Auf dem Königsweg – die Verfassung für Württemberg von 1819

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25. September 1819 | Wer sich zu Fuß auf den Weg nach Santiago de Compostela macht, braucht ein wenig Ausdauer. Die Strecke quer durch Frankreich und Nordspanien ist rund 2.000 Kilometer lang, in ein paar Tagen ist das nicht getan. Ob das vermeintliche Grab des Apostels Jakobus solche Mühen wirklich rechtfertigt, mag dahin gestellt sein. Die Kathedrale in Santiago ist eindrucksvoll, aber das wahrhaft Großartige sind die einzelnen Etappen. Kurzum es gilt die alte Weisheit: Der Weg ist das Ziel.

Was für den Jakobsweg zutrifft, lässt sich vermutlich auch auf einen anderen Weg übertragen. Die Verfassung für das Königreich Württemberg war beachtlich und in vielen Punkten weitsichtig und fortschrittlich, und doch war der Weg dahin die auch heute noch viel erstaunlichere Leistung. Württemberg bekam mit seiner Verfassung kein „Gnadengeschenk“ von einem wohlmeinenden Fürsten wie es in Baden und den anderen wenigen deutschen Verfassungsstaaten Praxis war. Im Königreich wurde stattdessen ein regelrechter Verfassungsvertrag zwischen dem Monarchen und den Vertretern des Volkes abgeschlossen. Mitnichten waren Wilhelm und sein Vorgänger Friedrich Anhänger des Gedankens der Volkssouveränität: Sie sahen sich als allein durch göttlichen Willen eingesetzte und legitimierte Herrscher. Die Vereinbarung war das Ergebnis einer tief verwurzelten württembergischen Tradition: das Recht auf Teilhabe. Die entscheidende Grundlage dafür war der von Herzog Ulrich mit den Landständen 1514 abgeschlossene Tübinger Vertrag. Darin hatten sich die Landstände das Recht auf Zustimmung in Steuerfragen und bei der Landesverteidigung gesichert.

Wie mächtig diese Tradition war, hatte Friedrich deutlich vor Augen geführt bekommen. In seinem absoluten Machtanspruch hatte der angehende König Ende 1805 die seitherige landständische Verfassung für Altwürttemberg aufgehoben und die Landstände aufgelöst. Aber das Ende der Herrschaft Napoleons veränderte natürlich auch die Machtposition seines seitherigen Verbündeten. Friedrich versuchte die eigene Stellung durch eine neue Verfassung abzusichern. Für den 15. März 1815 berief er eine Ständeversammlung ein, die die Verfassung annehmen sollte. Neben Vertretern des Adels, der Kirchen und der Universitäten saßen darin die Vertreter der 65 Oberämter und der sieben wichtigsten Städte – gewählt von allen Männern, die aus Liegenschaften ein jährliches Einkommen von 200 Gulden nachweisen konnten.

Wenn Friedrich gedacht hatte, sein überraschend großzügiger Entwurf würde leicht Zustimmung finden, sah er sich getäuscht: Die Versammlung forderte stattdessen die weitgehende Wiederherstellung der altwürttembergischen Verfassung. Was folgte, war ein auf Biegen und Brechen geführter Kampf um die Verfassung. Auch der 1816 auf den Thron nachfolgende Wilhelm scheiterte zunächst an der Spaltung des Landes in die beharrenden Altwürttemberger auf der einen Seite und die für die neue Verfassung aufgeschlossenen Neuwürttemberger auf der anderen Seite. Erst 1819 gelang der Durchbruch, als eine neu gewählte verfassunggebende Versammlung unter dem zunehmenden Druck der äußeren Verhältnisse entschlossen nach einem Ausweg suchte.

Das kaum noch für möglich gehaltene Happy End fand am 25. September 1819 im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses statt. Der Monarch und die Ständeversammlung tauschten gehaltvolle Urkunden miteinander aus – Württemberg hatte einen neuen Vertrag.


/// Das Happy End in Ludwigsburg gilt auch für uns. Nach genau 400 Tagen findet „Des Volkes Stimme“ ein vorläufiges Ende. Vorläufig – weil es vielleicht doch immer wieder Ereignisse gibt, die auch an dieser Stelle Erwähnung finden sollten. Wir bleiben offen für Beteiligung, und Sie hoffentlich auch!

Südwestliche (Un)entschiedenheit – eine Volksbefragung und ein Quiz

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24. September 1950 | Voller Selbstlob kommentierte der Mitherausgeber der Stuttgarter Zeitung, Erich Schairer, die Volksbefragung über die Einrichtung eines Südweststaats: Die Presse habe sich zur Sachwalterin des öffentlichen Interesses gemacht, als zeitgleich in 83 badischen und württembergischen Zeitungen am 15. Februar 1950 der Aufruf „Das Volk soll sprechen“ abgedruckt wurde. Die Meinung der Bevölkerung in den Ländern Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern sollte festgestellt und von den politisch Verantwortlichen endlich umgesetzt werden. Ganz grundlos schwoll dem Pressevertreter nicht die Brust, denn immerhin fiel die Forderung nach einer Volksbefragung auf fruchtbaren Boden. Der politische Acker war bestellt, auf dem die beiden verfeindeten Lager in den kommenden Monaten emsig manch harten Tobak und Propagandablüten säten.

