Republik oder nicht (Teil 2) – Hecker legt los

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12. April 1848 | Vom Bodensee aus wollte Friedrich Hecker doch noch alles retten. In Konstanz sollte die große „republikanische Schilderhebung“ erfolgen, die den großen Durchbruch bringen sollte. Die Stadt galt als die Hochburg der Opposition, hier waren die „entschlossenen Kräfte“ seit Jahren in der Mehrheit.  Wo sonst würden ihm die Massen folgen – wenn nicht hier?

Wochen der Euphorie und der Ernüchterung lagen hinter Hecker, als er am See eintraf. Eine Welle der Begeisterung hatte ihn nach der Offenburger Volksversammlung vom 19. März durch das Land getragen. Der Erfolg der Revolution lag nahe. Das neue Bürgerwehrgesetz stammte aus seiner Feder, die Zweite Kammer in Karlsruhe folgte ihm aufs Wort.  Voller Zuversicht fuhr er nach Frankfurt, wo Abgeordnete aus allen deutschen Staaten zu einem nationalen Vorparlament zusammentrafen. Dort wollte er die Weichen stellen für eine schnelle Abschaffung der erblichen Monarchie und eine tiefgreifende soziale Reform. Aber die Mehrheit des Vorparlamentes hatte das anders gesehen. Sie bezweifelte die Kompetenz der Abgeordneten, so weitreichende Entscheidungen zu treffen. Heckers Vorstellung, die Versammlung solle sich als „Geschäftsführer der Nation“ verstehen und sich für permanent erklären, scheiterte dramatisch mit 148 zu 368 Stimmen. Bei der Wahl zum Fünfziger-Ausschuss, der nationale Wahlen vorbereiten sollte, landete Hecker auf dem 51. und Gustav Struve auf dem 62. Platz. Eines war jetzt klar: „Legal revolutionär“ ließ sich die Republik nicht verwirklichen. Nachdem sein Freund Joseph Fickler, Anführer der südbadischen Republikaner, kurz darauf auf dem Karlsruher Bahnhof verhaftet worden war, gab es kein Zögern mehr. Überstürzt reiste Hecker über Frankreich und die Schweiz nach Konstanz.

Einem badischen Revolutionär ist nichts zu schwer: Hecker in Montur (Zeitgenössische Lithografie; Bearb.: HdG BW/Hemberger).
Einem badischen Revolutionär ist nichts zu schwer: Hecker in voller Montur (Zeitgenössische Lithografie; Bearb.: HdG BW/Hemberger).

Aber auch in Konstanz lief nicht alles nach Plan. Entgegen seiner Erwartung empfingen ihn die örtlichen Republikaner nicht mit ungeteilter Begeisterung. Hecker kämpfte: Von seinem Quartier im „Badischen Hof“ verfasste er in der Nacht zum 12. April einen flammenden Appell: „Sieg oder Tod für die deutsche Republik!“ Eine „provisorische Regierung“ forderte die Behörden zum Gehorsam auf. Auf einer Volksversammlung am Nachmittag warb er zwar eindringlich für den Umsturz, doch Bürgermeister Karl Hüetlin stellte sich ihm entgegen. Und auch die Konstanzer Bürgerwehr verweigerte sich in ihrer Mehrheit einer Teilnahme: Am frühen Morgen des 13. April zeigten sich nur rund 50 Mann bereit, mit Hecker loszuziehen.

 

Das klägliche Ende der Unternehmung war absehbar.

 


Aber am 13. April siegt die Republik doch noch – allerdings ein paar Jahre später.

 

 

Neue Formen für die Hangweide – ein Beteiligungsprozess in Kernen

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21. März 2018 | Irgendwie muss heute (fast) alles partizipativ sein. Ob Bauvorhaben, Ausstellungen oder Kindergarten – ohne Partizipation ist vieles kaum noch denkbar. Aber wie wird das überhaupt gemacht?

