Auf dem Königsweg – die Verfassung für Württemberg von 1819

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25. September 1819 | Wer sich zu Fuß auf den Weg nach Santiago de Compostela macht, braucht ein wenig Ausdauer. Die Strecke quer durch Frankreich und Nordspanien ist rund 2.000 Kilometer lang, in ein paar Tagen ist das nicht getan. Ob das vermeintliche Grab des Apostels Jakobus solche Mühen wirklich rechtfertigt, mag dahin gestellt sein. Die Kathedrale in Santiago ist eindrucksvoll, aber das wahrhaft Großartige sind die einzelnen Etappen. Kurzum es gilt die alte Weisheit: Der Weg ist das Ziel.

Was für den Jakobsweg zutrifft, lässt sich vermutlich auch auf einen anderen Weg übertragen. Die Verfassung für das Königreich Württemberg war beachtlich und in vielen Punkten weitsichtig und fortschrittlich, und doch war der Weg dahin die auch heute noch viel erstaunlichere Leistung. Württemberg bekam mit seiner Verfassung kein „Gnadengeschenk“ von einem wohlmeinenden Fürsten wie es in Baden und den anderen wenigen deutschen Verfassungsstaaten Praxis war. Im Königreich wurde stattdessen ein regelrechter Verfassungsvertrag zwischen dem Monarchen und den Vertretern des Volkes abgeschlossen. Mitnichten waren Wilhelm und sein Vorgänger Friedrich Anhänger des Gedankens der Volkssouveränität: Sie sahen sich als allein durch göttlichen Willen eingesetzte und legitimierte Herrscher. Die Vereinbarung war das Ergebnis einer tief verwurzelten württembergischen Tradition: das Recht auf Teilhabe. Die entscheidende Grundlage dafür war der von Herzog Ulrich mit den Landständen 1514 abgeschlossene Tübinger Vertrag. Darin hatten sich die Landstände das Recht auf Zustimmung in Steuerfragen und bei der Landesverteidigung gesichert.

Wie mächtig diese Tradition war, hatte Friedrich deutlich vor Augen geführt bekommen. In seinem absoluten Machtanspruch hatte der angehende König Ende 1805 die seitherige landständische Verfassung für Altwürttemberg aufgehoben und die Landstände aufgelöst. Aber das Ende der Herrschaft Napoleons veränderte natürlich auch die Machtposition seines seitherigen Verbündeten. Friedrich versuchte die eigene Stellung durch eine neue Verfassung abzusichern. Für den 15. März 1815 berief er eine Ständeversammlung ein, die die Verfassung annehmen sollte. Neben Vertretern des Adels, der Kirchen und der Universitäten saßen darin die Vertreter der 65 Oberämter und der sieben wichtigsten Städte – gewählt von allen Männern, die aus Liegenschaften ein jährliches Einkommen von 200 Gulden nachweisen konnten.

Wenn Friedrich gedacht hatte, sein überraschend großzügiger Entwurf würde leicht Zustimmung finden, sah er sich getäuscht: Die Versammlung forderte stattdessen die weitgehende Wiederherstellung der altwürttembergischen Verfassung. Was folgte, war ein auf Biegen und Brechen geführter Kampf um die Verfassung. Auch der 1816 auf den Thron nachfolgende Wilhelm scheiterte zunächst an der Spaltung des Landes in die beharrenden Altwürttemberger auf der einen Seite und die für die neue Verfassung aufgeschlossenen Neuwürttemberger auf der anderen Seite. Erst 1819 gelang der Durchbruch, als eine neu gewählte verfassunggebende Versammlung unter dem zunehmenden Druck der äußeren Verhältnisse entschlossen nach einem Ausweg suchte.

Das kaum noch für möglich gehaltene Happy End fand am 25. September 1819 im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses statt. Der Monarch und die Ständeversammlung tauschten gehaltvolle Urkunden miteinander aus – Württemberg hatte einen neuen Vertrag.


/// Das Happy End in Ludwigsburg gilt auch für uns. Nach genau 400 Tagen findet „Des Volkes Stimme“ ein vorläufiges Ende. Vorläufig – weil es vielleicht doch immer wieder Ereignisse gibt, die auch an dieser Stelle Erwähnung finden sollten. Wir bleiben offen für Beteiligung, und Sie hoffentlich auch!

