Exil im Südwesten – die Reichsregierung flieht vor dem Kapp-Putsch

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16. März 1920 | Alle sollten es sehen: „Wir stehen auf dem Boden der von uns beschworenen Reichsverfassung.“ So prangte es auf zahlreichen Plakaten, die ab dem 13. März 1920 in Württemberg aufgehängt wurden. Unterzeichnet hatten der württembergische Staatspräsident Wilhelm Blos und der für Württemberg zuständige Reichswehrgeneral Walter von Bergmann.  Ein völkisch-reaktionärer Putschversuch gegen die Demokratie nötigte zu dieser grundsätzlichen Aussage: In Berlin hatten am 13. März Freikorps, Soldaten und rechtsradikale Konservative entscheidende Teile der Reichshauptstadt besetzt. Die Aufrührer unter Führung des ostpreußischen Generallandschaftsdirektors Wolfgang Kapp und des Oberbefehlshabers in den Marken (Berlin-Brandenburg) Walther von Lüttwitz erklärten die Deutsche Nationalversammlung für aufgelöst und die gewählte Regierung für absetzt. Reichspräsident Friedrich Ebert, Reichskanzler Gustav Bauer und der Großteil seiner Minister flohen daraufhin über Dresden nach Stuttgart. Reichsinnenminister Erich Koch-Weser war ebenfalls im Zug und notierte in seinen Reiseaufzeichnungen über die Hoffnungen zahlreicher rechter Republikfeinde:

„Das südlichste Kap Afrikas nannten die Schiffer, solange sie es nicht umsegeln konnten, das Kap der Stürme und als es gelungen war, das Kap der guten Hoffnung – Bei uns kommt hinter einem Kapp der guten Hoffnung, ein Kapp der Stürme“

Deutscher Reichstag im Exil: Tagung im Stuttgarter Kunstbau während des Kapp-Lüttwitz-Putsches (Bildnachweis: #####).
Deutscher Reichstag im Exil: Tagung im Stuttgarter Kunstbau während des Kapp-Lüttwitz-Putsches (Bildnachweis: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, HStA Q 1-2 Bü 43 Bild 94).

Der deutsche Südwesten war nicht windstill, aber deutlich weniger sturmumtost als andere Regionen. Hier vertraute die gewählte Regierung auf den Rückhalt bei Politikern, Bevölkerung und Sicherheitskräften und trat am 15. März zu einer Kabinettssitzung zusammen, um das weitere Vorgehen zu beraten. In den badischen und württembergischen Industriezentren bildeten sich Aktionsausschüsse sozialdemokratischer, kommunistischer und parteiloser ArbeiterInnen, die den Generalstreik regelten. Revolutionäre Betriebsräte und die Gewerkschaften waren ebenso widerständig. Zudem hatten ArbeiterInnen das Daimler Benz-Werk in Mannheim besetzt, um zu verhindern, dass produzierte Fahrzeuge den Putschisten in die Hände fielen.

Dass die Landesregierung und der oberste Soldat in Württemberg die Reichsregierung unterstützten würden, erfuhren alle Württembergerinnen und Württemberger durch Plakate und Zeitungssondermeldungen. Lange mussten Ebert und das Reichskabinett nicht in Stuttgart Zuflucht suchen. Der umfassende Widerstand ließ den Kapp-Lüttwitz-Putsch nach vier Tagen zusammenbrechen. Reichspräsident Ebert und Teile der Regierung blieben noch bis zum 20. März 1920 in Stuttgart. Dann kehrten sie nach Berlin zurück und zerstreuten damit aufkommende Gerüchte, dass das sichere Stuttgart nun dauerhaft Hauptstadt der Deutschen Reiches werden könnte.

(Gemeinsam verfasst mit Dr. Christopher Dowe).


Zum Weiterlesen und – forschen:

  • Hauptstaatsarchiv Stuttgart: Q 1/2 Bü 43 Nachlass Dr. Conrad Haussmann [enthält zahlreiche Unterlagen und Materialien zum Kapp-Putsch].
  • Wilhelm Blos: Der Kapp-Putsch, in: Paul Löbe (Hg.): Friedrich Ebert und seine Zeit. Ein Gedenkwerk über den ersten Präsidenten der deutschen Republik. Volksausgabe, Berlin 1926, S. 279-302 [Schilderung der Exilzeit des Parlaments in Stuttgart].
  • Unsere Sonderausstellung „Vertrauensfragen“ gewährt noch bis August 2019 erkenntnisreiche Einblicke in die Frühzeit der Weimarer Republik: Homepage der Ausstellung.

/// Am 19. März stellt sich die Frage: Republik oder nicht?

