Sonderzug nach Leutkirch – der Bürgerbahnhof im Allgäu

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12. Oktober 2010 | Haben Sie heute an einem alten, verkommenen Bahnhof auf den verspäteten Zug gewartet? Lassen Sie sich nicht entmutigen: Fahren Sie mit dem nächsten Zug einfach nach Leutkirch im Allgäu. Dort gibt es einen Bahnhof, der allein eine Reise wert ist. Eine Brauerei-Gaststätte begrüßt die Reisenden, in der ersten Etage wird in Büros gearbeitet und im Dachgeschoss diskutieren die LeutkircherInnen in einem Informationszentrum, wie ihre Stadt nachhaltig gestaltet werden kann.

Das Schmuckstück ist den aktuell 707 Mitgliedern der Genossenschaft „Leutkircher Bürger-Bahnhof“ zu verdanken. Statt sich weiter über den Verfall ihres wunderschönen, 1889 im großen Eisenbahnzeitalter erbauten Bahnhofs zu ärgern, nahmen 161 Bürgerinnen und Bürger am 12. Oktober 2010 die Sache selbst in die Hand. Die von ihnen gegründete Genossenschaft pachtete den Bahnhof und finanzierte etwa zur Hälfte die Kosten für den rettenden Umbau des dahinsiechenden Gebäudes. Vom Baby bis zum Rentner – quer durch alle Altersstufen zeichneten die LeutkircherInnen Anteilsscheine meist zwischen 1.000 und 2.000 Euro. Den Bürgerinnen und Bürgern ist ihr Bahnhof etwas wert.

Zumindest in Leutkirch ist das Warten auf den nächsten Zug also kein Problem mehr – zur Nachahmung empfohlen!


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Erinnerung in Violett: Lesen Sie morgen, was es damit auf sich hat.

Bürger in die Verwaltung! – die badische Verwaltungsreform von 1863

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5. Oktober 1863 | Bürgerbeteiligung kann staubtrocken sein. Die Einführung von „Bezirksräten“ und „Kreisversammlungen“ klingt wahrlich nicht aufregend. Und doch verbirgt sich hinter dem am 5. Oktober 1863 von Großherzog Friedrich unterzeichnetem Gesetz zur „Organisation der inneren Verwaltung“ eine (kleine) Revolution in Baden: Die Übertragung von Teilen der Verwaltung auf die Bürgerschaft.

(Vorsicht, die folgenden Zeilen sind nur für echte VerwaltungsliebhaberInnen oder Beteiligungsprofis geeignet:)

Den aus echten Bürokraten bestehenden Bezirksämtern wurde jeweils ein Bezirksrat zur Seite gestellt, der aus sechs bis neun Bürgern (!) bestehen sollte. Die ehrenamtlichen Bezirksräte erhielten ihr Mandat jedoch nicht direkt vom Wahlvolk, sondern von den ebenfalls neuen Kreisversammlungen (die wiederum gewählt wurden). Wer Bezirksrat werden wollte, benötigte schlicht „Kenntnisse, Tüchtigkeit und Gemeinsinn“ – für die Teilhabe schien also nicht jedermann (es ging natürlich nur um Männer) geeignet zu sein. Mitsprache bei öffentlichen Baumaßnahmen oder der Verleihung von Gewerbekonzessionen – das sollte der Stoff für die Bezirksräte sein. Überraschenderweise wurden sie auch zur ersten Instanz der Rechtspflege in öffentlichen Streitfällen erklärt. Die Kreisversammlungen bekamen zudem Zuständigkeiten bei den Finanzen der Kreise, dem Straßenbau oder auch bei der Armenfürsorge zugewiesen. Und: Eine ganze Ebene der Verwaltung wurde dafür abgeschafft, die seitherigen Kreisregierungen entfielen.

Grimmig, wenn man den Gesetzestext nicht liest: August Lamey. Bildnachweis: MARCHIVUM, Mannheim
Grimmig, wenn man den Gesetzestext nicht liest: August Lamey (Bildnachweis: MARCHIVUM, Mannheim).

Die Hoffnungen der von August Lamey angeführten liberalen Reformer waren gewaltig: Das „Selbstgefühl der Bürger und die Lust an Besorgung ihrer eigenen Angelegenheiten“ sollten erweckt werden.

