Auf großer Bühne – der Mössinger Streik gegen Hitler

Ein Kommentar

31. Januar 1933 | Nur ein kleiner, von unbeugsamen Schwaben bewohnter Ort leistete Widerstand. Eigentlich wollte die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) die Machtübergabe an Adolf Hitler mit einem nationalen „Massenstreik“ beantworten. Aber die „Massen“ wollten nicht so recht mitmachen. Allein im 4.000 Einwohner großen Mössingen folgten fast 1.000 Arbeiterinnen und Arbeiter tatsächlich dem Aufruf zur Arbeitsniederlegung. Ausgerechnet hier, weit weg vom roten Berlin, am Rand der Schwäbischen Alb.

Am 31. Januar 1933 versammelten sich 100 Menschen um 12 Uhr vor der Langgas Turnhalle. Mössingen war ein regionales Zentrum der Textilindustrie. Also zogen die Demonstrierenden von einer Textilfabrik zur nächsten. Zunächst zur Mechanischen Weberei Pausa, wo sich nach einer eindringlichen Rede des KPD-Unterbezirkschefs Fritz Wandel ein Großteil der Belegschaft anschloss, danach ging es weiter zur Trikotwarenfabrik Merz und schließlich zur Buntweberei Burkhardt. Bei Merz stieß der Zug auf keinerlei Verständnis, nicht nur der Eigentümer, auch die meisten Arbeiterinnen weigerten sich, mitzumachen. Und bei Burkhardt waren die Tore bereits verschlossen. Bei der Rückkehr zur Turnhalle warteten 40 Reutlinger Schutzpolizisten mit Gummiknüppeln auf die Streikenden. Über 70 Teilnehmende wurden verurteilt, darunter die Anführer des Streiks Jakob Stotz, Fritz Wandel und Martin Meier zu bis zu zweijährigen Gefängnisstrafen.

Zum 80. Jahrestag brachte das Theater Lindenhof im Jahr 2013 die Geschichte des Streiks in einer alten Werkshalle der Textilfirma Pausa auf die Bühne. Rund 100 Laiendarsteller und 50 Musiker aus Mössingen und Umgebung erarbeiteten sich dafür das Stück von Franz Xaver Ott „Ein Dorf im Widerstand“. Die Rundfunkjournalistin Katharina Thoms, die ursprünglich nur einen Beitrag über den Streik hatte anfertigen wollen, entschloss sich dazu, einen Dokumentarfilm daraus zu machen. Sie verfolgte monatelang mit der Kamera die Proben und beobachtete, wie sich die Mössinger ihrer vor Ort sehr kontrovers beurteilten Geschichte annäherten. Das Stück wurde rund 40 Mal aufgeführt, Thoms Film „Widerstand ist Pflicht“ feierte seine Premiere am 31. Januar 2015.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Schneller, als die Polizei erlaubt? Schon morgen erscheint unser nächster Kalendereintrag.

Eine Antwort auf „Auf großer Bühne – der Mössinger Streik gegen Hitler“

  1. Erinnern ist Pflicht. Das zeigt auch der Umgang mit dem Mössinger Generalstreik von 1933. Viele, viele Menschen setzen sich seit Jahren in der Steinlachstadt südlich von Tübingen dafür ein, dass die Ereignisse von damals im Gedächtnis bleiben – aktuelle Bezüge inklusive. Diskussionen um und Widerstand gegen die Art des Erinnerns gibt es in Mössingen bis heute.

    Meinen Respekt haben alle, die sich an der Debatte, an Aktionen, Projekten und Theaterstücken beteiligen und dabei Respekt für die Meinung der anderen zeigen.
    Danke an die Macherinnen und Macher dieses Projektes „Des Volkes Stimme“ – das ist eine tolle Sache. Ich werde hier so oft ich kann reinschauen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.