Lauter Störfälle – die Schönauer Stromrebellen übernehmen das Stromnetz

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10. März 1996 | Spannung ist messbar, das bestätigt jeder und jede ElektrotechnikerIn. Die emotionale Spannung, die an diesem besonderen Wahlabend in der kleinen südbadischen Kommune Schönau herrschte, war unermesslich: Wer würde im jahrelangen Ringen um das Stromnetz den Sieg davontragen: Die Stromrebellen oder der etablierte Versorger, die „Kraftübertragungswerke Rheinfelden“ (KWR)? Der Aufbruch in die Zukunft der Energieversorgung in Schönau begann mit einer Katastrophe, die sich über 1.600 Kilometer weiter östlich abgespielt hatte, mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl. Das Ehepaar Ursula und Michael Sladek ergriff zusammen mit anderen alarmierten Schönauern die Initiative und nahmen den Kampf gegen Nutzung der Kernkraft im eigenen Land auf.

Durch energisches Stromsparen sollte den großen Stromkonzernen das Geld abgegraben werden. Jedoch wuchs rasch die Erkenntnis, dass die Lösung nur eine vollständige Loslösung von der Abhängigkeit externer Stromversorger sein konnte: Ende 1990 gründet sich die Netzkauf Schönau GbR. Anfang 1991 verlängerte der Gemeinderat den bestehenden Konzessionsvertrag mit der KWR, die auf Atomkraft setzte und als kapitalkräftiger Stromanbieter für viele Menschen vor Ort die sicherere Wahl darstellte. Die Stromrebellen von der Netzkauf organisierten daraufhin einen Bürgerentscheid, der im Oktober 1991 richtungsweisend ausging: 55,7% stimmten für die Aufnahme von Verhandlungen zum Kauf des lokalen Stromnetz.

Je enger, desto größer der Widerstand, ist eine weitere Regel in der Elektrolehre. Enger wurde es für die KWR nach der Gründung der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) im Jahre 1994. Nachdem der Gemeinderat im November 1995 entschieden hatte, der EWS den Konzessionszuschlag zu geben, strebte diesmal die unterlegene CDU-Fraktion einen Bürgerentscheid an, um das „drohende Abenteuer“ abzuwenden. Während die KWR und die Bürgerinitiative „Pro Bürgerentscheid“ mit Zahnbürsten, Flugblättern und moderner Technik eine sichere Stromversorgung und stabile Preise versprachen, warben die Stromrebellen mit Marmelade, nachhaltigen Argumenten und viel persönlichen Einsatz für ein „Nein“ zur Verlängerung des KWR-Vertrags. Am Wahlabend zeigte sich erneut, wie zerrissen die Kommune bezüglich der Stromfrage war: Mit lediglich rund 54% der abgegebenen Stimmen erteilten die Schönauer dem alten Stromversorger KWR eine Absage. Die siegreichen Stromrebellen traten nun die mühevolle Aufgabe an, das Stromnetz aufzukaufen und die Elektrizitätsversorgung in eigene Hände zu nehmen.

Das Schönauer Beispiel hat Schule gemacht: Einige Kommunen in Deutschland betreiben bereits die lokale Stromversorgung in Eigenregie, in BürgerInnenhand.


Zum Weiterlesen und -schauen:

  • Bernward Janzing: Störfall mit Charme. Die Schönauer Stromrebellen im Widerstand gegen die Atomkraft, Vöhrenbach 2008.
  • DVD: Die Schönauer Gefühl. Die Geschichte der Stromrebellen aus dem Schwarzwald. Eine Produktion des Fördervereins für umweltfreundliche Stromverteilung und Energieerzeugung Schönau im Schwarzwald e.V., Schönau 2007.

/// Am 12. März geht es spannend weiter: Frauenpower an der Uni in unserem Onlinekalender.

Weil Blumen nicht reichen – der Frauenstreik in Tübingen

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8. März 1994 | Der Weltfrauentag, ein zweiter Muttertag mit Blumen und Geschenken? Streitbare Frauen wie Edda Rosenfeld, über viele Jahre Frauenbeauftragte der Stadt Tübingen, wollten neue Wege beschreiten: „Wir müssen mal ein bisschen aus dem Rahmen fallen, um zu irritieren und nicht nur immer mehr vom selben zu tun!“, so ihre damalige Überzeugung als Mitglied des Vorbereitungsteams zum Frauenstreik 1994. Vorläufer der Proteste waren unter anderem der Frauenstreik auf Island im Jahr 1975 sowie der Streik in der Schweiz 1991. In der eher beschaulichen Universitätsstadt Tübingen fielen die streikenden Frauen mit zahlreichen Aktion richtig aus dem Rahmen: Neben der Blockade des Lustnauer Tors durch 200 Aktivistinnen sorgten die Streikenden unter anderem mit einer humorvollen Abladeaktion typischer Hausarbeitsgeräte auf dem Marktplatz für Aufmerksamkeit.

