Nai hämmer g’sait – das AKW-Baugeländes Wyhl wird besetzt

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18. Februar 1975 | Viele Menschen im südbadischen Wyhl am Rhein und in Marckolsheim im Elsass waren Mitte der 1970er Jahren überzeugt: Vor Ort stellt sich die Frage nach „Pest oder Cholera“ schon nicht mehr. Ihre Behörden und Regierungen hatten sich einfach für beides entschieden. Im September 1974 startete ein Münchner Chemiekonzern in Marckolsheim mit dem Bau eines Bleichemiewerks. Allerdings wurde der Bauplatz umgehend von Umweltbewegten links und rechts des Rheins besetzt, die unter anderem ein „Freundschaftshaus“ einrichteten und den Protest am Laufen hielten.

Plakat "Nai hämmer gsait!"
Plakat „Nai hämmer gsait!“ Bild: Haus der Geschichte

Am 17. Februar 1975 rollten in Wyhl die Baumaschinen an, um mit dem Bau eines Kernkraftwerks zu beginnen. Diese (und andere) müssten gebaut werden, sonst gingen noch vor 1980 die Lichter aus, wie der baden-württem-bergische Ministerpräsident Hans Karl Filbinger eindringlich warnte. Zunächst gingen jedoch die Motoren der Maschinen aus, nachdem hauptsächlich Hausfrauen sich am 18. Februar wütend den Bauarbeitern entgegengestellt hatten. Der weiblichen Avantgarde folgten die Männer: Gerd Auer erinnert sich als Zeitzeuge, wie Aktivisten sich an einen Kran klammerten und diesen letztendlich Schachmatt setzten. Zelte wurden aufgestellt, es wurde gekocht, diskutiert. Die angerückte Polizei beschränkte sich auf das Fotografieren der Besetzenden sowie auf das Ausstellen von hohen Geldstrafen. Während am Folgetag lokale CDU-Politiker wie Hermann Person noch den Dialog suchten, erregte Filbinger mit seiner These, dass die Proteste in Wyhl von bundesweit organisierten Extremisten gesteuert werden würden, massiven Unmut. Sogar einzelne Ortsverbände der CDU warfen dem Landeschef Kurzsichtigkeit vor. Auf Protestschildern tauchte immer häufiger eine Klarstellung der eher konservativ-wählenden Bevölkerung um Wyhl auf: „Ihr Stuttgarter Herre, gän blo acht, daß ihr üs Kaiserstühler keini Radikali macht!“

Am 20. Februar wurden die 150 Besetzenden gewaltsam mit Wasserwerfern von der Baustelle vertrieben. Männer hätten geweint, erinnert sich Annemarie Sacherer an die Ausnahmesituation. Doch der Kampfgeist war damit nicht gebrochen. Zahlreiche Bürger- und Umweltinitiativen blieben standhaft, das Gelände wurde erneut besetzt und mit umweltpolitischen Leben erfüllt. Zeitzeuge Walter Mossmann warnt allerdings davor, den Protest zu harmonisch zu zeichnen und die internen Spannungen nachträglich zu verwischen. In manchen Punkten habe Einigkeit bestanden, jedoch keine Einheitlichkeit. Erfolgreich waren sie, die CDU-Mitglieder und Linken, die Winzer und Hausfrauen, die Umweltschützenden und Schöpfungsbewahrer, am Ende doch. 1977 wurde der Bau eingestellt und Wyhl trat die Karriere als Mythos und Ikone der Umweltbewegung an.

Ach ja, die Lichter gingen nicht aus.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Archiv der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen: Wyhl
  • Mitwelt.de: Umfassende Dokumentation zu Wyhl, bspw. zu den Protestplakaten jener Jahre
  • Hanno Hurth/Gerhard A. Auer (Hg.): Siebenunddreißig Wyhl-Geschichten, Emmendingen 2014
  • Bernd Nössler/Margret de Witt (Hg.): Wyhl. Kein Kernkraftwerk in Wyhl und auch sonst nirgends. Betroffene Bürger berichten, Freiburg 1976
  • Nina Gladitz (Hg.): Lieber aktiv als radioaktiv. Wyhler Bauern erzählen. Warum Kernkraftwerke schädlich sind. Wie man eine Bürgerinitiative macht und sich dabei verändert, Berlin 1976
  • Manfred Richter: Bürger, helft Euch selbst. Wyhl – ein Beispiel. Ein Fotodokument, Reinach 2015

/// Eine Stimme haben, auch in einer anderen Sprache: Am 20. Februar decken wir das nächste Kalenderblatt auf.