Ein Blick auf ein knapp acht Hektar großes Gelände im Remstal mit dem schönen Namen „Hangweide“ könnte weiterhelfen. Die Diakonie Stetten betreute dort in mehreren Gebäuden Wohnungen für Menschen mit Behinderungen. Nun sucht sie neue inklusive Wohnformen. Dafür hat sie bereits einige Häuser aufgegeben, die sie an die Gemeinde Kernen verkaufen will. Das Ziel ist klar: Kernen benötigt dringend bezahlbaren Wohnraum. Aber wie kann heute ein neues Wohnquartier entstehen?

 

Die Bürgerinnen und Bürger von Kernen waren entschlossen, dabei nicht einfach nur zuzusehen – und der Gemeinderat wollte dies auch ernst nehmen. Er beschloss Anfang 2018 einen umfassenden Bürgerbeteiligungsprozess und beauftragte Dr. Konrad Hummel und dessen Tochter Lena, diesen zu begleiten und zu moderieren. In mehreren Schritten vollzog sich seither die Beteiligung. Auf eine Auftaktveranstaltung folgte am 21. März 2018 der erste Workshop. An diesem konnten zum einen Interessierte teilnehmen, zum anderen wurden nach dem Zufallsprinzip Bürgerinnen und Bürger angeschrieben. Insgesamt meldeten sich 55 Personen an, 35 bis 40 von ihnen kamen regelmäßig zu den verschiedenen Workshops. In mehreren Gesprächsrunden erarbeiteten die Mitwirkenden ihre Vorstellungen für die neue Hangweide. Die unterschiedlichsten Wünsche und Vorstellungen prallten dabei aufeinander. Den Moderatoren fiel dabei die Schlüsselstellung zu. Sie mussten einen Weg finden, bei dem sich niemand übergangen oder ausgeschaltet fühlt. In Kernen gelang dies: Am 19. Juni übergaben die Moderatoren die Bürgerempfehlungen an die Verwaltung und den Gemeinderat.

Aber was davon letztlich Realität wird, entscheidet immer noch der Gemeinderat.


Zum Weiterlesen:

/// Psst, streng geheim! Doch Sie dürfen es exklusiv lesen: Unser nächster Eintrag erscheint am 26. März.

 

 

Republik oder nicht? – die erste Volksversammlung in Offenburg

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19. März 1848 | An diesem Tag trat die Revolution in ihrer ganzen Pracht auf die Straße.  Ein paar Monate zuvor, am 12. September 1847, hatten sich die „entschiedenen Freunde der Verfassung“ im Offenburger Gasthaus „Salmen“ hinter Weinflaschen verstecken müssen. Und noch am 27. Februar 1848 hatten die Mannheimer ihre Forderungen nur in der Aula erheben können. Aber nun gab es kein Halten mehr. Ganz Offenburg zeigte sich am 19. März in Schwarz-Rot-Gold. Die Bauern aus der Ortenau kamen mit ihren schönsten Pferden, auf ihren Sonntagsanzügen prangten die schwarz-rot-goldenen Schärpen. Mit Jubel begrüßten die Menschen die eintreffenden Fuhrwerke. Die überfüllten Züge brachten begeisterte Menschen aus dem ganzen Großherzogtum in die badische Hauptstadt der Revolution. Zum Beginn der großen Versammlung drängten sich rund 20.000 Menschen auf dem Platz vor dem geschmückten Rathaus. Es sollte ein Volksfest für die Freiheit werden.

Die Menschen warteten vor allem auf einen Mann. Geschmückt mit einer roten Schärpe hatte Friedrich Hecker von einem Balkon aus die Menschen begrüßt. Seit seinen brillanten Auftritten im Landtag und im „Salmen“ galt er als der charismatische Anführer der entschiedenen Opposition. Jetzt, an diesem 19. März 1848, kam es auf ihn an. Alle wollten wissen, wie es nach den ersten Tagen der Revolution weitergehen sollte. Würde Hecker zum Sturz der Regierung aufrufen? Würde Hecker die deutsche Republik verkünden?