Die Themen, welche auf den Kundgebungen und kreativen Happenings zur Sprache gebracht wurden, waren vielfältig: Ungleiche Löhne, Gewalt gegen Frauen, eine Doppelbelastung durch Arbeit und Haushalt, überkommene Rollenklischees, § 218 und viel mehr. Dass es sich hierbei nicht um reine Frauenprobleme handelte, sondern um gesamtgesellschaftliche, versuchte die Frauenbewegung jener Jahre zu vermitteln. An zahlreichen anderen Orten in Baden-Württemberg wiederholten sich die Tübinger Szenen: In Stuttgart besetzten Frauen den Verkehrsknotenpunkt Charlottenplatz und erhoben Forderungen nach einer Umbenennung des Karlsplatz in Clara-Zetkin-Platz. In Heidelberg hieß der Rathausplatz einen Tag lang Rote-Zora-Platz. Hier öffnete Oberbürgermeisterin Beate Weber das Rathaus den streikenden Frauen. Echte Arbeitsniederlegungen in den Betrieben blieben allerdings die Ausnahme, auch wenn vereinzelnd Betriebsversammlungen dazu genutzt wurden, die Anliegen des Frauenstreiktags zu diskutieren.

Auch 20 Jahre später seien die damals vorgetragenen Forderungen noch immer tagesaktuell, bemerkt Susanne Rückl-Kohn, Leiterin des Bildungszentrums und Archivs zur Frauengeschichte Baden-Württembergs Tübingen (BAF e.V.). Höchste Zeit also, selber aktiv zu werden: Heute findet bundesweit eine Neuauflage der 1994er-Aktionen statt: Bunt, kreativ, laut soll es werden – und Sie mittendrin? Das gilt selbstverständlich auch für alle Männer.

Wir bedanken uns bei Edda Rosenfeld sowie bei Susanne Rückl-Kohn vom BAF. e.V. Tübingen.


Zum Weiterlesen:

Die Revolution aus der Aula – die Mannheimer Forderungen

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27. Februar 1848 I Hatten die Badener nicht schon genügend Partizipation? Die großzügige Verfassung, der frei gewählte Landtag und die umfassenden Wahlrechte in den Kommunen – reichte das denn immer noch nicht? Die unterdrückten Preußen konnten davon doch nur wehmütig träumen. Und dennoch brach die Revolution 1848 nicht in Berlin, sondern in Mannheim aus. Dort, wo die Nachrichten von einer neuerlichen Revolution in Frankreich (natürlich waren es wieder einmal die Franzosen, die am 24. Februar ihren König verjagt hatten) am schnellsten eintrafen. Dort, wo die Bevölkerung sich in den vergangenen zehn Jahren den Ruf hart erarbeitet hatte, besonders „aufmüpfig“ zu sein. Ja, es stimmte. Baden war in vielen Fragen bedeutend fortschrittlicher als die restlichen deutschen Bundesstaaten. Aber das machte die Bevölkerung nicht zufriedener, im Gegenteil. Das vergleichsweise hohe Maß an Beteiligung führte nur zum konsequenten Drängen nach noch umfassenderer Teilhabe.

Am Sonntag, den 27. Februar 1848, war es soweit. Der Redakteur Gustav Struve und der Verleger Heinrich Hoff riefen zur Volksversammlung in den Aulasaal (A 4, 4) auf und 2.500 Menschen kamen – der Staat hatte sie nicht mehr daran hindern können. Alle waren sich einig, dass jetzt die Stunde gekommen war, um die seit langem erhobenen wichtigsten Forderungen durchzusetzen:

  1. Volksbewaffnung mit freien Wahlen der Offiziere
  2. Unbedingte Preßfreiheit
  3. Schwurgerichte nach dem Vorbilde Englands
  4. Sofortige Herstellung eines deutschen Parlamentes

Die „Mannheimer Forderungen“ begannen unmittelbar danach ihren Siegeszug durch alle deutschen Bundesstaaten. So schnell, wie es niemand für möglich gehalten hätte, wurden sie im März 1848 weitgehend verwirklicht.

Im Aulasaal in Mannheim nahm aber nicht nur die Revolution ihren zunächst so erfolgreichen Lauf. Noch einmal konnten sich hier Liberale und radikalere Kräfte (die sich bald Demokraten nennen sollten) auf ein gemeinsames Programm verständigen. Der weitere Gang der Dinge sollte sie bald auseinanderführen.


/// Bildungshungrige Frauen stürmen morgen in unserem Onlinekalender akademische Männerbastionen.

