„Unser Mut wird langen“ – die Protestaktionen gegen die Raketenbasis in Mutlangen

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10. Dezember 1983 | „Das weiche Wasser bricht den Stein“ war ein Motto der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Ab dem Herbst 1983 begann der stete Tropfen des Protests gegen atomare Rüstung und die drohende Vernichtung der Menschheit nahe des Ortes Mutlangen auf der schwäbischen Ostalb hörbar zu werden. Bereits seit 1964 hatte die US-Army dort ihre Mittelstreckenraketen Pershing I(A) stationiert, wogegen Mitglieder des örtlichen Gemeinderats im Jahre 1969 ihre Stimme erhoben – David gegen Goliath. Die Proteste hielten sich damals allerdings in Grenzen, nicht zuletzt, weil die US-Truppen ein wichtiger Arbeitgeber für die Region waren. Doch je länger sich die Atommächte USA und Sowjetunion in der Logik einer atomaren Abschreckung verstrickten, desto höher wuchsen die Raketenberge, desto schneller wurden Rufe der „Nachrüstung“ laut, da doch der gegnerische Machtblock einen eventuellen militärischen Vorteil erlangt habe.

 

Im Jahre 1979 verkündete die NATO ihren „Doppelbeschluss“:  Verhandlungen Mit den Warschauer Vertragsstaaten sollte zunächst über Rüstungskontrollen und den Abbau von atomaren Mittelstreckenraketen (Pershing II im Westen, SS 20 im Osten) verhandelt werden – bei Misserfolg sollten neue Raketen stationiert werden. Die angesetzten Gespräche der Machtblöcke zeitigten keine Erfolge und tröpfelten dahin. Zeitgleich begann in Mutlangen und Umgebung, direkt neben den Mittelstreckenraketen, das weiche Wasser zu fließen. Ab 1980 gründeten sich mehrere Friedeninitiativen, darunter die „Bürger gegen den Atomtod“ sowie die „Christliche Arbeitsgemeinschaft Frieden“ (CAF). Mit ihrem betont bürgerlichen Auftreten wollte die ökumenische Gruppe zeigen, „dass nicht nur ‚Chaoten‘ gegen die Raketen sind“, wie sich die Mitbegründerin Lotte Rodi erinnert. Befürchtungen, dass auch in Mutlangen die Proteste zu Gewalt führen könnten (wie die Proteste gegen das geplante Kernkraftwerk in Wyhl), wurden immer wieder geäußert. Dass die jahrelangen Mutlangener Proteste (bis auf wenige Ausnahmen) friedlich blieben, ist ein Markenzeichen der Bürger- und Friedensbewegung vor Ort. So blockierten anlässlich des Antikriegstags am 1. September 1983 rund 70.000 Menschen sowie zahlreiche Prominente drei Tage lang die Tore des US-Airfields, unter ihnen auch die Schriftsteller Heinrich Böll und Günter Grass sowie namhafte PolitikerInnen wie Erhard Eppler (SPD) und die Grünen-Aktivistin Petra Kelly. Mutlangen war schlagartig bekannt geworden.

Nachdem der Bundestag am 22. November dem Nato-Doppelbeschluss zugestimmt hatte, rollten die ersten Pershing II-Raketen in Mutlangen an, woraufhin es am 10. Dezember 1983 erneut zu einer symbolischen Besetzung mit rund 10.000 Teilnehmenden kam. Sind Sitzblockaden Gewalt und strafrechtlich zu ahnden? Um diese Frage entbrannte vor den Gerichten im Südwesten ein heftiger juristischer Streit: rund 3.000 vorläufige Festnahmen und zahlreiche verhängte Geldstrafen zwischen 1983 und 1987 illustrieren die Bedeutung der Auseinandersetzung. Sogar Richter beteiligten sich medienwirksam an den Blockaden (so geschehen am 12. Januar 1987). Das Konzept des zivilen Ungehorsams war zu einem generationen- und schichtenübergreifenden Phänomen geworden.

Nicht ohne Spannungen sei das Verhältnis gewesen zwischen den bürgerlichen Aktiven des CAF und den autonomen Bewohnern der „Pressehütte“, die sich als AnsprechpartnerInnen der Medien und Koordinatoren betätigten, erinnert sich der Aktivist Wolfgang Schlupp. Teile der Mutlangener Bevölkerung beschwerten sich über die „Dauer-Demonstranten“ (BILD, 05.02.1984) und waren zugleich von den mutigen SeniorInnen beeindruckt, die sich ab 1986 regelmäßig zu Aktionen trafen und von der Polizei fortgetragen wurden. Trotz alledem: Die Raketen blieben.

Erst die sich entspannende Weltlage und der (mittlerweile ausgelaufene) INF-Vertrag von 1987 bewirkten Anfang der 1990er-Jahre den Abzug der Pershing II-Raketen aus Mutlangen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Manfred Laduch/Heino Schütte/Reinhard Wagenblast: Mutlanger Heide. Ein Ort macht Geschichte, Schwäbisch Gmünd 1990.
  • Friedens- und Begegnungsstätte Mutlangen e.V. (Hg.): Mutlanger Erfahrungen. Erinnerungen und Perspektiven (= Mutlanger Text, Nr. 13), Mutlangen 1994.
  • Reinhold Weber: Mutlangen – mit zivilem Ungehorsam gegen Atomraketen, in: ders. (Hg.) Aufbruch, Protest und Provokation. Die bewegten 70er- und 80er-Jahre in Baden-Württemberg, Darmstadt 2013, S. 141-164.
  • Lebenshaus Schwäbisch Alb: Sammlung von Texten, Dokumenten, Rückblicken damaliger Mutlanger FriedensaktivistInnen.