 

Die führenden Männer der Opposition zögerten bei der Frage nach der Republik. Gab es dafür wirklich genügend Unterstützung in der Bevölkerung? Reichten die Vorbereitungen aus? Sollte nicht ein deutsches Parlament die Entscheidung treffen? Hecker selbst war unentschlossen. In einer  Beratung im Offenburger Rathaus vor der Volksversammlung wurden zunächst nur weitreichende demokratische Forderungen formuliert und der Aufbau einer landesweiten Organisation von demokratischen Vereinen beschlossen. Dann kam der große Augenblick. Hecker trat auf den Balkon des Rathauses. Wie immer hielt er eine feurige Rede. Der Jubel war gewaltig. Aber die Ausrufung der Republik fehlte. Im Gegenteil, Hecker soll Joseph Fickler während dessen Rede mit der Waffe in der Hand davon abgehalten haben, das Wort Republik in den Mund zu nehmen.

Kurze Zeit nach Ende der Volksversammlung trafen die Nachrichten von der erfolgreichen Revolution in Wien und Berlin in Baden ein. Jetzt war klar: In Offenburg war eine Chance verpasst worden.


/// Mit der Republik dauert es noch ein bisschen. Am 21. März wird erst einmal über die Hangweide im Remstal gesprochen.

 

Neuer Dünger für die Unis – Margarete von Wrangell wird Professorin

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12. März 1923 | Es war ein langer Weg. Moskau, Reval, Tübingen und Paris waren nur einige der Stationen, die Margarete von Wrangell schließlich nach Hohenheim führten. In Moskau war Wrangell am 7. Januar 1877 geboren worden, in Reval (heute die estnische Hauptstadt Tallinn), wo ihre Familie herstammte, wuchs sie auf, in Tübingen promovierte sie 1909 in Chemie und in Paris forschte sie 1912 zusammen mit Marie Curie. An der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim wurde sie 1920 mit  „Phosphorsäure und Bodenreaktion“ habilitiert. Ihre wissenschaftliche Abhandlung war die erste in Hohenheim angenommene Habilitation. Und in Hohenheim trat am 12. März 1923 auch ihre Ernennung zum „ordentlichen Professor“ in Kraft. Damit war sie die erste Professorin Deutschlands!

Der Gesellschaft blühte es: Der Platz einer Frau ist auch die Universität. Von Wrangell bewies dies mit Erfolg (Bearb.: HdG BW/Hemberger).
Der Gesellschaft blühte es: Der Platz einer Frau ist auch die Universität. Von Wrangell bewies dies mit Erfolg (Bearb.: HdG BW/Hemberger).

Im Zentrum ihrer Forschungen stand die für die deutsche Landwirtschaft zentrale Frage der Phosphordüngung. Phosphat musste im Ausland teuer eingekauft werden. Deshalb entwickelte Margarete von Wrangell eine Düngemethode, die die im Boden enthaltene Phosphorsäure aktivierte. Die im Ernennungsschreiben vom 19. Februar 1923 ausgesprochene Bedingung für die ordentliche Professur, dass die „vom Reich erforderlichen Mittel für den Ausbau des Pflanzenernährungs-Instituts“ gewährt würden, konnte dank einer Initiative der Düngemittelindustrie und des Reichsernährungsministers erfüllt werden. Die Errichtung des Instituts war ausdrücklich an die Person Margarete von Wrangells und ihre Forschungen geknüpft. Für sie selbst bedeuteten der Aufbau und die Leitung des Instituts die Krönung ihres Lebenswerkes. „Mein Institut ist eine Schöpfung, die von dauerndem Wert und Nutzen bleiben wird, und macht mir trotz großer Sorge und Arbeitsüberlastung doch Freude“, schrieb die von einem chronischen Nierenleiden schwer belastete von Wrangell. Seit Oktober 1931 konnte sie ihre Professur nicht mehr ausüben, sie starb am 31. März 1932 an Nierenversagen.