§ 218 – Stuttgarter Proteste für Else Kienle und Friedrich Wolf

Ein Kommentar

26. Februar 1931 | Ungewollt schwanger: Und jetzt? Die Betroffenen stecken in einer absoluten Ausnahmesituation, die weitreichende Entscheidungen abverlangt. Wer sich für eine Schwangerschaftsunterbrechung entscheidet, begeht gemäß § 218 eine Straftat. Straffreiheit garantiert allerdings die Fristenregelung, d.h. bis zur zwölften Schwangerschaftswoche kann die Unterbrechung durch Mediziner nach vorheriger Beratung vorgenommen werden sowie die Indikationsregelungen (wenn die Schwangerschaft gefährdet das körperliche wie seelische Wohl bzw. ist die Folge einer Vergewaltigung). Die heute gültigen Fassungen der §§ 218 und 219 – letztgenannter regelt die Beratungspflicht vor einer Abtreibung – stellen einen gesellschaftlichen Kompromiss dar, der von verschiedenen Seiten als faul, antiquiert, anti-emanzipatorisch beschrieben wird. Folglich branden wieder verstärkt Demonstrationen für die weibliche Selbstbestimmung („Mein Körper gehört mir“). Sie sehen sich oftmals mit kirchlich begründeten Bewegungen für den „Schutz des ungeborenen Lebens“ konfrontiert.

Der § 218 stammt noch aus Kaisers Zeiten und wurde seinerzeit mit aller Härte zur Anwendung gebracht. Besonders die wachsende Arbeiterklasse kam mit dem Gesetz in Konflikt. Fehlende Verhütungsmittel, unsichere und beengte Lebensverhältnisse – das alles trieb Frauen zur Abtreibung unter höchst gefährlichen Umständen, nicht selten mit tödlichen Ausgang. Eine solche Situation schildert der 1930 uraufgeführte Film „Cyankali“, der auf einem Theaterstück des Stuttgarter Arztes und Befürworter der Geburtenreglung, Friedrich Wolf, fußt. Er und die Stuttgarter Ärztin Else Kienle nahmen den Kampf für das medizinisch betreute Recht auf Abtreibung in der Weimarer Republik auf und sahen sich deshalb heftigsten Anfeindungen verschiedener konservativer Kreise ausgesetzt – im Besonderen Kienle, die selber Abtreibungen vornahm. Zugleich betonte Kienle immer wieder: „Ich bin genau wie Friedrich Wolf und wie jeder fühlende Mensch Gegner der sogenannten Abtreibung, hingegen Anhänger der Geburtenreglung.“

Am 19. Februar 1931 wurden Wolf und Kienle zunächst ohne Begründung verhaftet. Besonders innerhalb der kommunistischen Bewegung regte sich heftiger Protest: Am 26. Februar zogen mehrere tausend Menschen durch die Stuttgarter Straßen und fordert vehement die Freilassung der beiden. „Kulturbolschewistische Gedankengänge“ seien in den Demovorträgen zu hören gewesen, ist in einem Polizeispitzelbericht zu lesen. In jenen Jahren trat die KPD als einzige deutsche Partei in Reichstag für eine vorbehaltlose Abschaffung des §218 ein –  „Die Proletarierin ist keine Gebärmaschine!“, mahnte der KPD-Abgeordnete  Edwin Hörnle. Während Wolf schnell gegen Kaution freikam, wurde Else Kienle erst Ende März freigelassen, nachdem sie in den Hungerstreik getreten war, der beinahe den Tod der 31-Jährigen nach sich gezogen hätte. Die beiden Aktivisten traten in den Folgemonaten auf zahlreichen Kundgebungen auf und reisten im Mai 1931 sogar in die UdSSR, wo Schwangerschaftsunterbrechungen legal waren und medizinisch betreut durchgeführt wurden – ein Unikum zu jener Zeit.

Der aktuelle Fall der Gießener Ärztin Kristina Hänel, die sich wegen des gemäß § 219 verbotenen Werbeverbots für Schwangerschafts-unterbrechungen vor Gericht verantworten musste, lassen Friedrich Wolfs Gedanken von 1931 allzu utopisch erscheinen : „Das alles wird vorübergehen, nach 20 Jahren wird man an den § 218 denken, wie an einen unmöglichen Traum.“


Zum Weiterlesen und -schauen:

  • Else Kienle: Frauen. Aus dem Tagebuch einer Ärztin, Stuttgart 1989 (Neuauflage des Originals von 1932).
  • Projekt Zeitgeschichte im Kulturamt der Landeshauptstadt Stuttgart (Hg.): Ausstellungsreihe Stuttgart im Dritten Reich. Friedrich Wolf. Die Jahre in Stuttgart 1927 – 1933. Ein Beispiel, Stuttgart 1983.
  • Michael Kienzle/Dirk Mende: Dr. Friedrich Wolf, Stuttgart, Zeppelinstraße 43, Marbach 1992.
  • Hans Tintner/Jurij Kramer: Cyankali (1930/1977) [DVD], Berlin: Atlantis Film GmbH/Fernsehen der DDR [Neuauflage in der Edition Filmmuseum Potsdam].

/// Vor 171 Jahren wurde Demokratie eingefordert – mehr dazu bereits morgen!

