Lauter Störfälle – die Schönauer Stromrebellen übernehmen das Stromnetz

Ein Kommentar

10. März 1996 | Spannung ist messbar, das bestätigt jeder und jede ElektrotechnikerIn. Die emotionale Spannung, die an diesem besonderen Wahlabend in der kleinen südbadischen Kommune Schönau herrschte, war unermesslich: Wer würde im jahrelangen Ringen um das Stromnetz den Sieg davontragen: Die Stromrebellen oder der etablierte Versorger, die „Kraftübertragungswerke Rheinfelden“ (KWR)? Der Aufbruch in die Zukunft der Energieversorgung in Schönau begann mit einer Katastrophe, die sich über 1.600 Kilometer weiter östlich abgespielt hatte, mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl. Das Ehepaar Ursula und Michael Sladek ergriff zusammen mit anderen alarmierten Schönauern die Initiative und nahmen den Kampf gegen Nutzung der Kernkraft im eigenen Land auf.

Des Volkes Stimme | Lauter Störfälle – die Schönauer Stromrebellen übernehmen das Energienetz

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Durch energisches Stromsparen sollte den großen Stromkonzernen das Geld abgegraben werden. Jedoch wuchs rasch die Erkenntnis, dass die Lösung nur eine vollständige Loslösung von der Abhängigkeit externer Stromversorger sein konnte: Ende 1990 gründet sich die Netzkauf Schönau GbR. Anfang 1991 verlängerte der Gemeinderat den bestehenden Konzessionsvertrag mit der KWR, die auf Atomkraft setzte und als kapitalkräftiger Stromanbieter für viele Menschen vor Ort die sicherere Wahl darstellte. Die Stromrebellen von der Netzkauf organisierten daraufhin einen Bürgerentscheid, der im Oktober 1991 richtungsweisend ausging: 55,7 % stimmten für die Aufnahme von Verhandlungen zum Kauf des lokalen Stromnetz.

Je enger, desto größer der Widerstand, ist eine weitere Regel in der Elektrolehre. Enger wurde es für die KWR nach der Gründung der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) im Jahre 1994. Nachdem der Gemeinderat im November 1995 entschieden hatte, der EWS den Konzessionszuschlag zu geben, strebte diesmal die unterlegene CDU-Fraktion einen Bürgerentscheid an, um das „drohende Abenteuer“ abzuwenden. Während die KWR und die Bürgerinitiative „Pro Bürgerentscheid“ mit Zahnbürsten, Flugblättern und moderner Technik eine sichere Stromversorgung und stabile Preise versprachen, warben die Stromrebellen mit Marmelade, nachhaltigen Argumenten und viel persönlichen Einsatz für ein „Nein“ zur Verlängerung des KWR-Vertrags. Am Wahlabend zeigte sich erneut, wie zerrissen die Kommune bezüglich der Stromfrage war: Mit lediglich rund 54 % der abgegebenen Stimmen erteilten die Schönauer dem alten Stromversorger KWR eine Absage. Die siegreichen Stromrebellen traten nun die mühevolle Aufgabe an, das Stromnetz aufzukaufen und die Elektrizitätsversorgung in eigene Hände zu nehmen.

Das Schönauer Beispiel hat Schule gemacht: Einige Kommunen in Deutschland betreiben bereits die lokale Stromversorgung in Eigenregie, in BürgerInnenhand.


Zum Weiterlesen und -schauen:

  • Bernward Janzing: Störfall mit Charme. Die Schönauer Stromrebellen im Widerstand gegen die Atomkraft, Vöhrenbach 2008.
  • DVD: Die Schönauer Gefühl. Die Geschichte der Stromrebellen aus dem Schwarzwald. Eine Produktion des Fördervereins für umweltfreundliche Stromverteilung und Energieerzeugung Schönau im Schwarzwald e.V., Schönau 2007.

/// Am 12. März geht es spannend weiter: Frauenpower an der Uni in unserem Onlinekalender.

Dramatischer Frühlingsbeginn – Friedrich Römer und das Märzministerium

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9. März 1848 | Seine Königliche Majestät geruhten, die Martinskaplanei in Ravensburg dem Präzeptorats-Kaplaneiverweser Beyerle aus Horb zu übertragen. Das Regierungsblatt für das Königreich Württemberg machte es an diesem 10. März besonders spannend. Erst als auch noch die Kapläne Hummel und Epple ihre verdienten Posten in Altshausen und Neukirch erhalten hatten, folgte auf der zweiten Seite die wirklich bahnbrechende Nachricht: König Wilhelm hatte am 9. März den seit 1832 die Regierungspolitik bestimmenden konservativen Innen- und Kultusminister Johannes von Schlayer des Amtes enthoben und durch den hochangesehenen Anführer der Liberalen in der Zweiten Kammer, Friedrich Römer, ersetzt.