/// Abheben auf progressiven Klangteppichen zum kleinen Preis: Wo und wie erfahren Sie am 13. Dezember!

Geschichte wird bewahrt – das „Hotel Silber“ wird Lern- und Gedenkort

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3. September 1979 | Der alltägliche Terror gegen Andersdenkende, die Überwachung und die Kontrolle der württembergischen Bevölkerung hatten zwischen 1933 und 1945 eine Adresse: Das mondäne Gebäude des ehemaligen Hotel Silbers in der Stuttgarter Dorotheenstraße beherbergte zu dieser Zeit die „Staatspolizeistelle“, den Sitz der Württembergischen Gestapo. Von den dunklen Verwahrzellen im Keller bis zu den Räumen des Referats N (Nachrichtendienst) im Dachgeschoss dienten die hier Angestellten dem NS-Staat und seiner rassistischen, menschenfeindlichen Ideologie. Nach 1949 nutzte hauptsächlich die Kriminalpolizei das nach Kriegszerstörungen wiedererrichtete Gebäude, wobei sowohl ehemalige NS-Polizeibeamte als auch ehemalige Verfolgte hier Anstellung fanden.

 

Wenig geheim also. Dennoch geriet die Geschichte des Ortes zunehmend in Vergessenheit. Jedoch nicht ganz: 40 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs veranstalteten die Jungsozialisten (Jusos) Stuttgart gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) eine Aktionswoche vom 3. bis 14. September 1979. Vor dem „Hotel Silber“ forderten die Aktiven die Einrichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus in Stuttgart. Doch erst auf das nachdrückliche Betreiben einiger StuttgarterInnen um den Widerständler Hans Gasparitsch wurde zumindest eine (recht versteckt aufgehängte) Gedenktafel installiert.

Als im Jahre 2008 Pläne öffentlich wurden, das Gebäude abreißen zu lassen, regte sich Protest. Die Bürgerinitiative „Lern- und Gedenkort Hotel Silber“ forderte, den Ort und seine Geschichte für die kritische Erinnerungsarbeit zu erhalten und erfahrbar zu machen, woraufhin sich die neugewählte grün-rote Landesregierung im Jahre 2011 für den Erhalt entschied. Ein Runder Tisch, bestehend aus Gedenkinitiativen, Interessenverbänden, politischen Gremien und Gruppen, lieferte Impulse für einen Lernort „Hotel Silber“, der vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg zusammen mit den Initiativen erarbeitet wurde. Nach Jahren der Diskussion, der forschenden Vorbereitung und diverser Feinabstimmungen konnte am 3. Dezember 2018 die Eröffnung des „Hotel Silber“ als Außenstelle des Hauses der Geschichte gefeiert werden.

Besonders junge Menschen können sich im Rahmen von Workshops die verschiedenen Facetten von Verfolgung und Verbrechen im Nationalsozialismus erschließen. Gedenken soll im „Hotel Silber“ praktisch werden und für ein demokratisches Miteinander aller Menschen werben.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Zigaretten und alternative Lernmethoden: Das passt nicht zusammen. Welche Verbindungen dennoch bestehen, lesen Sie am 7. September.

Der „alte Gruschd“ – Mosbach saniert seine Altstadt, nicht den Bahnhof

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27. Juli 1967 | Man nehme: Fachwerkhäuser, schmale Gässchen, Kopfsteinpflaster und eine gehörige Prise Romantik, backe dies einige Jahrhunderte und fertig ist eine typische Kleinstadt in Baden-Württemberg. Heute sind die zumeist umfassend sanierten Orte touristische Kleinode. Dies ist jedoch nicht immer so gewesen: In den 1950er Jahren waren viele alte Häuser verwohnt, Bäder und Toiletten sehr einfach gehalten und Komfort war in etlichen Wohnstuben ein Fremdwort. Das „Wirtschaftswunder“ weckte gleichermaßen Bedürfnisse wie Möglichkeiten: Fort mit dem „alten Gruschd“ war ein Satz, der auch in Mosbach im Odenwald häufig zu hören war. Ganze Häuser fielen dem Bagger zu Opfer, so beispielsweise das ehemalige Kaufhaus Held am Marktplatz oder das Fachwerkhausensemble Goebes an der Hauptstraße. Mit viel Glas und Beton schufen die Bauherren zeitgenössische Symbole des Fortschritts.

 

Was die einen als notwendig, ja sogar als Chance betrachteten, lehnten andere scharf ab. Konsequenterweise formierte sich Widerstand: Am 27. Juli 1967 wurde der Verein „Alt-Mosbach“ unter ihrem Ersten Vorsitzenden Adolf Frank in das Vereinsregister eingetragen. Als Fürsprecher für die alte Bausubstanz wollte der Verein auftreten, indem er Veränderungen in Mosbach kritisch dokumentierte und immer wieder auf den Stadtrat einredete, das historische Stadtbild nicht dem Zeitgeist zu opfern. Zudem versuchten die Aktiven, den Autoverkehr aus der engen Innenstadt herauszubringen. Diese Forderung wurde mit dem Bau der B27-Umgehungsstraße bis zum Jahre 1976 verwirklicht. Die 70er Jahre brachten mit dem „Städtebauförderungsgesetz“ in Baden-Württemberg neue Möglichkeiten der Veränderungen: Während in Karlsruhe der Abriss des Stadtviertels „Dörfle“ anlief, besannen sich die Mosbacher auf ein Konzept der „erhaltenden Erneuerung“. In drei Stufen wurde die Innenstadt saniert, wobei Denkmalschutz und die Interessen der Anlieger gleichermaßen Beachtung fanden – Gesamtkosten: 36 Millionen DM.