Neben der Phosphorsäurefrage galten von Wrangells Forschungen auch dem allgemeinen Nährstoffzustand des natürlichen Bodens. Ihr gelang unter anderem der Nachweis, dass die Pflanze die Bodennährstoffe nicht aus dem Boden direkt, sondern aus der die Wurzeln unmittelbar umgebenden Bodenflüssigkeit entnimmt. Aktualität gewannen die Arbeiten der Wissenschaftlerin noch einmal für den ökologischen Landbau in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts.


Zum Weiterlesen:

  • Ulrich Fellmeth (Hg.): Margarete von Wrangell und andere Pionierinnen. Die ersten Frauen an den Hochschulen in Baden und Württemberg(= Hohenheimer Themen, Bd. 7), St. Katharinen 1998.
  • LEO BW: Biografie Margarete von Wrangells.

/// Am 16. März erscheint der nächste Eintrag. Mit allen Kräften wird hart Erkämpftes verteidigt.

Dramatischer Frühlingsbeginn – Friedrich Römer und das Märzministerium

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9. März 1848 | Seine Königliche Majestät geruhten, die Martinskaplanei in Ravensburg dem Präzeptorats-Kaplaneiverweser Beyerle aus Horb zu übertragen. Das Regierungsblatt für das Königreich Württemberg machte es an diesem 10. März besonders spannend. Erst als auch noch die Kapläne Hummel und Epple ihre verdienten Posten in Altshausen und Neukirch erhalten hatten, folgte auf der zweiten Seite die wirklich bahnbrechende Nachricht: König Wilhelm hatte am 9. März den seit 1832 die Regierungspolitik bestimmenden konservativen Innen- und Kultusminister Johannes von Schlayer des Amtes enthoben und durch den hochangesehenen Anführer der Liberalen in der Zweiten Kammer, Friedrich Römer, ersetzt.

Er nutzte die Gunst der Stunde: Friedrich Römer (Bildnachweis: Stadtarchiv Stuttgart; Bearb,: HdG BW/Hemberger).
Er nutzte die Gunst der Stunde: Friedrich Römer (Bearb.: HdG BW/Hemberger).

Hinter den nüchternen Worten des Regierungsblatts verbargen sich dramatische Ereignisse. Der Regierungswechsel vom 9. März war der fast schon verzweifelte Versuch des Königs, die Kontrolle über sein Land zurückzugewinnen. Auf die Mannheimer Forderungen vom 27. Februar hatte Wilhelm bereits schnell reagiert und am 1. März die Aufhebung der Zensur angeordnet. Aber die Tübinger Adresse und die fast überall im Königreich stattfindenden spontanen Volksversammlungen machten deutlich, dass es damit nicht getan war. Am Abend des 5. März eskalierte die Situation: Bis zu 20 Männer drangen in das Kanzleiamtsgebäude von Schloss Haltenbergstetten bei Niederstetten ein und legten Feuer. Die Meldung vom Angriff auf das Schloss wirkte wie ein Fanal. Zusammen mit anderen Nachrichten von Unruhen der Bauern wähnten sich manche Zeitgenossen bereits „in die Zeit des Bauernkriegs“ versetzt. Wilhelm entschloss sich am 6. März zum Handeln und entließ Schlayer, allerdings wollte er ihn durch den nicht weniger konservativen Joseph von Linden ersetzen. Aber scharfe Proteste in der Öffentlichkeit beendeten die Amtszeit von Lindens bereits nach wenigen Stunden. Drei Tage später blieb dem König keine andere Wahl mehr als dem Oppositionsführer Friedrich Römer die Regierungsgeschäfte zu übertragen.

Römer bildete mit seinen Mitstreitern Gustav Duvernoy, Paul Pfizer und Adolph Goppelt das liberale „Märzministerium“. Schnell und entschieden packte es die lange liegen gebliebenen Aufgaben an, um das Land weitreichend zu modernisieren. So gelang es, einen „heißen Frühling“ zu verhindern – und Wilhelm konnte auf seinem Thron bleiben.