Er nutzte die Gunst der Stunde: Friedrich Römer (Bildnachweis: Stadtarchiv Stuttgart; Bearb,: HdG BW/Hemberger).
Er nutzte die Gunst der Stunde: Friedrich Römer (Einfärbungen.: HdG BW/Hemberger).

Hinter den nüchternen Worten des Regierungsblatts verbargen sich dramatische Ereignisse. Der Regierungswechsel vom 9. März war der fast schon verzweifelte Versuch des Königs, die Kontrolle über sein Land zurückzugewinnen. Auf die Mannheimer Forderungen vom 27. Februar hatte Wilhelm bereits schnell reagiert und am 1. März die Aufhebung der Zensur angeordnet. Aber die Tübinger Adresse und die fast überall im Königreich stattfindenden spontanen Volksversammlungen machten deutlich, dass es damit nicht getan war. Am Abend des 5. März eskalierte die Situation: Bis zu 20 Männer drangen in das Kanzleiamtsgebäude von Schloss Haltenbergstetten bei Niederstetten ein und legten Feuer. Die Meldung vom Angriff auf das Schloss wirkte wie ein Fanal. Zusammen mit anderen Nachrichten von Unruhen der Bauern wähnten sich manche Zeitgenossen bereits „in die Zeit des Bauernkriegs“ versetzt. Wilhelm entschloss sich am 6. März zum Handeln und entließ Schlayer, allerdings wollte er ihn durch den nicht weniger konservativen Joseph von Linden ersetzen. Aber scharfe Proteste in der Öffentlichkeit beendeten die Amtszeit von Lindens bereits nach wenigen Stunden. Drei Tage später blieb dem König keine andere Wahl mehr als dem Oppositionsführer Friedrich Römer die Regierungsgeschäfte zu übertragen.

Römer bildete mit seinen Mitstreitern Gustav Duvernoy, Paul Pfizer und Adolph Goppelt das liberale „Märzministerium“. Schnell und entschieden packte es die lange liegen gebliebenen Aufgaben an, um das Land weitreichend zu modernisieren. So gelang es, einen „heißen Frühling“ zu verhindern – und Wilhelm konnte auf seinem Thron bleiben.


/// Herr Otto Mohl fühlt sich dort unwohl. Wo – das verrät unser Kalender morgen.

 

Weil Blumen nicht reichen – der Frauenstreik in Tübingen

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8. März 1994 | Der Weltfrauentag, ein zweiter Muttertag mit Blumen und Geschenken? Streitbare Frauen wie Edda Rosenfeld, über viele Jahre Frauenbeauftragte der Stadt Tübingen, wollten neue Wege beschreiten: „Wir müssen mal ein bisschen aus dem Rahmen fallen, um zu irritieren und nicht nur immer mehr vom selben zu tun!“, so ihre damalige Überzeugung als Mitglied des Vorbereitungsteams zum Frauenstreik 1994. Vorläufer der Proteste waren unter anderem der Frauenstreik auf Island im Jahr 1975 sowie der Streik in der Schweiz 1991. In der eher beschaulichen Universitätsstadt Tübingen fielen die streikenden Frauen mit zahlreichen Aktion richtig aus dem Rahmen: Neben der Blockade des Lustnauer Tors durch 200 Aktivistinnen sorgten die Streikenden unter anderem mit einer humorvollen Abladeaktion typischer Hausarbeitsgeräte auf dem Marktplatz für Aufmerksamkeit.