Vielleicht ist die Lektüre von diesem Gesetz auch heute noch spannend.

 

 

 

 


Zum Weiterlesen und -forschen:

  •  Rüdiger von Krosigk: Bürger in die Verwaltung! Bürokratiekritik und Bürgerbeteiligung in Baden. Zur Geschichte moderner Staatlichkeit im Deutschland des 19. Jahrhunderts, Bielefeld 2010.

|||  Bürgerbeteiligung – Sie verstehen nur Bahnhof? Nicht schlimm, unser nächster Eintrag am 12. Oktober lässt Sie nicht dumm dastehen !

Dr. K. hat es geschafft – das Gesetz zur Gleichstellung der Juden in Baden

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4. Oktober 1862 | Dr. K. aus K. hatte es geschafft: Student der Rechtswissenschaften in Heidelberg und München, anschließend Rechtsanwalt, der unter anderem einen Revoluzzer vor der Todesstrafe bewahren konnte. Auch politisch lief es für K. rund, konnte er doch als Liberaler einen Posten als Abgeordneter in Karlsruhe erkämpfen. Und doch grübelte Dr. K.: Wie viel einfacher wäre es gewesen, wenn ich nicht als Jude geboren worden wäre?

Portrait Rudolf Kusels (Bildnachweis: Bestand Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 843)

Am 25. April 1862 berieten die Abgeordneten der Zweiten Kammer des Großherzogtums Badens das „Gesetz über die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten“. Dr. Rudolf Kusel aus Karlsruhe ergriff das Wort: „Nicht als Jude, sondern als Abgeordneter spreche er. […] Die Juden sind keine Fremdlinge, wie behauptet wurde; […] sie erkennen kein anderes Vaterland an, als Deutschland. Sie verlangen keine Gnade, nur Gerechtigkeit […]. Die badische Kammer wird heute […] es aussprechen, dass in diesem gesegneten Lande wegen seines Glaubens Niemand in seinem bürgerlichen Rechte beschränkt, Niemand mehr unfrei sein soll.“

Vor dem „Konstitutionsedikt“ von 1809 war es den badischen Juden als „Schutzbürger“ sogar verboten, ihren Wohnort frei zu wählen. Nun wurden ihnen erste Bürgerrechte zugesprochen, sie durften ab 1848 in den Staatsdienst eintreten und als Abgeordnete gewählt werden. Jedoch zog erst im Jahre 1861 Dr. Kusel als erster jüdischer Abgeordnete in die Zweite Kammer ein. Am 4. Oktober 1862 unterzeichnete Großherzog Friedrich das maßgeblich vom liberalen Staatsminister August Lamey erarbeitete Gleichstellungsgesetz. Damit erhielten die badischen Juden sämtliche gemeindebürgerlichen Rechte zugesprochen, die ihnen bis dato verwehrt geblieben waren, beispielsweise die Armenversorgung durch die Gemeinde.

So wurde aus Dr. K. der badische Bürger Dr. Rudolf Kusel.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Bereits morgen folgen das nächste Onlinekalenderblatt und noch mehr Bürgerrechte.

Erst stirbt der Wald, dann du? – Aktionswoche gegen das Waldsterben

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02. Oktober 1983 | Er war sauer, sogar richtig ätzend. Die Rede ist vom Regen, der in den 1970er und 80er Jahren nicht zuletzt zwischen Freudenstadt und Freiburg auf den vielgerühmten und besungenen Schwarzwald niederging. „Rauchfahnen aus Kaminen wehn – Von Lörrach bis nach Zell!“: Was in einer Version des Badnerlieds noch stolz besungen wurde, rückte immer stärker in den Fokus der Kritik. Schwefeldioxid aus den Schornsteinen von Industrie und Wohnhäusern war mit der Grund, dass der Touristenmagnet, Erholungs- und Lebensraum schon bald „aus dem letzten Loch pfiff.“

Diesen Zustand wollten Umweltverbände wie die „Freudenstädter Aktionseinheit“ nicht hinnehmen und riefen zur Aktionskonferenz gegen das Waldsterben nach Freudenstadt. Mit einer ungewöhnlichen Idee bewegten UmweltschützerInnen zahlreiche Bundestagsabgeordnete, die Schäden vor Ort in Augenschein zu nehmen.