„Gleiches Recht als Staatsbürger“ – die Charta der Heimatvertriebenen

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5. August 1950 | Neben vielen anderen schönen Dingen (z.B. einem meist fröhlichen Fest am Neckarstrand, einem nicht immer erfolgreichen, gleichwohl großartigen Fußballverein und dem Gartenhaus eines genialen Erfinders) ist Bad Cannstatt völlig zu Recht stolz auf seine umfangreichen Mineralquellen. Im Gegensatz zu den Bewohnern des gegenüberliegenden Neckar-Ufers können sich die Cannstatter an einem Großen und Kleinen Kursaal erfreuen, die an die prächtigen Zeiten des Badeortes Cannstatt erinnern. Im angrenzenden Kurpark wird auch an ein anderes Ereignis erinnert, das leider gar nichts mit den schönen Dingen des Lebens zu tun hat. Am 5. August 1950 unterzeichneten die Vertreter der Vertriebenen im Großen Kursaal die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“.

 

 

Wasser statt Wein – der Große Kursaal war der passende Ort für die Unterzeichnung, denn zum Feiern gab es fünf Jahre nach Kriegsende nur wenig. Mehrere Millionen Deutsche, die durch Vertreibung und Flucht ihre Heimat verloren hatten, versuchten mühsam ihre Existenz wieder aufzubauen. Willkommen waren die wenigsten gewesen. Die Vorbehalte der eingesessenen Bevölkerung gegenüber den Neuankömmlingen waren massiv. Mit den fremden Habenichtsen, die auch noch so ein seltsames Deutsch sprachen, wollten die wenigsten etwas zu tun haben oder gar teilen. Bei den Vertriebenen entstand nicht von ungefähr oft der Eindruck, sie sollten alleine den Preis des verbrecherischen Krieges und der Niederlage zahlen.

Umso beachtlicher war die „Charta der Heimatvertriebenen“. Immer wieder ist in den letzten Jahren auf die Unzulänglichkeiten und Lücken des Textes hingewiesen worden. Ja, es stimmt, heute würde manches anders und deutlicher formuliert werden. Aber das ändert nichts an dem wegweisenden Charakter der Erklärung. Die klare Absage an „Rache und Vergeltung“ war einer der großen Schritte hin zu einem friedlichen Europa. Das „Recht auf Heimat“ wurde zwar als eines der „Grundrechte der Menschheit“ postuliert, aber es sollte gerade ausdrücklich nicht durch Gewalt verwirklicht werden. Wer sich ein wenig mit der europäischen Geschichte beschäftigt hat, wird die Bedeutung dieser Haltung leicht zu schätzen wissen.

Das unzweideutige Plädoyer „für die Schaffung eines geeinten Europas“ und die Forderung nach einer vollen Integration der Vertriebenen im eigenen Land, verleihen der Charta neben dem Gewaltverzicht bis heute Gewicht:

1. Gleiches Recht als Staatsbürger nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Wirklichkeit des Alltags.

2. Gerechte und sinnvolle Verteilung der Lasten des letzten Krieges auf das ganze deutsche Volk und eine ehrliche Durchführung dieses Grundsatzes.

3. Sinnvollen Einbau aller Berufsgruppen der Heimatvertriebenen in das Leben des deutschen Volkes.

4. Tätige Einschaltung der deutschen Heimatvertriebenen in den Wiederaufbau Europas.

 

 

Die Forderungen blieben nicht auf den Kursaal beschränkt. Am nächsten Tag wurde die Charta in Stuttgart vor bis zu 100.000 Menschen vorgetragen. Den Rahmen bildete die mahnende Ruine des Neuen Schlosses. Wer heute das Glück hat, dort Konzerte anhören zu können, sollte auch einmal an die Augusttage im Sommer 1950 denken und ein Gläschen darauf trinken. Es muss ja nicht unbedingt Mineralwasser sein.


 

/// Am 12. August sind wir zwar in der Toskana, aber leider nicht im Urlaub.