Des Volkes Stimme | Weil Blumen nicht reichen – der Frauenstreik in Tübingen (I)

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Die Themen, welche auf den Kundgebungen und kreativen Happenings zur Sprache gebracht wurden, waren vielfältig: Ungleiche Löhne, Gewalt gegen Frauen, eine Doppelbelastung durch Arbeit und Haushalt, überkommene Rollenklischees, § 218 und viel mehr. Dass es sich hierbei nicht um reine Frauenprobleme handelte, sondern um gesamtgesellschaftliche, versuchte die Frauenbewegung jener Jahre zu vermitteln. An zahlreichen anderen Orten in Baden-Württemberg wiederholten sich die Tübinger Szenen: In Stuttgart besetzten Frauen den Verkehrsknotenpunkt Charlottenplatz und erhoben Forderungen nach einer Umbenennung des Karlsplatz in Clara-Zetkin-Platz. In Heidelberg hieß der Rathausplatz einen Tag lang Rote-Zora-Platz. Hier öffnete Oberbürgermeisterin Beate Weber das Rathaus den streikenden Frauen. Echte Arbeitsniederlegungen in den Betrieben blieben allerdings die Ausnahme, auch wenn vereinzelnd Betriebsversammlungen dazu genutzt wurden, die Anliegen des Frauenstreiktags zu diskutieren.

Des Volkes Stimme | Weil Blumen nicht reichen – der Frauenstreik in Tübingen (II)

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Auch 20 Jahre später seien die damals vorgetragenen Forderungen noch immer tagesaktuell, bemerkt Susanne Rückl-Kohn, Leiterin des Bildungszentrums und Archivs zur Frauengeschichte Baden-Württembergs Tübingen (BAF e.V.). Höchste Zeit also, selber aktiv zu werden: Heute findet bundesweit eine Neuauflage der 1994er-Aktionen statt: Bunt, kreativ, laut soll es werden – und Sie mittendrin? Das gilt selbstverständlich auch für alle Männer.

(Wir bedanken uns bei Edda Rosenfeld sowie bei Susanne Rückl-Kohn vom BAF. e.V. Tübingen).


Zum Weiterlesen und -forschen:

Der Zukunft eine Stimme – der Jugendgemeinderat in Weingarten

2 Kommentare

7.  März 1985 | Wer im oberschwäbischen Weingarten lebt, muss sich um die Zukunft der Demokratie weniger Sorgen machen. Dort wird die jeweils nächste Generation bereits seit über 30 Jahren aktiv an der Kommunalpolitik beteiligt. Erstmals in einer deutschen Gemeinde überhaupt wählten am 27. Februar 1985 rund 800 Schülerinnen und Schüler zwischen der 7. und 10. Klasse ihre Vertretung. Alles war wie bei den Erwachsenen: Verteilt auf vier thematische Wahllisten kandidierten 90 Jugendliche, die Stadtverwaltung stellte Wahlurnen und -kabinen auf und an jeder Schule wachte ein Wahlvorstand über den Ablauf. Nur die Wahlbeteiligung sah völlig anders aus: 92,8 % der wahlberechtigten Jugendlichen machten mit – die Erwachsenen konnten sich im Vergleich dazu nur schämen.

Des Volkes Stimme | Der Zukunft eine Stimme – der Jugendgemeinderat in Weingarten

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Auch die erste Sitzung des Jugendgemeinderats am 7. März war keine Show. Ab 9 Uhr tagte der 26-köpfige Rat im Großen Sitzungssaal unter der Leitung des Oberbürgermeisters Rolf Gerich und in Anwesenheit der Vorsitzenden der Gemeinderatsfraktionen sowie der städtischen Amtsleiter. Viele der behandelten Themen kamen den Gemeinderäten bekannt vor: Hallenbad, Müll, Radwege, Nahverkehr und Tempo 30 – nur alles aus der Sicht der Jugendlichen. Ein besonderes Jugendthema stand dann aber doch noch im Mittelpunkt: der schlechte Zustand des Jugendhauses. Nach den Sommerferien sollte in der nächsten Sitzung über Fortschritte berichtet werden.

Für Oberbürgermeister Rolf Gerich war die Sitzung ein großer Erfolg. Er wollte die Jugendlichen mit seiner Idee ausdrücklich in die Verantwortung für ihre Stadt nehmen und gleichzeitig der eigenen Verwaltung neue Impulse geben. Neun Jahre zuvor hatte er Jugendlichen bereits das Fragerecht bei Gemeinderatssitzungen gegeben. Das von den Vereinten Nationen für 1985 ausgerufene „Internationale Jahr der Jugend“ brachte ihn darauf, noch einen Schritt weiter zu gehen und den Rat ins Leben zu rufen.

Weingarten wurde so zum Vorbild. Inzwischen bestehen rund 100 Jugendgemeinderäte in Baden-Württemberg, deutlich mehr als in den anderen Bundesländern.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Alle Räder stehen still, wenn ein Frauenarm es will. Zum morgigen Weltfrauentag wird es kämpferisch in unserem Onlinekalender.