 

In den 90er Jahren erregte noch einmal der geplante Ausbau der B27-Umgehungsstraße die Mosbacher Gemüter. Dem Autoverkehr sollte der alte Bahnhof aus dem Jahr 1862, eine architektonische Visitenkarte der Stadt, geopfert werden. Eine Bürgerinitiative (BI)  ging entschlossen gegen das Projekt vor, sammelte Unterschriften und hielt Demonstrationen ab. „Das war für Mosbach schon etwas Besonderes“, erinnert sich Christine Krieger, damals selbst in der BI aktiv. Beachtlich sei zudem gewesen, dass sich über alle Parteigrenzen hinweg Mosbacher für ihren Bahnhof engagiert hatten, ergänzt Tim Krieger. Sehr ärgerlich für die Aktiven sei die Entscheidung des Denkmalamtes Karlsruhe gewesen, das Bahnhofsgebäude zum Abriss freizugeben, obwohl es zunächst für den Erhalt plädiert hatte, so Christine Krieger weiter. Im Februar 2002 rollten die Bagger an und beendeten 140 Jahre Verkehrsgeschichte. Neben diesem „Mahnmal für die Exzesse der 1960er Jahre“ (Tim Krieger) brachten die 90er auch viel Positives: Mit der Sanierung der „Alten Mälzerei“ ist ein vorzeigbares Kulturzentrum entstanden.

(Unser Dank gilt dem Stadtarchiv Mosbach, dem Stadtmuseum sowie den Eheleuten Krieger für die freundliche Unterstützung(.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Große Kreisstadt Mosbach (Hg.): Mosbach und die Sanierung seiner Altstadt 1974 bis 1997, Mosbach 1997.
  • Verein Alt-Mosbach (Hg.): Neues Haus in alter Stadt. Kritische Würdigung baulicher Veränderungen in der Altstadt von Mosbach/B. seit 1961, Mosbach 1969.
  • Verein Alt-Mosbach (Hg.): O Mosbach! Kritik der Altstadt-„Sanierung“ in Mosbach seit 1981 (= Mosbacher Schriften, Heft 6), Mosbach 1985.
  • Bürgerinitiative „Rettet des Bahnhof“ (Hg.): Der alte Bahnhof in Mosbach. Geschichte und Zerstörung eines Kulturdenkmals, Mosbach 2002.
  • LeoBW: Überblick über fotografische Archivalien zur Altstadtsanierung Karlsruhe.

/// In unserem nächsten Kalenderblatt am 5. August geht es um das Thema „Heimat in der Fremde“.

„Aktion Roter Punkt“ – jung und entschlossen gegen Fahrpreiserhöhungen

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1. Juli 1971 | Ein kleiner roter Punkt an der Windschutzscheibe wurde in Esslingen zum Symbol eines über Wochen geführten Protests. An der Spitze der Bewegung standen Schülerinnen und Schüler sowie junge Auszubildende, die allen Grund hatten, auf die Barrikaden zu gehen (in diesem Falle sogar wortwörtlich). Auslöser war die Ankündigung der Städtischen Verkehrsbetriebe Esslingen sowie die „Straßenbahn Esslingen-Nellingen-Denkendorf“ (END), ihre Fahrpreise zum 1. Juli zu erhöhen; Schülermonatskarten für die END sollten sich damit um rund 50% verteuern.

 

Um den kreativen Protest gegen die Pläne vorzubereiten, gründete sich ein Aktionskomitee, das hauptsächlich von der linksradikalen „Gruppe Internationaler Marxisten (GIM)“ und der „Revolutionär-Kommunistischen Jugend (RKJ)“ gestellt wurde, zu dem allerdings auch die „Ökumenische Jugend“ sowie die örtliche „Naturfreundejugend“ gehörten. Die Forderungen, mit denen die Aktiven an die Öffentlichkeit traten, boten eine visionäre Perspektive:

Für sofort: Keine Fahrpreiserhöhung; Für den Übergang: Einführung eines Einheitstarifs von 50 Pfennig; Endgültig: Nulltarif für alle, d.h. freie Fahrt zu Ausbildungsstätte und Arbeitsplatz.“ (Flugblatt Nr. 1, 8. Juni 1971)

Ab dem Jahr 1969 wurde in verschiedenen westdeutschen Städten mit der „Roten Punkt“-Aktion auf Fahrpreiserhöhungen reagiert, so beispielsweise in Hannover und West-Berlin. Die Spontiband „TON, STEINE, SCHERBEN“ widmete dem Protest sogar ein eigenes Lied („Mensch Meier“). Die Idee hinter dem Roten Punkt: An festgelegten Haltepunkten sollten AutofahrerInnen in ihren mit dem Punkt gekennzeichneten Privatfahrzeugen Fahrgäste mitnehmen, die sonst regulär den ÖPNV nutzten. Somit sollte Druck aufgebaut werden, blieben den Verkehrsbetrieben doch zahlende KundInnen fort.

