„Vom anderen Ufer“ – der Christopher Street Day am Bodensee kennt keine Grenzen

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18. Juli 2009 | Für einen Regenbogen ist neben Sonnenschein auch Wasser notwendig. Direkt am Bodensee gelegen, bietet Konstanz somit beste Möglichkeiten, um die bunten Farben leuchten zu lassen. Und wie sie leuchteten, als am 18. Juli 2009 die fröhliche Menge beim „Christopher Street Day (CSD) am See“ die Deutsch-Schweizer Grenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen überschritt. Tanzend, jubelnd, protestierend hatten die Teilnehmer*Innen Geschichte geschrieben: Der erste grenzüberschreitende CSD weltweit sorgte hüben wie drüben dafür, dass der harte Kampf gegen die Diskriminierung Homosexueller und für die Anerkennung verschiedener sexueller Identitäten noch hörbarer und sichtbarer wurde. Die CSD-Paraden gehen auf die 1969er Proteste nach einer brutalen Razzia gegen Schwule und Lesben in einer New Yorker Kneipe zurück. Seitdem gibt es weltweit CSD-Veranstaltungen, die zwischen politischen Demonstration mit ernsten Anliegen und schrill-bunter Party pendeln.

Auf der ersten Konstanzer CSD-Veranstaltung im Jahre 1992 boten rund 50 Menschen den damals noch häufig anzutreffenden Vorurteilen und Anfeindungen die Stirn. Die Formulierung „Vom anderen Ufern sein“ wurde vielfach noch abwertend gebraucht und sollte eine deutliche Trennung zwischen den „Normalen“ und den „Unnormalen“ kennzeichnen: Homosexuelle seien pervers, alle AIDS-krank, so gängige Vorwürfe. Solidarisch und kämpferisch zeigten sich die Mitglieder der immer selbstbewusster werdenden Homo-, Bi- und Transsexuellengruppen, die aktiv politische Forderungen stellten, beispielsweise nach der gleichgeschlechtlichen Ehe oder nach einer stärkeren Erwähnung verschiedener sexueller Orientierungen im Schulunterricht.

Der „CSD am See“ machte in den 2000ern in verschiedenen Bodenseestädten Station. Mit dem 2009 erfolgten Sprung über die Grenze pfiffen die Aktivisten und Teilnehmenden auf alle Ufer und sorgten mit bekannten Szenegrößen wie Lilo Wanders und Ralph Morgenstern für Stimmung und vermehrte Beachtung ihrer Anliegen. Auch zwischen den alle zwei Jahre stattfindenden CSD-Paraden sorgt der Verein „CSD in Konstanz“ für zahlreiche Möglichkeiten der Vernetzung, der Antidiskrimierungsarbeit, der Information und der Unterhaltung. So bieten unter anderem Ehrenamtliche des Projekts „SchLAu“ (Schwul Lesbisch Bi Trans Aufklärung) Workshops an, in denen Jugendliche und Erwachsene für sexuelle Vielfalt sensibilisiert werden, um gegen Homophobie und Mobbing auftreten zu können.

Denn nicht nur am Bodensee ist es ganz normal, (auch) vom anderen Ufern zu sein.


Zum Weiterlesen:

/// Stimmgewaltig: Eine frühe Petition spielt am 20. Juli in unserem Kalender eine Hauptrolle.

Alleinerziehend, na und? – Luise Schöffel gründet den „Verband lediger Mütter“

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 8. Juli 1967 |  Sie machte vielen Frauen Mut: die Herrenbergerin Luise Schöffel. Ihren Sohn (Jahrgang 1944) zog sie alleine groß und arbeitete zugleich als Lehrerin an der örtlichen Schule. Alleinerziehende Mütter hatten es auch in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels Mitte der 1960er Jahre in Westdeutschland alles andere als leicht: Sie wurden diskriminiert, über sie wurde getuschelt und oftmals reichten die Unterhaltszahlungen der Väter nicht oder blieben ganz aus. Eine Reform des „Unehelichenrechts“ und die Absicherung der Alleinerziehenden durch staatliche Sozialleistungen waren in den Augen Luise Schöffels dringend geboten. Mit Zeitungsannoncen bat sie um Zuschriften von ledigen Müttern, die sich zahlreich meldeten und zum Teil verzweifelte Lebensumstände schilderten:

„Was ich da las, war erschütternd: materielle Not, Vereinsamung, ständige Schwierigkeiten mit dem Jugendamt, den Pflegestellen, in Mutter-Kind-Heimen, keine Unterhaltszahlungen, das Jugendamt behalte Teile der Unterhaltszahlungen ein, um dem Kind Vermögen zu bilden‘ usw.“ (Aus den Erinnerungen Luise Schöffels, 1992)

Eine Geschäftsstelle im Wohnzimmer: Bis Mitte der 1970er leitete Luise Schöffel den „Verband lediger Mütter“ von den heimischen vier Wänden aus (Bildnachweis: Gunhild Ziegenhorn).

