Umsturz oder nicht – die zweite Volksversammlung in Offenburg

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13. Mai 1849 | Offenburg, finaler Akt der Revolution. Nach den Vorbereitungen im Salmen am 12. September 1847 und der Ouvertüre zur Revolution bei der ersten großen Volksversammlung am 19. März 1848 beginnt an diesem Sonntag bei schönstem Wetter nun das große Finale. Die Bühne ist erneut der Platz vor dem Offenburger Rathaus. Die Nachfrage ist ungebrochen, das Publikum ist noch größer geworden – angeblich sollen es jetzt 30.000 Menschen sein -, obwohl die seitherigen Hauptakteure fehlen: Friedrich Hecker befindet sich 7401 Kilometer weiter westlich. Sobald er die Breaking News aus Baden hört, wird er zwar in seiner neuen Wahlheimat nahe Lebanon, Illinois, USA, eilig einen Koffer packen und sich auf den Weg machen, aber er wird es bis zum Ende des Stückes nicht mehr schaffen. Auch sein alter Weggefährte Gustav Struve kann am 13. Mai in Offenburg nicht dabei sein. Er ist zwar nur 100 Kilometer entfernt, sitzt aber in Bruchsal leider hinter Gittern. Erst am Abend des 13. Mai wird die aus Offenburg zurückkehrende Bruchsaler Delegation ihm wieder seine volle Bewegungsfreiheit verschaffen.

Als Ersatz für die alten Helden treten nur eher zweitklassige Akteure auf. Dafür gibt es jedoch einen höchst begabten und vielversprechenden neuen Regisseur. Er kommt aus Renchen und heißt Amand Goegg. Der 29-Jährige zieht bereits seit einiger Zeit meisterhaft die Strippen und hat in seinem Drehbuch alles bestens vorbereitet. Für die Dekoration hat er einen Wechsel der Farben veranlasst: Das strahlende Schwarz-Rot-Gold hat einem kräftigem Rot Platz gemacht – die Zeit für verschiedene Töne ist vorbei. Um den gewünschten Gang der Dinge zu beschleunigen, hat er eine Delegation nach Karlsruhe geschickt, die dem Großherzog die Forderungen der Demokraten überbringt. Die erwartete Ablehnung ist die notwendige Hinführung zum ersten Höhepunkt. Der Chor der 30.000 intoniert die Revolution mit Nachdruck und folgt dem Libretto hingebungsvoll: „Die deutschen Fürsten haben sich zur Unterdrückung der Freiheit verschworen und verbunden (…). Die Deutschen befinden sich also im Stande der Notwehr, sie müssen sich verbinden, um die Freiheit zu retten; sie müssen dem Angriffe der fürstlichen Rebellen den bewaffneten Widerstand entgegensetzen.“

Der Erfolg ist beispiellos. Bereits am Abend findet das Stück sogar bei den Garnisonen in Rastatt und Bruchsal enormen Anklang. Nur der Großherzog nimmt Reißaus und verlässt seine Karlsruher Loge – vorläufig.


/// Am 18. Mai ist das Stück nicht ganz so dramatisch, dafür hat es aber auch ein wirkliches Happy End.

Der Streit um den Nationalpark – die Bürgerbefragung im Nordschwarzwald

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12. Mai 2013 |  „Wilde Wälder“ heißt eine wunderbare Band aus dem Hochschwarzwald, die mit G’schrei, G’joohmer oder auch Blaare ihr Publikum erfreut. Der Name bezieht sich auf die vier Bandmitglieder, die sich selbst als „Ureinwohner“ bezeichnen. Ist ja auch klar: Die Menschen mögen wild sein, die Wälder selbst sind es schon längst nicht mehr. Sie werden gehegt und gepflegt, sie sind oft sogar von Menschenhand geplant und angelegt worden. Von Wildnis kann keine Rede sein.

