Gebildet in der Kneipe – der Mannheimer Arbeiter-Bildungs-Verein

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23. April 1861 | Eine Kneipe als Hort der Bildung? Statt Gesprächen auf Stammtischniveau geistige Konversationen? Warum nicht! Als am 23. April 1861 in der Gastwirtschaft „Halber Mond“ in den Mannheimer Quadraten der Arbeiter-Bildungs-Verein gegründet wurde, war dies ein deutliches Signal des Bildungs- und Emanzipationshungers des Proletariats an Rhein und Neckar.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts brachen sich massive wirtschaftliche und soziale Veränderungen auf deutschem Boden die Bahn. Städte wie „Monnem“ (Mannheim) entwickelten sich von handwerklich geprägten Siedlungen zu Zentren des industriellen Fortschritts. Mit den Schornsteinen und Fabrikhallen wuchs die Zahl derer, die ihre Arbeitskraft in Zehn- oder Zwölfstundenschichten an die Unternehmerschaft verkauften und fortlaufend Mehrwert für diese erarbeiteten. In der Zeit des Vormärz (1830 bis 1848) wuchs unter Handwerkern und ArbeiterInnen, allen voran in den deutschen Ländern, in Belgien, der Schweiz, Frankreich und England das Bedürfnis, sich zusammenzuschließen, die Interessen ihrer Klasse zu vertreten und den eigenen Lebensstandard zu verbessern.

Eichelsdörfer wusste: Der Bildungshunger der Massen muss gestillt werden (Bildnachweis: Generallandesarchiv Karlsruhe; Bearb.: HdG BW/Hemberger).
Eichelsdörfer wusste: Der Bildungshunger der Massen muss gestillt werden (Bildnachweis: Generallandesarchiv Karlsruhe; Einfärbung.: HdG BW/Hemberger).

Radikale sozialistische Vordenker wie Wilhelm Weitling, Karl Marx und Friedrich Engels setzten sich in solchen Vereinigungen wie dem „Bund der Gerechten“ (ab 1847 „Bund der Kommunisten“) dafür ein, nicht nur ein Stück vom guten Leben, sondern den ganzen Kuchen zu erobern. Dies bedeutete auch, durch Selbstbildung das theoretische Handwerkszeug für die politische Revolution zu erlangen. In Mannheim hatten sich zwischen 1844 und 1847 Handwerker und Gesellen zu einem Verein zusammengeschlossen; deutschlandweit bündelte der Dachverband „Allgemeine deutsche Arbeiterverbrüderung“ die verschiedenen Bildungsvereine der aufstrebenden Klasse. Nach der misslungenen Revolution von 1848/49 wälzte sich eine Verbotswelle durch die Länder, der auch der 1848 wieder aufgeblühte Mannheimer Verein zum Opfer fiel. Der Hunger nach Bildung und politischer Mitbestimmung war allerdings so groß, dass die Arbeiterbewegung rasch die Durststrecke überwinden konnte.

Der gelernte Schuhmacher Johann Peter Eichelsdörfer war in Mannheim eine treibende Kraft bei der Gründung des Arbeiter-Bildungs-Vereins im Jahre 1861, dem ersten dieser Art in Baden. Während sich in Leipzig im Jahre 1863 mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) unter der Führung Ferdinand Lassalles eine politische Partei bildete, fand sich in Frankfurt am Main am 7. Juni desselben Jahres der „Verband deutscher Arbeitervereine“ zusammen. An der Zusammenkunft zahlreicher Arbeiter-Bildungsvereine, auch liberaler Prägung, nahm Eichelsdörfer teil.  Er forderte in seiner Rede den Unterricht in „Elementargegenständen“ wie Lesen, Buchhaltung, Warenkunde, aber auch sittlichen Unterricht. Konsequent wurde in der Abschlussresolution die „geistig[e], politisch[e], bürgerlich[e] und wirtschaftlich[e] Hebung des Arbeiterstandes“ als Ziel ausgegeben.

„Wissen ist Macht“, betonte der Sozialist Wilhelm Liebknecht, der selber in den 1840ern Volksschullehrer im Schweizer Exil gewesen war. In Mannheim eroberten sie diese Macht seit 1861 Seite um Seite, Vortrag für Vortrag – nicht nur im „Halben Mond“.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Um Aufklärung anderer Art war ein Verband mehr als 120 Jahre später bemüht. Lesen Sie am 25. April mehr zu diesem Thema.

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