Auf großer Bühne – der Mössinger Streik gegen Hitler

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31. Januar 1933 | Nur ein kleiner, von unbeugsamen Schwaben bewohnter Ort leistete Widerstand. Eigentlich wollte die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) die Machtübergabe an Adolf Hitler mit einem nationalen „Massenstreik“ beantworten. Aber die „Massen“ wollten nicht so recht mitmachen. Allein im 4.000 Einwohner großen Mössingen folgten fast 1.000 Arbeiterinnen und Arbeiter tatsächlich dem Aufruf zur Arbeitsniederlegung. Ausgerechnet hier, weit weg vom roten Berlin, am Rand der Schwäbischen Alb.

Am 31. Januar 1933 versammelten sich 100 Menschen um 12 Uhr vor der Langgas Turnhalle. Mössingen war ein regionales Zentrum der Textilindustrie. Also zogen die Demonstranten von einer Textilfabrik zur nächsten. Zunächst zur Mechanischen Weberei Pausa, wo sich nach einer eindringlichen Rede des KPD-Unterbezirkschefs Fritz Wandel ein Großteil der Belegschaft anschloss, danach ging es weiter zur Trikotwarenfabrik Merz und schließlich zur Buntweberei Burkhardt. Bei Merz stieß der Zug auf keinerlei Verständnis, nicht nur der Eigentümer, auch die meisten Arbeiterinnen weigerten sich, mitzumachen. Und bei Burkhardt waren die Tore bereits verschlossen. Bei der Rückkehr zur Turnhalle warteten 40 Reutlinger Schutzpolizisten mit Gummiknüppeln auf die Streikenden. Über 70 Teilnehmer wurden verurteilt, darunter die Anführer des Streiks Jakob Stotz, Fritz Wandel und Martin Meier zu bis zu zweijährigen Gefängnisstrafen.

Zum 80. Jahrestag brachte das Theater Lindenhof im Jahr 2013 die Geschichte des Streiks in einer alten Werkshalle der Textilfirma Pausa auf die Bühne. Rund 100 Laiendarsteller und 50 Musiker aus Mössingen und Umgebung erarbeiteten sich dafür das Stück von Franz Xaver Ott „Ein Dorf im Widerstand“. Die Rundfunkjournalistin Katharina Thoms, die ursprünglich nur einen Beitrag über den Streik hatte anfertigen wollen, entschloss sich dazu, einen Dokumentarfilm daraus zu machen. Sie verfolgte monatelang mit der Kamera die Proben und beobachtete, wie sich die Mössinger ihrer vor Ort sehr kontrovers beurteilten Geschichte annäherten. Das Stück wurde rund 40 Mal aufgeführt, Thoms Film „Widerstand ist Pflicht“ feierte seine Premiere am 31. Januar 2015.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Schneller, als die Polizei erlaubt? Schon morgen erscheint unser nächster Kalendereintrag.

Vielfalt in der Schule – die Petition gegen den Bildungsplan 2015

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30. Januar 2014 | Was bedeutet Toleranz? Was heißt Vielfalt? Wie werden Kinder an Schulen diskriminiert? Wie werden Leitbilder für die Lehrpläne festgelegt? Wie sieht gesellschaftliche Teilhabe an der Schule aus? Und letztlich auch: Wie wollen wir miteinander reden?

All diese Fragen löste eine Petition aus, die am 30. Januar 2014 dem zuständigen Petitions-Ausschuss des Landtags in Stuttgart übergeben wurde. Gabriel Stängle, Lehrer an einer Realschule in Nagold, hatte sie unter dem Titel „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ verfasst und überreichte sie zusammen mit 192.000 Unterschriften (darunter 82.000 aus Baden-Württemberg), von denen die meisten digital erfolgt waren. Ein Arbeitspapier des Kultusministeriums für den neuen Bildungsplan 2015, in dem die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als Querschnittsthema im Unterricht vorgesehen war, bildete den Stein des Anstoßes. Stängle erkannte darin eine „pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung“.