 

Am 25. Juni ziehen SchülerInnen lautstark durch Esslingen und beginnen mit der Sammlung von Unterschriften gegen die Fahrpreiserhöhungen (nach eigenen Angaben sollen bis zum Ende der Aktion rund 10.000 Menschen unterschrieben haben). Mit kurzzeitigen Blockaden der Straßenbahn rund um den Esslinger Bahnhof findet fünf Tage später die Generalprobe für die kommenden Wochen statt. Pünktlich zu den neuen Preisen tauchen am 1. Juli erste PKW mit dem roten Punkt auf, die vom Aktionsstand am Bahnhof koordiniert werden. Was zunächst schleppend anläuft, funktioniert mit der Zeit immer besser. Die kommenden Wochen sind geprägt von Demos und Blockaden, wobei es immer wieder zu Spannungen zwischen der Polizei und den Demonstranten kommt. Vermeintliche und reale Anführer des Protests wie der junge Metzger Wilfried Schindler werden für sieben Tage in polizeilichem Gewahrsam festgehalten. Zwar zeigen sich lokale Gewerkschaftsvertreter verständnisvoll für das Anliegen der jungen Leute, doch möchten Mitglieder des Personalrats der Straßenbahnen nicht gegen ihren Arbeitgeber aufbegehren.

Alarmiert peitscht der Esslinger Oberbürgermeister Eberhard Klappenroth eine Erhöhung der städtischen Zuschüsse für Schülerzeitkarten durch und nimmt dadurch der „Roten Punkt“-Aktion teilweise den Wind aus den Segeln, die Ende Juli 1971 eingestellt wird.

Auch wenn das ursprüngliche Ziel verfehlt worden war, blieb bei vielen Jugendlichen die Erkenntnis hängen, dass mit kreativem Protest und Widerspruch sehr wohl Veränderungen erreicht werden konnten.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Am 7. Juli berichtet der Onlinekalender über Lebensrettendes und Lebensretter.

Notbremsung – Stuttgarts Straßenbahner lassen kein Rad mehr rollen

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1. Juni 1902 | Stuttgart war stolz auf sein neues Verkehrsmittel: Statt mit Hafer und wenigen Pferdestärken lief die Straßenbahn ab 1895 verstärkt mit elektrischem Strom. Doch saugte die Tram nicht nur aus den Fahrdrähten Energie, sondern auch aus ihren Fahrern: Arbeitszeiten von bis zu 13,5 Stunden ruinierten auf Dauer die Gesundheit. Eine Besserung war nicht in Sicht, im Gegenteil: Das Direktorium der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) verhinderte aktiv, dass sich ihre Angestellten in Gewerkschaften organisieren durften (Koalitionsrecht). Druck und schlechte Behandlung rufen nur Gegendruck und Verbitterung hervor, fasste der „Courier“, das Gewerkschaftsblatt des „Zentralverbandes der Handels-, Transport-, Verkehrsarbeiter Deutschlands“ die Stuttgarter Misere im Jahre 1902 zusammen.

Revolution ohne Bahnsteigkarte? Eine zeitgenössische Postkarte überspitzt die Auseinandersetzungen und  bezieht zugleich Position für die Streikenden (Bildnachweis: HdGBW).

Ende Mai 1902 zogen die Straßenbahner die Notbremse namens „Streik“. Ihre Forderungen waren zahlreich: Arbeitszeiten von maximal zehn Stunden, längere Pausen, höhere Löhne. Am Morgen des 1. Juni verließ keine Bahn das Depot, woraufhin die SSB die verprellten Kunden informierte, dass der „Bahnbetrieb mit neuen Personal“ in den kommenden Tagen wieder aufgenommen werden würde. In anderen Worten: Das Unternehmen warb aktiv Streikbrecher aus den umliegenden Städten wie beispielsweise Heilbronn an. Dies zog ernsthafte Konsequenzen nach sich, wie die sozialdemokratische Tageszeitung „Schwäbische Tagwacht“ mehrfach berichtete: Die Auswärtigen verursachten Beinahe-Unfälle mit der ihnen nicht vertrauten Technik und erregten die Wut der Stuttgarter Streikenden. Mehrfach kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Streikbrechern und Streikenden, zwischen Streikenden und der Polizei. Die Atmosphäre war aufgeheizt und die Polizei griff schnell ein, wenn sich Diskutierende versammelten: „Einzelne Schutzleute fühlten sich dadurch schon als Retter des Staates vor einer drohenden Revolution und zeigten ihre Schneidigkeit im Anfahren und Zurückstoßen des Publikums (…)“, höhnte die „Schwäbische Tagwacht“.

Warum läuft alles? Die Gewerkschaft wollte ihre Position öffentlichkeitswirksam erklären (Anzeige in der sozialdemokratischen Tageszeitung „Schwäbische Tagwacht“ vom 2. Juni 1902).

Während im Hintergrund die zähen Verhandlungen zwischen Belegschaft und SSB-Führung liefen, war der Kampf um die öffentliche Meinung für beide Seiten mindestens genauso wichtig. Im bürgerlich-liberalen Blätterwald war ein verständnisvoller Unterton für die Positionen der Streikenden zu vernehmen. Sogar die Stadt Stuttgart stellte sich offen hinter sie, indem sie der SSB den weiteren Betrieb des Straßenbahnverkehrs untersagte. Ein Gericht kippte die Entscheidung, das SSB-Direktorium erhöhte den Druck und der Streik brach zusammen. Versuche der württembergischen Sozialdemokratie, im Folgejahr das Koalitionsrecht auf parlamentarischen Wege zu verankern, scheiterten ebenso.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Nikolaus Niederich: Stadtentwicklung und Nahverkehr. Stuttgart und seine Straßenbahn 1868 bis 1918 (= Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Bd. 79), Stuttgart 1998, S. 396-404.