Politik war sein Leben – der Tod Friedrich Eberts

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5. März 1925 | „Der Trauertag war ein Tag der Republik“, so urteilte der Heidelberg Volksfreund (Nr. 54/6.3.1925) über die Beisetzung des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert am 5. März 1925. Wie kam eine sozialdemokratische Zeitung dazu, so etwas nach dem Tod eines ihrer Leute zu schreiben? Das ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund der konfliktreichen und schwierigen Anfänge der ersten deutschen Demokratie, deren Entstehung Friedrich Ebert maßgeblich prägte. Der gebürtige Heidelberger hatte schon in der Revolution 1918 sein ganzes politisches Gewicht in die Waagschale geworfen, um möglichst schnell eine parlamentarische Demokratie zu schaffen. In den vielen Krisen der ersten Jahre diente Reichspräsident Ebert als Stabilitätsanker der neuen politischen Ordnung und warb in In- und Ausland erfolgreich für Vertrauen in die erste deutsche Demokratie. Feinde der Republik von links und rechts verbreiteten fake news über Ebert, um so auch die Glaubwürdigkeit der Demokratie zu zerstören.

Ebert, wie er leibt und lebt, beim Spaziergang in Stuttgart 1920 (Bildnachweis: Hauptsstaatsarchiv Stuttgart P2 Bü 77 Bild 4).
Ebert, wie er leibt und lebt: Als die Reichsregierung vor dem Kapp-Putsch nach Stuttgart fliehen musste, stand Ebert für parlamentarische Stabilität (Bildnachweis: Hauptsstaatsarchiv Stuttgart P2 Bü 77 Bild 4).

Politik war sein Leben, unter Umständen auch sein Tod: Die politische Eingebundenheit ließen den Reichspräsidenten eine Blinddarmentzündung auf die lange Bank schieben, an der er schließlich am 28. Februar 1925 starb. Die Hunderttausenden, die an den Trauerfeiern in Berlin sowie an der Beerdigung Eberts am 6. März 1925 in seiner Geburtsstadt Heidelberg teilnahmen, zollten dem Verstorbenen nicht nur Respekt und Dank für seinen Einsatz. Die Trauerfeiern waren auch ein überwältigendes Bekenntnis zu dem, für das Friedrich Ebert bis zuletzt gelebt und gekämpft hatte, zur ersten deutschen Demokratie, zur Weimarer Republik.

(Gastbeitrag von Dr. Christopher Dowe)


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Walter Mühlhausen, Die Republik in Trauer. Der Tod des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert, Heidelberg 2005.
  • Landesarchiv Baden-Württemberg Generallandesarchiv Karlsruhe 231 Nr. 3364; 334 Nr. 3-11
  • GLA 231 Nr. 3364; 334 Nr. 3-16

/// Jugendliche sind nur faul und interessieren sich nicht für Politik? Mit diesem Vorurteil räumen wir am 7. März auf!

Der Remstalrebell – wie Helmut Palmer Oberbürgermeister wurde (beinahe)

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3. März 1974 | Mit Speck fängt man Mäuse, und mit „Rebellenwurst“ Wählerinnen und Wähler? Wenn diese Wurst auch noch von einem Obsthändler großzügig verteilt wird, befinden wir uns mitten in einem der kuriosesten Kommunalwahlkämpfe der jüngeren Vergangenheit. Insgesamt rund 300 Mal versuchte der Ausnahmepolitiker Helmut Palmer seit Mitte der 1960er Jahre bis in die 90er in verschiedenen Kommunen und Städten Baden-Württembergs auf einen Bürgermeisterstuhl gehoben zu werden – stets erfolglos. Für die einen war er ein „Volkstribun“, ein schwäbischer Don Quijote gegen Bürokraten und Amtsstubenherrschaft, einer „für den kleinen Mann“. Für andere wiederum ein „kleiner Adolf“, ein ungehobelter Querulant des Politgeschäfts oder schlichtweg ein Verrückter.

