1968 auf oberschwäbisch – der „Venceremos“ erregt die Gemüter

Schreiben Sie einen Kommentar!

02. Mai 1969 | „Impotente Pauker“ kommen in den Genuss eines besonders günstigen Preises von 40 Pfennig: So stand es zumindest auf dem Cover der April/Mai-Ausgabe der Biberacher Schülerzeitung „Venceremos“ von 1969. Was dort auf dem Schulhof des örtlichen Wieland-Gymnasiums mit einer Auflage von 100 Exemplaren kursierte, war gedruckter Sprengstoff gegen die Werte und Moralvorstellungen der Elterngeneration. Mit der Losung „Durchstosst das Sexualtabu“, einem kunstvoll gestalteten Penis und einem entspannt-nackten Teufelchen provozierten die jungen Herausgeber um Martin Heilig und Eckard (Ekke) Leupold von der Biberacher Außerparlamentarischen Opposition (APO) mit denkbar scharfen Mitteln. Um Skandale und neuartige Protestaktionen war die kleine, aber rührige APO in der oberschwäbischen Stadt nie verlegen gewesen. Gegründet im Zuge des Widerstandes gegen eine Wahlveranstaltung der neofaschistischen NPD im Frühjahr 1968, brachten die Mitglieder beispielsweise lautstark ihren Protest gegen Bundeskanzler Kurt Kiesinger und dessen Notstandsgesetze anlässlich seines Wahlkampfbesuchs am 22. April zu Gehör (und steckten dafür Prügel von anwesenden Biberacher Bürgern ein).

"Schweinkram, Pornografie" - so die Meinung zahlreicher erregter Bürgerinnen in Biberach im Jahre 1969 über die Schülerzeitung "Venceremos" (Bildnachweis: Stadtarchiv Biberach, Sig. L 16 Nr 6).
„Schweinkram, Pornografie“ – so die Meinung zahlreicher erregter BürgerInnen in Biberach im Jahre 1969 über die Schülerzeitung „Venceremos“ (Bildnachweis: Stadtarchiv Biberach, Sig. L 16 Nr 6).

Im Folgejahr wurde die örtliche Schülerschaft stärker als „revolutionäres Subjekt“ ins Auge gefasst: Der „Venceremos“ verband auf seinen hektografierten Seiten allgemeine Kapitalismuskritik mit Anprangerungen schulinterner Missstände, konservativer Lehrer und überholter Lehrmethoden. Das Echo auf die April/Mai-Ausgabe blieb jedoch beispielslos in der kurzen Geschichte des Blattes, wie der Historiker Frank Brunecker vom Museum Biberach eingängig nachzeichnet. Nach einer Anzeige kam es zu Hausdurchsuchungen bei den Verantwortlichen, der Elternbeirat verdammte das „pornographische“ Machwerk und die lokale Presse veröffentlichte wütende Artikel und Leserbriefe, die ein hartes Vorgehen gegen die „perversen Schweinereien einer Schülerclique“ forderten. Vor der Veröffentlichung hatte Ekke bereits fest mit einer Anzeige gerechnet, was ihm jedoch „scheißegal“ gewesen sei.

Die Fotografin Marga Schwoerbel dokumentierte lebhaft die Demo zum "Venceremos"-Prozess im Januar 1970 (Bildnachweis: Stadtarchiv Biberach, Sig. M 10.1 Nr. 4216, Aufnahme: Marga Schwoerbel).
Die Fotografin Marga Schwoerbel dokumentierte die bewegte Demo zum „Venceremos“-Prozess im Januar 1970 (Bildnachweis: Stadtarchiv Biberach, Sig. M 10.1 Nr. 4216, Aufnahme: Marga Schwoerbel).

Im Januar 1970 kam es zum sogenannten „Venceremos“-Prozess gegen Ekke, Oswald Schmid und Ulrich Weitz, nicht ohne vorherigen lautstarken Protest von APO-Mitgliedern und Sympathisanten am 13. Januar. Vor Gericht entgegnete der angeklagte Ulrich Weitz auf die Vorwürfe der Verbreitung pornografischer Schriften:

„Pornographie ist das, was die Bürger daheim in ihren Nachttischen haben, das ihnen Spaß macht […] – nirgendwo in der Provinz hat man so viel Angst vor der APO wie hier in Biberach. Gewisse Leute haben also unsere Gefährlichkeit erkannt, und zwar nicht auf dem kriminellen, sondern dem politische Gebiet. Es ist ja ganz klar, dass wir genau das Gegenteil wollen von dem, was Pornographie ist. Wir sind eigentlich viel moralischer als diese Leute, moralischer im natürlichen Sinne.“ (zitiert nach Brunecker, 1968, S. 103f.)

Überraschend wurden die Angeklagten freigesprochen und der angedachte Schulverweis ebenso fallengelassen. Die Biberacher APO hatte über die „Spießermoral“ gesiegt, zugleich einer ihrer letzten Erfolge, denn die Bewegung zerbrach rasch in der Folgezeit.

(Wir danken dem Stadtarchiv Biberach sowie Frau Schwoerbel für die freundliche Bereitstellung des Archivmaterials).


Zum Weiterlesen:

  • Frank Brunecker: 1968, Biberach 2018.
  • Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.): … Denn die Zeiten ändern sich. Die 60er Jahre in Baden-Württemberg, Stuttgart 2017.
  • BLIX. Magazin für Oberschwaben, Mai 2018: Themenschwerpunkt „68er in Biberach“.

/// Auch eingeschränkt ein vollständiger Teil der Gesellschaft sein: Ein frühes Beispiel hierfür bringen wir am 7. Mai.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.