/// Am 7. Juni sind in unserem Onlinekalender wieder die Badener dran.

Hand in Hand? – Ein Streik bei John Deere wird wild

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22. Mai 1973 | Ein Taschenmesser, eine Planierraupe, eine Brechstange und zahlreiche deutsche und migrantische Arbeiter mit ordentlich Wut im Bauch: Bereits diese kurze Aufzählung macht klar, dass der „Wilde Streik“ beim Landmaschinenhersteller John Deere in Mannheim ein echter sozialer Krimi gewesen ist. Ein „wilder“ Streik ist zunächst eine Arbeitsniederlegung, die spontan und ohne Ankündigung von Gewerkschaften abläuft. Ganz unbeteiligt waren sie allerdings nicht, riefen doch die Ergebnisse ihrer Tarifrahmenverhandlungen nicht durchgängig Jubel hervor. Als weitere Belastung wurde auch bei Deere die Akkordarbeit am Band empfunden. Konrad Siegel hatte Ende 1971 mit 18 Jahren nach dem Abitur als Arbeiter in dem Mannheimer Werk begonnen und wurde rasch als Jugendvertreter aktiv in einem Organ der Betriebsverfassung.

 

In jenen Maitagen des Jahres 1973 war die Industrielandschaft Rhein-Neckar in Aufruhr: Die Welle der Arbeitsniederlegungen gipfelte im Arbeitskampf bei John Deere vom 22. bis 29. Mai – mittendrin war Konrad Siegel. Die Bereiche Gießerei und Montage seien damals wie zwei eigene Welten gewesen, der Kontakt zwischen den dort Beschäftigten eher gering. Zudem arbeiteten besonders in der Gießerei viele migrantische Arbeiter, von denen die meisten in werkeigenen Baracken hausen mussten. Dem zum Trotz sollten alle zum Streik mobilisiert werden: Ab 9 Uhr morgens zogen die ersten Streikenden durch die Werkhallen und riefen ihre Kollegen auf, sich anzuschließen. „Besonders die ausländischen Kollegen hatten keine Scheu, sich öffentlich zu zeigen, ganz nach dem Motto ,Wenn wir schon streiken, dann muss es wild und laut sein!‘, erinnert sich Siegel. Für viele Deutsche hatte dies nicht nur etwas Exotisches an sich, sondern zugleich etwas Bedrohliches, so der damalige Jugendvertreter weiter. Auch die Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter waren in der Streikleitung ganz vorne mit dabei und riskierten den Rauswurf.

In der aufgeheizten Stimmung des Streiks sei es auch zu menschlichen Missverständnissen und Spannungen gekommen. Deutsche Kollegen hätten noch gearbeitet, als die Streikenden eine Halle betraten, hätten dann jedoch rasch ihr Pausenbrot mitsamt Taschenmesser ausgepackt, um abzulenken. Beim Gespräch zwischen migrantischen und deutschen Arbeitern habe der Deutsche mit dem Messerchen herumgefuchtelt, was als Provokation aufgenommen wurde und ihm einen leichten Schlag mit dem Helm eines der streikenden Gießereiarbeiter einhandelte. Als ein Deutscher mit einer Planierraupe langsam auf migrantische Arbeiter zufuhr, einer aus deren Reihen wütend die Fensterscheibe der Fahrerkabine einschlug, gab dies den Bewegungsspaltern zusätzlich Futter, so Siegel. ,Jetzt machen die Ausländer sogar die Fabrik kaputt und verprügeln euch Deutsche‘, sei von Seiten einiger Unternehmensvertreter zu hören gewesen. Trotz dieser Vorfälle sei der Zusammenhalt der Streikenden, deutscher wie migrantischer Herkunft, sehr gut gewesen: „Wir ließen uns nicht spalten“, erinnert sich Siegel.

Der Streik wurde intensiv begleitet von kommunistischen Gruppen und polarisierte die Mannheimer Öffentlichkeit extrem. Nach Ende des Streiks wurden zahlreiche migrantische Arbeiter entlassen, wogegen die IG-Metall protestierte. Die Fähigkeit zu betrieblichen Streiks bei John Deere sei in den folgenden zehn Jahren erheblich beeinträchtigt gewesen, bilanziert Konrad Siegel rückblickend. Eine positive Schlussfolgerung aus die­sem Konflikt sei, dass über die Jahre und bis heute die Notwendigkeit einer aktiven Einbeziehung migrantischer Beschäftigter in die Interessenvertretungsarbeit bei John Deere eine selbstverständliche Realität ist.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Torsten Bewernitz: „Terror der ausländischen Arbeiter“. Die „wilden“ Streiks im Rhein-Neckar-Gebiet im Mai 1973, in: Arbeit-Bewegung-Geschichte 15 (2016), H. 1, S. 63-72.

/// Und morgen wieder etwas Grundsätzliches: Unser Kalenderblatt zu 70 Jahre Grundgesetz der Bundesrepublik.

Der Streit um den Nationalpark – die Bürgerbefragung im Nordschwarzwald

Ein Kommentar

12. Mai 2013 |  „Wilde Wälder“ heißt eine wunderbare Band aus dem Hochschwarzwald, die mit G’schrei, G’joohmer oder auch Blaare ihr Publikum erfreut. Der Name bezieht sich auf die vier Bandmitglieder, die sich selbst als „Ureinwohner“ bezeichnen. Ist ja auch klar: Die Menschen mögen wild sein, die Wälder selbst sind es schon längst nicht mehr. Sie werden gehegt und gepflegt, sie sind oft sogar von Menschenhand geplant und angelegt worden. Von Wildnis kann keine Rede sein.

