EinwanderInnen ins Rathaus! – Nei’geschmeckte von weit her übernehmen politische Verantwortung

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15. Januar 1989 | Gerne bezeichneten sie sich als „Exoten“, die mitten in und mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft lebten, arbeiteten, liebten, lachten, stritten und sich vertrugen. Sie kamen aus Italien, Spanien, Jugoslawien, Griechenland, der Türkei, aus dem Iran; sie suchten Arbeit, Schutz vor politischer und religiöser Verfolgung, ein Leben in Würde und Freiheit. Traditionelle ArbeiterInnenviertel wie der Stuttgarter Osten wurden ab den 1960er Jahren zu einer zweiten Heimat für die EinwandererInnen. Dabei war es nicht immer leicht gewesen, wie die türkischstämmige Leyla Süngerli aus eigener Erfahrung zu berichten weiß: Ende der 1980er Jahre suchte sie mit ihrem Kind eine Sozialwohnung in Stuttgart und geriet an einen korrupten Beamten des Wohnungsamtes, der sich an der Wohnungsnot unter den EinwanderInnen systematisch bereicherte. Mutig deckte sie gemeinsam mit einem Redakteur der migrantischen Stuttgarter „Kanackenzeitung“ und weiteren HelferInnen diesen Missstand auf, der deutschlandweit Empörung auslöste. Nicht zuletzt diese Aktion bestärkte das Selbstbewusstsein der lokalen Migrantenszene und bildete die Grundlage für den nächsten Schritt, wie Shahla Blum anmerkte: EinwanderInnen sollten auch in der Kommunalpolitik endlich ernst genommen werden und in die Parlamente gewählt werden können.

 

Diesem Ziel verschrieb sich eine bunte Gruppe migrantischer und deutscher Aktivisten aus der Landeshauptstadt, die am 15. Januar 1989 als „Initiative EinwanderInnen ins Rathaus“ in das Licht der Öffentlichkeit trat. Rund 150 Menschen mit verschiedenen Pässen versammelten sich im „Theaterhaus“ im Stuttgarter Osten und diskutierten mit der Türkin Sevim Çelebi, der ersten Migrantin in einem deutschen Landesparlament (Westberlin). Am Ende der Veranstaltung stand eine Erklärung, die allgemein das Wahlrecht für alle in Deutschland lebende Menschen – unabhängig von Herkunft und Pass – einforderte, unter anderem für über 80.000 EinwanderInnen in Stuttgart.

Hinsichtlich der Kommunalwahlen im Herbst 1989 wollten die Aktiven konkret erreichen, dass EinwanderInnen mit deutschen Pass auf „wirklich sichere Listenplätze“ gesetzt werden, erinnert sich Harald Stingele, damals in der Wählerinitiative aktiv. Die Stuttgarter „GRÜNEN“ hatten beschlossen, auf die ersten 15 Plätzen ihrer Wahlliste zwei MigrantInnen mit deutschen Pass zu setzen – einige Mitglieder der Initiative „EinwanderInnen ins Rathaus“ kritisierten diese Entscheidung als „Alibi“ und zu unsicher.. Letztendlich setzte die Basis der GRÜNEN bei der endgültigen Aufstellung der Liste ein klares Signal: Initiativenmitglied Gordana Golubović wurde auf Platz 1  gewählt, Guillermo Apericio auf den zehnten und Shahla Blum auf den elften. Auch Leyla Süngerli wurde auf die Liste gesetzt.

Man wolle nicht zuletzt das „Sprachrohr der Migranten in Stuttgart“ werden, wie Shahla Blum zeitgenössisch das Ziel der Wählerinitiative zusammenfasste. Mit vielbeachteten Aktionen wie dem „Tag der deutschen Vielheit“, einem bunten Fest der Nationen im „Theaterhaus“ (Juni 1989), Umfragen unter den EinwanderInnen und Gesprächsrunden wirbelten die Mitglieder der Wahlinitiative den Wahlkampf auf und setzten gesellschaftliche Ausrufezeichen.

Der Ausgang der Kommunalwahl vom 22. Oktober 1989 – die GRÜNEN errangen mit 12,4% der gültigen Stimmen sieben Sitze im Gemeinderat – brachte Frau Golubović und Frau Blum die Möglichkeit, den Forderungen, Ideen und Projekten der migrantischen Bewegung in der Landeshauptstadt politisches Gewicht zu verleihen.

Nicht zuletzt der unnachgiebigen Arbeit solcher Gruppen wie der „Initiative EinwanderInnen ins Rathaus“ ist es zu verdanken, dass Menschen wie die kurdischstämmige Muhterem Aras heute Präsidentin des baden-württembergischen Landtags werden können. Doch gibt es in Sachen Gleichberechtigung, Integration und Teilhabe von EinwanderInnen noch immer viel zu tun. Die NachfolgerInnen der Initiative von 1989 führen deren Anliegen fort.