Dies zu ändern, um damit die Natur besser zu schützen und so eine größere Vielfalt von Fauna und Flora wieder zuzulassen, war das Ziel einer Initiative der 2011 gewählten grün-roten Landesregierung. Der Weg dahin sollte die Gründung eines Nationalparks sein, in dem die Natur sich weitgehend selbst überlassen bleiben sollte. Als dafür geeignetes Gebiet wurden im Nordschwarzwald zwei von den Städten Baden-Baden und Freudenstadt begrenzte Bereiche um den Ruhestein und den Hohen Ochsenkopf auserkoren, mit einer Gesamtfläche von etwas mehr als 10.000 Hektar (was ca. 0,7 % des gesamten Waldes im Land entspricht).  In einer Kernzone sollte fortan jeder menschliche Eingriff unterbleiben, während in einer Entwicklungszone erst noch die Voraussetzungen für das sich-selbst-überlassen geschaffen werden sollten – denn selbst die Rückkehr der Wildnis benötigt ein Stück weit menschliche Hilfe.

Aber in einem dicht besiedelten Land wie Baden-Württemberg liegt selbst ein Nationalpark nicht in einer von Menschen weit abgelegenen Gegend. Im Nordschwarzwald leben Menschen in vielen Gemeinden in unmittelbarer Nähe des Waldes, und nicht nur das: Sie leben auch vom Wald. Was passiert mit den Privatwäldern, wenn der Staat seinen Wald nicht mehr bewirtschaftet? Konkret: Macht der Borkenkäfer, der sich vielleicht im Nationalpark ausbreiten wird, Halt an der Grenze der privaten Wälder?  Und können wir es uns überhaupt erlauben, das wertvolle Holz einfach verrotten zu lassen? Ist es dafür nicht zu schade? Ist ein so radikaler Waldschutz nicht einfach nur ein romantisches Alibi für ein hochindustrialisiertes Land?

Die Landesregierung startete einen umfassenden Beteiligungsprozess, konnte aber einen heftigen Streit über den Nationalpark nicht verhindern. Die Ablehnung vieler Menschen in der Region trotz aller Informationen und Diskussionen zeigte sich in den Ergebnissen einer Bürgerbefragung, die am 12. Mai 2013 in sieben Gemeinden abgeschlossen wurde: Von Bad Wildbad bis Freudenstadt stimmten mehr als 70 % gegen den Nationalpark. Aber das Ergebnis war nicht bindend. Der Landtag beschloss am 28. November 2013 das Nationalparkgesetz. Seit dem 1. Januar 2014 besteht der Nationalpark Schwarzwald. Laut Umfragen soll inzwischen auch in der Region die Akzeptanz gestiegen sein.

Der Wald wird „eine Spur WILDER“.


/// Morgen geht es wieder einmal in die Hauptstadt der badischen Revolution. Wissen die Menschen dort überhaupt, was am 13. Mai 1849 bei ihnen geschah?

Das Schweigen wird beendet – Louise Dittmar spricht öffentlich

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10. Mai 1847 | „Das Weib soll schweigen“ (1. Kor. 14, 34). An diesem Montag nahm das jahrhundertelange Schweigen ein Ende. In aller Öffentlichkeit sprach Louise Dittmar im Mannheimer „Montags-Verein“ über „vier Zeitfragen“. Ihr Auftritt war eine Sensation für das Publikum – „einige hundert Männer und Frauen, hörbegierig lauschend auf die seltenen Mut und liebenswürdige Schüchternheit und Bescheidenheit innig vereinende Sprecherin!“ (Mannheimer Abendzeitung, 12. Mai 1847)

Die in 1807 in Darmstadt geborene Louise Dittmar hatte in den Jahren zuvor verschiedene Schriften verfasst.  Auf ihr Essay „Skizzen und Briefe aus der Gegenwart“ folgten 1846 und 1847 die Schriften „Der Mensch und sein Gott in und außer dem Christenthum“ sowie „Lessing und Feuerbach“. Obwohl ihre Texte ohne Namensnennung erschienen waren, verbreitete sich schnell Dittmars Ruf, eine kirchenkritische Denkerin zu sein, die an der Religionskritik von Ludwig Feuerbach angelehnt, den herkömmlichen Gottesglauben hinterfragte. Ausdrücklich wurde sie im Mannheimer „Montags-Verein“ auch als eine entsprechende Autorin begrüßt.