Es folgten eine Gegenpetition und eine teilweise hochemotionale Auseinandersetzung, mit wechselseitigen Anschuldigungen und Beleidigungen, wie sie im Internet-Zeitalter leider üblich geworden sind. Die eigentlich spannenden Fragen (siehe oben) rückten immer mehr in den Hintergrund.

Die Petition selbst wurde zwar vom Ausschuss am 8. Oktober 2014 abgelehnt, völlig wirkungslos blieb sie dennoch nicht. Das Ministerium verschob die Einführung des Bildungsplans und wählte allgemeinere Formulierungen.


Weiterführende Informationen:

/// Morgen befassen wir uns mit einem einsamen Generalstreik.

Die schwäbische Vogelmutter – Lina Hähnle und der „Bund für Vogelschutz“

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23. Januar 1899 | „Viele Vögel, welche früher sehr häufig waren, sind selten geworden, aus einigen Gegenden ganz verschwunden.“ Diese erschreckend aktuell klingende Feststellung stammt nicht von der jüngsten Vogelzählung. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts brachte Lina Hähnle ihre tiefe Besorgnis über einen langfristigen dramatischen Rückgang der Vögel zum Ausdruck: „Seit Jahrzehnten macht sich eine rasche Abnahme unserer gefiederten Sänger in Wald und Feld mehr und mehr bemerkbar.“ In ihrem Aufruf für die Gründung eines „Bundes für Vogelschutz“ am 23. Januar 1899 machte Hähnle vor allem den Menschen verantwortlich dafür: die Beseitigung der Heckenland-schaften, die Nutzung der Vögel als Lebensmittel und nicht zuletzt die Ausbeutung durch die Modeindustrie, die für den Hutschmuck die Federn von Millionen von Vögeln tötete.

Ihr unwiderstehliches Charisma sowie die große Fähigkeit zu organisieren und tatkräftig anzupacken, machten Lina Hähnle zu einem Glücksfall für den Naturschutz. Zunächst führte sie 1898 die vielen lokalen Initiativen in Württemberg zum „Schwäbischen Bund der Vogelfreunde“ zusammen.

Sie wollte die bedrohten "gefiederten Sänger" schützen: Lina Hähnle (Bildnachweis: NABU-Archiv).
Sie wollte die bedrohten „gefiederten Sänger“ schützen: Lina Hähnle (Bildnachweis: NABU-Archiv; Bearbeitung: HdG BW).

Am 15. Dezember 1898 wurde der nächste Schritt beschlossen. Nach öster-reichischem Vorbild plante sie einen schlagkräftigen nationalen Verband: Am 1. Februar 1899 entstand in der Stuttgarter Liederhalle der angekündigte „Bund für Vogelschutz“. Der heutige „Naturschutzbund Deutschland“ (NABU) hat hier seine Anfänge.

Hähnles Netzwerke in Württemberg erleichterten ihr den Start. Die am 3. Februar 1851 in Sulz am Neckar geborene Hähnle gehörte zum Bürgertum. Ihr Mann Hans Hähnle, Filzfabrikant in Giengen an der Brenz, verfügte als langjähriger liberaler Reichstagsabgeordneter über vielfältige Kontakte zu Politik, Wirtschaft und Kirche. Zu den regelmäßigen Spendern für den Vogelschutzbund zählte zum Beispiel Robert Bosch, der aus dem nicht weit von Giengen entfernten Albeck stammte. Wichtige Impulse kamen auch von den im Tübinger Stift ausgebildeten evangelischen Theologen, die frühzeitig für die Bewahrung der göttlichen Schöpfung eintraten. Allein in Württemberg traten 1899 rund 3500 Mitglieder in den Bund ein. Der bewusst niedrig gehaltene Mitgliedsbeitrag ebnete den Weg zu einem breit in der Bevölkerung verankerten Verband.