Die Bilanz der anschließenden Veränderungen ist durchwachsen: Luftverschmutzungsnormen wurden verschärft und ein jährlicher Waldschadensbericht dokumentierte fortan, wie es um Fichte, Tanne und Co steht. Doch schon die nächste Bedrohung bereitet heute Kopfzerbrechen: der Klimawandel.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt BW: Die Waldzustandsberichte seit 2002 online.
  • Nobert F. Pötzl: „Nadeln fallen grad so raus“, in: DER SPIEGEL Jg. 1984), H. 51 , S. 36-56 [Digitalisat].
  • Stadtarchiv Freudenstadt: Signatur: N 2.10 Aktionseinheit gegen das Waldsterben.
  • Generallandesarchiv Karlsruhe: Signatur: 392 Freudenstadt Nr. 146.

|||  Am 04. Oktober erscheint der nächste Eintrag: Dr. K. aus K. wird Bürger.

Ein Lob auf die Provinz – die Revolution von 1848 in Sigmaringen

Ein Kommentar

26. September 1848 | Eine rote Fahne über Sigmaringen? Wer würde das Zeichen der Revolution an der oberen Donau vermuten? Sind Revolutionen nicht etwas für Großstädte? Und doch glückte den Hohenzollerinnen und -zollern am 26. September 1848 etwas, was in den Metropolen Berlin und Wien nicht gelang. Eine Volksversammlung setzte einen Sicherheitsausschuss ein, die Mitglieder des jüngst erst gegründeten Turnvereins holten sich Waffen. Den regierenden Fürsten Karl Anton packte so die Angst, dass er mitsamt seiner Regierung Reißaus nahm und an den Bodensee floh. Erst acht Monate später gelang den Badenern mit ihrem Großherzog dasselbe Kunststück. Ansonsten allerorten Fehlanzeige in deutschen Landen, die Fürsten blieben unbehelligt auf ihren Thronen. Wäre das Sigmaringer Vorbild doch nur öfter befolgt worden…

Geschenkt, dass Karl Anton am 10. Oktober im Geleitschutz von 2.000 bayerischen Soldaten in sein Schloss zurückkehrte. Ja, auch die Sigmaringer waren eher erschrocken über die Folgen ihres Mutes. Nicht mehr auszulöschen war aber, dass die Hohenzollern unmissverständlich die Forderung nach der „Freiheit des Volkes“ erhoben hatten.

Fahne der Sigmaringer Turngemeinde (Bildnachweis: Turnerbund 1848 e.V. Sigmaringen).

Karl Anton verstand diese Botschaft nur zu gut. Er zog die Konsequenzen und drängte den preußischen König dazu, seine Untertanen zu übernehmen, deren Geist er als „roh und hundsgemein“ einschätzte. Als Hohenzollern 1850 zu preußischem Staatsgebiet erklärt wurde, löste die neue Regierung in Sigmaringen sofort den rebellischen Turnverein auf und suchte dessen rote Fahne, die so augenfällig an den 26. September 1848 erinnerte. Doch die Turner versteckten sie als Rouleau getarnt in einer Werkstatt. Als der Verein 1862 wieder neu entstand, änderten sie auf der alten Fahne nur die Jahreszahl „1848“ in „1862“ um.

Im heutigen „Turnerbund 1848 e.V. Sigmaringen“ lebt bereits im Namen die Erinnerung an dieses demokratische Erbe fort. Und die Fahne ist ein großartiges Ausstellungsstück im Haus der Geschichte Baden-Württemberg.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Maren Kuhn-Rehfus: Der Sigmaringer Turnverein und die Revolution von 1848, in: Hohenzollerische Heimat, Jg. 38 (1988), S. 41 – 44 [Digitalisat].

|||  Am 02. Oktober erscheint der nächste Eintrag. Es geht ins Grüne!

Spinner oder Visionär? – Gottlieb Rau und die Republik

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24. September 1848 | „Erhebt Euch im Namen Gottes für das Volk“. Am Sonntag, dem 24. September 1848, war für Gottlieb Rau der große Tag gekommen. Im Auftrag der Demokratie wollte er von Rottweil den „ganzen Schwarzwald“ zum Volksfest nach Cannstatt führen. Von Metzingen bis Hall rief er die Bürger auf, ebenfalls zu kommen. Auf dem Wasen sollte die Monarchie abgeschafft und die Volkssouveränität friedlich proklamiert werden.

