Gemeinsam mehr haben – das genossenschaftliche Prinzip erobert den Südwesten

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21. August 1864 | Ein Sprichwort besagt: Bei Geld hört die Freundschaft auf. Doch nehmen wir einmal an, dass bei Geld die Freundschaft anfängt (gekaufte Freundschaften und Likes diverser Internetsternchen auf der Plattform mit dem blauen F vernachlässigen wir an dieser Stelle). Das 19. Jahrhundert war für weite Teile der Bevölkerung in Baden, Württemberg und Hohenzollern-Sigmaringen von Mangel geprägt. Große finanzielle Sprünge konnten sich weder arme Bauernfamilien im Hohenlohekreis noch jene Menschen erlauben, die in den neuen Fabriken im Rhein-Neckar-Gebiet malochten. So scharf sich die soziale Frage stellte, so vielzählig waren die vorgeschlagenen Lösungen: Diese reichten von der christlichen Fabrikkommune Gustav Werners bis zur Gründung von Arbeiterorganisationen wie dem Mannheimer Arbeiter-Bildungs-Verein im Jahre 1861. Einen weiteren sehr erfolgreichen Gedanken verfolgte der Sozialreformer Hermann Schulze-Delitzsch. Im Jahre 1858 schrieb er:

Endlich aber müssen alle Bestrebungen zum Wohl der arbeitenden Klassen auf die innere sittliche und wirthschaftliche Stärkung derselben, auf die Erweckung und Hebung der eignen Kraft, auf die Selbsthilfe der Betheiligten gegründet sein […].“ (Schulze-Delitzsch, Die arbeitenden Klassen und das Associationswesen in Deutschland […], S. 108)

 

Auf staatliche Sparkassen mit wohltätigen Anspruch war der Genossenschaftler nicht gut zu sprechen: Institutionen wie die 1818 auf Betreiben der württembergischen Königin Katharina geschaffene Landessparkasse waren in seinen Augen zu eng mit dem Obrigkeitsstaat verbandelt und würden die Eigeninitiative des einfachen Volkes lähmen.

Eine Alternative lag nahe: Gleichberechtige Mitglieder (Genossen) sollten durch gemeinschaftliches Sparen einen Kapitalstock aufbauen, aus dem Geld zu günstigen Konditionen geliehen werden kann. Dieses Konzept des finanziellen Empowerments nahm mit der Gründung der „Öhringer Privatspar- und Leihkasse“ am 27. August 1843 konkret Gestalt an. Es handelt sich dabei um die erste genossenschaftliche Bank Deutschlands – gegründet, noch bevor Schulze-Delitzsch seinen ersten „Vorschussverein“ (später: Volksbank) im Jahre 1850 aus der Taufe hob.

Im Bürgermuseum Stuttgart fanden sich 1864 Vertreter verschiedener Darlehnskassen (Volksbanken) aus Württemberg und Baden zur Verbandsgründung ein (Bildnachweis: Baden-Württembergischer genossenschaftsverband e.V.).

Die Zahl der Volksbanken wuchs im Königreich Württemberg bis 1863 nur zaghaft auf insgesamt acht. Um die regionale Vernetzung weiter zu stärken, kamen am 21. August 1864 Vertreter verschiedener badischer und württembergischer Handwerks- und Vorschusskassen im Stuttgarter Bürgermuseum zusammen. Schulze-Delitzsch persönlich hielt einen Vortrag, um seiner Idee im Südwesten mehr Gehör und Zugkraft zu verschaffen. Der an diesem Tag gegründete „Verband der wirtschaftlichen Genossenschaften in Württemberg und Baden“ hielt allerdings nur bis 1867 und zerfiel in seine regionalen Einzelteile.

Besonders ab den 1880er Jahren konnte sich zudem Friedrich Wilhelm Raiffeisen mit seinem Konzept landwirtschaftlicher Kredit- und Einkaufgenossenschaften im Südwesten erfolgreich etablieren.

Geld will ausgegeben werden, doch wo? Ebenfalls im Jahre 1864 gründeten Mitglieder des Stuttgarter Arbeiterbildungsvereins ihren „Markenkonsumverein“ (später: Konsum). Günstige Preise und gute Qualität zu garantieren war Ziel der Vereinigung, die rasch Schule machte und sich im Südwesten verbreitete.

Gemeinsam lässt sich eben mehr erreichen – damals wie heute.


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