Hähnle bewies nicht zuletzt im Umgang mit der Politik großes Geschick. Sie steuerte ihren Verband sehr anpassungsfähig fast 40 Jahre als Vorsitzende durch drei völlig verschiedene politische Systeme: das Kaiserreich, die Weimarer Republik und bis Ende 1937 auch durch die NS-Diktatur.


Zum Weiterlesen empfohlen:

  • Hans-Werner Frohn / Jürgen Rosebrock (Hg.): Spurensuche – Lina Hähnle und die demokratischen Wurzeln des Naturschutzes, Essen 2017.
  • Horst Hanemann / Jürgen M. Simon: Die Chronik eines Naturschutzverbandes von 1899-1984, Wiesbaden 1987.
  • Hansjörg Küster: Lina Hähnle in den Netzwerken Württembergs, in: Frohn / Rosebrock (Hg): Spurensuche – Lina Hähnle und die demokratischen Wurzeln des Naturschutzes, Essen 2017, ebd., S. 57-66.
  • Anna-Katharina Wöbse: Lina Hähnle (1851-1941): Vogelschutz in drei Systemen, in: ebd., S. 35-56.

/// Am 28. Januar berichten wir über eine Petition, die der Staatsmacht missfiel. Bleiben Sie gespannt!

 

 

Ein Roter in der „Schwarzen Zunft“ – Heinrich Dietz gründet seinen Verlag in Stuttgart

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31. Dezember 1881 | Johann Heinrich Wilhelm Dietz war ein Meister der „Schwarzen Zunft“. Doch nicht in dunklen Alchemielaboren und Hexerküchen arbeitete er,   sondern umgeben von modernen Druckpressen, Setzkästen und bestens vernetzt mit wichtigen VordenkerInnen der deutschen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Als gelernter Schriftsetzer fand er schnell Anschluss an das erstarkende Gewerkschaftswesen und trat um 1875 der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der späteren SPD, bei.

1878 erfolgte Bismarks Schlag gegen die Sozialdemokraten: Mit den „Sozialistengesetzen“ wurde die Parteiarbeit illegal , Kreativität war gefragt. Als 1880 die örtlichen Behörden eine bedeutsame Parteidruckerei in Leipzig schließen wollten, sprang der Sozialdemokrat Carl Höchberg in die Bresche, übernahm als Privatmann zum Schein den Betrieb und war umgehend gezwungen, seine Zelte in Stuttgart neu aufzuschlagen. In Württemberg war die Handhabung der „Sozialistengesetze“ weit weniger streng. Mit im Gepäck war auch Heinrich Dietz, der schlussendlich am 31. Dezember 1881 den J.H.W. Dietz-Verlag in das Stuttgarter Handelsregister eintragen lies.

Die eigentliche Arbeit begann für Dietz erst jetzt: Als sozialistischer Unternehmer musste er die Finanzen genauso im Auge haben wie die „niedliche Polizeiwirtschaft“ (Zitat Franz Mehring) in Württemberg, die mit der Beschlagnahme eines frühen Bestsellers, des „Omnibus-Kalenders“ den jungen Verlag in der Substanz bedrohte. Das Sortiment blieb im ersten Jahr bescheiden, doch schon in den darauffolgenden rotierten die Druckmaschinen immer schneller. Die Theoriezeitschrift „Die Neue Zeit“ bot ab 1882 eine Plattform für den wissenschaftlichen Sozialismus, Klassiker wie Karl Marx‘ Werk „Das Elend der Philosophie“, Wilhelm Liebknechts „Volks-Wörterbuch“ oder Karl Kautskys „Karl Marx‘ Ökonomische Lehren“ brachten Wissen unter lese- und wissenshungrige ArbeiterInnen im ganzen Deutschen Reich. Ganz im Sinne des in der Arbeiterbewegung verbreiteten Bonmots Sir Francis Bacons „Wissen ist Macht!“ Kein Witz: Die gesellschaftskritische Satirezeitschrift „Der Wahre Jacob“ ermöglichte dem Dietz-Verlag mit ihren guten Verkaufszahlen so manche trostlose Zeit zu überstehen.


Zum Weiterlesen:

/// Mit Frauenpower starten wir ins neue Jahr! Den nächsten Eintrag lesen Sie am 5. Januar.