 

Spät, aber nicht zu spät – die Verfassung des Fürstentums Hohenzollern-Sigmaringen von 1833

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11. Juli 1833 | Manche Dinge brauchen ein bisschen länger. Was uns heute nur zu bekannt vorkommt, galt natürlich auch schon im 19. Jahrhundert. Durch die Bundesakte von 1815 waren alle Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes verpflichtet worden, eine „landständische Verfassung“ einzuführen. Aus eigenem Interesse folgten Baden und Württemberg umgehend diesem Auftrag und führten 1818 beziehungsweise 1819 wegweisende Verfassungen ein. Das kleine Fürstentum Hohenzollern-Hechingen konnte sich ein wenig daran vorbeimogeln  und verwies auf einen seit 1798 bestehenden „Landesvergleich“, in dem die grundlegende Ordnung des Fürstentums festgelegt worden war. Von den vier MDB (Mitglied im Deutschen Bund) im Südwesten blieb damit nur noch das Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen übrig, wo alle Versuche, eine Verfassung zu verkünden, bislang im Sande verlaufen waren – zum großen Ärger der Bevölkerung, die sich im Vergleich zu den Nachbarstaaten völlig zu Recht benachteiligt fühlte.

 

Das lange Zögern fand 1830 durch die Juli-Revolution in Frankreich ein abruptes Ende. Die Angst, die eigenen Untertanen könnten zu ähnlichen unerhörten Maßnahmen greifen, zwang Fürst Anton Alois dazu, endlich selbst zur Tat zu schreiten. Das-auf-die-lange-Bank-schieben hatte wie immer auch einen Preis: Statt die Verfassung einfach zu oktroyieren (sprich: gnädig zu schenken), wie es in den reaktionären 1820er Jahren noch möglich gewesen wäre, musste der Fürst nun einen Beteiligungsprozess einleiten: Die Hohenzollern sollten Abgeordnete wählen, „um das Verfassungsgeschäft zu bereinigen“.

Nach dem Tod von Anton Alois am 17. Oktober 1831 fiel dem neuen Fürsten Karl die Aufgabe zu, die Beteiligung zu organisieren. Vorbildlich kündigte er Wahlen für die geplante 13-köpfige Versammlung an, die sich mit der Verfassung beschäftigen sollte. Einen Schönheitsfehler gab es:  Die Bevölkerung konnte nur zehn Vertreter auswählen, die drei restlichen Mitglieder durften die Fürsten von Fürstenberg und Thurn und Taxis sowie die Geistlichkeit direkt entsenden. Am 26. März 1832 wurde der Landtag feierlich eröffnet, danach begann die Beratung des von der Regierung vorgelegten Verfassungsentwurfs. Da kein Publikum zugelassen war und es in Sigmaringen nur das mehr oder wenige amtliche „Wochenblatt“ gab, übernahm die in Freiburg erscheinende Zeitung „Der Freisinnige“ die wichtige Aufgabe, durch ausführliche und kritische Berichte eine Öffentlichkeit für die Verhandlungen herzustellen.

Die Hohenzollern machten es sich mit den Beratungen nicht gerade leicht. Nachdem die neue Wahlordnung für das Land im Mai beschlossen worden war, musste die Versammlung erneut gewählt werden. Dieses Mal verdoppelte sich immerhin die Anzahl der Vertreter der Bevölkerung auf 20 Abgeordnete. Am 22. April 1833 eröffnete Karl die zweite Versammlung, die aber sofort den paradoxen Beschluss fasste, die Verfassung lediglich von einer kleinen Kommission weiter beraten zu lassen und die übrigen Mitglieder zu beurlauben. Alle Abgeordneten kamen erst wieder am 10. Juni zusammen und verabschiedeten das Werk am 9. Juli 1833.

Das vorläufige Happy End folgte zwei Tage später: Fürst und Ständeversammlung unterschrieben am 11. Juli die Verfassung und tauschten die Urkunden in feierlicher Form aus.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Roland Kirchherr: Die Verfassung des Fürstentums Hohenzollern-Sigmaringen vom Jahre 1833, Köln, Wien 1979.

/// Auch in Württemberg warteten sie lange. Worauf? Das steht am 16. Juli auf dem Kalenderblatt.

Umsturz oder nicht – die zweite Volksversammlung in Offenburg

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13. Mai 1849 | Offenburg, finaler Akt der Revolution. Nach den Vorbereitungen im Salmen am 12. September 1847 und der Ouvertüre zur Revolution bei der ersten großen Volksversammlung am 19. März 1848 beginnt an diesem Sonntag bei schönstem Wetter nun das große Finale. Die Bühne ist erneut der Platz vor dem Offenburger Rathaus. Die Nachfrage ist ungebrochen, das Publikum ist noch größer geworden – angeblich sollen es jetzt 30.000 Menschen sein -, obwohl die seitherigen Hauptakteure fehlen: Friedrich Hecker befindet sich 7401 Kilometer weiter westlich. Sobald er die Breaking News aus Baden hört, wird er zwar in seiner neuen Wahlheimat nahe Lebanon, Illinois, USA, eilig einen Koffer packen und sich auf den Weg machen, aber er wird es bis zum Ende des Stückes nicht mehr schaffen. Auch sein alter Weggefährte Gustav Struve kann am 13. Mai in Offenburg nicht dabei sein. Er ist zwar nur 100 Kilometer entfernt, sitzt aber in Bruchsal leider hinter Gittern. Erst am Abend des 13. Mai wird die aus Offenburg zurückkehrende Bruchsaler Delegation ihm wieder seine volle Bewegungsfreiheit verschaffen.