Mit der Gründung des „Verbands lediger Mütter e. V.“ am 8. Juli 1967 beschritt die Herrenbergerin einen mühsamen wie letztendlich erfolgreichen Weg. Energisch sammelte sie Informationen zur sozialen Lage lediger Mütter, verschickte 270 Fragebögen und schuf auf diese Art eine solide Argumentationsgrundlage für ihr Anliegen. Noch im Dezember 1967 veranstaltete Schöffel gemeinsam mit der CDU Baden-Württemberg eine öffentliche Veranstaltung, in dessen Rahmen sie die Arbeit der Jugendämter kritisierte. In einem Schreiben an den Europarat forderte sie, den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen, die Rechte alleinerziehender Mütter zu stärken. Mit Erfolg: Durch Straßburg gerügt änderte die neue Bonner SPD/FDP-Regierung mit Willy Brandt an der Spitze im Juli 1970 die betreffenden Gesetze.

Mit diesem Inserat im Schwäbischen Boten animierte Luise Schöffel im Frühjahr 1967 ledige Mütter zur Gründung eines Verbands.

Mitte der 1970er Jahre verlagerte der mittlerweile in „Verband alleinstehender Mütter und Väter (VAMV)“ umbenannte Verein seine Geschäftsstelle aus Luise Schöffels Privatwohnung nach Frankfurt am Main. In den kommenden Jahren rückte der Verband mit verschiedenen Initiativen und Vorschlägen die soziale und finanzielle Lage der von ihm Vertretenen in den Fokus der Öffentlichkeit: Bereits Ende der 1980er erhobene Forderungen nach einem Rechtsanspruch für Tagesbetreuung gehörten ebenso zur Arbeit des Verbandes wie die Dokumentation der Auswirkungen der Hartz IV-Gesetze auf Alleinerziehende. Luise Schöffel, die sich im Jahre 1976 von der Leitung des VAMV zurückzog, war zudem kommunalpolitisch für die SPD aktiv und die erste Frau im Böblinger Kreistag. Der VAMV ist damals wie heute die starke Stimme der Alleinerziehenden geblieben.


Zum Weiterlesen:

  • Valentina Finckh/Claudia Nowak-Walz: „Ich wollte das Recht reformieren, denn wer im Recht diskriminiert ist, ist es auch in der Gesellschaft“. Luise Schöffel (1914 – 1997), in: Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg (Hg.): Frauen gestalten Herrenberg. Herrenbergerinnen des 20. Jahrhunderts. Politik – Bildung – Sport, Mössingen-Talheim 2014, S. 23-34.
  • Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg: Kurzbiografie Luise Schöffel.
  • Verband alleinstehenden Mütter und Väter: Erinnerungen Luise Schöffels an die Gründungsphase des Verbands.
  • Verband alleinstehenden Mütter und Väter: Homepage.

/// Der Traum vom vereinten Europa wurde im Breisach bereits früh geträumt. Mehr hierzu lesen Sie bereits morgen.

Straße, endlose Straße – der Vagabundenkongress 1929 in Stuttgart

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21. Mai 1929 | Ein „umherschweifender Rebell, ein revolutionärer Wanderagitator der Brüderlichkeit in den Pennen und Asylen Europas“ sei der „Kunde“ (eine alte Selbstbezeichnung der Landfahrer und Vagabunden). So formuliert es der anarchistische, später kommunistische Aktivist Gregor Gog auf dem ersten Internationalen Vagabundenkongress in Stuttgart im Jahre 1929.  Über 500 „Kunden“ folgen seinem Ruf und finden sich vom 21. bis 23. Mai 1929 im Freidenker-Jugendgarten an der Kunsthochschule auf dem Stuttgarter Killesberg ein. Für drei Tage ist hier die Hauptstadt des „Vagabundischen“: In ihren Reden greifen politisch aktive Kunstschaffende wie Alfons Paquet, Hans Tombrock und Heinrich Lersch ebenso wie der libertäre Kommunist Rudolf Geist oder der Pfarrer Jakob Weidemann das herrschende Gesellschaftssystem an.

Georg Gog brachte eine eigene „Zeit- und Streitschrift“ für die Tippelbrüder heraus: „Der Kunde“.

Neben der Möglichkeit, einen sicheren Ort für Geselligkeit und Austausch bereitzustellen, geht es den Veranstaltern auch darum zu zeigen, wie vielfältig die im Schoße der Vagabundenbewegung erwachsene Kunst ist: Mit einer eigenen Kunstausstellung und einer durch behördliche Eingriffe zensierten Rundfunksendung erreichen die Aktiven ein großes Publikum, nicht immer zur Freude der damaligen Stadtverwaltung. Diese versucht, das Ereignis möglichst geräuschlos passieren zu lassen. Entgegen dieser Hoffnung strömen zahlreiche Pressevertreter auf den Killesberg, um ein möglichst exotisches und romantisierendes Bild der Versammelten zu erheischen. Doch Aktivisten wie Gregor Gog, der als Bewohner einer selbstgezimmerten Hütte vor den Toren Stuttgart bereits selber reichlich exotisch wirkt, wissen es besser: Obdach- und Arbeitslosigkeit sind schwere Bürden der rund 100.000 Menschen auf der Straße, von denen sich nur ein kleiner Teil bewusst und freiwillig zu diesem Lebensstil entschieden hat.