/// Herr Otto Mohl fühlt sich dort unwohl. Wo – das verrät unser Kalender morgen.

 

Der Zukunft eine Stimme – der Jugendgemeinderat in Weingarten

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7.  März 1985 | Wer im oberschwäbischen Weingarten lebt, muss sich um die Zukunft der Demokratie weniger Sorgen machen. Dort wird die jeweils nächste Generation bereits seit über 30 Jahren aktiv an der Kommunalpolitik beteiligt. Erstmals in einer deutschen Gemeinde überhaupt wählten am 27. Februar 1985 rund 800 Schülerinnen und Schüler zwischen der 7. und 10. Klasse ihre Vertretung. Alles war wie bei den Erwachsenen: Verteilt auf vier thematische Wahllisten kandidierten 90 Jugendliche, die Stadtverwaltung stellte Wahlurnen und -kabinen auf und an jeder Schule wachte ein Wahlvorstand über den Ablauf. Nur die Wahlbeteiligung sah völlig anders aus: 92,8 % der wahlberechtigten Jugendlichen machten mit – die Erwachsenen konnten sich im Vergleich dazu nur schämen.

Auch die erste Sitzung des Jugendgemeinderats am 7. März war keine Show. Ab 9 Uhr tagte der 26-köpfige Rat im Großen Sitzungssaal unter der Leitung des Oberbürgermeisters Rolf Gerich und in Anwesenheit der Vorsitzenden der Gemeinderatsfraktionen sowie der städtischen Amtsleiter. Viele der behandelten Themen kamen den Gemeinderäten bekannt vor: Hallenbad, Müll, Radwege, Nahverkehr und Tempo 30 – nur alles aus der Sicht der Jugendlichen. Ein besonderes Jugendthema stand dann aber doch noch im Mittelpunkt: der schlechte Zustand des Jugendhauses. Nach den Sommerferien sollte in der nächsten Sitzung über Fortschritte berichtet werden.

Für Oberbürgermeister Rolf Gerich war die Sitzung ein großer Erfolg. Er wollte die Jugendlichen mit seiner Idee ausdrücklich in die Verantwortung für ihre Stadt nehmen und gleichzeitig der eigenen Verwaltung neue Impulse geben. Neun Jahre zuvor hatte er Jugendlichen bereits das Fragerecht bei Gemeinderatssitzungen gegeben. Das von den Vereinten Nationen für 1985 ausgerufene „Internationale Jahr der Jugend“ brachte ihn darauf, noch einen Schritt weiter zu gehen und den Rat ins Leben zu rufen.

Weingarten wurde so zum Vorbild. Inzwischen bestehen rund 100 Jugendgemeinderäte in Baden-Württemberg, deutlich mehr als in den anderen Bundesländern.


Zum Weiterlesen:

/// Alle Räder stehen still, wenn ein Frauenarm es will. Zum morgigen Weltfrauentag wird es kämpferisch in unserem Onlinekalender.

Demokratie ganz groß – Ludwig Uhland und die 48er Revolution

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2. März 1848 | „Der Sturm, der in die Zeit gefahren ist, hat die politischen Zustände Deutschlands in ihrer ganzen unseligen Gestalt, Allen erkennbar bloßgelegt.“ Was in Mannheim noch nüchtern formuliert worden war, klang in Tübingen am 2. März 1848 bedeutend anspruchsvoller. So einen Satz konnte nur ein wahrer Dichter schreiben: Ludwig Uhland.

Eigentlich hatte sich Uhland vorgenommen, sich nicht mehr politisch zu engagieren. Zu enttäuschend waren seine Erfahrungen im württembergischen Landtag gewesen, dem er 1838 den Rücken gekehrt hatte. Aber als am 1. März 1848 die Nachrichten aus Mannheim auch am oberen Neckar angekommen waren und für erhebliche Aufregung gesorgt hatten, konnte er sich nicht mehr länger heraus halten. Burschenschaftler und die ehemaligen Kollegen von der Universität, die Professoren Reyscher, Volz und Fallati, bedrängten ihn, eine „Tübinger Adresse“ an den ständischen Ausschuss des Landtags zu schicken.