Ausgerechnet dort, ein aberwitziger Plan!

Kaum aufgebrochen, schreckten seine Anhänger vor den Bajonetten des Königs zurück und kehrten schon in Balingen um. Angeblich sollen sie ihren Frust im Schnaps ertränkt haben.

Wollte der Monarchie Beine machen: Gottfried Rau (Bildnachweis: Grafische Sammlung, WLB Stuttgart).

Rau selbst zahlte einen hohen Preis für seinen Traum. Nach 28 Monaten Haft auf dem Hohenasperg wurde er 1851 zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Zwei Jahre später wurde er in die USA abgeschoben. In New York eröffnete der ehemalige Glasfabrikant einen Gasthof, der zur Anlaufstelle für notleidende deutsche Emigranten wurde. Ein amerikanischer Traum ohne Happy End – bereits 1854 starb Rau.

War er wirklich nur ein naiver Spinner?

Erst vor 20 Jahren änderte sich das Bild. Menschen wie der Historiker Paul Sauer oder Manfred Stingel vom Schwäbischen Albverein entdeckten einen „anderen“ Rau: einen christlich motivierten Vorkämpfer für soziale Rechte, einen wagemutigen Unternehmer, der mit seinen Innovationen Wohlstand schaffen wollte, einen Demokraten, der einem trägen Obrigkeitsstaat Beine machen wollte.

Rau war seiner Zeit voraus – ein Visionär für den Aufstieg Württembergs von einem Hunger leidendem Agrarland zu einer wohlhabenden Industrieregion.


Zum Weiterlesen und -forschen:

Eine Republik für drei Tage – Amalie und Gustav Struve in Lörrach

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21. September 1848 | Revolutionen machen ist Männersache, das ist viel zu gefährlich, viel zu brutal für Frauen – Gustav Struve kannte die Meinungen seiner Freunde nur zu gut. Seine Frau Amalie sollte nicht dabei sein. Struve zögerte. Die Ausrufung der Republik am 21. September 1848 in Lörrach musste erfolgreich sein. Die ganze Revolution drohte zu scheitern, die alten Kräfte drängten bereits zurück an die Macht. Jetzt oder nie! Amalie durfte dies nicht gefährden.

Von Anfang an hatten Amalie und Gustav Struve gemeinsam gekämpft: in den vielen Prozessen gegen Gustav in Mannheim, im Gasthaus Salmen in Offenburg, wo Amalie den „Forderungen des Volkes“ zujubelte, im April 1848, als in Freiburg der erste Aufstand zusammenbrach, oder im gemeinsamen Exil in Frankreich.

Jetzt in Lörrach musste Amalie zusehen, wie ihr Mann zur Tat schritt und unter der Parole „Wohlstand, Bildung und Freiheit für Alle“ ihr gemeinsames Programm verwirklichen wollte. Beamte wurden verhaftet, die Staatskassen beschlagnahmt, die Feudallasten der Bauern „sofort abgeschafft“ und dafür eine progressive Einkommenssteuer eingeführt.

Ihr erzwungenes Untätigsein erschien Amalie wie ein Zeichen dafür zu sein, warum alles zum Scheitern verurteilt war. In ihren „Erinnerungen“ schrieb sie zwei Jahre später über diesen Moment: „So lange selbst im Sturm der Revolution so viele Rücksichten auf hergebrachte Vorurteile genommen werden, wird das Joch der Tyrannei nicht gebrochen werden.“

Am 24. September endete das Unternehmen in Staufen im Kugelhagel der badischen Truppen. Die Struves wurden festgenommen.

(Bildnachweis: MARCHIVUM, Mannheim)


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||| Wir blättern weiter im Kalender: Am 24. September erscheint der nächste Eintrag.

Freier Platz oder Moderne? – das Bürgerbegehren zum Bau des Stadthauses Ulm

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20. September 1987 | Über Geschmack wollten sich die Ulmerinnen und Ulmer gerne streiten, als im Jahre 1986 der endgültige Entwurf für ein Stadthaus auf dem weitläufigen Münsterplatz feststand. Direkt neben dem höchsten Kirchturm der Welt sollte ein moderner Bau, ganz in Weiß gehalten, Raum für Kunst, Kultur und Begegnung bieten. Ulms Öffentlichkeit war gespalten: Zwischen Lob und „Des braucha mir ned!“ schwankten die Meinungen über Richard Meiers Entwurf.