Des Volkes Stimme | Der Remstalrebell – wie Helmut Palmer Oberbürgermeister wurde (beinahe)

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Anlässlich der Oberbürgermeisterwahl in Schwäbisch Hall im Februar/März 1974 lieferte Palmer sein Meisterstück ab. Er wetterte gegen die Stadtverwaltung und deren vermeintliche Faulheit, beleidigte auf das heftigste politische Mitbewerber und sonstige Palmer-Gegner („Schleimscheißer“; „Lausbub“; „Sudelsäue“). Doch Palmer war auch ein Visionär: Er forderte den Bau einer Seilbahn, eines Parkhauses über dem Fluss Kocher, eine autofreie Innenstadt und Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit (wenn auch mit fraglichen Mitteln, wenn er eigenmächtig zum Fällen von Bäumen an Straßen aufrief). Menschen, die sich von den etablierten Politikern nicht gehört und ernstgenommen fühlten, setzten ihre Hoffnung auf den Unabhängigen. Zudem erfuhr der Remstalrebell finanzielle Unterstützung durch einen lokalen Unternehmer, der noch eine Rechnung mit der Stadtverwaltung offen hatte. Gemeinsam mit den Spenden seiner Fans konnte Palmer einen Vollzeitwahlkampf aufziehen. Nach gewonnenen erstem Wahlgang er holte rund 41 %, sein nächster Mitbewerber, der von der CDU unterstützte Karl-Friedrich Binder, lediglich 30 % stand die Kleinstadt politisch Kopf und eine Stichwahl musste die Entscheidung bringen. Die Augen Westdeutschlands waren auf die ehemalige Reichsstadt gerichtet.

Als am 3. März 1974 Helmut Palmer sich mit 41,4 % dem konservativen Platzhirsch Binder geschlagen geben musste, war des Rebellen Geist nicht gebrochen. Tausende SympathisantInnen jubelten ihm zu, während Palmer vom Marktplatzpranger herab von einem „ergaunerten Wahlsieg“ des „Schmutzlappen“ Binders sprach.

Palmers größter Erfolg war vielleicht nicht sein gutes Abschneiden in Hall, sondern die Tatsache, dass sich etablierte PolitikerInnen über die wachsende Entfremdung mit dem Wahlvolk und neue Formen des bürgerschaftlichen Engagements Gedanken machen mussten.

PS: Üblicherweise sehen wir davon ab, auf Stil und Inhalt der Sprecherkommentare in den historischen Filmbeiträgen einzugehen. In diesem Fall wollen wir jedoch eine Ausnahme davon machen: Die offenen sprachlichen Angriffe auf Helmut Palmer können wir nur kopfschüttelnd wahrnehmen. Hier wurden offensichtlich alle Grundsätze von journalistischer Objektivität, Sachlichkeit und Neutralität über Bord geworfen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Jan Knauer: Bürgerengagement und Protestpolitik. Das politische Wirken des „Remstalrebellen“ Helmut Palmer und die Resonanzen seiner Mitmenschen. Dissertation, Univ. Tübingen, 2012.
  • Jan Knauer: Helmut Palmer: Der Remstal-Rebell. Darmstadt 2014.
  • Helmut Palmer: Mein Kampf und Widerstand im Filbingerland, Genf 1978.

/// Am 5. März wird ein ganz Großer zu Grabe getragen.

Demokratie ganz groß – Ludwig Uhland und die 48er Revolution

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2. März 1848 | „Der Sturm, der in die Zeit gefahren ist, hat die politischen Zustände Deutschlands in ihrer ganzen unseligen Gestalt, Allen erkennbar bloßgelegt.“ Was in Mannheim noch nüchtern formuliert worden war, klang in Tübingen am 2. März 1848 bedeutend anspruchsvoller. So einen Satz konnte nur ein wahrer Dichter schreiben: Ludwig Uhland.

Eigentlich hatte sich Uhland vorgenommen, sich nicht mehr politisch zu engagieren. Zu enttäuschend waren seine Erfahrungen im württembergischen Landtag gewesen, dem er 1838 den Rücken gekehrt hatte. Aber als am 1. März 1848 die Nachrichten aus Mannheim auch am oberen Neckar angekommen waren und für erhebliche Aufregung gesorgt hatten, konnte er sich nicht mehr länger heraus halten. Burschenschaftler und die ehemaligen Kollegen von der Universität, die Professoren Reyscher, Volz und Fallati, bedrängten ihn, eine „Tübinger Adresse“ an den ständischen Ausschuss des Landtags zu schicken.