Zum Weiterlesen- und forschen:

 

„Festival is just for you“ – der Reutlinger Verein GIG brachte Musik statt Kommerz

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13. Dezember 1970 | Ich weiß genau, was Sie denken:  Vier DM, das sind zwei Euro oder 13 „Capri“-Eis, wenn sie das kultige Wassereis im Jahre 1970 am Kiosk Ihres Vertrauens kauften. Viel und wenig zugleich, je nach Sichtweise. Die rund 30 Rock- und Popfreunde jüngeren Semesters, die sich am 13. Dezember 1970 in Reutlingen zusammengefunden hatten, sahen es nicht ein, selbst besagte vier Mark den „Profitgeiern“ des boomenden Musik- und Konzertbusiness in den Rachen zu werfen. Die Liebe zur Livemusik für ’ne kleine Mark mündete in der Gründung des Vereins „GIG. Kultureller politischer Verein zur Förderung progressiver Kunst und Musik Reutlingen“ am 1. März 1971.

Das ambitionierte Projekt passte perfekt in die politisierte Atmosphäre jener Jahre, die sich nicht zuletzt in der damaligen Musikszene klangvoll und stimmgewaltig niederschlug. Es waren die Jahre der wabernden Klangteppiche des Progressive Rocks beziehungsweise dessen deutscher Entsprechung, des Krautrocks: Die Haare waren lang, die Lieder mit Spielzeiten bis zu 25 Minuten und mehr noch länger. Neben der unverzichtbaren Hammondorgel wurden (weitere) ungewöhnliche Instrumente bemüht, es jazzte, blueste und folkte an allen Ecken und Enden mit oftmals psychodelischen Einschlag und Ausgang. Viele Texte wurden politischer und manche Bands eröffneten den musikalischen Klassenkampf gegen das alte Establishment, darunter die Kölner Politrocker Floh de Cologne, Ihre Kinder aus Nürnberg oder Eylenspiegel aus dem Großraum Stuttgart.

 

GIG wollte die Spielregeln des Musikgeschäfts ändern: Man wollte Konzerte organisieren, die sich finanziell selbst tragen sollten und sich nicht daran bereichern. Die Preise sollten jugendfreundlich sein (drei bis vier Mark waren üblich), indem man durch die so angelockten Massen die vollständige Deckung der Unkosten erreichen wollte; eine gehörige Portion Eigenleistung sollte ebenso Geld sparen. Den weltverändernden Idealismus hinter dem GIG-Konzept zu vermitteln erwies sich als schwierig, wie der Musikjournalist Christoph Wagner betont. Dass einigen Jugendlichen selbst drei Mark Eintritt zu hoch erschien und diese sich sodann am Mobiliar der Konzerttätten austobten, riss Löcher in die klammen Kassen des Vereins.

Dennoch gelang den GIG-Aktivisten um Horst Werb und Reinhard Kühner immer wieder, frischen Wind in die schwäbische Provinz zu bringen, beispielsweise beim Reutlinger Open Air-Pop Festival im Juli 1971 mit den Bands Swegas, Warm Dust und Kraftwerk. Relative Newcover wie Raw Material, Magma, Beggars Opera, Barclay James Harvest füllten mal mehr mal weniger die Hallen.  Trotz der Zusammenarbeit mit Jugendklubs, mit SMVn und ASTAs verstrickten sich die Aktiven immer wieder in Kleinkriege mit kommerziellen Veranstaltern sowie mit dem sparsamen wie anspruchsvollen Publikum; in Tübingen floppte im Mai 1972 ein Auftritt der britischen Rocker von UFO und endete in Empörung und Gewalt. Schlussendlich zog der Rockzirkus weiter und der kapitalismuskritische GIG-Verein zerbrach noch in den 1970er Jahren. Dass es heute immer mehr alternative Festivals (Stichwort „Umsonst und Draußen“) gibt, ist vielleicht ein später Erfolg der Reutlinger Antikommerz-Musikrebellen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folksfreaks Baden-Württemberg aufmischten, Stuttgart 2017.

/// EinwanderInnen ins Rathaus! Die Geschichte hinter der Forderungen lesen Sie am 15. Januar 2020.

„Unser Mut wird langen“ – die Protestaktionen gegen die Raketenbasis in Mutlangen

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10. Dezember 1983 | „Das weiche Wasser bricht den Stein“ war ein Motto der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Ab dem Herbst 1983 begann der stete Tropfen des Protests gegen atomare Rüstung und die drohende Vernichtung der Menschheit nahe des Ortes Mutlangen auf der schwäbischen Ostalb hörbar zu werden. Bereits seit 1964 hatte die US-Army dort ihre Mittelstreckenraketen Pershing I(A) stationiert, wogegen Mitglieder des örtlichen Gemeinderats im Jahre 1969 ihre Stimme erhoben – David gegen Goliath. Die Proteste hielten sich damals allerdings in Grenzen, nicht zuletzt, weil die US-Truppen ein wichtiger Arbeitgeber für die Region waren. Doch je länger sich die Atommächte USA und Sowjetunion in der Logik einer atomaren Abschreckung verstrickten, desto höher wuchsen die Raketenberge, desto schneller wurden Rufe der „Nachrüstung“ laut, da doch der gegnerische Machtblock einen eventuellen militärischen Vorteil erlangt habe.