Karl Scholl, der die einführenden Worte sprach, galt als einer der führenden Kräfte des Vereins. Der Prediger der neuen deutsch-katholischen Gemeinde in Mannheim hatte zusammen mit Amalie und Gustav Struve im Februar 1847 den „Montags-Verein“ gegründet. Dort sollten im Sinne der Aufklärung nicht nur religiöse, sondern auch sozial- und gesellschaftspolitische Fragen diskutiert werden. Allein die Beteiligung des Ehepaares Struve garantierte, dass die Veranstaltungen des Vereins prinzipiell offen für Frauen waren. Die Einladung an Louise Dittmar hob diese völlig ungewohnte Gleichberechtigung noch einmal auf ein neues Niveau. „Zum ersten Mal spricht eine Frau sich öffentlich über das aus, was sie unter Gewissensfreiheit versteht“, betonte Dittmar die historische Bedeutung. Entschlossen nutzte sie das Mannheimer Forum für ein überzeugendes Plädoyer für die Gleichberechtigung von Frauen: „Nicht eher wird die Menschheit einer harmonischen Fortentwicklung fähig werden, nicht eher werden jene rohen Triebe sich läutern und edleren Empfindungen Raum geben, bis man allen Teilen der Gesellschaft das Recht gestattet, sich auszusprechen, bis man auf alle Forderungen hört, und alle gegen einander abwägt!“

Der Mannheimer Vortrag war so erfolgreich, dass Dittmar ihn publizieren ließ – dieses Mal unter ihrem Namen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Christina Klausmann: Louise Dittmar (1807-1884): Ergebnisse einer biographischen Spurensuche, in: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, Band 28 (1989), S. 17-39.

/// Und am 12. Mai machen wir endlich wieder einen Ausflug in den Schwarzwald.

Republik oder nicht (Teil 2) – Hecker legt los

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12. April 1848 | Vom Bodensee aus wollte Friedrich Hecker doch noch alles retten. In Konstanz sollte die große „republikanische Schilderhebung“ erfolgen, die den großen Durchbruch bringen sollte. Die Stadt galt als die Hochburg der Opposition, hier waren die „entschlossenen Kräfte“ seit Jahren in der Mehrheit.  Wo sonst würden ihm die Massen folgen – wenn nicht hier?

Wochen der Euphorie und der Ernüchterung lagen hinter Hecker, als er am See eintraf. Eine Welle der Begeisterung hatte ihn nach der Offenburger Volksversammlung vom 19. März durch das Land getragen. Der Erfolg der Revolution lag nahe. Das neue Bürgerwehrgesetz stammte aus seiner Feder, die Zweite Kammer in Karlsruhe folgte ihm aufs Wort.  Voller Zuversicht fuhr er nach Frankfurt, wo Abgeordnete aus allen deutschen Staaten zu einem nationalen Vorparlament zusammentrafen. Dort wollte er die Weichen stellen für eine schnelle Abschaffung der erblichen Monarchie und eine tiefgreifende soziale Reform. Aber die Mehrheit des Vorparlamentes hatte das anders gesehen. Sie bezweifelte die Kompetenz der Abgeordneten, so weitreichende Entscheidungen zu treffen. Heckers Vorstellung, die Versammlung solle sich als „Geschäftsführer der Nation“ verstehen und sich für permanent erklären, scheiterte dramatisch mit 148 zu 368 Stimmen. Bei der Wahl zum Fünfziger-Ausschuss, der nationale Wahlen vorbereiten sollte, landete Hecker auf dem 51. und Gustav Struve auf dem 62. Platz. Eines war jetzt klar: „Legal revolutionär“ ließ sich die Republik nicht verwirklichen. Nachdem sein Freund Joseph Fickler, Anführer der südbadischen Republikaner, kurz darauf auf dem Karlsruher Bahnhof verhaftet worden war, gab es kein Zögern mehr. Überstürzt reiste Hecker über Frankreich und die Schweiz nach Konstanz.