Als Ersatz für die alten Helden treten nur eher zweitklassige Akteure auf. Dafür gibt es jedoch einen höchst begabten und vielversprechenden neuen Regisseur. Er kommt aus Renchen und heißt Amand Goegg. Der 29-Jährige zieht bereits seit einiger Zeit meisterhaft die Strippen und hat in seinem Drehbuch alles bestens vorbereitet. Für die Dekoration hat er einen Wechsel der Farben veranlasst: Das strahlende Schwarz-Rot-Gold hat einem kräftigem Rot Platz gemacht – die Zeit für verschiedene Töne ist vorbei. Um den gewünschten Gang der Dinge zu beschleunigen, hat er eine Delegation nach Karlsruhe geschickt, die dem Großherzog die Forderungen der Demokraten überbringt. Die erwartete Ablehnung ist die notwendige Hinführung zum ersten Höhepunkt. Der Chor der 30.000 intoniert die Revolution mit Nachdruck und folgt dem Libretto hingebungsvoll: „Die deutschen Fürsten haben sich zur Unterdrückung der Freiheit verschworen und verbunden (…). Die Deutschen befinden sich also im Stande der Notwehr, sie müssen sich verbinden, um die Freiheit zu retten; sie müssen dem Angriffe der fürstlichen Rebellen den bewaffneten Widerstand entgegensetzen.“

Der Erfolg ist beispiellos. Bereits am Abend findet das Stück sogar bei den Garnisonen in Rastatt und Bruchsal enormen Anklang. Nur der Großherzog nimmt Reißaus und verlässt seine Karlsruher Loge – vorläufig.


/// Am 18. Mai ist das Stück nicht ganz so dramatisch, dafür hat es aber auch ein wirkliches Happy End.

Der Streit um den Nationalpark – die Bürgerbefragung im Nordschwarzwald

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12. Mai 2013 |  „Wilde Wälder“ heißt eine wunderbare Band aus dem Hochschwarzwald, die mit G’schrei, G’joohmer oder auch Blaare ihr Publikum erfreut. Der Name bezieht sich auf die vier Bandmitglieder, die sich selbst als „Ureinwohner“ bezeichnen. Ist ja auch klar: Die Menschen mögen wild sein, die Wälder selbst sind es schon längst nicht mehr. Sie werden gehegt und gepflegt, sie sind oft sogar von Menschenhand geplant und angelegt worden. Von Wildnis kann keine Rede sein.

Dies zu ändern, um damit die Natur besser zu schützen und so eine größere Vielfalt von Fauna und Flora wieder zuzulassen, war das Ziel einer Initiative der 2011 gewählten grün-roten Landesregierung. Der Weg dahin sollte die Gründung eines Nationalparks sein, in dem die Natur sich weitgehend selbst überlassen bleiben sollte. Als dafür geeignetes Gebiet wurden im Nordschwarzwald zwei von den Städten Baden-Baden und Freudenstadt begrenzte Bereiche um den Ruhestein und den Hohen Ochsenkopf auserkoren, mit einer Gesamtfläche von etwas mehr als 10.000 Hektar (was ca. 0,7 % des gesamten Waldes im Land entspricht).  In einer Kernzone sollte fortan jeder menschliche Eingriff unterbleiben, während in einer Entwicklungszone erst noch die Voraussetzungen für das sich-selbst-überlassen geschaffen werden sollten – denn selbst die Rückkehr der Wildnis benötigt ein Stück weit menschliche Hilfe.