 

Nai hämmer g’sait – das AKW-Baugeländes Wyhl wird besetzt

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18. Februar 1975 | Viele Menschen im südbadischen Wyhl am Rhein und in Marckolsheim im Elsass waren Mitte der 1970er Jahren überzeugt: Vor Ort stellt sich die Frage nach „Pest oder Cholera“ schon nicht mehr. Ihre Behörden und Regierungen hatten sich einfach für beides entschieden. Im September 1974 startete ein Münchner Chemiekonzern in Marckolsheim mit dem Bau eines Bleichemiewerks. Allerdings wurde der Bauplatz umgehend von Umweltbewegten links und rechts des Rheins besetzt, die unter anderem ein „Freundschaftshaus“ einrichteten und den Protest am Laufen hielten.

Plakat "Nai hämmer gsait!"
Plakat „Nai hämmer gsait!“ Bild: Haus der Geschichte

Am 17. Februar 1975 rollten in Wyhl die Baumaschinen an, um mit dem Bau eines Kernkraftwerks zu beginnen. Diese (und andere) müssten gebaut werden, sonst gingen noch vor 1980 die Lichter aus, wie der baden-württem-bergische Ministerpräsident Hans Karl Filbinger eindringlich warnte. Zunächst gingen jedoch die Motoren der Maschinen aus, nachdem hauptsächlich Hausfrauen sich am 18. Februar wütend den Bauarbeitern entgegengestellt hatten. Der weiblichen Avantgarde folgten die Männer: Gerd Auer erinnert sich als Zeitzeuge, wie Aktivisten sich an einen Kran klammerten und diesen letztendlich Schachmatt setzten. Zelte wurden aufgestellt, es wurde gekocht, diskutiert. Die angerückte Polizei beschränkte sich auf das Fotografieren der Besetzenden sowie auf das Ausstellen von hohen Geldstrafen. Während am Folgetag lokale CDU-Politiker wie Hermann Person noch den Dialog suchten, erregte Filbinger mit seiner These, dass die Proteste in Wyhl von bundesweit organisierten Extremisten gesteuert werden würden, massiven Unmut. Sogar einzelne Ortsverbände der CDU warfen dem Landeschef Kurzsichtigkeit vor. Auf Protestschildern tauchte immer häufiger eine Klarstellung der eher konservativ-wählenden Bevölkerung um Wyhl auf: „Ihr Stuttgarter Herre, gän blo acht, daß ihr üs Kaiserstühler keini Radikali macht!“

Am 20. Februar wurden die 150 Besetzenden gewaltsam mit Wasserwerfern von der Baustelle vertrieben. Männer hätten geweint, erinnert sich Annemarie Sacherer an die Ausnahmesituation. Doch der Kampfgeist war damit nicht gebrochen. Zahlreiche Bürger- und Umweltinitiativen blieben standhaft, das Gelände wurde erneut besetzt und mit umweltpolitischen Leben erfüllt. Zeitzeuge Walter Mossmann warnt allerdings davor, den Protest zu harmonisch zu zeichnen und die internen Spannungen nachträglich zu verwischen. In manchen Punkten habe Einigkeit bestanden, jedoch keine Einheitlichkeit. Erfolgreich waren sie, die CDU-Mitglieder und Linken, die Winzer und Hausfrauen, die Umweltschützenden und Schöpfungsbewahrer, am Ende doch. 1977 wurde der Bau eingestellt und Wyhl trat die Karriere als Mythos und Ikone der Umweltbewegung an.

Ach ja, die Lichter gingen nicht aus.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Archiv der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen: Wyhl
  • Mitwelt.de: Umfassende Dokumentation zu Wyhl, bspw. zu den Protestplakaten jener Jahre
  • Hanno Hurth/Gerhard A. Auer (Hg.): Siebenunddreißig Wyhl-Geschichten, Emmendingen 2014
  • Bernd Nössler/Margret de Witt (Hg.): Wyhl. Kein Kernkraftwerk in Wyhl und auch sonst nirgends. Betroffene Bürger berichten, Freiburg 1976
  • Nina Gladitz (Hg.): Lieber aktiv als radioaktiv. Wyhler Bauern erzählen. Warum Kernkraftwerke schädlich sind. Wie man eine Bürgerinitiative macht und sich dabei verändert, Berlin 1976
  • Manfred Richter: Bürger, helft Euch selbst. Wyhl – ein Beispiel. Ein Fotodokument, Reinach 2015

/// Eine Stimme haben, auch in einer anderen Sprache: Am 20. Februar decken wir das nächste Kalenderblatt auf.

Nichts ging mehr – der sexy-mini-super-flower-pop-op-Streik 1974

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10. Februar 1974 | Die 70er, das war doch dieses sexy-mini-super-flower-pop-op-Jahrzehnt. Mit Willy Brandt war seit 1969 erstmals ein Sozialdemokrat Bundeskanzler und trotz Unkenrufen der auf die Oppositionsbank verbannten CDU/CSU war die Bundesrepublik nicht schlagartig untergegangen. Sogar die Müllabfuhr funktionierte. Noch, denn am 10. Februar 1974 passierte es: Die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes waren in den Streik getreten. Der Müll wurde nicht abgeholt, Busse und Straßenbahnen blieben in den Depots.