 

Im Jahre 1979 verkündete die NATO ihren „Doppelbeschluss“:  Verhandlungen Mit den Warschauer Vertragsstaaten sollte zunächst über Rüstungskontrollen und den Abbau von atomaren Mittelstreckenraketen (Pershing II im Westen, SS 20 im Osten) verhandelt werden – bei Misserfolg sollten neue Raketen stationiert werden. Die angesetzten Gespräche der Machtblöcke zeitigten keine Erfolge und tröpfelten dahin. Zeitgleich begann in Mutlangen und Umgebung, direkt neben den Mittelstreckenraketen, das weiche Wasser zu fließen. Ab 1980 gründeten sich mehrere Friedeninitiativen, darunter die „Bürger gegen den Atomtod“ sowie die „Christliche Arbeitsgemeinschaft Frieden“ (CAF). Mit ihrem betont bürgerlichen Auftreten wollte die ökumenische Gruppe zeigen, „dass nicht nur ‚Chaoten‘ gegen die Raketen sind“, wie sich die Mitbegründerin Lotte Rodi erinnert. Befürchtungen, dass auch in Mutlangen die Proteste zu Gewalt führen könnten (wie die Proteste gegen das geplante Kernkraftwerk in Wyhl), wurden immer wieder geäußert. Dass die jahrelangen Mutlangener Proteste (bis auf wenige Ausnahmen) friedlich blieben, ist ein Markenzeichen der Bürger- und Friedensbewegung vor Ort. So blockierten anlässlich des Antikriegstags am 1. September 1983 rund 70.000 Menschen sowie zahlreiche Prominente drei Tage lang die Tore des US-Airfields, unter ihnen auch die Schriftsteller Heinrich Böll und Günter Grass sowie namhafte PolitikerInnen wie Erhard Eppler (SPD) und die Grünen-Aktivistin Petra Kelly. Mutlangen war schlagartig bekannt geworden.

Nachdem der Bundestag am 22. November dem Nato-Doppelbeschluss zugestimmt hatte, rollten die ersten Pershing II-Raketen in Mutlangen an, woraufhin es am 10. Dezember 1983 erneut zu einer symbolischen Besetzung mit rund 10.000 Teilnehmenden kam. Sind Sitzblockaden Gewalt und strafrechtlich zu ahnden? Um diese Frage entbrannte vor den Gerichten im Südwesten ein heftiger juristischer Streit: rund 3.000 vorläufige Festnahmen und zahlreiche verhängte Geldstrafen zwischen 1983 und 1987 illustrieren die Bedeutung der Auseinandersetzung. Sogar Richter beteiligten sich medienwirksam an den Blockaden (so geschehen am 12. Januar 1987). Das Konzept des zivilen Ungehorsams war zu einem generationen- und schichtenübergreifenden Phänomen geworden.

Nicht ohne Spannungen sei das Verhältnis gewesen zwischen den bürgerlichen Aktiven des CAF und den autonomen Bewohnern der „Pressehütte“, die sich als AnsprechpartnerInnen der Medien und Koordinatoren betätigten, erinnert sich der Aktivist Wolfgang Schlupp. Teile der Mutlangener Bevölkerung beschwerten sich über die „Dauer-Demonstranten“ (BILD, 05.02.1984) und waren zugleich von den mutigen SeniorInnen beeindruckt, die sich ab 1986 regelmäßig zu Aktionen trafen und von der Polizei fortgetragen wurden. Trotz alledem: Die Raketen blieben.

Erst die sich entspannende Weltlage und der (mittlerweile ausgelaufene) INF-Vertrag von 1987 bewirkten Anfang der 1990er-Jahre den Abzug der Pershing II-Raketen aus Mutlangen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Manfred Laduch/Heino Schütte/Reinhard Wagenblast: Mutlanger Heide. Ein Ort macht Geschichte, Schwäbisch Gmünd 1990.
  • Friedens- und Begegnungsstätte Mutlangen e.V. (Hg.): Mutlanger Erfahrungen. Erinnerungen und Perspektiven (= Mutlanger Text, Nr. 13), Mutlangen 1994.
  • Reinhold Weber: Mutlangen – mit zivilem Ungehorsam gegen Atomraketen, in: ders. (Hg.) Aufbruch, Protest und Provokation. Die bewegten 70er- und 80er-Jahre in Baden-Württemberg, Darmstadt 2013, S. 141-164.
  • Lebenshaus Schwäbisch Alb: Sammlung von Texten, Dokumenten, Rückblicken damaliger Mutlanger FriedensaktivistInnen.

/// Abheben auf progressiven Klangteppichen zum kleinen Preis: Wo und wie erfahren Sie am 13. Dezember!