Die linke Arbeiter-Illustrierte Zeitung (AIZ) berichtete in Ausgabe 23/1929 halb solidarisch, halb kritisch über das Stuttgarter Ereignis.

Bereits im Jahre 1927 nahm Gog den Kampf gegen die „Vereinsamung“ der Vagabunden auf, gründete die „Bruderschaft der Vagabunden“, veröffentlichte die „Zeit- und Streitschrift“ „Der Kunde“ und leitete einen eigenen „Verlag der Vagabunden“. Hier wurde unter anderem Otto Zieses Gedichtband „Straße – endlose Straße“ zur Veröffentlichung gebracht. Vagabundentum, das sei ein lebenslanger Generalstreik, mit der die „kapitalistische, ,christliche‘, kerkerbauende Gesellschaft ins Wackeln, ins Wanken, zu Fall“ gebracht werde, erklärt Gog in seiner Rede auf dem Vagabundenkongress. In der Folgezeit radikalisierte er sich zunehmend, trat (erneut) der KPD bei und floh vor der Verfolgung durch das NS-Regime in die Sowjetunion, wo er nach dramatischen Jahren Ende 1945 verstarb. Die Vagabundengemeinschaft wurde ab 1933 systematisch durch die braunen Machthaber in Deutschland verfolgt.

Im Jahre 1981 erregte der letztendlich gescheiterte Versuch, eine Neuauflage des Vagabundenkongresses zu veranstalten, noch einmal die Stadt Stuttgart: Alte Vorurteile und Ängste brachen sich erneut Bahn, diesmal sogar vermischt mit fremdenfeindlichen Stimmen.


Zum Weiterlesen:

  • Diethart Kerbs: Vagabundenkongreß Stuttgart Mai 1929 (= Edition Photothek, Bd. XVII), Berlin 1986 [darin: zahlreiche Fotografien des Kongresses].
  • Klaus Trappmann: Landstraße, Kunden, Vagabunden. Gregor Gogs Liga der Heimatlosen, Berlin 1980.
  • Patrick Spät/Beatrice Davies: Der König der Vagabunden. Gregor Gog und seine Bruderschaft, Berlin 2019 [Graphic Novel, erscheint vorraus. im September].
  • Michael Kienzle/Dirk Mende:  Denkblatt: Gregor Gog. 1891 – 1945. Generalstreik das Leben lang! Stuttgart 2004 [digitale Ausgabe].

/// Ein weiterer gemeinsamer Kampf steht auf dem morgigen Kalenderblatt.

Das Schweigen wird beendet – Louise Dittmar spricht öffentlich

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10. Mai 1847 | „Das Weib soll schweigen“ (1. Kor. 14, 34). An diesem Montag nahm das jahrhundertelange Schweigen ein Ende. In aller Öffentlichkeit sprach Louise Dittmar im Mannheimer „Montags-Verein“ über „vier Zeitfragen“. Ihr Auftritt war eine Sensation für das Publikum – „einige hundert Männer und Frauen, hörbegierig lauschend auf die seltenen Mut und liebenswürdige Schüchternheit und Bescheidenheit innig vereinende Sprecherin!“ (Mannheimer Abendzeitung, 12. Mai 1847)

Die in 1807 in Darmstadt geborene Louise Dittmar hatte in den Jahren zuvor verschiedene Schriften verfasst.  Auf ihr Essay „Skizzen und Briefe aus der Gegenwart“ folgten 1846 und 1847 die Schriften „Der Mensch und sein Gott in und außer dem Christenthum“ sowie „Lessing und Feuerbach“. Obwohl ihre Texte ohne Namensnennung erschienen waren, verbreitete sich schnell Dittmars Ruf, eine kirchenkritische Denkerin zu sein, die an der Religionskritik von Ludwig Feuerbach angelehnt, den herkömmlichen Gottesglauben hinterfragte. Ausdrücklich wurde sie im Mannheimer „Montags-Verein“ auch als eine entsprechende Autorin begrüßt.