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Nachdem am Morgen des 2. März noch eine Endredaktion stattgefunden hatte, wurde der Text am Nachmittag im akademischen Reithaus der Öffentlichkeit vorgestellt. Im größten Saal der Stadt jubelten bis zu 1.000 Bürger und Studenten Uhland zu, als er persönlich die Adresse vorlas. Zum  Abschluss sangen alle das von Uhland 1816 gedichtete Freiheitslied „Wenn heut ein Geist herniederstiege“.  Am Abend wurde die mit mehr als tausend Unterschriften versehene Adresse nach Stuttgart geschickt. Flugblätter verbreiteten den Text und am 6. März druckte die Zeitung „Der Beobachter“ die Adresse vollständig ab.

Drei Farben, eine Republik: Ludwig Uhland (Bearb. HdGBW/Hemberger)
Drei Farben, eine Republik: Ludwig Uhland (Bearb. HdGBW/Hemberger)

Die Tübinger Adresse wurde zum Wegweiser der Revolution in Württemberg. Sie folgte im wesentlichen den in Mannheim erhobenen Kernforderungen nach einem deutschen Parlament, der Volksbewaffnung im Sinne einer Bürgermiliz, der vollen Pressefreiheit und einer Justizreform. Aber Uhland ging noch weiter und machte daraus ein demokratisches Bekenntnis: „Das große Grundgebrechen unseres deutschen Gesamtvaterlandes lässt sich in wenige Worte fassen; es fehlt die volksmässige Grundlage, die freie Selbsttätigkeit des Volks, die Mitwirkung seiner Einsichten und Gesinnungen bei der Bestimmung seines staatlichen Lebens.“

Besser konnte es nicht gesagt werden!


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Morgen will ein Rebell aus dem Remstal Oberbürgermeister von Hall werden.

Eine große Zeitung aus Freiburg – der „Freisinnige“ und die Pressefreiheit

Ein Kommentar

1. März 1832 | Wie lautete noch einmal die Erkenntnis unseres Beitrags vom 12. Februar? Ein gutes Gesetz allein genügt nicht! Das war exakt auch die Überzeugung der badischen Liberalen im Jahr 1831. Der Landtag in Karlsruhe hatte am 24. Dezember 1831 ein sensationell freizügiges Pressegesetz verabschiedet: Obwohl im Deutschen Bund die Vorzensur für alle Zeitungen und dünnere Bücher zwingend vorgeschrieben war, wagte es das Großherzogtum, einen anderen Weg einzuschlagen. Durch viel Geschick hatten die liberalen Anführer Carl von Rotteck und Carl Welcker ein Gesetz durchgesetzt, das anscheinend dem Vorgaben des Bundes entsprach, de facto aber das System der Vorzensur ins Leere laufen ließ: Kein Redakteur musste mehr seine Artikel einem Beamten zur Genehmigung vorlegen, stattdessen mussten sich die Schreiber künftig nur noch vor Gerichten für den Inhalt ihrer Blätter verantworten.

Ganz schön freisinnig: Carl von Rotteck (Bearb. HdGBW/Hemberger)
Ganz schön freisinnig: Carl von Rotteck (Bearb. HdGBW/Hemberger)

Noch während um das Gesetz gerungen wurde, entstand in Freiburg der Plan, die Probe auf das Exempel zu machen. Der Chemieprofessor Carl Fromherz schrieb seinem Professorenkollegen Rotteck am 11. November, in Freiburg solle unter dem Titel „Der Freisinnige“ eine neue Tageszeitung gegründet werden. Wenn Rotteck,  Welcker und einige andere Landtagshelden mitmachen würden, sei der Erfolg garantiert. Schließlich müsse das Gesetz zum Leben erweckt werden. Bei Rotteck fand Fromherz offene Ohren. Schon im Landtag war vor den „verdorbenen Studenten“ gewarnt worden, die das Gesetz missbrauchen könnten. Die Abgeordneten selbst würden die neue Freiheit gewissenhaft nutzen. Zumal sie dringend eine Zeitung benötigten. Ohne eigenes Sprachrohr blieben die Liberalen trotz ihrer momentanen Mehrheit im Landtag letztlich isoliert. Öffentlichkeit herstellen war das Gebot der Stunde.

"Preßfreiheit", ein hohes Gut. Bereits 1832 kosteten die Badener die Früchte dieses Grundrechts.
„Preßfreiheit“, ein hohes Gut. Bereits 1832 kosteten die Badener die Früchte dieses Grundrechts. Hier zu sehen: Das Titelblatt der Erstausgabe des „Freisinnigen“ (Bildnachweis: HdGBW).