Aber in einem dicht besiedelten Land wie Baden-Württemberg liegt selbst ein Nationalpark nicht in einer von Menschen weit abgelegenen Gegend. Im Nordschwarzwald leben Menschen in vielen Gemeinden in unmittelbarer Nähe des Waldes, und nicht nur das: Sie leben auch vom Wald. Was passiert mit den Privatwäldern, wenn der Staat seinen Wald nicht mehr bewirtschaftet? Konkret: Macht der Borkenkäfer, der sich vielleicht im Nationalpark ausbreiten wird, Halt an der Grenze der privaten Wälder?  Und können wir es uns überhaupt erlauben, das wertvolle Holz einfach verrotten zu lassen? Ist es dafür nicht zu schade? Ist ein so radikaler Waldschutz nicht einfach nur ein romantisches Alibi für ein hochindustrialisiertes Land?

Die Landesregierung startete einen umfassenden Beteiligungsprozess, konnte aber einen heftigen Streit über den Nationalpark nicht verhindern. Die Ablehnung vieler Menschen in der Region trotz aller Informationen und Diskussionen zeigte sich in den Ergebnissen einer Bürgerbefragung, die am 12. Mai 2013 in sieben Gemeinden abgeschlossen wurde: Von Bad Wildbad bis Freudenstadt stimmten mehr als 70 % gegen den Nationalpark. Aber das Ergebnis war nicht bindend. Der Landtag beschloss am 28. November 2013 das Nationalparkgesetz. Seit dem 1. Januar 2014 besteht der Nationalpark Schwarzwald. Laut Umfragen soll inzwischen auch in der Region die Akzeptanz gestiegen sein.

Der Wald wird „eine Spur WILDER“.


/// Morgen geht es wieder einmal in die Hauptstadt der badischen Revolution. Wissen die Menschen dort überhaupt, was am 13. Mai 1849 bei ihnen geschah?

Das Schweigen wird beendet – Louise Dittmar spricht öffentlich

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10. Mai 1847 | „Das Weib soll schweigen“ (1. Kor. 14, 34). An diesem Montag nahm das jahrhundertelange Schweigen ein Ende. In aller Öffentlichkeit sprach Louise Dittmar im Mannheimer „Montags-Verein“ über „vier Zeitfragen“. Ihr Auftritt war eine Sensation für das Publikum – „einige hundert Männer und Frauen, hörbegierig lauschend auf die seltenen Mut und liebenswürdige Schüchternheit und Bescheidenheit innig vereinende Sprecherin!“ (Mannheimer Abendzeitung, 12. Mai 1847)

Die in 1807 in Darmstadt geborene Louise Dittmar hatte in den Jahren zuvor verschiedene Schriften verfasst.  Auf ihr Essay „Skizzen und Briefe aus der Gegenwart“ folgten 1846 und 1847 die Schriften „Der Mensch und sein Gott in und außer dem Christenthum“ sowie „Lessing und Feuerbach“. Obwohl ihre Texte ohne Namensnennung erschienen waren, verbreitete sich schnell Dittmars Ruf, eine kirchenkritische Denkerin zu sein, die an der Religionskritik von Ludwig Feuerbach angelehnt, den herkömmlichen Gottesglauben hinterfragte. Ausdrücklich wurde sie im Mannheimer „Montags-Verein“ auch als eine entsprechende Autorin begrüßt.

Karl Scholl, der die einführenden Worte sprach, galt als einer der führenden Kräfte des Vereins. Der Prediger der neuen deutsch-katholischen Gemeinde in Mannheim hatte zusammen mit Amalie und Gustav Struve im Februar 1847 den „Montags-Verein“ gegründet. Dort sollten im Sinne der Aufklärung nicht nur religiöse, sondern auch sozial- und gesellschaftspolitische Fragen diskutiert werden. Allein die Beteiligung des Ehepaares Struve garantierte, dass die Veranstaltungen des Vereins prinzipiell offen für Frauen waren. Die Einladung an Louise Dittmar hob diese völlig ungewohnte Gleichberechtigung noch einmal auf ein neues Niveau. „Zum ersten Mal spricht eine Frau sich öffentlich über das aus, was sie unter Gewissensfreiheit versteht“, betonte Dittmar die historische Bedeutung. Entschlossen nutzte sie das Mannheimer Forum für ein überzeugendes Plädoyer für die Gleichberechtigung von Frauen: „Nicht eher wird die Menschheit einer harmonischen Fortentwicklung fähig werden, nicht eher werden jene rohen Triebe sich läutern und edleren Empfindungen Raum geben, bis man allen Teilen der Gesellschaft das Recht gestattet, sich auszusprechen, bis man auf alle Forderungen hört, und alle gegen einander abwägt!“

Der Mannheimer Vortrag war so erfolgreich, dass Dittmar ihn publizieren ließ – dieses Mal unter ihrem Namen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Christina Klausmann: Louise Dittmar (1807-1884): Ergebnisse einer biographischen Spurensuche, in: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, Band 28 (1989), S. 17-39.