Karl Scholl, der die einführenden Worte sprach, galt als einer der führenden Kräfte des Vereins. Der Prediger der neuen deutsch-katholischen Gemeinde in Mannheim hatte zusammen mit Amalie und Gustav Struve im Februar 1847 den „Montags-Verein“ gegründet. Dort sollten im Sinne der Aufklärung nicht nur religiöse, sondern auch sozial- und gesellschaftspolitische Fragen diskutiert werden. Allein die Beteiligung des Ehepaares Struve garantierte, dass die Veranstaltungen des Vereins prinzipiell offen für Frauen waren. Die Einladung an Louise Dittmar hob diese völlig ungewohnte Gleichberechtigung noch einmal auf ein neues Niveau. „Zum ersten Mal spricht eine Frau sich öffentlich über das aus, was sie unter Gewissensfreiheit versteht“, betonte Dittmar die historische Bedeutung. Entschlossen nutzte sie das Mannheimer Forum für ein überzeugendes Plädoyer für die Gleichberechtigung von Frauen: „Nicht eher wird die Menschheit einer harmonischen Fortentwicklung fähig werden, nicht eher werden jene rohen Triebe sich läutern und edleren Empfindungen Raum geben, bis man allen Teilen der Gesellschaft das Recht gestattet, sich auszusprechen, bis man auf alle Forderungen hört, und alle gegen einander abwägt!“

Der Mannheimer Vortrag war so erfolgreich, dass Dittmar ihn publizieren ließ – dieses Mal unter ihrem Namen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Christina Klausmann: Louise Dittmar (1807-1884): Ergebnisse einer biographischen Spurensuche, in: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, Band 28 (1989), S. 17-39.

/// Und am 12. Mai machen wir endlich wieder einen Ausflug in den Schwarzwald.

Liebe und Gerechtigkeit aus der Fabrik – Gustav Werner als Pionier der Sozialdiakonie

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7. Mai 1851 | „Die hießige Papierfabrik […] stand seit zwei Jahren verlassen da, auf sie hatte ich schon längere Zeit mein Auge gerichtet; […] Aber die steigende Noth in der Menschheit, die drohende Zukunft, die Mahnungen des Herrn drangen immer stärker auf mich ein, und ließen mir keine Ruhe; […] am Pfingstmittwoch den 22. Mai schloß ich den Kauf rasch in einer frühen Morgenstunde ab, ohne auch nur meinen nächsten Freunden etwas davon zu sagen […].“ (Gustav Werner in: „Der Friedensbote. Eine Zeitschrift für das Reich Gottes“, 1851, 2. Heft, S. 52f.).

Werners Schilderungen, wie er im Morgengrauen vom Wanderprediger zum christlichen Fabrikbesitzer geworden war, gewähren nicht nur einen Einblick in das Seelenleben eines Einzelnen. Vielmehr spiegelt sich darin auch die Suche der Gesellschaft nach Antworten auf die „sozialen Frage“. In Württemberg grassierten Hunger, Armut und Hoffnungslosigkeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts besonders stark. Während in Baden Revolutionäre wie Hecker und Struve tatkräftig für die Republik stritten und europaweit erste sozialistische Gruppierungen die Überwindung von Ungleichheit und Unterdrückung einforderten, wollte Gustav Werner seinen Mitmenschen einen gottgefälligen Weg zu Liebe und Gerechtigkeit ebnen. Er erkannte, dass Teilhabe an der Gesellschaft und individuelle Würde eng mit der eigenen Hände Arbeit verbunden ist.

Mit dem am 7. Mai 1851 in Reutlingen eingeweihten Bruderhaus, einer Hausgemeinschaft mit angeschlossener Papierfabrik, beabsichtigte er, das „Reich Gottes“ stückweise auf Erden erfahrbar zu machen. 130 Menschen fanden hier ihr Auskommen. Zugleich setzte Werner in der Frühphase voraus, dass sich die Arbeitenden als fromme Christenmenschen zeigten: „[…] ich weise auch fast immer Leute ab, welche bei mir Hilfe und Arbeit suchen und dabei vorwenden, daß sie meine Vorträge hören.“ (ebd., S. 74). Er persönlich erblickte in der Industrialisierung das Wirken Gottes und trieb die Expansion des Bruderhausvereins mit seinen „christlichen Fabriken“ energisch voran. Doch schon zwei Jahre später zeigten sich offensichtliche Probleme seines Modellversuchs: Die Fabrik war unrentabel, immer mehr Arbeitskräfte kamen von außen und waren nicht in der frommen Hausgemeinschaft organisiert. Der württembergische Staat musste im Jahre 1865 sogar Werners Unternehmen retten, doch nach der Ausgabe von Anteilsscheinen (Aktien) stellte sich eine relative Stabilität ein.

Besonders erwähnenswert ist der Umstand, dass Gustav Werner Menschen mit Behinderung, im damaligen Jargon „halbe Kräfte“ genannt, als selbstbewusste Arbeitskräfte ernst nahm und ihnen Arbeit gab. Die Gründung der „Gustav Werner-Stiftung zum Bruderhaus“ im Jahr 1882 setzte ein Ausrufungszeichen hinter die Idee der Integration von behinderten Menschen in den Alltag und wirkt bis heute fort.


Zum Weiterlesen:

  • Hartmut Zweigle: Herrschen mög‘ in unseren Kreise Liebe und Gerechtigkeit! Gustav Werner – Leben und Werk, Stuttgart 2009.
  • BruderhausDiakonie: Homepage der Stiftung Gustav Werner.