Kerzen gegen das Dunkel – die Stuttgarter Lichterkette

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20. Dezember 1992 | Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier… An diesem 4. Adventssonntag brannten aber nicht nur vier Kerzen: Um 17.30 leuchteten mehr als 120.000 Lichter in Stuttgart auf. Die Kette der TeilnehmerInnen reichte über 11 km lang vom Erwin-Schoettle-Platz in Heslach bis zum Marktplatz in Bad Cannstatt. Die politische Prominenz fehlte ebenfalls nicht: Ministerpräsident Erwin Teufel, Wirtschaftsminister Dieter Spöri und Oberbürgermeister Manfred Rommel hatten sich vor dem Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Alten Schloss eingereiht. Auch in Karlsruhe und Tübingen fanden Aktionen statt.

Zuvor waren bereits am 6. Dezember 1992 in München rund 400.000 Menschen in einer Lichterkette gegen „Fremdenhass“ auf die Straße gegangen. Den Auslöser dafür hatte die dramatische Zunahme von ausländerfeindlichen Straftaten nach den gewalttätigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 geliefert. Auch in Baden-Württemberg war es zu Angriffen gekommen. In Mannheim hatten am 28. Mai Anwohner in Schönau ein Flüchtlingsheim angegriffen. Allein in Stuttgart wurden innerhalb eines Jahres rund 100 fremdenfeindliche Straftaten gezählt.

Dem Münchener Beispiel wollte vor allem die 51-jährige Ingeborg Höch folgen. Der Initiative der im Stadtbezirk Weilimdorf lebenden Autorin und Lektorin war es zu verdanken, dass auch in Stuttgart ein Zeichen gesetzt werden konnte. Oder wie es ein Mechanikmeister aus Cannstatt formulierte: „Das ist eine stille Demonstration dafür, dass die Mehrheit der Deutschen nicht zu den Rechten gehört.“

Um 18.20 Uhr löste sich die Lichterkette wieder auf.


/// Zwischen den Jahren, am 27. Dezember, dürfen Sie sich auf das nächste Kalenderblatt freuen.

Freiheit für Mögglingen – der lange Weg für eine Umgehung

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18. Dezember 1999 | Diese Dame ist 46 Meter groß, allein ihre Nase ist 1,37 Meter lang. Seit 1886 steht sie auf einer kleinen Insel. Wer die Freiheitsstatue sehen will, muss aber gar nicht erst nach New York City fliegen – er kann sie auch in Mögglingen ansehen. Zugegeben, in Mögglingen befindet sie sich erst seit 1999 und die ganze Größe hat sie auch nicht. Der Weg zu ihr ist auch nicht ganz ungefährlich: Weit mehr als 30.000 Fahrzeuge brummen täglich an ihr vorbei.

Miss Liberty im Ostalbkreis, Protest für den Bau der Umgehungsstraße Mögglingen
Miss Liberty im Ostalbkreis: Protest für den Bau der Umgehungsstraße Mögglingen (Bildnachweis: Ottmar Schweizer)

Die B29 führt direkt durch die 4.300 Einwohner große Gemeinde. Die Verbindung von Stuttgart nach Aalen und zur A7 ist eine der wichtigsten Ost-West-Verbindungen im Land. Seit Ende der 1950er Jahre wurde nach einer Lösung gesucht, doch nichts geschah. Nur der Verkehr wuchs stetig weiter an, für die Bewohner eine zunehmend unerträgliche Situation. Lärm, Abgase, Unfallgefahr und Wertverlust der Häuser – die Lebensqualität geriet wortwörtlich „unter die Räder“. Dass es so nicht weitergehen konnte, war allen klar. Aber wohin sollte der Verkehr? Auf einer neuen Straße südlich vorbei geführt werden? Oder durch einen Tunnel unter der Gemeinde verschwinden?