/// Und am 12. Mai machen wir endlich wieder einen Ausflug in den Schwarzwald.

Republik oder nicht (Teil 2) – Hecker legt los

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12. April 1848 | Vom Bodensee aus wollte Friedrich Hecker doch noch alles retten. In Konstanz sollte die große „republikanische Schilderhebung“ erfolgen, die den großen Durchbruch bringen sollte. Die Stadt galt als die Hochburg der Opposition, hier waren die „entschlossenen Kräfte“ seit Jahren in der Mehrheit.  Wo sonst würden ihm die Massen folgen – wenn nicht hier?

Wochen der Euphorie und der Ernüchterung lagen hinter Hecker, als er am See eintraf. Eine Welle der Begeisterung hatte ihn nach der Offenburger Volksversammlung vom 19. März durch das Land getragen. Der Erfolg der Revolution lag nahe. Das neue Bürgerwehrgesetz stammte aus seiner Feder, die Zweite Kammer in Karlsruhe folgte ihm aufs Wort.  Voller Zuversicht fuhr er nach Frankfurt, wo Abgeordnete aus allen deutschen Staaten zu einem nationalen Vorparlament zusammentrafen. Dort wollte er die Weichen stellen für eine schnelle Abschaffung der erblichen Monarchie und eine tiefgreifende soziale Reform. Aber die Mehrheit des Vorparlamentes hatte das anders gesehen. Sie bezweifelte die Kompetenz der Abgeordneten, so weitreichende Entscheidungen zu treffen. Heckers Vorstellung, die Versammlung solle sich als „Geschäftsführer der Nation“ verstehen und sich für permanent erklären, scheiterte dramatisch mit 148 zu 368 Stimmen. Bei der Wahl zum Fünfziger-Ausschuss, der nationale Wahlen vorbereiten sollte, landete Hecker auf dem 51. und Gustav Struve auf dem 62. Platz. Eines war jetzt klar: „Legal revolutionär“ ließ sich die Republik nicht verwirklichen. Nachdem sein Freund Joseph Fickler, Anführer der südbadischen Republikaner, kurz darauf auf dem Karlsruher Bahnhof verhaftet worden war, gab es kein Zögern mehr. Überstürzt reiste Hecker über Frankreich und die Schweiz nach Konstanz.

Einem badischen Revolutionär ist nichts zu schwer: Hecker in Montur (Zeitgenössische Lithografie; Bearb.: HdG BW/Hemberger).
Einem badischen Revolutionär ist nichts zu schwer: Hecker in voller Montur (Zeitgenössische Lithografie; Bearb.: HdG BW/Hemberger).

Aber auch in Konstanz lief nicht alles nach Plan. Entgegen seiner Erwartung empfingen ihn die örtlichen Republikaner nicht mit ungeteilter Begeisterung. Hecker kämpfte: Von seinem Quartier im „Badischen Hof“ verfasste er in der Nacht zum 12. April einen flammenden Appell: „Sieg oder Tod für die deutsche Republik!“ Eine „provisorische Regierung“ forderte die Behörden zum Gehorsam auf. Auf einer Volksversammlung am Nachmittag warb er zwar eindringlich für den Umsturz, doch Bürgermeister Karl Hüetlin stellte sich ihm entgegen. Und auch die Konstanzer Bürgerwehr verweigerte sich in ihrer Mehrheit einer Teilnahme: Am frühen Morgen des 13. April zeigten sich nur rund 50 Mann bereit, mit Hecker loszuziehen.

Das klägliche Ende der Unternehmung war absehbar.


/// Aber am 13. April siegt die Republik doch noch – allerdings ein paar Jahre später.

 

 

Neue Formen für die Hangweide – ein Beteiligungsprozess in Kernen

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21. März 2018 | Irgendwie muss heute (fast) alles partizipativ sein. Ob Bauvorhaben, Ausstellungen oder Kindergarten – ohne Partizipation ist vieles kaum noch denkbar. Aber wie wird das überhaupt gemacht?