Dies zu ändern, um damit die Natur besser zu schützen und so eine größere Vielfalt von Fauna und Flora wieder zuzulassen, war das Ziel einer Initiative der 2011 gewählten grün-roten Landesregierung. Der Weg dahin sollte die Gründung eines Nationalparks sein, in dem die Natur sich weitgehend selbst überlassen bleiben sollte. Als dafür geeignetes Gebiet wurden im Nordschwarzwald zwei von den Städten Baden-Baden und Freudenstadt begrenzte Bereiche um den Ruhestein und den Hohen Ochsenkopf auserkoren, mit einer Gesamtfläche von etwas mehr als 10.000 Hektar (was ca. 0,7 % des gesamten Waldes im Land entspricht).  In einer Kernzone sollte fortan jeder menschliche Eingriff unterbleiben, während in einer Entwicklungszone erst noch die Voraussetzungen für das sich-selbst-überlassen geschaffen werden sollten – denn selbst die Rückkehr der Wildnis benötigt ein Stück weit menschliche Hilfe.

Aber in einem dicht besiedelten Land wie Baden-Württemberg liegt selbst ein Nationalpark nicht in einer von Menschen weit abgelegenen Gegend. Im Nordschwarzwald leben Menschen in vielen Gemeinden in unmittelbarer Nähe des Waldes, und nicht nur das: Sie leben auch vom Wald. Was passiert mit den Privatwäldern, wenn der Staat seinen Wald nicht mehr bewirtschaftet? Konkret: Macht der Borkenkäfer, der sich vielleicht im Nationalpark ausbreiten wird, Halt an der Grenze der privaten Wälder?  Und können wir es uns überhaupt erlauben, das wertvolle Holz einfach verrotten zu lassen? Ist es dafür nicht zu schade? Ist ein so radikaler Waldschutz nicht einfach nur ein romantisches Alibi für ein hochindustrialisiertes Land?

Die Landesregierung startete einen umfassenden Beteiligungsprozess, konnte aber einen heftigen Streit über den Nationalpark nicht verhindern. Die Ablehnung vieler Menschen in der Region trotz aller Informationen und Diskussionen zeigte sich in den Ergebnissen einer Bürgerbefragung, die am 12. Mai 2013 in sieben Gemeinden abgeschlossen wurde: Von Bad Wildbad bis Freudenstadt stimmten mehr als 70 % gegen den Nationalpark. Aber das Ergebnis war nicht bindend. Der Landtag beschloss am 28. November 2013 das Nationalparkgesetz. Seit dem 1. Januar 2014 besteht der Nationalpark Schwarzwald. Laut Umfragen soll inzwischen auch in der Region die Akzeptanz gestiegen sein.

Der Wald wird „eine Spur WILDER“.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Morgen geht es wieder einmal in die Hauptstadt der badischen Revolution. Wissen die Menschen dort überhaupt, was am 13. Mai 1849 bei ihnen geschah?

1968 auf oberschwäbisch – der „Venceremos“ erregt die Gemüter

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02. Mai 1969 | „Impotente Pauker“ kommen in den Genuss eines besonders günstigen Preises von 40 Pfennig: So stand es zumindest auf dem Cover der April/Mai-Ausgabe der Biberacher Schülerzeitung „Venceremos“ von 1969. Was dort auf dem Schulhof des örtlichen Wieland-Gymnasiums mit einer Auflage von 100 Exemplaren kursierte, war gedruckter Sprengstoff gegen die Werte und Moralvorstellungen der Elterngeneration. Mit der Losung „Durchstosst das Sexualtabu“, einem kunstvoll gestalteten Penis und einem entspannt-nackten Teufelchen provozierten die jungen Herausgeber um Martin Heilig und Eckard (Ekke) Leupold von der Biberacher Außerparlamentarischen Opposition (APO) mit denkbar scharfen Mitteln. Um Skandale und neuartige Protestaktionen war die kleine, aber rührige APO in der oberschwäbischen Stadt nie verlegen gewesen. Gegründet im Zuge des Widerstandes gegen eine Wahlveranstaltung der neofaschistischen NPD im Frühjahr 1968, brachten die Mitglieder beispielsweise lautstark ihren Protest gegen Bundeskanzler Kurt Kiesinger und dessen Notstandsgesetze anlässlich seines Wahlkampfbesuchs am 22. April zu Gehör (und steckten dafür Prügel von anwesenden Biberacher Bürgern ein).

"Schweinkram, Pornografie" - so die Meinung zahlreicher erregter Bürgerinnen in Biberach im Jahre 1969 über die Schülerzeitung "Venceremos" (Bildnachweis: Stadtarchiv Biberach, Sig. L 16 Nr 6).
„Schweinkram, Pornografie“ – so die Meinung zahlreicher erregter BürgerInnen in Biberach im Jahre 1969 über die Schülerzeitung „Venceremos“ (Bildnachweis: Stadtarchiv Biberach, Sig. L 16 Nr 6).