Nachdem am Morgen des 2. März noch eine Endredaktion stattgefunden hatte, wurde der Text am Nachmittag im akademischen Reithaus der Öffentlichkeit vorgestellt. Im größten Saal der Stadt jubelten bis zu 1.000 Bürger und Studenten Uhland zu, als er persönlich die Adresse vorlas. Zum  Abschluss sangen alle das von Uhland 1816 gedichtete Freiheitslied „Wenn heut ein Geist herniederstiege“.  Am Abend wurde die mit mehr als tausend Unterschriften versehene Adresse nach Stuttgart geschickt. Flugblätter verbreiteten den Text und am 6. März druckte die Zeitung „Der Beobachter“ die Adresse vollständig ab.

Drei Farben, eine Republik: Ludwig Uhland (Bearb. HdGBW/Hemberger)
Drei Farben, eine Republik: Ludwig Uhland (Bearb. HdGBW/Hemberger)

Die Tübinger Adresse wurde zum Wegweiser der Revolution in Württemberg. Sie folgte im wesentlichen den in Mannheim erhobenen Kernforderungen nach einem deutschen Parlament, der Volksbewaffnung im Sinne einer Bürgermiliz, der vollen Pressefreiheit und einer Justizreform. Aber Uhland ging noch weiter und machte daraus ein demokratisches Bekenntnis: „Das große Grundgebrechen unseres deutschen Gesamtvaterlandes lässt sich in wenige Worte fassen; es fehlt die volksmässige Grundlage, die freie Selbsttätigkeit des Volks, die Mitwirkung seiner Einsichten und Gesinnungen bei der Bestimmung seines staatlichen Lebens.“

Besser konnte es nicht gesagt werden!


Zum Weiterlesen:

  • Eberhard Sieber: Stadt und Universität Tübingen in der Revolution von 1848/49, Tübingen 1975

/// Morgen will ein Rebell aus dem Remstal Oberbürgermeister von Hall werden.

Eine große Zeitung aus Freiburg – der „Freisinnige“ und die Pressefreiheit

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1. März 1832 | Wie lautete noch einmal die Erkenntnis unseres Beitrags vom 12. Februar? Ein gutes Gesetz allein genügt nicht! Das war exakt auch die Überzeugung der badischen Liberalen im Jahr 1831. Der Landtag in Karlsruhe hatte am 24. Dezember 1831 ein sensationell freizügiges Pressegesetz verabschiedet: Obwohl im Deutschen Bund die Vorzensur für alle Zeitungen und dünnere Bücher zwingend vorgeschrieben war, wagte es das Großherzogtum, einen anderen Weg einzuschlagen. Durch viel Geschick hatten die liberalen Anführer Carl von Rotteck und Carl Welcker ein Gesetz durchgesetzt, das anscheinend dem Vorgaben des Bundes entsprach, de facto aber das System der Vorzensur ins Leere laufen ließ: Kein Redakteur musste mehr seine Artikel einem Beamten zur Genehmigung vorlegen, stattdessen mussten sich die Schreiber künftig nur noch vor Gerichten für den Inhalt ihrer Blätter verantworten.

Ganz schön freisinnig: Carl von Rotteck (Bearb. HdGBW/Hemberger)
Ganz schön freisinnig: Carl von Rotteck (Bearb. HdGBW/Hemberger)