Die Freiburger Bürgerschaft entwickelte das Modell für die neue Kommunikation: 28 Bürger – unter ihnen „eine Reihe der achtbarsten Männer der Stadt“ – zeichneten als Aktionäre mit jeweils 100 Gulden das Startkapital der Zeitung. Dies reichte aus, um am 1. März, dem Beginn der Pressefreiheit, die erste Ausgabe der Zeitung herauszugeben. Das Format der Zeitung war riesig und auch sonst waren die Professoren, die die Pariser Blätter als Vorbild nahmen, nicht bescheiden: „Der Freisinnige widmet seine Kräfte der großen Sache der Konstitution in ganz Deutschland.“ Mit Ausdauer umwarben Rotteck und Welcker die große „Edelfeder“ Ludwig Börne in Paris, allein dessen Honorarvorstellungen überstiegen das Freiburger Budget bei weitem.

Der Erfolg war zunächst beachtlich. Über 2.000 Abonnements sicherten das Überleben. Doch der Deutsche Bund war mehr als verärgert über die badische Eigenmächtigkeit und die ständigen Belehrungen aus Freiburg. Eine Untersuchung gegen den „Freisinnigen“ und die ebenfalls neue Mannheimer Zeitung „Der Wächter am Rhein“ kam zu einem wenig überraschenden Ergebnis:  Der „Freisinnige“ sei „gleich verderblich, aufrührerisch und beleidigend“ wie der „Wächter“, beide Zeitungen wurden verboten. Am 25. Juli 1832 erschien in Freiburg die letzte Ausgabe eines großen Projektes. Auch das Pressegesetz musste aufgehoben werden, am 30. Juli kehrte die Zensur zurück.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Universitätsbibliothek Freiburg: Digitalisat „Der Freisinnige“
  • Rainer Schimpf: Der „Freisinnige“ und der Kampf der badischen Liberalen für die Pressefreiheit 1831/32, in: Helmut Reinalter (Hrsg.): Die Anfänge des Liberalismus und der Demokratie in Deutschland und Österreich 1830–1848/49, Frankfurt a. M. 2002, S. 157–190 [Digitalisat].

/// Und morgen fährt der Sturm in die Zeit, natürlich in Tübingen, wo sonst?

Die erste Studentinnen – Johanna Kappes und Rahel Straus

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28. Februar 1900 | Kommt ein Mann zur Ärztin: „Frau Doktor, Sie haben doch studiert, vielleicht können Sie mir weiterhelfen?“ – Den Witz kennen Sie anders? Es ist doch stets ein männlicher Akademiker, der sich mit den Nöten seiner Mitmenschen herumschlagen muss, oder? Im Humor bildet sich grundlegender gesellschaftlicher Wandel bisweilen recht spät ab, was sich besonders am zotenhaften Altherrenwitz zeigt. Ganz ohne Flachs: Im Jahr 2018 hatten bereits rund 30 % aller weiblichen Einwohner Deutschlands zwischen 30 und 34 Jahren einen Hochschulabschluss (Männer: 27 %) und etwas weniger als die Hälfte der rund 360.000 Studierenden in Baden-Württemberg waren im Wintersemester 2016/17 weiblich. An dritter Stelle der bei Frauen beliebtesten Studiengänge rangierte Medizin (der Frauenanteil lag hier bei 63 %).

Es verwundert nicht, dass Frauen ihr Recht auf ein Studium mühselig erkämpfen mussten. Mit der Einrichtung des ersten Gymnasiums für Frauen in Karlsruhe im Jahre 1893, war der Bildungshunger ihrer Absolventinnen wie Rahel Goitein (verh. Straus) und Johanna Kappes (verh. Worminghaus) noch lange nicht gestillt. Beide erwarben 1899 ihr Abitur.

 

Kappes begeisterte sich für Medizin. Durch energischen Nachfragen bei Freiburger Professoren erkämpft sie sich das Recht, als Gasthörerin an den Vorlesungen teilzunehmen. Bestärkt durch den „Verein Frauenbildung – Frauenstudium“ bittet Johanna Kappes in einem mutigen Brief an den Freiburger Senat um eine Vollzulassung. Vor Ort wird ihre Petition abgelehnt, doch das Badische Ministerium der Justiz, des Kultus und des Unterrichts verkündet in einem Erlass vom 28. Februar 1900, das die Universitäten fortan Studienanwärterinnen offen stehen. Als erste Studentin Deutschlands kann Kappes nach vier Jahre ihr Studium mit einer Promotion krönen und betreibt später als Ärztin eine Gemeinschaftspraxis mit ihrem Ehemann in Nürnberg.