/// Das Gedenken an ein Opfer politischer Gewalt steht im Mittelpunkt unseres morgigen Kalendereintrags.

AIDS hat keine Chance – die AIDS-Hilfe Baden-Württemberg nimmt den Kampf auf

Ein Kommentar

25. April 1987 | Die Resonanz war verhalten, wie Martin Gauly, Mitglied der AIDS-Initiative Karlsruhe, bedauernd einräumte: „Die Bevölkerung ist vorläufig noch in Panikstimmung, Ängste herrschen vor, man traut sich nicht an das Problem heran.“ (Badische Neueste Nachrichten, 27.04.1987, S. 10). Zumeist Jugendliche seien zaghaft an den Stand der aufklärenden Aktiven am Europaplatz herangetreten und hätten das Gespräch an diesem ersten Landesaktionstag am 25. April 1987 gesucht.

 

Das schwache Echo kann wohl nicht am Engagement der AIDS-Hilfegruppen in Baden-Württemberg gelegen haben: Am 21. März 1987 hatten die bestehenden Stellen in Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Konstanz, Mannheim, Pforzheim, Tübingen, Stuttgart und dem Unterland die Gründung eines Landesverbands beschlossen. Ziel war es, bestehende Erfahrungen, Kräfte und Ressourcen zu bündeln, um noch besser in der Öffentlichkeit als Ansprechpartner für Betroffene wie Nicht-Betroffene wahrgenommen zu werden. Dies war bitter nötig, denn auch fünf Jahre nach der Diagnose des ersten Falles der Immunschwäche-Krankheit in der Bundesrepublik waren Unwissenheit über die Übertragungswege, Stigmatisierung der Erkrankten („Schwulen-Seuche“) und fehlende Heilungsmethoden der Nährboden für sowohl medial geschürte Panik als auch für eine gefährliche Ist-mir-egal-Haltung.

 

In baden-württembergischen Großstädten entstanden Selbsthilfeorganisationen, die Homosexuelle, Prostituierte und Drogenabhängige gleichermaßen wie Heterosexuelle und SchülerInnen ansprechen wollten: Wie benutzt man Kondome richtig? Ist AIDS durch Küssen übertragbar? Während die Aktiven Antworten auf solch grundlegende Antworten zu geben versuchten, schwankte der Umgang politisch Verantwortlicher mit dem Thema zwischen Unterstützung der Hilfsgruppen bis hin zu Forderungen nach Isolation von Menschen mit dem HI-Virus, wie sie der bayrische Staatssekretär Peter Gauweiler im Jahre 1987 vertrat. In Baden-Württemberg positionierte sich Barbara Schäfer (CDU), Ministerin für Arbeit, Gesundheit, Familie und Sozialordnung, klar gegen diesen Kurs. Sie wolle entschieden gegen jegliche soziale Diskriminierung von AIDS-Infizierten in der Gesellschaft vorgehen, stellte die Ministerin in einer von den GRÜNEN beantragten Aktuellen Debatte des Landtags am 11. März 1987 klar. Damals wurden im Land 70 AIDS-Patienten gezählt, 34 davon waren bereits verstorben. Die GRÜNEN drängten auf mehr Fördermittel für die Hilfsgruppen im Land, die SPD forderte, dass das Vertrauen von Betroffenen in den staatlichen Apparat gestärkt werden solle und die FDP/DVP sprach die schwierige Lage von AIDS-Kranken im Strafvollzug an.

Über die Jahrzehnte hat sich die AIDS-Hilfe Baden-Württemberg als starke Interessenvertretung erwiesen. Mit Aktionen wie der Verleihung des PositHIV-Preises an Personen, die sich um die Wahrung der Belange HIV-Infizierter verdient gemacht haben, gelingt es der Vereinigung, in Zeiten verbesserter medizinischer Versorgung der Erkrankten auf die bestehenden Gefahren der Krankheit hinzuweisen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • AIDS-Hilfe Baden-Württemberg: Homepage.
  • Protokoll der Aktuellen Debatte zur Situation der an AIDS Erkrankten […], 67. Sitzung, 11.03.1987, in: Landtag BW, Protokolle, 1986-1987, Bd. 6, S. 5441-5453: Onlineversion.
  • Deutsche AIDS-Hilfe: Umfassendes Onlinearchiv – Digitalisate seit der Gründung des Vereins.

/// Das Streben nach dem „Wahren, Schönen, Guten“ steht am 27. April in unserem Onlinekalender im Mittelpunkt.