Ein Blick auf ein knapp acht Hektar großes Gelände im Remstal mit dem schönen Namen „Hangweide“ könnte weiterhelfen. Die Diakonie Stetten betreute dort in mehreren Gebäuden Wohnungen für Menschen mit Behinderungen. Nun sucht sie neue inklusive Wohnformen. Dafür hat sie bereits einige Häuser aufgegeben, die sie an die Gemeinde Kernen verkaufen will. Das Ziel ist klar: Kernen benötigt dringend bezahlbaren Wohnraum. Aber wie kann heute ein neues Wohnquartier entstehen?

 

Die Bürgerinnen und Bürger von Kernen waren entschlossen, dabei nicht einfach nur zuzusehen – und der Gemeinderat wollte dies auch ernst nehmen. Er beschloss Anfang 2018 einen umfassenden Bürgerbeteiligungsprozess und beauftragte Dr. Konrad Hummel und dessen Tochter Lena, diesen zu begleiten und zu moderieren. In mehreren Schritten vollzog sich seither die Beteiligung. Auf eine Auftaktveranstaltung folgte am 21. März 2018 der erste Workshop. An diesem konnten zum einen Interessierte teilnehmen, zum anderen wurden nach dem Zufallsprinzip Bürgerinnen und Bürger angeschrieben. Insgesamt meldeten sich 55 Personen an, 35 bis 40 von ihnen kamen regelmäßig zu den verschiedenen Workshops. In mehreren Gesprächsrunden erarbeiteten die Mitwirkenden ihre Vorstellungen für die neue Hangweide. Die unterschiedlichsten Wünsche und Vorstellungen prallten dabei aufeinander. Den Moderatoren fiel dabei die Schlüsselstellung zu. Sie mussten einen Weg finden, bei dem sich niemand übergangen oder ausgeschaltet fühlt. In Kernen gelang dies: Am 19. Juni übergaben die Moderatoren die Bürgerempfehlungen an die Verwaltung und den Gemeinderat.

Aber was davon letztlich Realität wird, entscheidet immer noch der Gemeinderat.


Zum Weiterlesen:

/// Psst, streng geheim! Doch Sie dürfen es exklusiv lesen: Unser nächster Eintrag erscheint am 26. März.

 

 

Republik oder nicht? – die erste Volksversammlung in Offenburg

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19. März 1848 | An diesem Tag trat die Revolution in ihrer ganzen Pracht auf die Straße.  Ein paar Monate zuvor, am 12. September 1847, hatten sich die „entschiedenen Freunde der Verfassung“ im Offenburger Gasthaus „Salmen“ hinter Weinflaschen verstecken müssen. Und noch am 27. Februar 1848 hatten die Mannheimer ihre Forderungen nur in der Aula erheben können. Aber nun gab es kein Halten mehr. Ganz Offenburg zeigte sich am 19. März in Schwarz-Rot-Gold. Die Bauern aus der Ortenau kamen mit ihren schönsten Pferden, auf ihren Sonntagsanzügen prangten die schwarz-rot-goldenen Schärpen. Mit Jubel begrüßten die Menschen die eintreffenden Fuhrwerke. Die überfüllten Züge brachten begeisterte Menschen aus dem ganzen Großherzogtum in die badische Hauptstadt der Revolution. Zum Beginn der großen Versammlung drängten sich rund 20.000 Menschen auf dem Platz vor dem geschmückten Rathaus. Es sollte ein Volksfest für die Freiheit werden.

Die Menschen warteten vor allem auf einen Mann. Geschmückt mit einer roten Schärpe hatte Friedrich Hecker von einem Balkon aus die Menschen begrüßt. Seit seinen brillanten Auftritten im Landtag und im „Salmen“ galt er als der charismatische Anführer der entschiedenen Opposition. Jetzt, an diesem 19. März 1848, kam es auf ihn an. Alle wollten wissen, wie es nach den ersten Tagen der Revolution weitergehen sollte. Würde Hecker zum Sturz der Regierung aufrufen? Würde Hecker die deutsche Republik verkünden?

 

Die führenden Männer der Opposition zögerten bei der Frage nach der Republik. Gab es dafür wirklich genügend Unterstützung in der Bevölkerung? Reichten die Vorbereitungen aus? Sollte nicht ein deutsches Parlament die Entscheidung treffen? Hecker selbst war unentschlossen. In einer  Beratung im Offenburger Rathaus vor der Volksversammlung wurden zunächst nur weitreichende demokratische Forderungen formuliert und der Aufbau einer landesweiten Organisation von demokratischen Vereinen beschlossen. Dann kam der große Augenblick. Hecker trat auf den Balkon des Rathauses. Wie immer hielt er eine feurige Rede. Der Jubel war gewaltig. Aber die Ausrufung der Republik fehlte. Im Gegenteil, Hecker soll Joseph Fickler während dessen Rede mit der Waffe in der Hand davon abgehalten haben, das Wort Republik in den Mund zu nehmen.