Rahel Goitein-Straus ging ihren Bildungsweg konsequent bis zur Promotion (Bildnachweis: Institut für Stadtgeschichte Karlsruhe).
Rahel Goitein-Straus ging ihren Bildungsweg konsequent bis zur Promotion (Bildnachweis: Institut für Stadtgeschichte Karlsruhe).

Rahel Straus schrieb sich im Jahre 1900 für ein Medizinstudium an der Universität Heidelberg ein und gehörte im folgenden Jahr der Vereinigung studierender Frauen Heidelberg an. Nach ihrer Promotion im Jahre 1907 eröffnete sie in München eine gynäkologische Praxis.

Die akademische Landschaft in Deutschland ist seit den ersten Studentinnen weiblicher geworden, auch wenn beispielsweise Professuren noch immer lediglich zu rund 25 % mit Frauen besetzt sind und in zahlreichen naturwissenschaftlich-technischen Berufen Studentinnen selten anzutreffen sind. Die alten Griechen setzten andere Maßstäbe: Mit Athena, der Göttin der Weisheit und den Musen lag das Bildungsressort fest in weiblicher Hand. Das muss ja kein antiker Mythos bleiben.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Freisinnig blättern wir morgen in alten Zeitungen und fördern Fortschrittliches zu Tage.

Die Revolution aus der Aula – die Mannheimer Forderungen

2 Kommentare

27. Februar 1848 I Hatten die Badener nicht schon genügend Partizipation? Die großzügige Verfassung, der frei gewählte Landtag und die umfassenden Wahlrechte in den Kommunen – reichte das denn immer noch nicht? Die unterdrückten Preußen konnten davon doch nur wehmütig träumen. Und dennoch brach die Revolution 1848 nicht in Berlin, sondern in Mannheim aus. Dort, wo die Nachrichten von einer neuerlichen Revolution in Frankreich (natürlich waren es wieder einmal die Franzosen, die am 24. Februar ihren König verjagt hatten) am schnellsten eintrafen. Dort, wo die Bevölkerung sich in den vergangenen zehn Jahren den Ruf hart erarbeitet hatte, besonders „aufmüpfig“ zu sein. Ja, es stimmte. Baden war in vielen Fragen bedeutend fortschrittlicher als die restlichen deutschen Bundesstaaten. Aber das machte die Bevölkerung nicht zufriedener, im Gegenteil. Das vergleichsweise hohe Maß an Beteiligung führte nur zum konsequenten Drängen nach noch umfassenderer Teilhabe.

Am Sonntag, den 27. Februar 1848, war es soweit. Der Redakteur Gustav Struve und der Verleger Heinrich Hoff riefen zur Volksversammlung in den Aulasaal (A 4, 4) auf und 2.500 Menschen kamen – der Staat hatte sie nicht mehr daran hindern können. Alle waren sich einig, dass jetzt die Stunde gekommen war, um die seit langem erhobenen wichtigsten Forderungen durchzusetzen:

  1. Volksbewaffnung mit freien Wahlen der Offiziere
  2. Unbedingte Preßfreiheit
  3. Schwurgerichte nach dem Vorbilde Englands
  4. Sofortige Herstellung eines deutschen Parlamentes

Die „Mannheimer Forderungen“ begannen unmittelbar danach ihren Siegeszug durch alle deutschen Bundesstaaten. So schnell, wie es niemand für möglich gehalten hätte, wurden sie im März 1848 weitgehend verwirklicht.

Im Aulasaal in Mannheim nahm aber nicht nur die Revolution ihren zunächst so erfolgreichen Lauf. Noch einmal konnten sich hier Liberale und radikalere Kräfte (die sich bald Demokraten nennen sollten) auf ein gemeinsames Programm verständigen. Der weitere Gang der Dinge sollte sie bald auseinanderführen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Peter Blastenbrei: Mannheim in der Revolution 1848/49 (= Kleine Schriften des Stadtarchivs, Bd. 10), Mannheim 1997.

/// Bildungshungrige Frauen stürmen morgen in unserem Onlinekalender akademische Männerbastionen.

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