Auf Schusters Rappen – der Schwarzwaldverein erwandert den Südwesten

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8. Juni 1864 | Wo es bei jedem Schritt nach Tannenharz durftet, wo die Waldspitzmaus der badischen Quellschnecke begegnet und wo Wandersleute von der Hornisgrinde oder dem Belchen ins Land schauen können, dort liegt der sagenhafte Schwarzwald. Wie kaum ein anderes Gebiet in Deutschland ruft der Schwarzwald romantische Heimatgefühle hervor, steht für unberührte Natur und frische Luft. Dieses positive Image hat er nicht erst seit Kurzem. Einheimische begannen schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts damit, das Gebiet zwischen Pforzheim in Norden und Rheinfelden im Süden touristisch zu erschließen. Am 8. Juni 1864 gründete sich in der Freiburger Gaststätte „Renz’scher Felsenkeller“ der „Badische Verein von Industriellen und Gastwirthen zum Zweck, den Schwarzwald und seine angrenzenden Gegenden besser bekannt zu machen.“ Der unerhört lange Name war schon drei Jahre später Geschichte, als man sich kurz und tannenzapfenknackig in „Schwarzwald-Verein“ umbenannte. Im Jahre 1884 folgte ein württembergisches Pendant, ehe sich beide Vereine 1934 zusammentaten.

 

Rauten zieren ihre Wege: Philipp Bussemer und Julius Kaufmann markierten für den badischen Schwarzwaldverein im Jahr 1900 mit kleinen roten Rautenschildern den Westweg, der sich 279 Kilometer von Pforzheim nach Basel schlängelt. Das Zeichen des ersten europäischen Fernwanderwegs wurde zugleich zum Wappensymbol des Vereins. Heute zieht sich ein ganzes Netz gut ausgebauter und -geschilderter Wanderwege durch den Schwarzwald.

Mit der roten Raute markiert der Schwarzwaldverein seinen Wanderweg „Westweg“ von Pforzheim nach Basel.

Deutschlands ältester Wanderverein baute im 19. Jahrhundert zahlreiche Aussichtstürme (beispielsweise auf der Hornisgrinde), gab ab 1893 Wanderkarten heraus und richtete Wanderheime ein. Der Naturschutz spielte eine weitere gewichtige Rolle. In den 1920er Jahren gingen die Mitglieder gegen einen Stausee im Schluchtal in Südbaden auf die Barrikaden und erwirkten die Einrichtung eines Ausgleichs-schutzgebiets in der Wutachschlucht. In der Nachkriegszeit rückten die Zersiedelung der Landschaft und das Waldsterben in den Fokus der Aktivitäten. Unter ihrem Vorsitzenden, dem umweltbewegten Konservativen Hermann Person,  mischte der Verein in der Umweltbewegung der 1980er Jahre mit.

Heute zählt der Verein 65.000 Mitglieder in 220 Ortsgruppen. Auf dem Weg in die Zukunft von Verein und Schwarzwald schnüren sie die Wanderstiefel und engagieren sich weiterhin ehrenamtlich.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Der Schwarzwald 2014, H. 2 – Sonderausgabe zum 150. Jubiläum: Onlineversion
  • Schwarzwaldverein: Homepage
  • Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord: Homepage
  • Naturpark Südschwarzwald: Homepage

/// Die einen haben es, die anderen brauchen es. Am 20. Juni zieht unser Onlinekalender andere Saiten auf.

Keine „verkalkten Säckel“ – ein Volksentscheid begräbt Badens Unabhängigkeitsbewegung

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7. Juni 1970 | Vierzehn Jahre lang rotierten die Stundenzeiger auf den Schwarzwalduhren in Baden voller Ungeduld, ehe die dritte Runde im Kampf Baden-Württemberg versus unabhängiges Bundesland Baden eingeläutet wurde. De facto hatte die Mehrheit im Südwesten im Zweiten Volksentscheid vom Dezember 1951 der Bildung des Bindestrich-Bundeslands grünes Licht gegeben. Eine Ausnahme bildete Südbaden, wo man landespolitisch lieber Single bleiben wollte. Gruppierungen wie der „Heimatbund Badnerland“ zweifelten an der Rechtmäßigkeit der Volksabstimmung und sollten 1956 durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes Karlsruhe Recht behalten. Die Abstimmung sei nicht mit den Reglungen im Grundgesetz § 29 konform abgelaufen und müsse wiederholt werden. Über das „Wann?“ machte das Gericht keine Angabe.

Die Jahre verstrichen und es wuchs immer mehr zusammen, was in den Augen Einiger nicht zusammengehörte. Das wirtschaftliche Gefälle zwischen den Landesteilen schwand und Fragen der Identität spielten eine zunehmend untergeordnete Rolle für die junge Generation. Keine „verkalkten Säckel“ seien die Badenseparatisten, sondern Menschen, die ein „demokratisches modernes Bundesland am Oberrhein“ wollten, zitiert die Wochenzeitung ZEIT den Alt-Badener Reinhold Grund am Vorabend des Volksentscheids am 7. Juni 1970.