Im Folgejahr wurde die örtliche Schülerschaft stärker als „revolutionäres Subjekt“ ins Auge gefasst: Der „Venceremos“ verband auf seinen hektografierten Seiten allgemeine Kapitalismuskritik mit Anprangerungen schulinterner Missstände, konservativer Lehrer und überholter Lehrmethoden. Das Echo auf die April/Mai-Ausgabe blieb jedoch beispielslos in der kurzen Geschichte des Blattes, wie der Historiker Frank Brunecker vom Museum Biberach eingängig nachzeichnet. Nach einer Anzeige kam es zu Hausdurchsuchungen bei den Verantwortlichen, der Elternbeirat verdammte das „pornographische“ Machwerk und die lokale Presse veröffentlichte wütende Artikel und Leserbriefe, die ein hartes Vorgehen gegen die „perversen Schweinereien einer Schülerclique“ forderten. Vor der Veröffentlichung hatte Ekke bereits fest mit einer Anzeige gerechnet, was ihm jedoch „scheißegal“ gewesen sei.

Die Fotografin Marga Schwoerbel dokumentierte lebhaft die Demo zum "Venceremos"-Prozess im Januar 1970 (Bildnachweis: Stadtarchiv Biberach, Sig. M 10.1 Nr. 4216, Aufnahme: Marga Schwoerbel).
Die Fotografin Marga Schwoerbel dokumentierte die bewegte Demo zum „Venceremos“-Prozess im Januar 1970 (Bildnachweis: Stadtarchiv Biberach, Sig. M 10.1 Nr. 4216, Aufnahme: Marga Schwoerbel).

Im Januar 1970 kam es zum sogenannten „Venceremos“-Prozess gegen Ekke, Oswald Schmid und Ulrich Weitz, nicht ohne vorherigen lautstarken Protest von APO-Mitgliedern und Sympathisanten am 13. Januar. Vor Gericht entgegnete der angeklagte Ulrich Weitz auf die Vorwürfe der Verbreitung pornografischer Schriften:

„Pornographie ist das, was die Bürger daheim in ihren Nachttischen haben, das ihnen Spaß macht (…) – nirgendwo in der Provinz hat man so viel Angst vor der APO wie hier in Biberach. Gewisse Leute haben also unsere Gefährlichkeit erkannt, und zwar nicht auf dem kriminellen, sondern dem politische Gebiet. Es ist ja ganz klar, dass wir genau das Gegenteil wollen von dem, was Pornographie ist. Wir sind eigentlich viel moralischer als diese Leute, moralischer im natürlichen Sinne.“ (zitiert nach Brunecker, 1968, S. 103f.)

Überraschend wurden die Angeklagten freigesprochen und der angedachte Schulverweis ebenso fallengelassen. Die Biberacher APO hatte über die „Spießermoral“ gesiegt, zugleich einer ihrer letzten Erfolge, denn die Bewegung zerbrach rasch in der Folgezeit.

(Wir danken dem Stadtarchiv Biberach sowie Frau Schwoerbel für die freundliche Bereitstellung des Archivmaterials).


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Frank Brunecker: 1968, Biberach 2018.
  • Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.): … Denn die Zeiten ändern sich. Die 60er Jahre in Baden-Württemberg, Stuttgart 2017.
  • BLIX. Magazin für Oberschwaben, Mai 2018: Themenschwerpunkt „68er in Biberach“.

/// Auch eingeschränkt ein vollständiger Teil der Gesellschaft sein: Ein frühes Beispiel hierfür bringen wir am 7. Mai.

(K)ein Elendsgebiet – der Protest gegen die Schließung des Audi/NSU-Werks in Neckarsulm

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18. April 1975 |  Im Februar 1975 titelte die Tageszeitung „Heilbronner Stimme“ Schockierendes: Der Vorstand des VW-Konzerns, zu dem auch Audi/NSU gehörte, habe die Schließung des Standorts am Neckar beschlossen. Damit wollte man Überkapazitäten abbauen, die sich in Folge des Ölpreisschocks ergeben hatten und zeitgleich die Produktion rationalisieren, galten doch die Neckarsulmer als schwächstes Glied des Konzerns. Welche sozialen Folgen der Entschluss haben könnte, machte die Wochenzeitung „ZEIT“ klar, die von einem drohenden Elendsgebiet um Heilbronn schrieb, wenn die Fertigungstradition erlischte.

Am Morgen des 18. April 1975 demonstrierten zwischen 7.000 und 8.000 Automobilbeschäftigte mit einem Marsch nach/durch Heilbronn gegen die Entlassungspläne. Der Widerstand gegen die seit Jahresanfang gerüchteweise in der Luft liegenden Werksschließung hatte sich allmählich aufgebaut. Trotzig hatte der Betriebsratsvorsitzende Karl Walz gedonnert: „Solang mer no schnauft, is mer net tot.“ IG-Metall und Arbeiterschaft fühlten sich von der Konzernspitze hintergangen, sie sahen ihre Identifikation mit dem Werk und den gebauten Fahrzeugen nicht wertgeschätzt. Klaus Zwickel, Erster Bevollmächtigter der IG-Metall-Verwaltungsstelle Neckarsulm, zeigte sich besonders resolut und setzte auf harte Konfrontation bis hin zum „Wilden Streik“.

Mit dem Ro 80, einem Wankelmotorenfahrzeug, war Audi in Sachen automobiler Innovation dermaßen vorangeprescht, dass Kundinnen und Kunden vor dem störungsanfälligen Spritfresser zurückschreckten. Nicht zuletzt dessen schlechte Absatzzahlen wirkten sich schnell existenzbedrohend auf das Neckarsulmer Audi/NSU-Werk aus, wo der Ro 80 gefertigt wurde. Seit den 1960er Jahren spielten vor Ort ausländische Arbeitskräfte eine besondere Rolle, wie der Historiker Arnd Kolb nachweisen konnte. Diese Gruppe stellt im Jahre 1973 rund 43 % der Beschäftigten bei Audi/NSU Neckarsulm. Sie waren es auch, die in den Krisenjahren 1974/75 hauptsächlich auf die Straße gesetzt wurden (6.500 Arbeiter wurden entlassen, zwei Drittel von ihnen waren Ausländer). Mit Prämien für die Rückkehr in ihre Herkunftsländer wollte man die nun wirtschaftlich lästig Gewordenen abspeisen und loswerden.