Als 1990 diese zwei Alternativen auf dem Tisch lagen, entzweite sich die Gemeinde im Streit darüber. Zwei Bürgerinitiativen entstanden: „B 29 raus“ wollte die Südumgehung, während sich „Bürger für Natur- und Umweltschutz unterm Rosenstein“ für die Tunnelvariante stark machte. Ein Bürgerentscheid im Februar 1991 brachte eine Mehrheit für die Umgehungsstraße und auch bei einem zweiten Entscheid im Juli 1999 stimmten fast 60 % erneut gegen den Tunnel. Für die „Bürger für Natur- und Umweltschutz unterm Rosenstein“ war das eine herbe Enttäuschung. Die am 18. Dezember 1999 aufgestellte Freiheitsstatue geriet so zum Symbol für die Trennung. Während die Unterstützer von „B29 raus“ die Statue als Mahnung an die Landes- und Bundespolitiker verstanden, nun endlich „Freiheit für Mögglingen“ zu schaffen, erinnerte es die unterlegenen Tunnelbefürworter an ihre Niederlage.

So oder so - Visualisierung der Umgehungsstraße bei Mögglingen
So oder so – Visualisierung der Umgehungsstraße bei Mögglingen vor Baubeginn (Bildnachweis: Bürger für Natur- und Umweltschutz unterm Rosenstein)

Im Juli 2014 kam vom Bundesverkehrs­ministerium die Zusage für die Umgehungsstraße. Inzwischen steht der Bau kurz vor seinem Abschluss. Die Gegner von einst sehen die Straße immer noch skeptisch. Aber sie sind nicht resigniert im Abseits verharrt. Der Verein „Bürger für Natur- und Umweltschutz unterm Rosenstein“ hat sich neu orientiert und engagiert sich nun nicht zuletzt im Obst- und Gartenbau.

Und wenn Sie die Miss Liberty der Ostalb noch sehen wollen, müssen Sie sich beeilen: Zur Eröffnung der neuen Straße wird die Freiheitsstatue abgebaut werden. Aber bitte nicht mit dem Auto kommen!


/// Es werde Licht gegen den Fremdenhass. Am 20. Dezember folgt unser nächster Kalendereintrag.

Liebesheirat oder Zwangsehe? – eine Volksabstimmung bringt den Südweststaat

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9. Dezember 1951 | Mit erhobenen Zeigefinger mahnte vor über 200 Jahren der Württemberger Friedrich Schiller: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet!“ Ansonsten würden die Partner den Bund der Ehe auf unbestimmte Zeit bereuen. Was bereits bei zwei Menschen reichlich Konfliktpotential birgt und gut überlegt sein möchte, ist umso komplizierter, wenn ganze Regionen zusammengehen. Unser Bindestrich-Bundesland Baden-Württemberg ist das beste Beispiel hierfür.

Streithähne in Baden und Württemberg - Abstimmung über den Südweststaat 1951
Streithähne in Baden und Württemberg, vereinigt euch! – Plakat der Arbeitsgemeinschaft für die Vereinigung Baden-Württemberg

Nach 1945 zogen die alliierten Besatzungsmächte USA und Frankreich die Ländergrenzen neu, es entstanden Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern. Dabei spielten historisch gewachsene Räume und Beziehungen nur bedingt eine Rolle. Schnell flammten Rufe nach der Bildung eines Südweststaates auf. Starke Fürsprecher der Vereinigung waren die Regierungschefs Reinhold Maier (Württemberg-Baden) und Gebhard Müller (Württemberg-Hohenzollern), die dessen Umsetzung über einen Staatsvertrag anstrebten. „Nur das Volk kann entscheiden!“, hielt der badische Regierungschef Leo Wohleb entgegen und pochte zugleich auf die Selbstständigkeit eines wiedervereinten Badens. In einer rechtlich nicht bindenden Volksbefragung am 24. September 1950 spiegelte sich des Volkes Stimme durchwachsen wieder: Die Württemberger und Hohenzollern sprachen sich mit rund 90% für den Südweststaat aus; die Nordbadener befürworteten ihn mit immerhin 57%, während die Südbadener mit fast 60 % dagegen stimmten.