Einem badischen Revolutionär ist nichts zu schwer: Hecker in Montur (Zeitgenössische Lithografie; Bearb.: HdG BW/Hemberger).
Einem badischen Revolutionär ist nichts zu schwer: Hecker in voller Montur (Zeitgenössische Lithografie; Bearb.: HdG BW/Hemberger).

Aber auch in Konstanz lief nicht alles nach Plan. Entgegen seiner Erwartung empfingen ihn die örtlichen Republikaner nicht mit ungeteilter Begeisterung. Hecker kämpfte: Von seinem Quartier im „Badischen Hof“ verfasste er in der Nacht zum 12. April einen flammenden Appell: „Sieg oder Tod für die deutsche Republik!“ Eine „provisorische Regierung“ forderte die Behörden zum Gehorsam auf. Auf einer Volksversammlung am Nachmittag warb er zwar eindringlich für den Umsturz, doch Bürgermeister Karl Hüetlin stellte sich ihm entgegen. Und auch die Konstanzer Bürgerwehr verweigerte sich in ihrer Mehrheit einer Teilnahme: Am frühen Morgen des 13. April zeigten sich nur rund 50 Mann bereit, mit Hecker loszuziehen.

Das klägliche Ende der Unternehmung war absehbar.


/// Aber am 13. April siegt die Republik doch noch – allerdings ein paar Jahre später.

 

 

Neue Formen für die Hangweide – ein Beteiligungsprozess in Kernen

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21. März 2018 | Irgendwie muss heute (fast) alles partizipativ sein. Ob Bauvorhaben, Ausstellungen oder Kindergarten – ohne Partizipation ist vieles kaum noch denkbar. Aber wie wird das überhaupt gemacht?

Ein Blick auf ein knapp acht Hektar großes Gelände im Remstal mit dem schönen Namen „Hangweide“ könnte weiterhelfen. Die Diakonie Stetten betreute dort in mehreren Gebäuden Wohnungen für Menschen mit Behinderungen. Nun sucht sie neue inklusive Wohnformen. Dafür hat sie bereits einige Häuser aufgegeben, die sie an die Gemeinde Kernen verkaufen will. Das Ziel ist klar: Kernen benötigt dringend bezahlbaren Wohnraum. Aber wie kann heute ein neues Wohnquartier entstehen?

 

Die Bürgerinnen und Bürger von Kernen waren entschlossen, dabei nicht einfach nur zuzusehen – und der Gemeinderat wollte dies auch ernst nehmen. Er beschloss Anfang 2018 einen umfassenden Bürgerbeteiligungsprozess und beauftragte Dr. Konrad Hummel und dessen Tochter Lena, diesen zu begleiten und zu moderieren. In mehreren Schritten vollzog sich seither die Beteiligung. Auf eine Auftaktveranstaltung folgte am 21. März 2018 der erste Workshop. An diesem konnten zum einen Interessierte teilnehmen, zum anderen wurden nach dem Zufallsprinzip Bürgerinnen und Bürger angeschrieben. Insgesamt meldeten sich 55 Personen an, 35 bis 40 von ihnen kamen regelmäßig zu den verschiedenen Workshops. In mehreren Gesprächsrunden erarbeiteten die Mitwirkenden ihre Vorstellungen für die neue Hangweide. Die unterschiedlichsten Wünsche und Vorstellungen prallten dabei aufeinander. Den Moderatoren fiel dabei die Schlüsselstellung zu. Sie mussten einen Weg finden, bei dem sich niemand übergangen oder ausgeschaltet fühlt. In Kernen gelang dies: Am 19. Juni übergaben die Moderatoren die Bürgerempfehlungen an die Verwaltung und den Gemeinderat.

Aber was davon letztlich Realität wird, entscheidet immer noch der Gemeinderat.