Die Bilanz des energischen Protests liest sich durchwachsen: Mehr als die Hälfte der Neckarsulmer Belegschaft wurde arbeitslos, doch das Werk war gerettet. Ein hoher Preis für den Automobilstandort um Heilbronn. In den kommenden Jahren sah sich die Konzernspitze zudem gezwungen, erneut ausländische Arbeitskräfte anzuwerben, um jene kraftzehrenden und niedrig bezahlten Arbeiten ausführen zu lassen, für die sich zu wenig Einheimische fanden.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Arnd Kolb: Autos – Arbeit – Ausländer. Die Geschichte der Arbeitsmigration des Audi Werks Neckarsulm, Bielefeld 2011.
  • Heinz Michaels: Falls das Autowerk geschlossen wird. Stadt auf dem Pulverfass, in: DIE ZEIT 24. Januar 1975 (Onlinearchiv).
  • Peter Brügge: „Solang mer no schnauft, is mer net tot“, in: DER SPIEGEL 10.03.1975 (Onlinearchiv).

/// Etwas beschaulicher und ländlicher wird es in unserem kommenden Eintrag am 20. April.

„Wenn der Hahn kräht …“ – der Reutlinger Schulstreik gegen den NC-Erlass

Ein Kommentar

15. April 1970 | „Wenn der Hahn kräht, wachen die Schüler auf!“ Mit diesem Slogan überschrieb die Bezirks-Schülermitverantwortung (SMV) Tübingen-Reutlingen ein Flugblatt, das in den heißen Reutlinger Tagen des Protests von Hand zu Hand ging. Den Begriff „Klassenkampf“ hatten die Schülerinnen und Schüler der Reutlinger Gymnasien wörtlich genommen. Und sie waren nicht die einzigen:  In 40 Städten Baden-Württembergs forderte die junge Generation die Abschaffung des 1968 eingeführten Numerus Clausus, der Zugangsbeschränkung auf besonders gefragte Fächer. Damit nicht genug: Auch für eine prinzipiell bessere Bildungspolitik und mehr Mitspracherecht an den Schulen wurde gestreikt.

Aus Unterlagen des Isolde-Kurz-Gymnasiums (Reutlingen) geht hervor, dass die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 6 bis 9 zu 90 % für den Streik gestimmt hatten; 391 von 517 SchülerInnen der Jahrgangsstufen 4 bis 9 beteiligten sich schließlich an der Arbeitsniederlegung. So berichtete die „Südwestumschau“ am Donnerstag, den 16. April 1970: „In Reutlingen beteiligten sich fast 3.000 streikende Schüler an einem Demonstrationszug, bei dem auf Spruchbändern die Bevölkerung aufgefordert wurde, sich mit dem dreitägigen Streik (…) zu solidarisieren.“

 

Manche Eltern und Lehrer gingen diesem Aufruf nach und schlossen sich den Streikenden an. Auch am Friedrich-List-Gymnasium in Reutlingen wurden Hefte und Tafeln nicht genutzt. Die Klassentagebüchern blieben die Tage leer, nur ein Wort ist darin zu lesen: „Streik“.

Hauptangriffsziel der Schüler war der damalige Kultusminister Wilhelm Hahn. In einer Erklärung versprach der CDU-Politiker verschmitzt: „Geben Sie mir Geld und ich baue den Numerus Clausus sofort ab.“  Zwar sagte Hahn zu, das Anliegen der Streikenden an die Landesregierung weiterzugeben, doch lehnte er den Streik als Mittel der Mitbestimmung ab. Disziplinarische Maßnahmen für die Streikenden gab es hingegen keine, befürchteten doch die Verantwortlichen, dass dies dem Streik nur zusätzlichen Aufwind geben würde. Zudem stünde dies in keinem Verhältnis zum insgesamt friedlichen Verlauf.

 

Insgesamt beförderte der Streik die Kultur der Mitbestimmung und des kritischen Engagements der SchülerInnen, auch wenn das eigentliche Ziel verfehlt wurde, nämlich die Abschaffung des NC-Erlasses. Was einst als Notmaßnahme eingeführt worden war, behielt seine Gültigkeit bis zum heutigen Tage.

(In Zusammenarbeit mit Frau Clara Ebert, für deren umfassende Recherche und Co-Autorenschaft an dieser Stelle herzlich gedankt sei).


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Frieder Kernen: Streik der jungen Schwaben. Uber 10000 Schüler gingen auf die Straße, in: DIE ZEIT 24. April 1970 [online].
  • o.A.: Nicht mehr drin, in: DER SPIEGEL 20/1970 [online].
  • Stefan Paulus: „Konservativ und fortschriftllich zugleich“. Baden-Württembergische Bildungspolitik in den 1960er- und 1970er-Jahren, in: Philipp Gassert/Reinhold Weber (Hgg.): Filbinger, Wyhl und die RAF. Die Siebzigerjahre in Baden-Württemberg (= Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, Bd. 42), Stuttgart 2015, S. 157-178.

/// Auch am 18. April wird auf dieser Seite wieder gestreikt. Zu Lesen wird es dennoch etwas geben.