Auch auf Bundesebene wurde heftig diskutiert: Bundeskanzler Adenauer (CDU) fürchtete einen Machtverlust im Bundesrat, wenn die CDU-dominierten Länder Baden und Württemberg-Hohenzollern von der politischen Bühne verschwänden. Letztendlich fand die Idee einer Volksabstimmung in vier Abstimmungsbezirken eine Mehrheit, nicht ohne lebhaften Protest Leo Wohlebs, der die zähltechnische Spaltung Badens in Nord und Süd nicht hinnahm und das im Aufbau begriffene Bundesverfassungsgericht (BVerfG) anrief. Ohne Änderung wurde die Abstimmung auf den 9. Dezember 1951 festgelegt.

 

Das gesamte Jahr 1951 stand im Zeichen einer regelrechten Propagandaschlacht für und wider die Einrichtung des Südweststaates. Die „Arbeitsgemeinschaft der Badener“ warnte vor der „Vergewaltigung“ Badens und einer möglichen politischen und finanziellen Ungleichbehandlung durch die Württemberger. Romantische Heimatmotive wie die bollenhuttragende Dame auf Plakaten oder Leo Wohlebs Anrufung der freiheitlichen und demokratischen Vergangenheit Badens erweiterten die Argumentationspalette.

Die „Arbeitsgemeinschaft für die Vereinigung Baden-Württemberg“ fuhr mit Lautsprecherwagen über das Land und betonte in Broschüren die wirtschaftliche Stärke der Partner in spe. Die Vereinigung wurde sogar zum ersten Schritt zu einem vereinten Europa erklärt.

Ergebnis Volksabstimmung über die Neugliederung des südwestdeutschen Raumes, 09.12.1951

Rund 70% aller teilnehmenden WählerInnen bzw. drei von vier Abstimmungsbezirke stimmten für den Südweststaat, lediglich in Südbaden lehnte man ihn mit rund 62% ab. Eine solide Basis, die zur Gründung Baden-Württembergs am 25. April 1952 führte. Einen Rechtsbruch beklagten die Verfechter der badischen Unabhängigkeit, forderten eine erneute Volksabstimmung und bekamen Recht: Das BVerfG verfügte eine Neuauflage, deren Umsetzung allerdings bis 1970 auf sich warten ließ.


Zum Weiterlesen:

/// Das nächste Kalenderblatt schlagen wir am 14. Dezember auf: Vater Rhein ringt nach Luft.

Mehr als nur Gedenken – die Synagoge in Wenkheim

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4. Dezember 1984 | Keine Angst, das nächste Frühjahr kommt bestimmt. Vielleicht sollten Sie schon jetzt dafür Pläne machen. Wie wäre es dann mit einem Ausflug nach Wenkheim? Nie gehört, werden Sie sagen. Wo ist das denn? Einfach auf der A81 in Richtung Norden fahren, die Ausfahrt Tauberbischofsheim nehmen, kurz vor der Stadt auf die L578 nach Großrinderfeld abbiegen und bald schon liegt das schöne Dorf mit seinen 600 Einwohnern vor Ihnen im Tal. Mitten im Ort liegt die alte Synagoge. Samstags und sonntags ist sie ab 14.30 Uhr geöffnet. Sonst bei den angegebenen Nummern anrufen, ein freundlicher Mensch wird kommen und Ihnen öffnen.

Warum Wenkheim?

Weil Sie dort etwas finden, was diesem Land gut tut. Der Verein „Die schul. Gedenkstätte Synagoge Wenkheim“ erfüllt die Synagoge mit neuem Leben. Kinofilme, Musik und Lesungen bringen die Menschen aus der ganzen Region in diesem kleinen Ort zusammen. Die Geschichte ist nicht vergessen, das Leben und der Untergang der Landjudengemeinde werden in einer Ausstellung beleuchtet, aber stehen nicht für sich allein. „Rückwärtsgewandte Nabelschau“ und steriles Gedenken sind nicht die Sache des Vereins. Er belässt es nicht beim Schmerz und der Trauer über den Verlust, der natürlich nicht ausgeglichen werden kann. Die Mitglieder des Vereins wollen vielmehr zeigen, was jüdisches Leben in seiner ganzen Vielfalt heute bedeuten kann. Und zwar mit Freude und Spaß an den eigenen Entdeckungen!