 

Weshalb war streiken plötzlich sexy geworden? Seit Anfang der 70er Jahre kletterte die jährliche Inflationsrate von 3,6% (1970) auf den Rekordwert von 6,9% (1974), die Löhne und Gehälter im öffentlichen Dienst wuchsen nur minimal. Das war super unbefriedigend. Auch in anderen Branchen rumorte es gewaltig: An den Basen verschiedener westdeutscher Gewerkschaften wuchs die Streikbereitschaft und wo die Gewerkschaftsbosse nicht schnell genug oder zu sozialpartnerschaftlich eingestellt waren, kam es mitunter zu „Wilden Streiks“.

Mittels empfindlicher Warnstreiks konnte die Gewerkschaft „Öffentliche Dienste, Transporte und Verkehr (ÖTV)“ die Zahlung eines 13. Monatsgehalts Ende 1973 durchsetzen. Zu wenig, wie schnell klar wurde. Und da sich mit Flower-Power nur unzureichend Rechnungen zahlen lassen, stieg unter anderem ÖTV-Chef Heinz Kluncker – Spitzname „Der Dicke“ – noch einmal in den Ring und forderte Lohnsteigerungen von 15 Prozent. Willy Brandt nannte den Vorstoß „ungebührlich“, eine wenig populäre Haltung bei den Gewerkschaftlern. Es folgte ein opulenter dreitägiger Streik in der gesamten Bundesrepublik, unter anderem mit Schwerpunkten in Mannheim, Stuttgart, Karlsruhe und Ulm. Im Vergleich zum Streik von 2006 blieb er jedoch überschaubar.

11% - mindestens aber 170 DM mehr brachte der Streik ((Bildnachweis: ÖTV-Magazin Nr. 3 (1974), ver.di-Archiv Berlin).
11% – mindestens aber 170 DM mehr brachte der Streik (Bildnachweis: ÖTV-Magazin Nr. 3 (1974), ver.di-Archiv Berlin).

Einige nahmen die Situation mit Humor: Einen „billigen Volksfeiertag“ nannte der Mannheimer Stadtoberrechtsdirektor Demke den Umstand, dass Falschparker nun keine Knöllchen von den streikenden Politessen zu erwarten hatten.

Doch hagelte es auch Kritik aus der Bevölkerung. Mit warmen Hintern sei gut streiken, zitierte der Reporter Rolf Winter einen 50-jährigen Arbeiter aus Stuttgart-Sillenbuch. Die ÖTV-Streikleitung erhielt Drohbriefe und -anrufe. Besonders alarmierend war der Anruf eines Mannes, der sich als NPD-Mitglied und Teil einer rechtsradikalen Anti-Streik-Gruppierung vorstellte: Er drohte dem Augsburger Streikleiter Erich Stepputat, ihn und seine Familie fertigzumachen.

Nach drei Tagen streiken standen als Ergebnis ein Lohnplus von 11%, mindestens aber 170 DM fest. Kaum drei Monate später trat Willy Brandt zurück. Doch nicht Kluncker hatte ihn gestürzt, sondern der Ölpreisschock, die Guillaume-Affaire und innerparteiliche Querelen.


Quellen und empfohlene Literatur:

  • Rolf Winter: Nach Drohungen: Polizei schützt ÖTV-Funktionäre, in: Schwäbische Zeitung, 13. Feb. 1974, S. 3
  • Rolf Winter: Die Gewerkschaft verliert an Sympathie, in: ebd.
  • Karl-Hein Stolberg/Dieter Mauer: In Mannheim und Ludwigshafen schlägt der Streik Wellen. Straßenbahnen stehen leer – Mülleimer laufen über, in: Mannheimer Morgen, 12. Feb. 1974, S. 11
  • Walter Nachtmann: 100 Jahre ÖTV. Die Geschichte einer Gewerkschaft und ihrer Vorläuferorganisationen. Union, Frankfurt am Main 1996

Unser Dank gilt Herrn Dr. Hartmut Simon, Leiter des ver.di-Archivs Berlin.

/// Am 12. Februar folgt unser nächster Eintrag. Ein außergewöhnlicher Minister gibt sich die Ehre.

„Karin fehlt“ – der längste Streik im öffentlichen Dienst seit 1949

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6. Februar 2006 | Sie sind ruppig oder einfühlsam, schweigsam oder gesprächig, sie lassen die Muskeln spielen und behalten auch in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf. Sie stehen selten im Rampenlicht und sorgen doch täglich dafür, dass wir im Alltag nicht das Nachsehen haben. Es sind die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, die (auch) unseren Müll entsorgen, die Straßen abstreuen, in Kindergärten den Nachwuchs umsorgen, in Krankenhäusern pflegen – die Liste ließe sich noch weiterführen.