Zum Weiterlesen:

/// Psst, streng geheim! Doch Sie dürfen es exklusiv lesen: Unser nächster Eintrag erscheint am 26. März.

 

 

Republik oder nicht? – die erste Volksversammlung in Offenburg

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19. März 1848 | An diesem Tag trat die Revolution in ihrer ganzen Pracht auf die Straße.  Ein paar Monate zuvor, am 12. September 1847, hatten sich die „entschiedenen Freunde der Verfassung“ im Offenburger Gasthaus „Salmen“ hinter Weinflaschen verstecken müssen. Und noch am 27. Februar 1848 hatten die Mannheimer ihre Forderungen nur in der Aula erheben können. Aber nun gab es kein Halten mehr. Ganz Offenburg zeigte sich am 19. März in Schwarz-Rot-Gold. Die Bauern aus der Ortenau kamen mit ihren schönsten Pferden, auf ihren Sonntagsanzügen prangten die schwarz-rot-goldenen Schärpen. Mit Jubel begrüßten die Menschen die eintreffenden Fuhrwerke. Die überfüllten Züge brachten begeisterte Menschen aus dem ganzen Großherzogtum in die badische Hauptstadt der Revolution. Zum Beginn der großen Versammlung drängten sich rund 20.000 Menschen auf dem Platz vor dem geschmückten Rathaus. Es sollte ein Volksfest für die Freiheit werden.

Die Menschen warteten vor allem auf einen Mann. Geschmückt mit einer roten Schärpe hatte Friedrich Hecker von einem Balkon aus die Menschen begrüßt. Seit seinen brillanten Auftritten im Landtag und im „Salmen“ galt er als der charismatische Anführer der entschiedenen Opposition. Jetzt, an diesem 19. März 1848, kam es auf ihn an. Alle wollten wissen, wie es nach den ersten Tagen der Revolution weitergehen sollte. Würde Hecker zum Sturz der Regierung aufrufen? Würde Hecker die deutsche Republik verkünden?

 

Die führenden Männer der Opposition zögerten bei der Frage nach der Republik. Gab es dafür wirklich genügend Unterstützung in der Bevölkerung? Reichten die Vorbereitungen aus? Sollte nicht ein deutsches Parlament die Entscheidung treffen? Hecker selbst war unentschlossen. In einer  Beratung im Offenburger Rathaus vor der Volksversammlung wurden zunächst nur weitreichende demokratische Forderungen formuliert und der Aufbau einer landesweiten Organisation von demokratischen Vereinen beschlossen. Dann kam der große Augenblick. Hecker trat auf den Balkon des Rathauses. Wie immer hielt er eine feurige Rede. Der Jubel war gewaltig. Aber die Ausrufung der Republik fehlte. Im Gegenteil, Hecker soll Joseph Fickler während dessen Rede mit der Waffe in der Hand davon abgehalten haben, das Wort Republik in den Mund zu nehmen.

Kurze Zeit nach Ende der Volksversammlung trafen die Nachrichten von der erfolgreichen Revolution in Wien und Berlin in Baden ein. Jetzt war klar: In Offenburg war eine Chance verpasst worden.


/// Mit der Republik dauert es noch ein bisschen. Am 21. März wird erst einmal über die Hangweide im Remstal gesprochen.

 

Neuer Dünger für die Unis – Margarete von Wrangell wird Professorin

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12. März 1923 | Es war ein langer Weg. Moskau, Reval, Tübingen und Paris waren nur einige der Stationen, die Margarete von Wrangell schließlich nach Hohenheim führten. In Moskau war Wrangell am 7. Januar 1877 geboren worden, in Reval (heute die estnische Hauptstadt Tallinn), wo ihre Familie herstammte, wuchs sie auf, in Tübingen promovierte sie 1909 in Chemie und in Paris forschte sie 1912 zusammen mit Marie Curie. An der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim wurde sie 1920 mit  „Phosphorsäure und Bodenreaktion“ habilitiert. Ihre wissenschaftliche Abhandlung war die erste in Hohenheim angenommene Habilitation. Und in Hohenheim trat am 12. März 1923 auch ihre Ernennung zum „ordentlichen Professor“ in Kraft. Damit war sie die erste Professorin Deutschlands!