Dies zeigt, wie schwer es die Gegenwartsarchitektur in der Traditionsstadt doch hatte, allen weltgewandten Impulsen der bis 1968 hier ansässigen Hochschule für Gestaltung (HfG), dem Nachfolger der Bauhausschule, zum Trotz. Doch als es um die „Gute Stube“ Ulm ging, durfte die Meinung der Einwohnerschaft keinesfalls ungehört bleiben. Der vom Verein „Alt-Ulm“ eingeforderte Bürgerentscheid verfehlte allerdings das notwendige Quorum und im Jahre 1993 öffnete das Stadthaus seine Pforten.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Anja Göbel/u.a.: Stadthaus Ulm, 2. Auflage, Ulm 2005.
  • Stadthaus Ulm: Homepage.

||| Lust auf mehr? Der nächste Eintrag erscheint schon morgen.

„Vor allem war es die Lust am Lernen!“ – das erste Gymnasium für Mädchen

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16. September 1893 | Warum sollten Mädchen kein Abitur machen dürfen? Hedwig Kettler und Anita Augspurg wollten den Ausschluss der Mädchen von höherer Bildung nicht länger hinnehmen. Mit ihrem Verein „Frauen-Bildungsreform“ kämpften sie für ein erstes Gymnasium in Deutschland – am 16. September 1893 erreichten sie in Karlsruhe ihr Ziel. Kettler rief die ersten Schülerinnen dazu auf, „den Beweis zu erbringen von der natürlichen Ebenbürtigkeit des Frauengeistes“. Die 1880 in Karlsruhe geborene Rahel Goitein, Tochter eines orthodoxen Rabbiners, nahm sich diese Worte besonders zu Herzen. Als beste Abiturientin durfte sie im Juli 1899 die Abschlussrede halten. Das 125-jährige Jubiläum feierten das Fichte-Gymnasium und das Lessing-Gymnasium, die beide auf das erste Mädchengymnasium zurückzuführen sind, mit einer Wiederaufführung der Rede.

 

Dem Fichte-Gymnasium und  Lessing-Gymnasium Karlsruhe sowie Frau Anna Martiny gilt unser Dank für die freundliche Unterstützung.


Zum Weiterlesen und-forschen:

  • Jewish Women’s Archive: Die Person Rahel Straus-Goitein.
  • Rahel Straus-Goitein: Wir lebten in Deutschland: Erinnerungen einer deutschen Jüdin, Stuttgart 1961 [Lebenserinnerungen].

||| Es bleibt spannend: Der nächste Eintrag erscheint am 20. September. 

Die „Forderungen des Volkes“ – die Versammlung im Offenburger Gasthaus Salmen

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12. September 1847 | Mit einem lauten „Ja“ stimmten rund 900 Menschen im Gasthaus Salmen den 13 „Forderungen des Volkes“ zu. Der Landtagsabgeordnete Friedrich Hecker hatte zuvor verlesen, was er mit dem Mannheimer Journalisten Gustav Struve als Programm für die „entschiedene“ Opposition entworfen hatte: die Rücknahme aller Einschränkungen der Verfassung – volle Presse-, Gewissens- und Lehrfreiheit, sowie persönliche Freiheit – und gleichzeitig deren Weiterentwicklung.

Zu den liberalen Grundrechten sollten soziale und demokratische Forderungen treten: Beteiligung der Bürger an der Rechtsprechung, „volkstümliche Wehrverfassung“, progressive Einkommenssteuer, eine nationale Volksvertretung, Ausgleich des „Missverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital“ und „Selbstregierung des Volkes“ anstelle der Beamtenherrschaft. Damit waren fast alle wesentlichen Forderungen der wenige Monate später beginnenden Revolution vorweggenommen. Nur ein wichtiger Punkt fehlte noch: Das Wahlrecht für alle blieb unerwähnt.

Wir danken dem Kulturbüro sowie dem Stadtarchiv Offenburg für die gute Zusammenarbeit.


Zum Weiterlesen und -forschen:

||| Der nächste Eintrag erscheint am 16. September. Bleiben Sie neugierig!