Ein neuer Geist blüht – die Naturfreunde Württemberg denken Mensch und Umwelt zusammen

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11. September 1948 | Es sieht so aus, als ob uns und unseren Planeten nur noch SchülerInnen retten können, die am Freitag statt in die Schule auf die Straße gehen. Die junge Umweltbewegung „Fridays for Future“ ist auch im Südwesten unterwegs, um die Erwachsenen zum echten Umdenken in Sachen Klimaschutz zu bewegen. Vor über 100 Jahren war der Klimawandel noch kein Thema, vielmehr gab es (junge) Menschen, die aktiv an einem Bewusstseinswandel arbeiteten. Die Wurzeln der Naturfreundebewegung liegen in der österreichischen Arbeiterbewegung, aus deren Reihen im Jahre 1895 die erste Ortsgruppe in Wien hervorging. Der Kampf um eine klassenlose Gesellschaft sollte mit der Suche nach den Schönheiten der Natur einhergehen: Erste Formen eines „grünen Tourismus“ wurden ausprobiert, es wurde gewandert und internationale Kontakte gepflegt.

Bereits im Jahre 1907 gründeten die „grünen Roten“ im südbadischen Konstanz die erste Ortsgruppe im Südwesten – die WürttembergerInnen zogen mit der Stuttgarter Ortsgruppe im Jahr 1910 nach. Parallel zur Waldheimbewegung, die ArbeiterInnen gesunde Freizeit- und Versammlungsorte im Grünen schaffen wollte, richteten die Naturfreunde recht bald ihre eigenen Wander- und Ferienheime ein, in denen Stadtkinder vom rauen Alltag abschalten konnten.

 

Die Naturfreunde waren keine weltfremden Blümchensammler, sondern verbanden ihre Liebe zur Natur mit einer klaren politischen Haltung: Nur in einer sozialistischen Gesellschaft könne die Trennung zwischen Stadt und Land aufgehoben werden und die Ausbeutung von Mensch und Natur endgültig beendet werden. Wenig verwunderlich, dass die Naturfreundebewegung durch das NS-Regime verboten wurde und sich Mitglieder dem aktiven Widerstand anschlossen (beispielsweise die Stuttgarterin Liselotte Hermann). Nach Jahren der Verfolgung wurden die Naturfreunde Württemberg am 24. März 1946 wiedergegründet.

„Lasst nicht verzagend die Zeit verrinnen, wir wollen wagend Neues beginnen“, lautete das Motto des ersten Jugendtags der Naturfreunde Württemberg am 11. und 12. September 1948 in Esslingen. Es sollte ein begeistertes Symbol werden, wie die Jugend sich vom Erbe der nationalsozialischen Erziehung mit ihrem Rassenhass und Kriegsdrill lossagte. Der Landesjugendleiter Karl Pfizenmaier fand eindringliche Worte:

„Die Opfer und Leiden, die der Faschismus gefordert hat, dürfen nicht umsonst gewesen sein. Ein neuer Geist, eine neue menschliche Haltung müsse werden (…). Grenzsteine können und dürfen keine Hemmsteine zur friedlichen und sozialen Entwicklung Europas und der Welt sein, soll die menschliche Gesellschaft nicht untergehen.“

Dass die Jugendlichen auf dem Esslinger Marktplatz sangen, tanzten und  fröhlich beisammen waren, erstaunte in Zeiten von allgemeiner Not und Währungsreform einige ältere Semester.

In den kommenden Jahrzehnten blieben die Naturfreunde ihren Idealen treu, engagierten sich gegen Flächenfraß und Großprojekte wie Stuttgart 21, in der Friedensbewegung und für eine weltoffene Gesellschaft, die Menschen miteinander und mit ihrer Umwelt in Einklang bringt.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • NaturFreunde Württemberg: Homepage.
  • NaturFreunde Baden: Homepage.
  • Touristenverein „Die Naturfreunde“, Bund für Touristik und Kultur, Landesverband Württemberg: Von der Idee zur Tat. Aus der Geschichte der Naturfreundebewegung, Heilbronn 1970.

Mehr als Schall und Rauch – Emil Molt und die Gründung der ersten Waldorfschule

Ein Kommentar

7. September 1919 | Seine Zigaretten gingen in Rauch auf, an den Namen seines Unternehmens Waldorf-Astoria erinnert über Umwege lediglich eine Luxushotelkette aus New York. Dieser Flüchtigkeit zum Trotz hat der 1876 in Schwäbisch Gmünd geborene Unternehmer Emil Molt seiner Nachwelt etwas Bleibendes hinterlassen, das überhaupt nichts (mehr) mit Glimmstängeln zu tun hat. Doch im Tabak lagen die Wurzeln: Seit 1906 leitete Molt erfolgreich seine Zigarettenfabrik, die ihren Hauptstandort noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs nach Stuttgart verlagerte. Zeitgleich setzte sich der aufstrebende Fabrikant das Ziel, den ArbeiterInnen und Angestellten die Nutzung sozialer Angebote wie Erholungsheime zu ermöglichen. Auch der erste Betriebsrat Württembergs wurde unter seiner Führung in den Waldorf-Astoria-Werken gegründet.

