„Gleiches Recht als Staatsbürger“ – die Charta der Heimatvertriebenen

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5. August 1950 | Neben vielen anderen schönen Dingen (z.B. einem meist fröhlichen Fest am Neckarstrand, einem nicht immer erfolgreichen, gleichwohl großartigen Fußballverein und dem Gartenhaus eines genialen Erfinders) ist Bad Cannstatt völlig zu Recht stolz auf seine umfangreichen Mineralquellen. Im Gegensatz zu den Bewohnern des gegenüberliegenden Neckar-Ufers können sich die Cannstatter an einem Großen und Kleinen Kursaal erfreuen, die an die prächtigen Zeiten des Badeortes Cannstatt erinnern. Im angrenzenden Kurpark wird auch an ein anderes Ereignis erinnert, das leider gar nichts mit den schönen Dingen des Lebens zu tun hat. Am 5. August 1950 unterzeichneten die Vertreter der Vertriebenen im Großen Kursaal die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“.

 

 

Wasser statt Wein – der Große Kursaal war der passende Ort für die Unterzeichnung, denn zum Feiern gab es fünf Jahre nach Kriegsende nur wenig. Mehrere Millionen Deutsche, die durch Vertreibung und Flucht ihre Heimat verloren hatten, versuchten mühsam ihre Existenz wieder aufzubauen. Willkommen waren die wenigsten gewesen. Die Vorbehalte der eingesessenen Bevölkerung gegenüber den Neuankömmlingen waren massiv. Mit den fremden Habenichtsen, die auch noch so ein seltsames Deutsch sprachen, wollten die wenigsten etwas zu tun haben oder gar teilen. Bei den Vertriebenen entstand nicht von ungefähr oft der Eindruck, sie sollten alleine den Preis des verbrecherischen Krieges und der Niederlage zahlen.

Umso beachtlicher war die „Charta der Heimatvertriebenen“. Immer wieder ist in den letzten Jahren auf die Unzulänglichkeiten und Lücken des Textes hingewiesen worden. Ja, es stimmt, heute würde manches anders und deutlicher formuliert werden. Aber das ändert nichts an dem wegweisenden Charakter der Erklärung. Die klare Absage an „Rache und Vergeltung“ war einer der großen Schritte hin zu einem friedlichen Europa. Das „Recht auf Heimat“ wurde zwar als eines der „Grundrechte der Menschheit“ postuliert, aber es sollte gerade ausdrücklich nicht durch Gewalt verwirklicht werden. Wer sich ein wenig mit der europäischen Geschichte beschäftigt hat, wird die Bedeutung dieser Haltung leicht zu schätzen wissen.

Das unzweideutige Plädoyer „für die Schaffung eines geeinten Europas“ und die Forderung nach einer vollen Integration der Vertriebenen im eigenen Land, verleihen der Charta neben dem Gewaltverzicht bis heute Gewicht:

1. Gleiches Recht als Staatsbürger nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Wirklichkeit des Alltags.

2. Gerechte und sinnvolle Verteilung der Lasten des letzten Krieges auf das ganze deutsche Volk und eine ehrliche Durchführung dieses Grundsatzes.

3. Sinnvollen Einbau aller Berufsgruppen der Heimatvertriebenen in das Leben des deutschen Volkes.

4. Tätige Einschaltung der deutschen Heimatvertriebenen in den Wiederaufbau Europas.

 

 

Die Forderungen blieben nicht auf den Kursaal beschränkt. Am nächsten Tag wurde die Charta in Stuttgart vor bis zu 100.000 Menschen vorgetragen. Den Rahmen bildete die mahnende Ruine des Neuen Schlosses. Wer heute das Glück hat, dort Konzerte anhören zu können, sollte auch einmal an die Augusttage im Sommer 1950 denken und ein Gläschen darauf trinken. Es muss ja nicht unbedingt Mineralwasser sein.


 

/// Am 12. August sind wir zwar in der Toskana, aber leider nicht im Urlaub.

 

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