Schwäbisches Morgenrot – der Internationale Sozialistenkongress holt die Welt nach Stuttgart

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18. August 1907 | Wer schon einmal das größte Volksfest Deutschlands besucht hat, der weiß: Die „Rote“ gehörte zum Cannstatter Wasen einfach dazu. Doch halten wir uns nicht mit der Bratwurstspezialität aus Baden-Württemberg auf, sondern widmen uns anderen Roten.  Am 18. August 1907 scharten sich in „musterhafter Ordnung“ mehr als 60.000 Besucher des internationalen sozialistischen Massenmeetings um die sechs aufgebauten Rednertribünen auf dem Wasen, war in der sozialdemokratischen Tageszeitung „Vorwärts“ zu lesen. Die ersehnten feurigen Reden bekannter SozialistInnen blieben nicht aus: Der Franzose Jean Jaurès beschwor unter stürmischen Applaus die Verbundenheit der französischen und deutschen Sozialdemokratie, während die Wahl-Württembergerin Clara Zetkin anmerkte, dass auf dem Wasen heute nicht das Herr der kapitalistischen Klassen sondern die rote Internationale exerziere.

Beim Massenmeeting auf dem Cannstatter Wasen sprachen von sechs Tribünen herab Größen wie Rosa Luxemburg und Jean Jaurès zu rund 60.000 Zuhörenden (Bildnachweis: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Sign. HSTAS P2 Bü2 Bild 21; Ausschnitt und Einfärbung: HdG BW/Hemberger).

Bei der Wahl Stuttgarts als Tagungsort gingen die Veranstalter ursprünglich davon aus, dass sich die württembergische Regierung tolerant zeigen würde. Umso provokanter schien deshalb die Auflagenliste der Obrigkeit, die unter anderem das öffentliche Zeigen von roten Fahnen verbot. Doch zumindest beim Massenmeeting zeigte die Sozialdemokratie in Württemberg, dass sie trotz ihres insgesamt auf Kompromisse ausgerichteten Handelns im Ländle nicht auf revolutionäre Symbolik verzichten wollte: Die roten Fahnen wehten.

 

In der Stuttgarter Liederhalle tagten bis zum 24. August 1907 rund 884 Delegierte, die unter anderem den weiten Weg von Japan, Australien und Südafrika auf sich genommen hatten. Energisch wurden in den Diskussionen der grassierende Militarismus und die koloniale Ausbeutung gedeutet und kritisiert. Auch Fragen der erzwungenen Migration als Folgen des kapitalistischen Systems wurden diskutiert. Der Kampf um das Wahlrecht für Frauen stand im Mittelpunkt der zeitgleich tagenden Frauenkonferenz, auf dem die Sozialistin Rosa Luxemburg sprach. Den sachlichen Charakter des Stuttgarter Sozialistenkongresses lobte rückblickend Lenin, der bereits im Jahre 1901  am Neckar gewesen war, um seine Schrift „Was tun?“ beim örtlichen J.H.W. Dietz-Verlag zu veröffentlichen.

Der belgische Sozialist Émile Vandervelde sprach den „sehr gemütliche(n) und brave(n)“, zugleich offenen und gastfreundlichen Schwaben ein herzliches „Danke schön“ für die zahlreich erfahrenen „Beweise internationaler brüderlicher Gesinnung“ aus.

Bis die „braven“ Schwaben sich in Revolution üben konnten, sollte es noch bis 1918/19 dauern.


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