Die Pro-Baden-Bewegung vereinte sowohl Baden-Romantiker vom alten Schlag als auch kühl Rechnende, die in der Unabhängigkeit Möglichkeiten einer der Zukunft zugewandten Regionalentwicklung sahen. Zugleich fürchtete die Landesregierung unter Ministerpräsident Hans Filbinger, dass Befürworter eines vereinten Baden-Württembergs aus falscher Sicherheit den Urnengang als überflüssig erachteten würden und die Pro-Badener somit wider Erwarten siegen könnten. Doch die Überraschung blieb beim Volksentscheid aus: 81,9% der abgegebenen Stimmen waren Pro-Baden-Württemberg; bei einer Wahlbeteiligung von 62,5% ein stichfestes Votum. In keinem Wahlkreis schafften es die Pro-Badener auch nur annähernd, eine Mehrheit für ihr Ansinnen zu erobern (ihr bestes Ergebnis holten sie im Stadtkreis Karlsruhe mit 36%). Als am 19. September 1971 eine von Unbeugsamen angestrebte Volksabstimmung am notwendigen Quorum der Mindestteilnehmenden scheiterte, war klar: Der Traum vom souveränen Baden war ausgeträumt.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Wir bleiben romantisch-nostalgisch – wo ginge dies besser als im Schwarzwald? Morgen mehr hierzu.

Notbremsung – Stuttgarts Straßenbahner lassen kein Rad mehr rollen

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1. Juni 1902 | Stuttgart war stolz auf sein neues Verkehrsmittel: Statt mit Hafer und wenigen Pferdestärken lief die Straßenbahn ab 1895 verstärkt mit elektrischem Strom. Doch saugte die Tram nicht nur aus den Fahrdrähten Energie, sondern auch aus ihren Fahrern: Arbeitszeiten von bis zu 13,5 Stunden ruinierten auf Dauer die Gesundheit. Eine Besserung war nicht in Sicht, im Gegenteil: Das Direktorium der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) verhinderte aktiv, dass sich ihre Angestellten in Gewerkschaften organisieren durften (Koalitionsrecht). Druck und schlechte Behandlung rufen nur Gegendruck und Verbitterung hervor, fasste der „Courier“, das Gewerkschaftsblatt des „Zentralverbandes der Handels-, Transport-, Verkehrsarbeiter Deutschlands“ die Stuttgarter Misere im Jahre 1902 zusammen.

Revolution ohne Bahnsteigkarte? Eine zeitgenössische Postkarte überspitzt die Auseinandersetzungen und  bezieht zugleich Position für die Streikenden.

Ende Mai 1902 zogen die Straßenbahner die Notbremse namens „Streik“. Ihre Forderungen waren zahlreich: Arbeitszeiten von maximal zehn Stunden, längere Pausen, höhere Löhne. Am Morgen des 1. Juni verließ keine Bahn das Depot, woraufhin die SSB die verprellten Kunden informierte, dass der „Bahnbetrieb mit neuen Personal“ in den kommenden Tagen wieder aufgenommen werden würde. In anderen Worten: Das Unternehmen warb aktiv Streikbrecher aus den umliegenden Städten wie beispielsweise Heilbronn an. Dies zog ernsthafte Konsequenzen nach sich, wie die sozialdemokratische Tageszeitung „Schwäbische Tagwacht“ mehrfach berichtete: Die Auswärtigen verursachten Beinahe-Unfälle mit der ihnen nicht vertrauten Technik und erregten die Wut der Stuttgarter Streikenden. Mehrfach kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Streikbrechern und Streikenden, zwischen Streikenden und der Polizei. Die Atmosphäre war aufgeheizt und die Polizei griff schnell ein, wenn sich Diskutierende versammelten. „Einzelne Schutzleute fühlten sich dadurch schon als Retter des Staates vor einer drohenden Revolution und zeigten ihre Schneidigkeit im Anfahren und Zurückstoßen des Publikums […]“, höhnte die „Schwäbische Tagwacht“.

Warum läuft alles? Die Gewerkschaft wollte ihre Position öffentlichkeitswirksam erklären (Anzeige in der sozialdemokratischen Tageszeitung „Schwäbische Tagwacht“ vom 2. Juni 1902).

Während im Hintergrund die zähen Verhandlungen zwischen Belegschaft und SSB-Führung liefen, war der Kampf um die öffentliche Meinung für beide Seiten mindestens genauso wichtig. Im bürgerlich-liberalen Blätterwald war ein verständnisvoller Unterton für die Positionen der Streikenden zu vernehmen. Sogar die Stadt Stuttgart stellte sich offen hinter sie, indem sie der SSB den weiteren Betrieb des Straßenbahnverkehrs untersagte. Ein Gericht kippte die Entscheidung, das SSB-Direktorium erhöhte den Druck und der Streik brach zusammen. Versuche der württembergischen Sozialdemokratie, im Folgejahr das Koalitionsrecht auf parlamentarischen Wege zu verankern, scheiterten ebenso.


Zum Weiterlesen:

  • Nikolaus Niederich: Stadtentwicklung und Nahverkehr. Stuttgart und seine Straßenbahn 1868 bis 1918 (= Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Bd. 79), Stuttgart 1998, S. 396-404.

/// Am 7. Juni sind in unserem Onlinekalender wieder die Badener dran.