Auch in Wenkheim musste dafür zunächst erst einmal die Synagoge „wieder-entdeckt“ werden. Pfarrer Hans-Jörg Ghiraldin stand Anfang der 1980er Jahre mit einer Gruppe vor dem Haus und mutmaßte: „Und das muss die Synagoge sein“. Damals lebte noch eine Frau im Gebäude, der Betsaal diente zum Abstellen von altem Gerät. Am 4. Dezember 1984 entstand der Vorläufer des heutigen Vereins: der „Verein zur Erforschung der jüdischen Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im Tauberfränkischen Raum“, der die ganze Grundlagenarbeit leistete. Die Aufarbeitung der Geschichte ging einher mit der Restaurierung des Hauses zwischen 1990-1992. Erst dank dieser Arbeit können Sie heute wieder ein Kleinod besichtigen: Der 1840 gebaute Betsaal beeindruckt durch seine Harmonie und Würde.

Allein das ist schon eine Fahrt wert!


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Die schul. Gedenkstätte Synagoge Wenkheim im Internet.
  • Elmar Weiss: Zeugnisse jüdischer Existenz in Wenkheim, Wenkheim 1992.
  • Joachim Hahn/Jürgen Krüger: „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus…“. Synagogen in Baden-Württemberg, 2 Bde., Hg. von Rüdiger Schmidt/Meier Schwarz, Stuttgart 2007.

/// Der nächste Eintrag erwartet Sie am 9. Dezember: Der Südwesten wächst zusammen.

Ein Festtag der Demokratie – der Bürgerentscheid in Markdorf

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1. Dezember 2015  | Hotel oder Rathaus? Was soll aus dem wunderschönen Bischofsschloss werden? Ist der Umzug des Rathauses in das Schloss eine Chance zur Stadtentwicklung oder eine viel zu teure Idee? Das ist in Markdorf am Bodensee die große Frage. Am 16. Dezember 2018 werden deswegen die 11.048 Wahlberechtigten zum Bürgerentscheid gerufen. Die Bürgerinnen und Bürger sollen entscheiden, ob der vom Gemeinderat am 24. Juli 2018 beschlossene Umzug des Rathauses in das Bischofsschloss gestoppt werden soll.

 

Das Markdorfer Beispiel ist geradezu ein Musterfall für die direkte Demokratie. Hier wird die zum 1. Dezember 2015 in Kraft getretene neue Gemeindeordnung, mit der die rechtlichen Hürden für Bürgerbegehren und Bürgerentscheide gesenkt worden waren, in der Praxis getestet.  Genau drei Monate nach dem Beschluss des Gemeinderats überreichte die Initiative Bischofsschloss am 24. Oktober 2018 nicht weniger als 1.823 Unterschriften an Bürgermeister Georg Riedmann. Nach Überprüfung blieben immerhin 1.745 gültige Unterschriften übrig. Das Bürgerbegehren war damit mehr als erfolgreich: Statt der gesetzlich vorgeschriebenen 7 % der Markdorfer Wahlberechtigten verlangten sogar rund 16 % den Bürgerentscheid – selbst das alte Gesetz hatte nur 10 % gefordert.

Jetzt haben die Wahlberechtigten das letzte Wort. Will die Initiative erfolgreich sein, muss sie zwei Ziele erreichen: Zunächst benötigt sie selbstverständlich erst einmal die Mehrheit bei der Abstimmung. Die reicht aber alleine nicht aus: Die Gemeindeordnung verlangt, dass die Mehrheit auch mindestens 20 % der Stimmberechtigten beträgt – bis vor drei Jahren bestand das Quorum noch aus 25 %.

Wie immer es auch in Markdorf ausgehen mag: Kurz vor Weihnachten sollten die Markdorfer ihren Festtag der Demokratie mit einer möglichst großen Teilnahme feiern.

 

PS vom 18. Dezember 2018: Das amtliche Ergebnis fiel in Markdorf denkbar knapp aus. Bei einer Wahlbeteiligung von 49,1 % gaben 5 (in Worten „fünf“) Stimmen den Ausschlag: 2721 Wahlberechtigte stimmten mit „Ja“ gegen den Umzug des Rathauses, 2716 waren dafür.


Zum Weiterlesen:

/// Bereits morgen folgt das nächste Blatt in unserem Onlinekalender: Wir bleiben im Abstimmungsmodus.