Der Gesellschaft blühte es: Der Platz einer Frau ist auch die Universität. Von Wrangell bewies dies mit Erfolg (Bearb.: HdG BW/Hemberger).
Der Gesellschaft blühte es: Der Platz einer Frau ist auch die Universität. Von Wrangell bewies dies mit Erfolg (Bearb.: HdG BW/Hemberger).

Im Zentrum ihrer Forschungen stand die für die deutsche Landwirtschaft zentrale Frage der Phosphordüngung. Phosphat musste im Ausland teuer eingekauft werden. Deshalb entwickelte Margarete von Wrangell eine Düngemethode, die die im Boden enthaltene Phosphorsäure aktivierte. Die im Ernennungsschreiben vom 19. Februar 1923 ausgesprochene Bedingung für die ordentliche Professur, dass die „vom Reich erforderlichen Mittel für den Ausbau des Pflanzenernährungs-Instituts“ gewährt würden, konnte dank einer Initiative der Düngemittelindustrie und des Reichsernährungsministers erfüllt werden. Die Errichtung des Instituts war ausdrücklich an die Person Margarete von Wrangells und ihre Forschungen geknüpft. Für sie selbst bedeuteten der Aufbau und die Leitung des Instituts die Krönung ihres Lebenswerkes. „Mein Institut ist eine Schöpfung, die von dauerndem Wert und Nutzen bleiben wird, und macht mir trotz großer Sorge und Arbeitsüberlastung doch Freude“, schrieb die von einem chronischen Nierenleiden schwer belastete von Wrangell. Seit Oktober 1931 konnte sie ihre Professur nicht mehr ausüben, sie starb am 31. März 1932 an Nierenversagen.

Neben der Phosphorsäurefrage galten von Wrangells Forschungen auch dem allgemeinen Nährstoffzustand des natürlichen Bodens. Ihr gelang unter anderem der Nachweis, dass die Pflanze die Bodennährstoffe nicht aus dem Boden direkt, sondern aus der die Wurzeln unmittelbar umgebenden Bodenflüssigkeit entnimmt. Aktualität gewannen die Arbeiten der Wissenschaftlerin noch einmal für den ökologischen Landbau in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts.


Zum Weiterlesen:

  • Ulrich Fellmeth (Hg.): Margarete von Wrangell und andere Pionierinnen. Die ersten Frauen an den Hochschulen in Baden und Württemberg(= Hohenheimer Themen, Bd. 7), St. Katharinen 1998.
  • LEO BW: Biografie Margarete von Wrangells.

/// Am 16. März erscheint der nächste Eintrag. Mit allen Kräften wird hart Erkämpftes verteidigt.

Dramatischer Frühlingsbeginn – Friedrich Römer und das Märzministerium

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9. März 1848 | Seine Königliche Majestät geruhten, die Martinskaplanei in Ravensburg dem Präzeptorats-Kaplaneiverweser Beyerle aus Horb zu übertragen. Das Regierungsblatt für das Königreich Württemberg machte es an diesem 10. März besonders spannend. Erst als auch noch die Kapläne Hummel und Epple ihre verdienten Posten in Altshausen und Neukirch erhalten hatten, folgte auf der zweiten Seite die wirklich bahnbrechende Nachricht: König Wilhelm hatte am 9. März den seit 1832 die Regierungspolitik bestimmenden konservativen Innen- und Kultusminister Johannes von Schlayer des Amtes enthoben und durch den hochangesehenen Anführer der Liberalen in der Zweiten Kammer, Friedrich Römer, ersetzt.

Er nutzte die Gunst der Stunde: Friedrich Römer (Bildnachweis: Stadtarchiv Stuttgart; Bearb,: HdG BW/Hemberger).
Er nutzte die Gunst der Stunde: Friedrich Römer (Bearb.: HdG BW/Hemberger).