 

Im Jahre 1907 schlossen Emil Molt und seine Ehefrau Berta eine prägende Freundschaft mit dem Anthroposophen Rudolf Steiner – ein „Wendepunkt“ in seinem Leben, wie Molt später in seiner Autobiografie anmerkte. In den bewegten ersten Monaten der Weimarer Republik bemühte sich Molt, den Ideen Steiners eine Stuttgarter Bleibe zu verschaffen. Für die Kinder der ArbeiterInnen seiner Fabrik in Stuttgart-Ost wurde ein ehemaliges Ausflugslokal auf der luftigen Uhlandshöhe zur ersten Waldorfschule der Welt umgewandelt. Am 7. September 1919 wurde die Eröffnung gefeiert. Das Schulkonzept hielt einige überraschende Neuerungen parat: So wurden die rund 250 ABC-SchützInnen nicht wie gewohnt nach Geschlechtern getrennt, sondern gemeinsam unterrichtet. Die Aufnahme von Kenntnissen und Wissen sollte praktisch, in Einheit von Geist und Körper erfolgen. Aus diesem Grunde nahmen Handarbeitskurse, die Arbeit im Schulgarten oder die Beschäftigung mit Ausdruckstanz und Gymnastik einen gewichtigen Teil des Lehrplans ein. Noten? – Fehlanzeige!

Die Wirtschaftskrise von 1929 trieb zahlreiche ArbeiterInnen in die Arbeitslosigkeit und Emil Molt musste sein Unternehmen an die Konkurrenz verkaufen. Seiner Waldorfschule blieb er bis zu seinem Tode im Jahre 1936 mit großem persönlichen wie finanziellem Engagement treu.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Kai Simone Nellinger/Miriam Weigelt: Emil Molt, 1876 – 1936. Fabrikant und Schulgründer [Denkblatt der Stiftung Geißstraße 7, hg. von Michael Kienzle/Dirk Mende].
  • Emil Molt: Entwürfe meiner Lebensbeschreibung, Stuttgart 1972.
  • Dietrich Esterl: Emil Molt, 1876 – 1936. Tun, was gefordert ist, Stuttgart 2012.

/// Die Blume am Revers, die Zukunft fest im Blick. Um wen es sich handelt, steht auf dem Kalenderblatt vom 11. September.

Geschichte wird bewahrt – das „Hotel Silber“ wird Lern- und Gedenkort

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3. September 1979 | Der alltägliche Terror gegen Andersdenkende, die Überwachung und die Kontrolle der württembergischen Bevölkerung hatten zwischen 1933 und 1945 eine Adresse: Das mondäne Gebäude des ehemaligen Hotel Silbers in der Stuttgarter Dorotheenstraße beherbergte zu dieser Zeit die „Staatspolizeistelle“, den Sitz der Württembergischen Gestapo. Von den dunklen Verwahrzellen im Keller bis zu den Räumen des Referats N (Nachrichtendienst) im Dachgeschoss dienten die hier Angestellten dem NS-Staat und seiner rassistischen, menschenfeindlichen Ideologie. Nach 1949 nutzte hauptsächlich die Kriminalpolizei das nach Kriegszerstörungen wiedererrichtete Gebäude, wobei sowohl ehemalige NS-Polizeibeamte als auch ehemalige Verfolgte hier Anstellung fanden.

 

Wenig geheim also. Dennoch geriet die Geschichte des Ortes zunehmend in Vergessenheit. Jedoch nicht ganz: 40 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs veranstalteten die Jungsozialisten (Jusos) Stuttgart gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) eine Aktionswoche vom 3. bis 14. September 1979. Vor dem „Hotel Silber“ forderten die Aktiven die Einrichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus in Stuttgart. Doch erst auf das nachdrückliche Betreiben einiger StuttgarterInnen um den Widerständler Hans Gasparitsch wurde zumindest eine (recht versteckt aufgehängte) Gedenktafel installiert.

Als im Jahre 2008 Pläne öffentlich wurden, das Gebäude abreißen zu lassen, regte sich Protest. Die Bürgerinitiative „Lern- und Gedenkort Hotel Silber“ forderte, den Ort und seine Geschichte für die kritische Erinnerungsarbeit zu erhalten und erfahrbar zu machen, woraufhin sich die neugewählte grün-rote Landesregierung im Jahre 2011 für den Erhalt entschied. Ein Runder Tisch, bestehend aus Gedenkinitiativen, Interessenverbänden, politischen Gremien und Gruppen, lieferte Impulse für einen Lernort „Hotel Silber“, der vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg zusammen mit den Initiativen erarbeitet wurde. Nach Jahren der Diskussion, der forschenden Vorbereitung und diverser Feinabstimmungen konnte am 3. Dezember 2018 die Eröffnung des „Hotel Silber“ als Außenstelle des Hauses der Geschichte gefeiert werden.

Besonders junge Menschen können sich im Rahmen von Workshops die verschiedenen Facetten von Verfolgung und Verbrechen im Nationalsozialismus erschließen. Gedenken soll im „Hotel Silber“ praktisch werden und für ein demokratisches Miteinander aller Menschen werben.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Zigaretten und alternative Lernmethoden: Das passt nicht zusammen. Welche Verbindungen dennoch bestehen, lesen Sie am 7. September.

