach der Gründung der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) im Jahre 1994. Nachdem der Gemeinderat im November 1995 entschieden hatte, der EWS den Konzessionszuschlag zu geben, strebte diesmal die unterlegene CDU-Fraktion einen Bürgerentscheid an, um das „drohende Abenteuer“ abzuwenden. Während die KWR und die Bürgerinitiative „Pro Bürgerentscheid“ mit Zahnbürsten, Flugblättern und moderner Technik eine sichere Stromversorgung und stabile Preise versprachen, warben die Stromrebellen mit Marmelade, nachhaltigen Argumenten und viel persönlichen Einsatz für ein „Nein“ zur Verlängerung des KWR-Vertrags. Am Wahlabend zeigte sich erneut, wie zerrissen die Kommune bezüglich der Stromfrage war: Mit lediglich rund 54% der abgegebenen Stimmen erteilten die Schönauer dem alten Stromversorger KWR eine Absage. Die siegreichen Stromrebellen traten nun die mühevolle Aufgabe an, das Stromnetz aufzukaufen und die Elektrizitätsversorgung in eigene Hände zu nehmen.

Das Schönauer Beispiel hat Schule gemacht: Einige Kommunen in Deutschland betreiben bereits die lokale Stromversorgung in Eigenregie, in BürgerInnenhand.


Zum Weiterlesen und -schauen:

  • Bernward Janzing: Störfall mit Charme. Die Schönauer Stromrebellen im Widerstand gegen die Atomkraft, Vöhrenbach 2008.
  • DVD: Die Schönauer Gefühl. Die Geschichte der Stromrebellen aus dem Schwarzwald. Eine Produktion des Fördervereins für umweltfreundliche Stromverteilung und Energieerzeugung Schönau im Schwarzwald e.V., Schönau 2007.

/// Am 12. März geht es spannend weiter: Frauenpower an der Uni in unserem Onlinekalender.

Weil Blumen nicht reichen – der Frauenstreik in Tübingen

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8. März 1994 | Der Weltfrauentag, ein zweiter Muttertag mit Blumen und Geschenken? Streitbare Frauen wie Edda Rosenfeld, über viele Jahre Frauenbeauftragte der Stadt Tübingen, wollten neue Wege beschreiten: „Wir müssen mal ein bisschen aus dem Rahmen fallen, um zu irritieren und nicht nur immer mehr vom selben zu tun!“, so ihre damalige Überzeugung als Mitglied des Vorbereitungsteams zum Frauenstreik 1994. Vorläufer der Proteste waren unter anderem der Frauenstreik auf Island im Jahr 1975 sowie der Streik in der Schweiz 1991. In der eher beschaulichen Universitätsstadt Tübingen fielen die streikenden Frauen mit zahlreichen Aktion richtig aus dem Rahmen: Neben der Blockade des Lustnauer Tors durch 200 Aktivistinnen sorgten die Streikenden unter anderem mit einer humorvollen Abladeaktion typischer Hausarbeitsgeräte auf dem Marktplatz für Aufmerksamkeit.

Die Themen, welche auf den Kundgebungen und kreativen Happenings zur Sprache gebracht wurden, waren vielfältig: Ungleiche Löhne, Gewalt gegen Frauen, eine Doppelbelastung durch Arbeit und Haushalt, überkommene Rollenklischees, § 218 und viel mehr. Dass es sich hierbei nicht um reine Frauenprobleme handelte, sondern um gesamtgesellschaftliche, versuchte die Frauenbewegung jener Jahre zu vermitteln. An zahlreichen anderen Orten in Baden-Württemberg wiederholten sich die Tübinger Szenen: In Stuttgart besetzten Frauen den Verkehrsknotenpunkt Charlottenplatz und erhoben Forderungen nach einer Umbenennung des Karlsplatz in Clara-Zetkin-Platz. In Heidelberg hieß der Rathausplatz einen Tag lang Rote-Zora-Platz. Hier öffnete Oberbürgermeisterin Beate Weber das Rathaus den streikenden Frauen. Echte Arbeitsniederlegungen in den Betrieben blieben allerdings die Ausnahme, auch wenn vereinzelnd Betriebsversammlungen dazu genutzt wurden, die Anliegen des Frauenstreiktags zu diskutieren.

Auch 20 Jahre später seien die damals vorgetragenen Forderungen noch immer tagesaktuell, bemerkt Susanne Rückl-Kohn, Leiterin des Bildungszentrums und Archivs zur Frauengeschichte Baden-Württembergs Tübingen (BAF e.V.). Höchste Zeit also, selber aktiv zu werden: Heute findet bundesweit eine Neuauflage der 1994er-Aktionen statt: Bunt, kreativ, laut soll es werden – und Sie mittendrin? Das gilt selbstverständlich auch für alle Männer.

Wir bedanken uns bei Edda Rosenfeld sowie bei Susanne Rückl-Kohn vom BAF. e.V. Tübingen.


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