Anfang 2006 stanken den kommunalen MüllkutscherInnen nicht nur der Abfall und den KindergärtnerInnen mehr als das „Geschäft“ ihrer Schützlinge: Deutschlandweit versuchten Kommunen, ihre klammen Kassen zu entlasten, indem sie die Wochenarbeitszeit von 38,5 auf 40 Stunden heraufschrauben wollten. Dies war für die Beschäftigten zu viel: Seit 1990 waren rund zwei Millionen ihrer Kolleginnen und Kollegen „abgebaut“ worden und immer häufiger wurden kommunale Aufgaben an private Firmen ausgelagert, was teilweise zu spürbaren Verschlechterungen in Sachen Entlohnung, Arbeitszeiten und -atmosphäre führte.

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di rief nach zwei gescheiterten Verhandlungsrunden zum unbefristeten Streik auf, der Rekordausmaße annehmen sollte. Neun bzw. vierzehn Wochen lang legten Kommunal- und Landesbeschäftigte zwischen Mannheim und Ravensburg die Arbeit nieder, täglich beteiligten sich zwischen 7.000 und 14.000 Personen an den Streikaktionen. „Karin fehlt“ wurde zum Slogan des Streiks: Mehrarbeit bedeute eben auch, dass Beschäftigte eingespart werden sowie Arbeitslose und junge ArbeitsanwärterInnen keine Chance auf Einstellung erhalten, so ver.di.

Beide Seiten kämpften mit harten Bandagen. Einige Kommunen kritisierten, dass ver.di die zugesicherten Notdienstvereinbarungen wie beispielsweise die Müllentsorgung von Krankenhäusern oder eingeschränkten Winterdienst als Druckmittel missbrauchen würden. Die Gewerkschaft wiederum reagierte empört auf die Praxis einiger Städte wie Freiburg, Stuttgart oder Ulm, private Unternehmen als Streikbrecher mit der Müllentsorgung zu beauftragen. In Heidenheim rief der Fall eines 57-Jährigen Entsetzen hervor, der als Ein-Euro-Jobber beim Schneeschippen an einem Herzinfarkt verstarb – wie andere war er eingeteilt worden, um vom Streik betroffene Arbeiten zu übernehmen.

Hart umkämpft war zudem die öffentliche Meinung über den Streik. Dem aufkeimenden Unmut der betroffenen Bevölkerung – „Der Streik trifft die Falschen!“ – versuchte ver.di durch ein Bürgertelefon und durch direkte Ansprache Aufklärung entgegenzusetzen. Prominente wie die Rockröhre Nina Hagen oder die ehemalige Bundesjustizministerin Dr. Herta Däubler-Gmelin solidarisierten sich mit dem Streik und mahnten, dass Steuersenkungen die Kassen von Ländern und Kommunen verhungern ließen und damit überhaupt erst die Arbeitszeiterhöhungen zum Thema gemacht hätten.

Am Ende stand die 39,5-Stundenwoche, ein Sieg mit Wermutstropfen für die Streikenden.


Weiterführendes:

Unser Dank gilt Herrn Dr. Hartmut Simon, Leiter des ver.di-Archivs Berlin und ver.di BW.

/// Geschichte wiederholt sich: Am 10. Februar nehmen wir erneut einen Streik in den Fokus.

Die wandernden Kasinos – Jakob Lindau und die katholische Opposition

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5. Februar 1865 | Hier kann das Landesglücksspielgesetz (LGlüG) nicht weiterhelfen. Den Begriff „Wandernde Kasinos“ kennt es nicht. Und dies liegt nicht nur an der Schreibweise. Kein Wunder, denn die ursprüngliche Idee dazu stammt aus dem 19. Jahrhundert. Auf dem Katholikentag in Aachen 1862 wurden die Gläubigen dazu aufgerufen, „Kasinos“ zu gründen. Nein, die Kirche wollte sie nicht zum Glücksspiel verleiten. Casinogesellschaften galten seit der Französischen Revolution als Orte, an denen Männer des Bürgertums Freizeitvergnügen und politische Diskussion gepflegt miteinander verbinden konnten. Und genau dies sollten die neuen „Kasinos“ nun speziell auch für ein katholisches Publikum leisten – und damit ein politisches Zeichen setzen.

Politik ist kein Glückspiel, das wusste auch Jakob Lindau.
Politik ist kein Glückspiel, das wusste auch Jakob Lindau.

Der am 10. Mai 1833 in Heidelberg geborene Kaufmann Jakob Lindau war einer der Männer, die diese Idee aufgriffen. In seiner Heimatstadt gründete er im Herbst 1862 ein Kasino, das jeweils mittwochs im „Pariser Hof“ stattfand. Lindaus Initiative erzielte den gewollten Effekt: Seine Gesellschaft wurde zum Kern einer katholischen Gruppierung in Heidelberg, die sich im eklatanten Widerspruch zum vorherrschenden protestantisch-liberal geprägten Zeitgeist verstand. Das von der liberalen badischen Regierung in Karlsruhe durchgesetzte Schulgesetz vom 29. Juli 1864 führte zum endgültigen Konflikt: Die Katholische Kirche fürchtete um ihren Einfluss auf die Schulen und lief unter Berufung auf die Freiheit des Gewissens Sturm gegen die geplante staatliche Kontrolle.