Schöner wohnen – Mannheims Gartenstadt bringt Natur an die Quadrate

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26. August 1910 | „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ – dieses schwäbische Lebensmotto (und Klischee) ist so aktuell wie selten. Viele Städte in Baden-Württemberg platzen aus allen Nähten. Mit welchen Konzepten die Wohnungsnot möglichst effizient, kostengünstig und sozial bekämpft werden kann, wird heiß diskutiert. Häufig kommt es zu Interessenkonflikten zwischen Investoren, politisch Verantwortlichen und Naturschützenden, die eine Zersiedelung der Landschaft beklagen. Mit Bürgerentscheiden wie jüngst in Freiburg über den geplanten Stadtteil Dietenbach soll der Bevölkerung mehr Einfluss auf die zukünftige Stadtentwicklung eingeräumt werden.

Gruppenbild von der Baustelle der sogenannten Waldpforte in der Gartenstadt Mannheim, aufgenommen im Jahre 1912 (Bildnachweis: Marchivum, Bildsammlung, KF042791; Einfärbungen: HdGBW/Hemberger).

Zu Beginn des 20. Jahrhundert boomte die Quadratestadt Mannheim. Der Zuzug von ArbeiterInnen aus dem Umland machte die Wohnsituation immer brenzliger: Die hygienischen Umstände waren schlecht, kinderreiche Familien mussten in Einzimmerwohnungen ausharren und es mangelte an frischer Luft und Licht. Zeitgleich breitete sich im Deutschen Reich eine neue Idee aus, wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte: die Gartenstadt. Ziel waren aufgelockerte und von Grün durchzogene Siedlungen, die durch eine Genossenschaft errichtet werden. Die BewohnerInnen sollten die Möglichkeit haben, sich mittels Kleingärten teilweise selbst zu versorgen. Auch das allgemeine Zusammengehörigkeitsgefühl sollte gestärkt und ein gewisses kulturelles Angebot bereitgehalten werden.

In Mannheim wurde die „Gartenvorstadt-Genossenschaft“ am 26. August 1910 ins Leben gerufen. In ihrer Satzung gab sich der Zusammenschluss programmatisch: „Eine Gartenstadt als eine planmäßig gestaltete Siedlung auf wohlfeilen Gelände, das dauernd im Obereigentum der Gemeinschaft erhalten wird, derart, dass jede Spekulation mit dem Grund und Boden dauernd unmöglich ist (…).“ Die Architekten Arno Anke und Hermann Esch zeichnete die Pläne und bis 1914 konnten bereits 174 Familien ihre Wohnungen vor den Toren Mannheims beziehen. Zahlreiche bekannte Mannheimer Größen dieser Zeit gehörten dem Vorstand der Genossenschaft an, so beispielsweise der SPD-Reichstagsabgeordnete Ludwig Frank oder Elisabeth Altmann-Gottheiner, die erste Dozentin an einer deutschen Hochschule.

Die Idee der Gartenstadt fand an verschiedenen Orten Nachahmer, so in Karlsruhe, Stuttgart, Freiburg, Tübingen und Rastatt.

Noch heute ist die Mannheimer Gartenstadt ein äußerst beliebtes Wohnviertel, dass mit einem eignen Bürgerverein die sozialen Gründungsideale der Gartenstadtbewegung mit Leben füllt.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Walter Pahl: Die Gartenstadt. Vision und Wirklichkeit am Beispiel der Gartenstädte Dresden-Hellerau und Mannheim (= LTA-Forschung 36/2000), Mannheim 2000.
  • Stadt Mannheim: Stadtpunkte. Eintrag zur Gartenstadt.
  • Anna-Maria Lindemann: Mannheim im Kaiserreich (= Sonderveröffentlichung des Stadtarchivs Mannheim, Bd. 15), Mannheim 1986, S. 115-117.

Gemeinsam mehr haben – das genossenschaftliche Prinzip erobert den Südwesten

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21. August 1864 | Ein Sprichwort besagt: Bei Geld hört die Freundschaft auf. Doch nehmen wir einmal an, dass bei Geld die Freundschaft anfängt (gekaufte Freundschaften und Likes diverser Internetsternchen auf der Plattform mit dem blauen F vernachlässigen wir an dieser Stelle). Das 19. Jahrhundert war für weite Teile der Bevölkerung in Baden, Württemberg und Hohenzollern-Sigmaringen von Mangel geprägt. Große finanzielle Sprünge konnten sich weder arme Bauernfamilien im Hohenlohekreis noch jene Menschen erlauben, die in den neuen Fabriken im Rhein-Neckar-Gebiet malochten. So scharf sich die soziale Frage stellte, so vielzählig waren die vorgeschlagenen Lösungen: Diese reichten von der christlichen Fabrikkommune Gustav Werners bis zur Gründung von Arbeiterorganisationen wie dem Mannheimer Arbeiter-Bildungs-Verein im Jahre 1861. Einen weiteren sehr erfolgreichen Gedanken verfolgte der Sozialreformer Hermann Schulze-Delitzsch. Im Jahre 1858 schrieb er:

Endlich aber müssen alle Bestrebungen zum Wohl der arbeitenden Klassen auf die innere sittliche und wirthschaftliche Stärkung derselben, auf die Erweckung und Hebung der eignen Kraft, auf die Selbsthilfe der Betheiligten gegründet sein (…).“ (Schulze-Delitzsch, Die arbeitenden Klassen und das Associationswesen in Deutschland (…), S. 108)

 

Auf staatliche Sparkassen mit wohltätigen Anspruch war der Genossenschaftler nicht gut zu sprechen: Institutionen wie die 1818 auf Betreiben der württembergischen Königin Katharina geschaffene Landessparkasse waren in seinen Augen zu eng mit dem Obrigkeitsstaat verbandelt und würden die Eigeninitiative des einfachen Volkes lähmen.