Hinter den nüchternen Worten des Regierungsblatts verbargen sich dramatische Ereignisse. Der Regierungswechsel vom 9. März war der fast schon verzweifelte Versuch des Königs, die Kontrolle über sein Land zurückzugewinnen. Auf die Mannheimer Forderungen vom 27. Februar hatte Wilhelm bereits schnell reagiert und am 1. März die Aufhebung der Zensur angeordnet. Aber die Tübinger Adresse und die fast überall im Königreich stattfindenden spontanen Volksversammlungen machten deutlich, dass es damit nicht getan war. Am Abend des 5. März eskalierte die Situation: Bis zu 20 Männer drangen in das Kanzleiamtsgebäude von Schloss Haltenbergstetten bei Niederstetten ein und legten Feuer. Die Meldung vom Angriff auf das Schloss wirkte wie ein Fanal. Zusammen mit anderen Nachrichten von Unruhen der Bauern wähnten sich manche Zeitgenossen bereits „in die Zeit des Bauernkriegs“ versetzt. Wilhelm entschloss sich am 6. März zum Handeln und entließ Schlayer, allerdings wollte er ihn durch den nicht weniger konservativen Joseph von Linden ersetzen. Aber scharfe Proteste in der Öffentlichkeit beendeten die Amtszeit von Lindens bereits nach wenigen Stunden. Drei Tage später blieb dem König keine andere Wahl mehr als dem Oppositionsführer Friedrich Römer die Regierungsgeschäfte zu übertragen.

Römer bildete mit seinen Mitstreitern Gustav Duvernoy, Paul Pfizer und Adolph Goppelt das liberale „Märzministerium“. Schnell und entschieden packte es die lange liegen gebliebenen Aufgaben an, um das Land weitreichend zu modernisieren. So gelang es, einen „heißen Frühling“ zu verhindern – und Wilhelm konnte auf seinem Thron bleiben.


/// Herr Otto Mohl fühlt sich dort unwohl. Wo – das verrät unser Kalender morgen.

 

Der Zukunft eine Stimme – der Jugendgemeinderat in Weingarten

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7.  März 1985 | Wer im oberschwäbischen Weingarten lebt, muss sich um die Zukunft der Demokratie weniger Sorgen machen. Dort wird die jeweils nächste Generation bereits seit über 30 Jahren aktiv an der Kommunalpolitik beteiligt. Erstmals in einer deutschen Gemeinde überhaupt wählten am 27. Februar 1985 rund 800 Schülerinnen und Schüler zwischen der 7. und 10. Klasse ihre Vertretung. Alles war wie bei den Erwachsenen: Verteilt auf vier thematische Wahllisten kandidierten 90 Jugendliche, die Stadtverwaltung stellte Wahlurnen und -kabinen auf und an jeder Schule wachte ein Wahlvorstand über den Ablauf. Nur die Wahlbeteiligung sah völlig anders aus: 92,8 % der wahlberechtigten Jugendlichen machten mit – die Erwachsenen konnten sich im Vergleich dazu nur schämen.

Auch die erste Sitzung des Jugendgemeinderats am 7. März war keine Show. Ab 9 Uhr tagte der 26-köpfige Rat im Großen Sitzungssaal unter der Leitung des Oberbürgermeisters Rolf Gerich und in Anwesenheit der Vorsitzenden der Gemeinderatsfraktionen sowie der städtischen Amtsleiter. Viele der behandelten Themen kamen den Gemeinderäten bekannt vor: Hallenbad, Müll, Radwege, Nahverkehr und Tempo 30 – nur alles aus der Sicht der Jugendlichen. Ein besonderes Jugendthema stand dann aber doch noch im Mittelpunkt: der schlechte Zustand des Jugendhauses. Nach den Sommerferien sollte in der nächsten Sitzung über Fortschritte berichtet werden.

