Die erste Polizistin – Henriette Arendt und ihre Rettungsarbeit

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1. Februar 1903 | „Meine Anstellung am Stadtpolizeiamt Stuttgart als erste Polizeiassistentin in Deutschland erfolgte am 1. Februar 1903.“ So beginnt Henriette Arendt ihre ersten als Buch veröffentlichten Erinnerungen an ihre Polizeitätigkeit in Stuttgart. Vermutlich hat der Satz einen kleinen Schönheitsfehler: Die Historikerin Henrike Sappok-Laue hat herausgefunden, dass Arendt ihren Dienst erst am 20. Februar aufnahm, nachdem sie ihr seitheriger Arbeitgeber, der Stuttgarter Hilfspflegerinnen-Verband, dem Polizeiamt empfohlen hatte. Das ändert jedoch nichts daran, dass Arendt eine außergewöhnliche Pionierin in der Polizei- und Sozialarbeit ist.

Henriette Arendt wurde am 11. November 1874 in Königsberg geboren. Als Krankenschwester hatte sie bereits an verschiedenen Orten gearbeitet, bevor sie nach Stuttgart kam. Die erstmalige Anstellung einer Frau in den Polizeidienst war keine launige PR-Aktion, sondern eine seit langem von der Frauenbewegung erhobene Forderung. Die Polizei war völlig überfordert im Umgang mit weiblichen Beschuldigten, immer wieder kam es zu Misshandlungen und Übergriffen. Besonders eklatante Probleme gab es bei der Behandlung von Prostituierten oder Frauen, die in Verdacht standen, der Prostitution nachzugehen. Prostitution war zwar grundsätzlich verboten, wurde aber, solange sie unter polizeilicher Aufsicht erfolgte und damit die Gesundheitsvorschriften eingehalten werden konnten, toleriert. Während Frauen, die sich dieser polizeilichen Kontrolle entzogen, mit Haftstrafen bedroht wurden, blieben die männlichen Freier dank der vorherrschenden Doppelmoral straffrei.

Arendts Aufgabe bestand darin, vor allem diesen Frauen bei Untersuchungen und Verhören beizustehen. In den ersten drei Jahren ihrer „Rettungsarbeit“ befanden sich 4.266 Inhaftierte in ihrer Fürsorge. Einen Teil davon begleitete sie wieder zurück in ihre Heimat, rund ein Fünftel konnte sie überzeugen, sich in Obhut zu begeben, von den restlichen Frauen gingen die meisten ins Gefängnis. Arendt beschrieb in ihrem Buch eindringlich welche Not die Frauen in die Prostitution getrieben hatte. Zu den besonders Betroffenen zählten verstoßene Dienstmädchen, die sich auf der Straße fanden. Oder Frauen, die allein schon aufgrund ihrer Herkunft nie eine Chance auf Bildung oder annehmbare Arbeit hatten. Ihnen allen versuchte Arendt eine neue Perspektive zu geben.

Leider eckte die streitbare Arendt aber zunehmend auch bei der Leitung der Polizei an. Nach langen Auseinandersetzungen kündigte sie am 20. November 1908. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs setzte sie sich mit Vorträgen und Büchern für Frauenrechte und besonders die Bekämpfung des skandalösen Mädchenhandels ein.

Immerhin machte das Stuttgarter Beispiel auch andernorts Schule. Der Regierungspräsident von Hannover las über Arendt und beschloss mit seinem Polizeipräsidenten, ebenfalls eine solche Stelle zu schaffen. So bekam Hannover 1904 die zweite Polizeiassistentin Deutschlands.

PS: Arendt und Königsberg? Da war doch noch jemand, oder? Ja, es stimmt: Die Philosophin Hannah Arendt war die Nichte von Henriette Arendt.

Besonderen Dank an Dr. Dirk Götting, Leiter Polizeimuseum, Polizeiakademie Niedersachsen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Henriette Arendt: Menschen, die den Pfad verloren … . Erlebnisse aus meiner fünfjährigen Tätigkeit als Polizei-Assistentin in Stuttgart, Stuttgart o.J.
  • Henrike Sappok-Laue: Henriette Arendt – Krankenschwester, Frauenrechtlerin, Sozialreformerin, Frankfurt am Main 2015.

/// Das nächste Kalenderblatt blättern wir am 5. Februar auf: In Nordbaden rollt die politische Kugel.

3 Antworten auf „Die erste Polizistin – Henriette Arendt und ihre Rettungsarbeit“

    1. Guten Tag Herr Jahnke,

      hier zeigt sich leider deutlich, dass die Geschichte von bemerkenswerten Frauen leider noch immer zu wenig ausgestellt und betont wird. Dabei gibt es doch so viele Geschichten und Ereignisse zu erzählen und zu beleuchten, in denen Frauen die Hauptrolle spielten. Genau um diese Geschichten geht es uns (nicht nur hier im Onlinekalender „Des Volkes Stimme“. Kennen Sie schon unseren Blog „Ohne Unterschied des Geschlechts – Frauen im Gemeinderat“? Hier erfahren Sie, wo politisch versierte Frauen in der baden-württembergischen Kommunalpolitik Verantwortung übernommen haben: https://www.ohne-unterschied.de/

      Bleiben Sie neugierig,
      Ihr „Des Volkes Stimme“-Team

  1. Dieses Thema ist heute – nach 110 Jahren – leider immer noch aktuell.
    Die Stadt Stuttgart hat 2016 die Plakatkampagne „Stoppt Zwangs- und Armutsprostitution“ gestartet.
    Hier nur zwei Beispiele daraus:
    Nutten sind Menschen.
    Den Vereinten Nationen zufolge, betrifft Menschenhandel fast jedes Land der Welt. Der Menschenhandel zählt zu den weltweit am schnellsten wachsenden kriminellen Wirtschaftszweigen. Knapp die Hälfte aller Opfer sind Frauen. Sie werden oft zur Prostitution oder Arbeit unter schwersten Bedingungen gezwungen. Die Opfer stammen vor allem aus Afrika, Süd- und Ostasien sowie Osteuropa und werden nach Westeuropa, Nordamerika und auf die Arabische Halbinsel geschleust. Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt.
    Quelle: Bericht der Vereinten Nationen zum Menschenhandel, (2014, in Englisch)
    Die Würde des Menschen ist auch beim Ficken unantastbar.
    Grundgesetz, Artikel 1:
    1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
    2. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
    Mehr unter http://www.stuttgart-sagt-stop.de

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