Spinner oder Visionär? – Gottlieb Rau und die Republik

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24. September 1848 | „Erhebt Euch im Namen Gottes für das Volk“. Am Sonntag, dem 24. September 1848, war für Gottlieb Rau der große Tag gekommen. Im Auftrag der Demokratie wollte er von Rottweil den „ganzen Schwarzwald“ zum Volksfest nach Cannstatt führen. Von Metzingen bis Hall rief er die Bürger auf, ebenfalls zu kommen. Auf dem Wasen sollte die Monarchie abgeschafft und die Volkssouveränität friedlich proklamiert werden.

Ausgerechnet dort, ein aberwitziger Plan!

Kaum aufgebrochen, schreckten seine Anhänger vor den Bajonetten des Königs zurück und kehrten schon in Balingen um. Angeblich sollen sie ihren Frust im Schnaps ertränkt haben.

Rau selbst zahlte einen hohen Preis für seinen Traum. Nach 28 Monaten Haft auf dem Hohenasperg wurde er 1851 zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Zwei Jahre später wurde er in die USA abgeschoben. In New York eröffnete der ehemalige Glasfabrikant einen Gasthof, der zur Anlaufstelle für notleidende deutsche Emigranten wurde. Ein amerikanischer Traum ohne Happy End – bereits 1854 starb Rau.

War er wirklich nur ein naiver Spinner?

Erst vor 20 Jahren änderte sich das Bild. Menschen wie der Historiker Paul Sauer oder Manfred Stingel vom Schwäbischen Albverein entdeckten einen „anderen“ Rau: einen christlich motivierten Vorkämpfer für soziale Rechte, einen wagemutigen Unternehmer, der mit seinen Innovationen Wohlstand schaffen wollte, einen Demokraten, der einem trägen Obrigkeitsstaat Beine machen wollte.

Rau war seiner Zeit voraus – ein Visionär für den Aufstieg Württembergs von einem Hunger leidendem Agrarland zu einer wohlhabenden Industrieregion.

Bild: Grafische Sammlung, WLB Stuttgart

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