 

Im Zeichen der Biene – in Alfdorf entsteht der erste Landfrauenverein nach 1945

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20. April 1946 | Die Biene steht für Fleiß und Gemeinschaftssinn, für harte Arbeit und das Leben in der Natur. Nicht zuletzt deshalb ist die geflügelte Sympathieträgerin seit über einhundert Jahren selbstgewähltes Symbol der Landfrauen. Elisabet Boehm legte im Jahre 1898 in Ostpreußen mit ihrem „Landwirtschaftlichen Hausfrauenverein“ den Grundstein einer Bewegung, die vielen Frauen neue Möglichkeiten eröffnete. Boehm setzte nicht nur auf Weiterbildung, sondern förderte auch die Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte in eigenen Verkaufsstellen – was Frauen erstmals erlaubte, selbst ein Einkommen zu erzielen. Nach der Machtübernahme der NSDAP befürwortete Boehm jedoch auch die Aufnahme der Landfrauen in den die NS-Ideologie vertretenden Reichsnährstand.  Ein Teil der bisherigen Mitglieder zog sich bewusst in die innere Emigration zurück oder trat aus.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs musste daher eine neue Landfrauenbewegung unter einem neuen Namen entstehen. Die amerikanische Besatzungsmacht unterstützte diesen Prozess aktiv im Rahmen der „Re-education“. Im kleinen Alfdorf bei Schwäbisch Gmünd gründete Margarethe Freifrau vom Holtz gemeinsam mit Marie-Luise Gräfin Leutrum von Ertingen und anderen Aktivistinnen am 20. April 1946 den ersten „Landfrauenverein“ im damaligen Württemberg-Baden. Jede Frau im Dorf ansprechen, von der Bäuerin bis zur Pfarrersfrau, explizit auch die Frauen der Arbeiter – diesen Grundsatz schrieb Marie-Luise Gräfin Leutrum von Ertingen den Alfdorferinnen bei einem Besuch im November 1946 buchstäblich ins Stamm- beziehungsweise Gästebuch. Leutrum reiste in dieser Zeit unentwegt durch das Ländle und animierte Frauen zur Gründung von Ortsvereinen; im Folgejahr gelang es ihr, den Landfrauenverband Württemberg-Baden ins Leben zu rufen, dessen Vorsitzende sie wurde. Der LandFrauenverband Württemberg-Baden ist der erste Landesverband der Landfrauen in den westlichen Besatzungszonen. Kurz darauf initiierte Gräfin Leutrum die Gründung des Deutschen Landfrauenverbandes, der ein Jahr später in Bonn – Bad Godesberg gegründet wurde. Gräfin Leutrum wurde zur ersten Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbandes gewählt.

Seit der Neugründung in der Nachkriegszeit hat sich das Profil des Landfrauenverbands abermals gewandelt. Statt für Frauen einzutreten, die hauptsächlich in landwirtschaftlich geprägten Umfeldern („Haus und Hof“) tätig sind, stehen nun Frauen auf dem Land im Mittelpunkt der Aktivität. In den 1980ern regte der Landesverband grundlegende Diskussionen zu den Themen Heimat und Zukunft des ländlichen Raumes an. Mit eigenständigen Seminaren soll Frauen der Weg in die Kommunalpolitik geebnet und mit Nachdruck der Wert weiblicher Tätigkeit in Beruf und Familie öffentlich betont werden. Dabei machen die Aktivistinnen nicht vor Ländergrenzen halt: Anfang der 1990er Jahre bildeten sich Kontakte zu Frauenvereinigungen im Baltikum sowie in verschiedenen afrikanischen Staaten aus. Seit 2005 unterstützt der Landesverband Selbsthilfeprojekte in Kenia, mit denen unter anderem das Auskommen verwitweter Frauen und verwaister Mädchen gesichert werden sollen.

LandFrauen von heute ziehen erfolgreich Honig aus ihrer Herkunft und bieten einen Blumenstrauß voller Ideen und Projekte.


Zum Weiterlesen:

  • LandFrauenverband Baden-Württemberg: Homepage.
  • Anke Sawahn: Die Frauenlobby vom Land. Die Landfrauenbewegung in Deutschland und ihre Funktionärinnen 1898 bis 1948, Frankfurt am Main 2009.
  • Landfrauenverband Württemberg-Baden (Hg.): Rückblicke – Einblicke – Ausblicke, 1947-1997. 50 Jahre Landfrauenverband Württemberg-Baden e.V. , Stuttgart 1996.

/// Gebildet in der Kneipe: Was es damit auf sich hat, lesen Sie am 23. April.

Neuer Dünger für die Unis – Margarete von Wrangell wird Professorin

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12. März 1923 | Es war ein langer Weg. Moskau, Reval, Tübingen und Paris waren nur einige der Stationen, die Margarete von Wrangell schließlich nach Hohenheim führten. In Moskau war Wrangell am 7. Januar 1877 geboren worden, in Reval (heute die estnische Hauptstadt Tallinn), wo ihre Familie herstammte, wuchs sie auf, in Tübingen promovierte sie 1909 in Chemie und in Paris forschte sie 1912 zusammen mit Marie Curie. An der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim wurde sie 1920 mit  „Phosphorsäure und Bodenreaktion“ habilitiert. Ihre wissenschaftliche Abhandlung war die erste in Hohenheim angenommene Habilitation. Und in Hohenheim trat am 12. März 1923 auch ihre Ernennung zum „ordentlichen Professor“ in Kraft. Damit war sie die erste Professorin Deutschlands!