Eine Alternative lag nahe: Gleichberechtige Mitglieder (Genossen) sollten durch gemeinschaftliches Sparen einen Kapitalstock aufbauen, aus dem Geld zu günstigen Konditionen geliehen werden kann. Dieses Konzept des finanziellen Empowerments nahm mit der Gründung der „Öhringer Privatspar- und Leihkasse“ am 27. August 1843 konkret Gestalt an. Es handelt sich dabei um die erste genossenschaftliche Bank Deutschlands – gegründet, noch bevor Schulze-Delitzsch seinen ersten „Vorschussverein“ (später: Volksbank) im Jahre 1850 aus der Taufe hob.

Im Bürgermuseum Stuttgart fanden sich 1864 Vertreter verschiedener Darlehnskassen (Volksbanken) aus Württemberg und Baden zur Verbandsgründung ein (Bildnachweis: Baden-Württembergischer genossenschaftsverband e.V.).

Die Zahl der Volksbanken wuchs im Königreich Württemberg bis 1863 nur zaghaft auf insgesamt acht. Um die regionale Vernetzung weiter zu stärken, kamen am 21. August 1864 Vertreter verschiedener badischer und württembergischer Handwerks- und Vorschusskassen im Stuttgarter Bürgermuseum zusammen. Schulze-Delitzsch persönlich hielt einen Vortrag, um seiner Idee im Südwesten mehr Gehör und Zugkraft zu verschaffen. Der an diesem Tag gegründete „Verband der wirtschaftlichen Genossenschaften in Württemberg und Baden“ hielt allerdings nur bis 1867 und zerfiel in seine regionalen Einzelteile.

Besonders ab den 1880er Jahren konnte sich zudem Friedrich Wilhelm Raiffeisen mit seinem Konzept landwirtschaftlicher Kredit- und Einkaufgenossenschaften im Südwesten erfolgreich etablieren.

Geld will ausgegeben werden, doch wo? Ebenfalls im Jahre 1864 gründeten Mitglieder des Stuttgarter Arbeiterbildungsvereins ihren „Markenkonsumverein“ (später: Konsum). Günstige Preise und gute Qualität zu garantieren war Ziel der Vereinigung, die rasch Schule machte und sich im Südwesten verbreitete.

Gemeinsam lässt sich eben mehr erreichen – damals wie heute.


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/// Ordentlich feiern: Was und wo erfahren Sie morgen.

Schwäbisches Morgenrot – der Internationale Sozialistenkongress holt die Welt nach Stuttgart

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18. August 1907 | Wer schon einmal das größte Volksfest Deutschlands besucht hat, der weiß: Die „Rote“ gehörte zum Cannstatter Wasen einfach dazu. Doch halten wir uns nicht mit der Bratwurstspezialität aus Baden-Württemberg auf, sondern widmen uns anderen Roten.  Am 18. August 1907 scharten sich in „musterhafter Ordnung“ mehr als 60.000 Besucher des internationalen sozialistischen Massenmeetings um die sechs aufgebauten Rednertribünen auf dem Wasen, war in der sozialdemokratischen Tageszeitung „Vorwärts“ zu lesen. Die ersehnten feurigen Reden bekannter SozialistInnen blieben nicht aus: Der Franzose Jean Jaurès beschwor unter stürmischen Applaus die Verbundenheit der französischen und deutschen Sozialdemokratie, während die Wahl-Württembergerin Clara Zetkin anmerkte, dass auf dem Wasen heute nicht das Herr der kapitalistischen Klassen sondern die rote Internationale exerziere.

Beim Massenmeeting auf dem Cannstatter Wasen sprachen von sechs Tribünen herab Größen wie Rosa Luxemburg und Jean Jaurès zu rund 60.000 Zuhörenden (Bildnachweis: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Sign. HSTAS P2 Bü2 Bild 21; Ausschnitt und Einfärbung: HdG BW/Hemberger).

Bei der Wahl Stuttgarts als Tagungsort gingen die Veranstalter ursprünglich davon aus, dass sich die württembergische Regierung tolerant zeigen würde. Umso provokanter schien deshalb die Auflagenliste der Obrigkeit, die unter anderem das öffentliche Zeigen von roten Fahnen verbot. Doch zumindest beim Massenmeeting zeigte die Sozialdemokratie in Württemberg, dass sie trotz ihres insgesamt auf Kompromisse ausgerichteten Handelns im Ländle nicht auf revolutionäre Symbolik verzichten wollte: Die roten Fahnen wehten.