Noch während um das Gesetz gerungen wurde, entstand in Freiburg der Plan, die Probe auf das Exempel zu machen. Der Chemieprofessor Carl Fromherz schrieb seinem Professorenkollegen Rotteck am 11. November, in Freiburg solle unter dem Titel „Der Freisinnige“ eine neue Tageszeitung gegründet werden. Wenn Rotteck,  Welcker und einige andere Landtagshelden mitmachen würden, sei der Erfolg garantiert. Schließlich müsse das Gesetz zum Leben erweckt werden. Bei Rotteck fand Fromherz offene Ohren. Schon im Landtag war vor den „verdorbenen Studenten“ gewarnt worden, die das Gesetz missbrauchen könnten. Die Abgeordneten selbst würden die neue Freiheit gewissenhaft nutzen. Zumal sie dringend eine Zeitung benötigten. Ohne eigenes Sprachrohr blieben die Liberalen trotz ihrer momentanen Mehrheit im Landtag letztlich isoliert. Öffentlichkeit herstellen war das Gebot der Stunde.

"Preßfreiheit", ein hohes Gut. Bereits 1832 kosteten die Badener die Früchte dieses Grundrechts.
„Preßfreiheit“, ein hohes Gut. Bereits 1832 kosteten die Badener die Früchte dieses Grundrechts. Hier zu sehen: Das Titelblatt der Erstausgabe des „Freisinnigen“

Die Freiburger Bürgerschaft entwickelte das Modell für die neue Kommunikation: 28 Bürger – unter ihnen „eine Reihe der achtbarsten Männer der Stadt“ – zeichneten als Aktionäre mit jeweils 100 Gulden das Startkapital der Zeitung. Dies reichte aus, um am 1. März, dem Beginn der Pressefreiheit, die erste Ausgabe der Zeitung herauszugeben. Das Format der Zeitung war riesig und auch sonst waren die Professoren, die die Pariser Blätter als Vorbild nahmen, nicht bescheiden: „Der Freisinnige widmet seine Kräfte der großen Sache der Konstitution in ganz Deutschland.“ Mit Ausdauer umwarben Rotteck und Welcker die große „Edelfeder“ Ludwig Börne in Paris, allein dessen Honorarvorstellungen überstiegen das Freiburger Budget bei weitem.

Der Erfolg war zunächst beachtlich. Über 2.000 Abonnements sicherten das Überleben. Doch der Deutsche Bund war mehr als verärgert über die badische Eigenmächtigkeit und die ständigen Belehrungen aus Freiburg. Eine Untersuchung gegen den „Freisinnigen“ und die ebenfalls neue Mannheimer Zeitung „Der Wächter am Rhein“ kam zu einem wenig überraschenden Ergebnis:  Der „Freisinnige“ sei „gleich verderblich, aufrührerisch und beleidigend“ wie der „Wächter“, beide Zeitungen wurden verboten. Am 25. Juli 1832 erschien in Freiburg die letzte Ausgabe eines großen Projektes. Auch das Pressegesetz musste aufgehoben werden, am 30. Juli kehrte die Zensur zurück.


/// Und morgen fährt der Sturm in die Zeit, natürlich in Tübingen, wo sonst?

Die Revolution aus der Aula – die Mannheimer Forderungen

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27. Februar 1848 I Hatten die Badener nicht schon genügend Partizipation? Die großzügige Verfassung, der frei gewählte Landtag und die umfassenden Wahlrechte in den Kommunen – reichte das denn immer noch nicht? Die unterdrückten Preußen konnten davon doch nur wehmütig träumen. Und dennoch brach die Revolution 1848 nicht in Berlin, sondern in Mannheim aus. Dort, wo die Nachrichten von einer neuerlichen Revolution in Frankreich (natürlich waren es wieder einmal die Franzosen, die am 24. Februar ihren König verjagt hatten) am schnellsten eintrafen. Dort, wo die Bevölkerung sich in den vergangenen zehn Jahren den Ruf hart erarbeitet hatte, besonders „aufmüpfig“ zu sein. Ja, es stimmte. Baden war in vielen Fragen bedeutend fortschrittlicher als die restlichen deutschen Bundesstaaten. Aber das machte die Bevölkerung nicht zufriedener, im Gegenteil. Das vergleichsweise hohe Maß an Beteiligung führte nur zum konsequenten Drängen nach noch umfassenderer Teilhabe.

