„Aktion Roter Punkt“ – jung und entschlossen gegen Fahrpreiserhöhungen

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1. Juli 1971 | Ein kleiner roter Punkt an der Windschutzscheibe wurde in Esslingen zum Symbol eines über Wochen geführten Protests. An der Spitze der Bewegung standen Schülerinnen und Schüler sowie junge Auszubildende, die allen Grund hatten, auf die Barrikaden zu gehen (in diesem Falle sogar wortwörtlich). Auslöser war die Ankündigung der Städtischen Verkehrsbetriebe Esslingen sowie die „Straßenbahn Esslingen-Nellingen-Denkendorf“ (END), ihre Fahrpreise zum 1. Juli zu erhöhen; Schülermonatskarten für die END sollten sich damit um rund 50% verteuern.

 

Um den kreativen Protest gegen die Pläne vorzubereiten, gründete sich ein Aktionskomitee, das hauptsächlich von der linksradikalen „Gruppe Internationaler Marxisten (GIM)“ und der „Revolutionär-Kommunistischen Jugend (RKJ)“ gestellt wurde, zu dem allerdings auch die „Ökumenische Jugend“ sowie die örtliche „Naturfreundejugend“ gehörten. Die Forderungen, mit denen die Aktiven an die Öffentlichkeit traten, boten eine visionäre Perspektive:

Für sofort: Keine Fahrpreiserhöhung; Für den Übergang: Einführung eines Einheitstarifs von 50 Pfennig; Endgültig: Nulltarif für alle, d.h. freie Fahrt zu Ausbildungsstätte und Arbeitsplatz.“ (Flugblatt Nr. 1, 8. Juni 1971)

Ab dem Jahr 1969 wurde in verschiedenen westdeutschen Städten mit der „Roten Punkt“-Aktion auf Fahrpreiserhöhungen reagiert, so beispielsweise in Hannover und West-Berlin. Die Spontiband „TON, STEINE, SCHERBEN“ widmete dem Protest sogar ein eigenes Lied („Mensch Meier“). Die Idee hinter dem Roten Punkt: An festgelegten Haltepunkten sollten AutofahrerInnen in ihren mit dem Punkt gekennzeichneten Privatfahrzeugen Fahrgäste mitnehmen, die sonst regulär den ÖPNV nutzten. Somit sollte Druck aufgebaut werden, blieben den Verkehrsbetrieben doch zahlende KundInnen fort.

 

Am 25. Juni ziehen SchülerInnen lautstark durch Esslingen und beginnen mit der Sammlung von Unterschriften gegen die Fahrpreiserhöhungen (nach eigenen Angaben sollen bis zum Ende der Aktion rund 10.000 Menschen unterschrieben haben). Mit kurzzeitigen Blockaden der Straßenbahn rund um den Esslinger Bahnhof findet fünf Tage später die Generalprobe für die kommenden Wochen statt. Pünktlich zu den neuen Preisen tauchen am 1. Juli erste PKW mit dem roten Punkt auf, die vom Aktionsstand am Bahnhof koordiniert werden. Was zunächst schleppend anläuft, funktioniert mit der Zeit immer besser. Die kommenden Wochen sind geprägt von Demos und Blockaden, wobei es immer wieder zu Spannungen zwischen der Polizei und den Demonstranten kommt. Vermeintliche und reale Anführer des Protests wie der junge Metzger Wilfried Schindler werden für sieben Tage in polizeilichem Gewahrsam festgehalten. Zwar zeigen sich lokale Gewerkschaftsvertreter verständnisvoll für das Anliegen der jungen Leute, doch möchten Mitglieder des Personalrats der Straßenbahnen nicht gegen ihren Arbeitgeber aufbegehren.

Alarmiert peitscht der Esslinger Oberbürgermeister Eberhard Klappenroth eine Erhöhung der städtischen Zuschüsse für Schülerzeitkarten durch und nimmt dadurch der „Roten Punkt“-Aktion teilweise den Wind aus den Segeln, die Ende Juli 1971 eingestellt wird.

Auch wenn das ursprüngliche Ziel verfehlt worden war, blieb bei vielen Jugendlichen die Erkenntnis hängen, dass mit kreativem Protest und Widerspruch sehr wohl Veränderungen erreicht werden konnten.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Am 7. Juli berichtet der Onlinekalender über Lebensrettendes und Lebensretter.

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