 

In der Stuttgarter Liederhalle tagten bis zum 24. August 1907 rund 884 Delegierte, die unter anderem den weiten Weg von Japan, Australien und Südafrika auf sich genommen hatten. Energisch wurden in den Diskussionen der grassierende Militarismus und die koloniale Ausbeutung gedeutet und kritisiert. Auch Fragen der erzwungenen Migration als Folgen des kapitalistischen Systems wurden diskutiert. Der Kampf um das Wahlrecht für Frauen stand im Mittelpunkt der zeitgleich tagenden Frauenkonferenz, auf dem die Sozialistin Rosa Luxemburg sprach. Den sachlichen Charakter des Stuttgarter Sozialistenkongresses lobte rückblickend Lenin, der bereits im Jahre 1901  am Neckar gewesen war, um seine Schrift „Was tun?“ beim örtlichen J.H.W. Dietz-Verlag zu veröffentlichen.

Der belgische Sozialist Émile Vandervelde sprach den „sehr gemütliche(n) und brave(n)“, zugleich offenen und gastfreundlichen Schwaben ein herzliches „Danke schön“ für die zahlreich erfahrenen „Beweise internationaler brüderlicher Gesinnung“ aus.

Bis die „braven“ Schwaben sich in Revolution üben konnten, sollte es noch bis 1918/19 dauern.


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/// Gemeinsam lässt sich mehr erreichen. Um diese Einsicht geht es morgen in unserem Onlinekalender.

Demokratische Gehversuche – die ersten Parteigründungen der Nachkriegszeit

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14. August 1945 | Zwölf Jahre NS-Diktatur hatten das Bild von Politik für viele Menschen in der unmittelbaren Nachkriegszeit vergiftet. Mit Parteien und politischen Organisationen wollte man nichts mehr zu tun haben. Ohnehin hatten die französischen und die US-amerikanischen Militärregierungen in ihren Besatzungszonen die Gründung von Parteien untersagt. Trotz alledem rührte sich zwischen Trümmern, der anlaufenden Entnazifizierung und dem täglichen Kampf um das Nötigste der Wunsch, die dämmernde demokratische Zukunft mitgestalten zu können. Bereits wenige Tage nach der Besetzung Stuttgarts durch die Franzosen am 23. April 1945 entstand beispielsweise das „Kampfkomitee gegen den Nationalsozialismus“, das hauptsächlich von Kommunisten und Sozialdemokraten getragen wurde. Auch in anderen Städten kamen antifaschistische Komitees zusammen, die aktiv gegen NS-Altlasten vorgingen und durch praktische Maßnahmen Ordnung in das Chaos bringen wollten.

Wofür die Christlich-Demokratische Partei stand, zeigt ein Plakat der Esslinger Ortsgruppe vom 17. Oktober 1945
(Bildnachweis: KAS/ACDP : 10-031 175 CC-BY-SA 3.0 DE).

Auch auf konservativer Seite setzten unmittelbar nach Kriegsende Bestrebungen ein, sich politisch zu vernetzen. Der Juni 1945 war geprägt von zonenübergreifenden Verhandlungen zur Etablierung einer christlich-demokratischen Partei und dem abschließenden Berliner Gründungsaufruf vom 26. Juni. Dieser Appell fand am 14. August 1945 seinen Widerhall im Südwesten. In Karlsruhe gründeten unter anderem Wilhelm Baur, Robert Beck und Fridolin Heurich die Christlich-Demokratische Partei (CDP) für Nordbaden (zur US-amerikanischen Besatzungszone gehörend). Dabei handelte es sich wohl um die erste Parteienneugründung im Südwesten der Nachkriegszeit.

Obwohl Baur und Heurich vor 1933 Mitglieder der katholischen Zentrums-partei gewesen waren, ging es ihnen nicht um eine bloße Wiedergründung der Partei. Vielmehr sollte jenseits von Konfessionsgrenzen ein Angebot für christlich und wertkonservativ eingestellte WählerInnen geschaffen werden. Der sogenannten „Mannheimer Strömung“ gelang es zudem, Ideen eines christlichen Sozialismus im Programm zu verankern. Nachdem die US-amerikanische Militärregierung am 30. August 1945 die Zulassung von Parteien offiziell erlaubt hatte, dauerte es noch bis Anfang 1946, bis aus CDP und der nordwürttembergischen Christlich-Sozialen Volkspartei die Christlich Demokratische Union wurde. In den folgenden Jahrzehnten sollten die Christdemokraten die Politik im Südwesten wie kaum eine andere Partei bestimmen – Politikforscher wie Gerd Mielke sprachen in den 1980er Jahren sogar von der CDU als einer „Baden-Württemberg-Partei“.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Hans Georg Wieck: Christliche und Freie Demokraten in Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden und Württemberg 1945/46 (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 10), Düsseldorf 1958.
  • Claus-Peter Grotz: Die CDU, in: Michael Eilfort: Parteien in Baden-Württemberg (= Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, Bd. 31), Stuttgart 2004, S. 37-74.

/// Massenmeeting in Rot auf dem Cannstatter Wasen. Am 18. August lesen Sie, wer sich dort versammelte.