Am Sonntag, den 27. Februar 1848, war es soweit. Der Redakteur Gustav Struve und der Verleger Heinrich Hoff riefen zur Volksversammlung in den Aulasaal (A 4, 4) auf und 2.500 Menschen kamen – der Staat hatte sie nicht mehr daran hindern können. Alle waren sich einig, dass jetzt die Stunde gekommen war, um die seit langem erhobenen wichtigsten Forderungen durchzusetzen:

  1. Volksbewaffnung mit freien Wahlen der Offiziere
  2. Unbedingte Preßfreiheit
  3. Schwurgerichte nach dem Vorbilde Englands
  4. Sofortige Herstellung eines deutschen Parlamentes

Die „Mannheimer Forderungen“ begannen unmittelbar danach ihren Siegeszug durch alle deutschen Bundesstaaten. So schnell, wie es niemand für möglich gehalten hätte, wurden sie im März 1848 weitgehend verwirklicht.

Im Aulasaal in Mannheim nahm aber nicht nur die Revolution ihren zunächst so erfolgreichen Lauf. Noch einmal konnten sich hier Liberale und radikalere Kräfte (die sich bald Demokraten nennen sollten) auf ein gemeinsames Programm verständigen. Der weitere Gang der Dinge sollte sie bald auseinanderführen.


/// Bildungshungrige Frauen stürmen morgen in unserem Onlinekalender akademische Männerbastionen.

Beteiligung in Quadraten – der Mannheimer Migrationsbeirat

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20. Februar 2000 | Wer darf eigentlich mitbestimmen? Nur diejenigen mit einem deutschen oder – zumindest auf kommunaler Ebene – mit einem EU-Pass, oder? Aber was ist eigentlich mit den Menschen, die hier leben und keine deutsche oder EU-Staatsbürgerschaft besitzen? Wird deren Stimme auch gehört?

In Mannheim, wo ein Viertel der Gesamtbevölkerung eine ausländische Staatsangehörigkeit hat, ist dies keine theoretische Frage. Die Frage nach der Mitbestimmung war seit der Zuwanderung in den 1960er Jahren sehr konkret: Wo ist Wohnraum? Wer bietet Ausbildungsplätze an? Wie kann das Zusammenleben aussehen? Wo könnte gebetet werden? Mannheim war ein Vorreiter beim Erfinden neuer Formen der Teilhabe. Die Stadt gehörte zu den ersten in der Bundesrepublik, die das Amt eines „Ausländerbeauftragten“ einführten. Zusätzlich bekam Mannheim bereits 1973 einen „Koordinierungsausschuss für die Betreuung ausländischer Arbeitnehmer“, der nicht zuletzt als Diskussionsforum für all diese Fragen gedacht war.

Nur bei der direkten Beteiligung Nicht-Deutscher an der Kommunalpolitik brauchte Mannheim erstaunlicherweise länger als andere Städte in Baden-Württemberg. Auf Vorschlag der FDP beschloss der Gemeinderat 1999 endlich die Gründung eines „Migrationsbeirats“ oder „Integrationsausschusses“. Vom 28. Januar bis zum 20. Februar 2000 fanden die ersten direkten Wahlen (in Form einer Briefwahl) für diese 30-köpfige Vertretung statt. Für die Wahl waren 57.690 Mannheimerinnen und Mannheimer aufgerufen, aus 116 Bewerberinnen und Bewerbern auf zehn verschiedenen Wahllisten auszuwählen. Die Wahlbeteiligung lag bei der Premiere jedoch bei gerade einmal 14,5%.

Die geringe Wahlbeteiligung führte 2009 zu einer grundsätzlichen Änderung. Die Wahl wurde abgelöst durch ein Berufungsmodell. Eine speziell gebildete Kommission beruft seither 20 Vertreterinnen und Vertreter der nicht-deutschen Einwohnerschaft.


Weiterführendes:

/// Am 23. Februar stellen wir einen weiteren Baustein der Völkerverständigung vor.