In Lindaus Kasino entstand der Plan, sich künftig nicht nur in Heidelberg zu treffen und auszutauschen. „Wandernde Kasinos“ waren die Antwort! In aller Öffentlichkeit sollte sich die katholische Bevölkerung bei (je nach Region) Bier oder Wein nicht nur über ihre Themen besprechen, sondern letztlich für die katholische Sache politisch mobilisiert werden. Das erste auswärtige Kasino fand am 5. Februar 1865 in Mosbach statt. In der Morlockschen Bierbrauerei strömten die Menschen zusammen und hörten mit Begeisterung dem großartigen Redner Lindau zu. Am nächsten Tag kamen bereits bis zu 2.000 Menschen in Tauberbischofsheim zusammen. In den nächsten Tagen folgten im ganzen Großherzogtum fast täglich neue Kasinos, meist mit Lindau als gefeiertem Redner.

Die Liberalen begannen nervös zu werden. In Radolfzell und andernorts versuchten sie das Kasino zu stören. Geradezu dramatisch verlief das Mannheimer Kasino am 23. Februar. Nachdem die Veranstaltung verboten worden war, überfielen Gegendemonstranten einen von Lindau angeführten Zug von rund 3.000 Teilnehmern. Trotz mehrerer Verletzter griff die Polizei nicht ein. Der „Mannheimer Kasinosturm“ sorgte in ganz Deutschland für Schlagzeilen. Lindau war endgültig bekannt geworden, und die Gründung einer katholisch-konservativen Oppositionspartei nahm Formen an.


/// Was passiert, wenn Gabi, Ahmet, Piet, Lea und Werner die Arbeit niederlegen, lesen Sie morgen in unserem Onlinekalender.

Auf großer Bühne – der Mössinger Streik gegen Hitler

Ein Kommentar

31. Januar 1933 | Nur ein kleiner, von unbeugsamen Schwaben bewohnter Ort leistete Widerstand. Eigentlich wollte die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) die Machtübergabe an Adolf Hitler mit einem nationalen „Massenstreik“ beantworten. Aber die „Massen“ wollten nicht so recht mitmachen. Allein im 4.000 Einwohner großen Mössingen folgten fast 1.000 Arbeiterinnen und Arbeiter tatsächlich dem Aufruf zur Arbeitsniederlegung. Ausgerechnet hier, weit weg vom roten Berlin, am Rand der Schwäbischen Alb.

Am 31. Januar 1933 versammelten sich 100 Menschen um 12 Uhr vor der Langgas Turnhalle. Mössingen war ein regionales Zentrum der Textilindustrie. Also zogen die Demonstranten von einer Textilfabrik zur nächsten. Zunächst zur Mechanischen Weberei Pausa, wo sich nach einer eindringlichen Rede des KPD-Unterbezirkschefs Fritz Wandel ein Großteil der Belegschaft anschloss, danach ging es weiter zur Trikotwarenfabrik Merz und schließlich zur Buntweberei Burkhardt. Bei Merz stieß der Zug auf keinerlei Verständnis, nicht nur der Eigentümer, auch die meisten Arbeiterinnen weigerten sich, mitzumachen. Und bei Burkhardt waren die Tore bereits verschlossen. Bei der Rückkehr zur Turnhalle warteten 40 Reutlinger Schutzpolizisten mit Gummiknüppeln auf die Streikenden. Über 70 Teilnehmer wurden verurteilt, darunter die Anführer des Streiks Jakob Stotz, Fritz Wandel und Martin Meier zu bis zu zweijährigen Gefängnisstrafen.

Zum 80. Jahrestag brachte das Theater Lindenhof im Jahr 2013 die Geschichte des Streiks in einer alten Werkshalle der Textilfirma Pausa auf die Bühne. Rund 100 Laiendarsteller und 50 Musiker aus Mössingen und Umgebung erarbeiteten sich dafür das Stück von Franz Xaver Ott „Ein Dorf im Widerstand“. Die Rundfunkjournalistin Katharina Thoms, die ursprünglich nur einen Beitrag über den Streik hatte anfertigen wollen, entschloss sich dazu, einen Dokumentarfilm daraus zu machen. Sie verfolgte monatelang mit der Kamera die Proben und beobachtete, wie sich die Mössinger ihrer vor Ort sehr kontrovers beurteilten Geschichte annäherten. Das Stück wurde rund 40 Mal aufgeführt, Thoms Film „Widerstand ist Pflicht“ feierte seine Premiere am 31. Januar 2015.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Schneller, als die Polizei erlaubt? Schon morgen erscheint unser nächster Kalendereintrag.