Kurze Zeit nach Ende der Volksversammlung trafen die Nachrichten von der erfolgreichen Revolution in Wien und Berlin in Baden ein. Jetzt war klar: In Offenburg war eine Chance verpasst worden.


/// Mit der Republik dauert es noch ein bisschen. Am 21. März wird erst einmal über die Hangweide im Remstal gesprochen.

 

Neuer Dünger für die Unis – Margarete von Wrangell wird Professorin

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12. März 1923 | Es war ein langer Weg. Moskau, Reval, Tübingen und Paris waren nur einige der Stationen, die Margarete von Wrangell schließlich nach Hohenheim führten. In Moskau war Wrangell am 7. Januar 1877 geboren worden, in Reval (heute die estnische Hauptstadt Tallinn), wo ihre Familie herstammte, wuchs sie auf, in Tübingen promovierte sie 1909 in Chemie und in Paris forschte sie 1912 zusammen mit Marie Curie. An der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim wurde sie 1920 mit  „Phosphorsäure und Bodenreaktion“ habilitiert. Ihre wissenschaftliche Abhandlung war die erste in Hohenheim angenommene Habilitation. Und in Hohenheim trat am 12. März 1923 auch ihre Ernennung zum „ordentlichen Professor“ in Kraft. Damit war sie die erste Professorin Deutschlands!

Der Gesellschaft blühte es: Der Platz einer Frau ist auch die Universität. Von Wrangell bewies dies mit Erfolg (Bearb.: HdG BW/Hemberger).
Der Gesellschaft blühte es: Der Platz einer Frau ist auch die Universität. Von Wrangell bewies dies mit Erfolg (Bearb.: HdG BW/Hemberger).

Im Zentrum ihrer Forschungen stand die für die deutsche Landwirtschaft zentrale Frage der Phosphordüngung. Phosphat musste im Ausland teuer eingekauft werden. Deshalb entwickelte Margarete von Wrangell eine Düngemethode, die die im Boden enthaltene Phosphorsäure aktivierte. Die im Ernennungsschreiben vom 19. Februar 1923 ausgesprochene Bedingung für die ordentliche Professur, dass die „vom Reich erforderlichen Mittel für den Ausbau des Pflanzenernährungs-Instituts“ gewährt würden, konnte dank einer Initiative der Düngemittelindustrie und des Reichsernährungsministers erfüllt werden. Die Errichtung des Instituts war ausdrücklich an die Person Margarete von Wrangells und ihre Forschungen geknüpft. Für sie selbst bedeuteten der Aufbau und die Leitung des Instituts die Krönung ihres Lebenswerkes. „Mein Institut ist eine Schöpfung, die von dauerndem Wert und Nutzen bleiben wird, und macht mir trotz großer Sorge und Arbeitsüberlastung doch Freude“, schrieb die von einem chronischen Nierenleiden schwer belastete von Wrangell. Seit Oktober 1931 konnte sie ihre Professur nicht mehr ausüben, sie starb am 31. März 1932 an Nierenversagen.

Neben der Phosphorsäurefrage galten von Wrangells Forschungen auch dem allgemeinen Nährstoffzustand des natürlichen Bodens. Ihr gelang unter anderem der Nachweis, dass die Pflanze die Bodennährstoffe nicht aus dem Boden direkt, sondern aus der die Wurzeln unmittelbar umgebenden Bodenflüssigkeit entnimmt. Aktualität gewannen die Arbeiten der Wissenschaftlerin noch einmal für den ökologischen Landbau in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts.


Zum Weiterlesen:

  • Ulrich Fellmeth (Hg.): Margarete von Wrangell und andere Pionierinnen. Die ersten Frauen an den Hochschulen in Baden und Württemberg(= Hohenheimer Themen, Bd. 7), St. Katharinen 1998.
  • LEO BW: Biografie Margarete von Wrangells.

/// Am 16. März erscheint der nächste Eintrag. Mit allen Kräften wird hart Erkämpftes verteidigt.