Für Oberbürgermeister Rolf Gerich war die Sitzung ein großer Erfolg. Er wollte die Jugendlichen mit seiner Idee ausdrücklich in die Verantwortung für ihre Stadt nehmen und gleichzeitig der eigenen Verwaltung neue Impulse geben. Neun Jahre zuvor hatte er Jugendlichen bereits das Fragerecht bei Gemeinderatssitzungen gegeben. Das von den Vereinten Nationen für 1985 ausgerufene „Internationale Jahr der Jugend“ brachte ihn darauf, noch einen Schritt weiter zu gehen und den Rat ins Leben zu rufen.

Weingarten wurde so zum Vorbild. Inzwischen bestehen rund 100 Jugendgemeinderäte in Baden-Württemberg, deutlich mehr als in den anderen Bundesländern.


Zum Weiterlesen:

/// Alle Räder stehen still, wenn ein Frauenarm es will. Zum morgigen Weltfrauentag wird es kämpferisch in unserem Onlinekalender.

Demokratie ganz groß – Ludwig Uhland und die 48er Revolution

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2. März 1848 | „Der Sturm, der in die Zeit gefahren ist, hat die politischen Zustände Deutschlands in ihrer ganzen unseligen Gestalt, Allen erkennbar bloßgelegt.“ Was in Mannheim noch nüchtern formuliert worden war, klang in Tübingen am 2. März 1848 bedeutend anspruchsvoller. So einen Satz konnte nur ein wahrer Dichter schreiben: Ludwig Uhland.

Eigentlich hatte sich Uhland vorgenommen, sich nicht mehr politisch zu engagieren. Zu enttäuschend waren seine Erfahrungen im württembergischen Landtag gewesen, dem er 1838 den Rücken gekehrt hatte. Aber als am 1. März 1848 die Nachrichten aus Mannheim auch am oberen Neckar angekommen waren und für erhebliche Aufregung gesorgt hatten, konnte er sich nicht mehr länger heraus halten. Burschenschaftler und die ehemaligen Kollegen von der Universität, die Professoren Reyscher, Volz und Fallati, bedrängten ihn, eine „Tübinger Adresse“ an den ständischen Ausschuss des Landtags zu schicken.

Nachdem am Morgen des 2. März noch eine Endredaktion stattgefunden hatte, wurde der Text am Nachmittag im akademischen Reithaus der Öffentlichkeit vorgestellt. Im größten Saal der Stadt jubelten bis zu 1.000 Bürger und Studenten Uhland zu, als er persönlich die Adresse vorlas. Zum  Abschluss sangen alle das von Uhland 1816 gedichtete Freiheitslied „Wenn heut ein Geist herniederstiege“.  Am Abend wurde die mit mehr als tausend Unterschriften versehene Adresse nach Stuttgart geschickt. Flugblätter verbreiteten den Text und am 6. März druckte die Zeitung „Der Beobachter“ die Adresse vollständig ab.

Drei Farben, eine Republik: Ludwig Uhland (Bearb. HdGBW/Hemberger)
Drei Farben, eine Republik: Ludwig Uhland (Bearb. HdGBW/Hemberger)

Die Tübinger Adresse wurde zum Wegweiser der Revolution in Württemberg. Sie folgte im wesentlichen den in Mannheim erhobenen Kernforderungen nach einem deutschen Parlament, der Volksbewaffnung im Sinne einer Bürgermiliz, der vollen Pressefreiheit und einer Justizreform. Aber Uhland ging noch weiter und machte daraus ein demokratisches Bekenntnis: „Das große Grundgebrechen unseres deutschen Gesamtvaterlandes lässt sich in wenige Worte fassen; es fehlt die volksmässige Grundlage, die freie Selbsttätigkeit des Volks, die Mitwirkung seiner Einsichten und Gesinnungen bei der Bestimmung seines staatlichen Lebens.“

Besser konnte es nicht gesagt werden!


Zum Weiterlesen:

  • Eberhard Sieber: Stadt und Universität Tübingen in der Revolution von 1848/49, Tübingen 1975

/// Morgen will ein Rebell aus dem Remstal Oberbürgermeister von Hall werden.