Der Gesellschaft blühte es: Der Platz einer Frau ist auch die Universität. Von Wrangell bewies dies mit Erfolg (Bearb.: HdG BW/Hemberger).
Der Gesellschaft blühte es: Der Platz einer Frau ist auch die Universität. Von Wrangell bewies dies mit Erfolg (Bearb.: HdG BW/Hemberger).

Im Zentrum ihrer Forschungen stand die für die deutsche Landwirtschaft zentrale Frage der Phosphordüngung. Phosphat musste im Ausland teuer eingekauft werden. Deshalb entwickelte Margarete von Wrangell eine Düngemethode, die die im Boden enthaltene Phosphorsäure aktivierte. Die im Ernennungsschreiben vom 19. Februar 1923 ausgesprochene Bedingung für die ordentliche Professur, dass die „vom Reich erforderlichen Mittel für den Ausbau des Pflanzenernährungs-Instituts“ gewährt würden, konnte dank einer Initiative der Düngemittelindustrie und des Reichsernährungsministers erfüllt werden. Die Errichtung des Instituts war ausdrücklich an die Person Margarete von Wrangells und ihre Forschungen geknüpft. Für sie selbst bedeuteten der Aufbau und die Leitung des Instituts die Krönung ihres Lebenswerkes. „Mein Institut ist eine Schöpfung, die von dauerndem Wert und Nutzen bleiben wird, und macht mir trotz großer Sorge und Arbeitsüberlastung doch Freude“, schrieb die von einem chronischen Nierenleiden schwer belastete von Wrangell. Seit Oktober 1931 konnte sie ihre Professur nicht mehr ausüben, sie starb am 31. März 1932 an Nierenversagen.

Neben der Phosphorsäurefrage galten von Wrangells Forschungen auch dem allgemeinen Nährstoffzustand des natürlichen Bodens. Ihr gelang unter anderem der Nachweis, dass die Pflanze die Bodennährstoffe nicht aus dem Boden direkt, sondern aus der die Wurzeln unmittelbar umgebenden Bodenflüssigkeit entnimmt. Aktualität gewannen die Arbeiten der Wissenschaftlerin noch einmal für den ökologischen Landbau in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts.


Zum Weiterlesen:

  • Ulrich Fellmeth (Hg.): Margarete von Wrangell und andere Pionierinnen. Die ersten Frauen an den Hochschulen in Baden und Württemberg(= Hohenheimer Themen, Bd. 7), St. Katharinen 1998.
  • LEO BW: Biografie Margarete von Wrangells.

/// Am 16. März erscheint der nächste Eintrag. Mit allen Kräften wird hart Erkämpftes verteidigt.

Weil Blumen nicht reichen – der Frauenstreik in Tübingen

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8. März 1994 | Der Weltfrauentag, ein zweiter Muttertag mit Blumen und Geschenken? Streitbare Frauen wie Edda Rosenfeld, über viele Jahre Frauenbeauftragte der Stadt Tübingen, wollten neue Wege beschreiten: „Wir müssen mal ein bisschen aus dem Rahmen fallen, um zu irritieren und nicht nur immer mehr vom selben zu tun!“, so ihre damalige Überzeugung als Mitglied des Vorbereitungsteams zum Frauenstreik 1994. Vorläufer der Proteste waren unter anderem der Frauenstreik auf Island im Jahr 1975 sowie der Streik in der Schweiz 1991. In der eher beschaulichen Universitätsstadt Tübingen fielen die streikenden Frauen mit zahlreichen Aktion richtig aus dem Rahmen: Neben der Blockade des Lustnauer Tors durch 200 Aktivistinnen sorgten die Streikenden unter anderem mit einer humorvollen Abladeaktion typischer Hausarbeitsgeräte auf dem Marktplatz für Aufmerksamkeit.

Die Themen, welche auf den Kundgebungen und kreativen Happenings zur Sprache gebracht wurden, waren vielfältig: Ungleiche Löhne, Gewalt gegen Frauen, eine Doppelbelastung durch Arbeit und Haushalt, überkommene Rollenklischees, § 218 und viel mehr. Dass es sich hierbei nicht um reine Frauenprobleme handelte, sondern um gesamtgesellschaftliche, versuchte die Frauenbewegung jener Jahre zu vermitteln. An zahlreichen anderen Orten in Baden-Württemberg wiederholten sich die Tübinger Szenen: In Stuttgart besetzten Frauen den Verkehrsknotenpunkt Charlottenplatz und erhoben Forderungen nach einer Umbenennung des Karlsplatz in Clara-Zetkin-Platz. In Heidelberg hieß der Rathausplatz einen Tag lang Rote-Zora-Platz. Hier öffnete Oberbürgermeisterin Beate Weber das Rathaus den streikenden Frauen. Echte Arbeitsniederlegungen in den Betrieben blieben allerdings die Ausnahme, auch wenn vereinzelnd Betriebsversammlungen dazu genutzt wurden, die Anliegen des Frauenstreiktags zu diskutieren.

Auch 20 Jahre später seien die damals vorgetragenen Forderungen noch immer tagesaktuell, bemerkt Susanne Rückl-Kohn, Leiterin des Bildungszentrums und Archivs zur Frauengeschichte Baden-Württembergs Tübingen (BAF e.V.). Höchste Zeit also, selber aktiv zu werden: Heute findet bundesweit eine Neuauflage der 1994er-Aktionen statt: Bunt, kreativ, laut soll es werden – und Sie mittendrin? Das gilt selbstverständlich auch für alle Männer.

Wir bedanken uns bei Edda Rosenfeld sowie bei Susanne Rückl-Kohn vom BAF. e.V. Tübingen.


Zum Weiterlesen:

Die erste Studentinnen – Johanna Kappes und Rahel Straus

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28. Februar 1900 | Kommt ein Mann zur Ärztin: „Frau Doktor, Sie haben doch studiert, vielleicht können Sie mir weiterhelfen?“ – Den Witz kennen Sie anders? Es ist doch stets ein männlicher Akademiker, der sich mit den Nöten seiner Mitmenschen herumschlagen muss, oder? Im Humor bildet sich grundlegender gesellschaftlicher Wandel bisweilen recht spät ab, was den sich besonders am zotenhaften Altherrenwitz abbildet. Ganz ohne Flachs: Im Jahr 2018 hatten bereits rund 30% aller weiblichen Einwohner Deutschlands zwischen 30 und 34 Jahren einen Hochschulabschluss (Männer: 27%) und etwas weniger als die Hälfte der rund 360.000 Studierenden in Baden-Württemberg waren im Wintersemester 2016/17 weiblich. An dritter Stelle der bei Frauen beliebtesten Studiengänge rangierte Medizin (der Frauenanteil lag hier bei 63%).

Es verwundert nicht, dass Frauen ihr Recht auf ein Studium mühselig erkämpfen mussten. Mit der Einrichtung des ersten Gymnasiums für Frauen in Karlsruhe im Jahre 1893, war der Bildungshunger ihrer Absolventinnen wie Rahel Goitein (verh. Straus) und Johanna Kappes (verh. Worminghaus) noch lange nicht gestillt. Beide erwarben 1899 ihr Abitur.

Auszug aus Hanna Worminghaus (geb. Kappes) Pass (Bildnachweis: Stadtarchiv Nürnberg, C21_VII_183_Wormingshaus_Hanna).
Auszug aus Johanna Worminghaus‘ (geb. Kappes) Pass (Bildnachweis: Stadtarchiv Nürnberg,C21_VII_183_Worminghaus_Hanna).

Kappes begeisterte sich für Medizin. Durch energischen Nachfragen bei Freiburger Professoren erkämpft sie sich das Recht, als Gasthörerin an den Vorlesungen teilzunehmen. Bestärkt durch den „Verein Frauenbildung – Frauenstudium“ bittet Johanna Kappes in einem mutigen Brief an den Freiburger Senat um eine Vollzulassung. Vor Ort wird ihre Petition abgelehnt, doch das Badische Ministerium der Justiz, des Kultus und des Unterrichts verkündet in einem Erlass vom 28. Februar 1900, das die Universitäten fortan Studienanwärterinnen offen stehen. Als erste Studentin Deutschlands kann Kappes nach vier Jahre ihr Studium mit einer Promotion krönen und betreibt später als Ärztin eine Gemeinschaftspraxis mit ihrem Ehemann in Nürnberg.

Rahel Goitein-Straus ging ihren Bildungsweg konsequent bis zur Promotion (Bildnachweis: Institut für Stadtgeschichte Karlsruhe).
Rahel Goitein-Straus ging ihren Bildungsweg konsequent bis zur Promotion (Bildnachweis: Institut für Stadtgeschichte Karlsruhe).

Rahel Straus schrieb sich im Jahre 1900 für ein Medizinstudium an der Universität Heidelberg ein und gehörte im folgenden Jahr der Vereinigung studierender Frauen Heidelberg an. Nach ihrer Promotion im Jahre 1907 eröffnete sie in München eine gynäkologische Praxis.

Die akademische Landschaft in Deutschland ist seit den ersten Studentinnen weiblicher geworden, auch wenn beispielsweise Professuren noch immer lediglich zu rund 25% mit Frauen besetzt sind und in zahlreichen naturwissenschaftlich-technischen Berufen Studentinnen selten anzutreffen sind. Die alten Griechen setzten andere Maßstäbe: Mit Athena, der Göttin der Weisheit und den Musen lag das Bildungsressort fest in weiblicher Hand. Das muss ja kein antiker Mythos bleiben.


Zum Weiterlesen:

/// Freisinnig blättern wir morgen in alten Zeitungen und fördern Fortschrittliches zu Tage.