Kleine Pause, Zeit zum Spielen! Unser Quiz hält knifflige Fragen für Sie bereit – wie gut kennen Sie sich aus mit der Partizipation im Südwesten? Los gehts!

Auf der einen Seite ackerten die „Altbadener“ für den Erhalt der badischen Eigenständigkeit. Ihren stärksten Fürsprecher fanden sie in Staatspräsident Leo Wohleb. Auf Plakaten wurde vor dem geplanten Südweststaat als „Schwabenstreich“ gewarnt, und auf Großkundgebungen wie in Konstanz (20. Juni 1950) stießen die Altbadener heftig mit ihren Gegnern zusammen. Was besonders in Südbaden zu einer regelrechten Glaubensfrage geriet, wurde auf württembergischer Seite deutlich weniger emotional geführt. So klagte der stellvertretende Innenminister von Württemberg-Hohenzollern, Theodor Eschenburg: „Was uns ärgert, ist, dass wir keine Gegner haben!“ Mit „wir“ meinte er die Fürsprecher des Südweststaates, die sich in der „Arbeitsgemeinschaft für die Vereinigung Baden-Württemberg“ sammelten. Der Journalist Edwin Konnerth musste wenige Tage vor der Volksbefragung festhalten, dass der „Mann der Straße“ (außerhalb Südbadens) viel mehr mit Alltagsdingen denn mit staatsrechtlichen Fragen beschäftigt sei. Und wenn man auf das Politische zu sprechen komme, rangieren die Südwest-„Plänkeleien“ weit hinter der Frage einer möglichen Wiederaufrüstung der BRD und dem Krieg in Korea.

So viel schwäbische Gelassenheit rief Mahner wie Gebhard Müller, den damaligen Staatspräsidenten von Württemberg-Hohenzollern, auf den Plan. In einer Rede warnte er davor, dass eine geringe Wahlbeteiligung nicht nur den Altbadenern in die Hände spiele, sondern auch den Kommunisten, die gegen einen funktionierenden Südweststaat als „Beitrag zur Genesung, zum Wiederaufstieg und zur Stärkung des antibolschewistischen Deutschlands“ agitierten. So sprach sich beispielsweise die KPD Südbaden prinzipiell für den Erhalt der alten Länder aus, doch sah sie in der Befragung lediglich ein Ablenkungsmanöver von den übergeordneten Zeitfragen wie einer möglichen deutschen Wiedervereinigung. Gegen deren Protestaktionen mit eigenen Stimmzetteln ging das badische Innenministerium entschieden vor.

 

Am Montag nach der Volksbefragung waren weder die Südweststaat- noch die Altländer-Befürworter in Feierlaune. Zwar sprachen sich rund 1,5 Millionen Abstimmende für den Südweststaat aus, zugleich plädierten rund 634.000 gegen die Vereinigung, hauptsächlich im Abstimmungsbezirk Südbaden (rund 541.000 Stimmen). Rein rechnerisch ergab sich damit für das alte Land Baden eine Mehrheit von 5.000 Stimmen gegen die Vereinigung. Die Diskussionen um Heimat, die laut Gebhard Müller tiefer reichten als „ein Zufallsstaat von Napoleons Gnaden“ – gemeint war die territoriale Neuordnung Badens durch Napoleon ab 1803 – zogen sich noch Jahrzehnte.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Leo BW: Der Weg zum Südweststaat.
  • Landtag Baden-Württember/Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Hgg.): Die Entstehung des Bundeslandes Baden-Württemberg. Eine Dokumentation, bearb. von Paul Sauer, Ulm 1977.

/// Wir enden wie wir begonnen haben: In bester Verfassung. Morgen mehr dazu!

Ein neuer Geist blüht – die Naturfreunde Württemberg denken Mensch und Umwelt zusammen

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11. September 1948 | Es sieht so aus, als ob uns und unseren Planeten nur noch SchülerInnen retten können, die am Freitag statt in die Schule auf die Straße gehen. Die junge Umweltbewegung „Fridays for Future“ ist auch im Südwesten unterwegs, um die Erwachsenen zum echten Umdenken in Sachen Klimaschutz zu bewegen. Vor über 100 Jahren war der Klimawandel noch kein Thema, vielmehr gab es (junge) Menschen, die aktiv an einem Bewusstseinswandel arbeiteten. Die Wurzeln der Naturfreundebewegung liegen in der österreichischen Arbeiterbewegung, aus deren Reihen im Jahre 1895 die erste Ortsgruppe in Wien hervorging. Der Kampf um eine klassenlose Gesellschaft sollte mit der Suche nach den Schönheiten der Natur einhergehen: Erste Formen eines „grünen Tourismus“ wurden ausprobiert, es wurde gewandert und internationale Kontakte gepflegt.

Bereits im Jahre 1907 gründeten die „grünen Roten“ im südbadischen Konstanz die erste Ortsgruppe im Südwesten – die Württemberger zogen mit der Stuttgarter Ortsgruppe im Jahr 1910 nach. Parallel zur Waldheimbewegung, die ArbeiterInnen gesunde Freizeit- und Versammlungsorte im Grünen schaffen wollte, richteten die Naturfreunde recht bald ihre eigenen Wander- und Ferienheime ein, in denen Stadtkinder vom rauen Alltag abschalten konnten.

 

Die Naturfreunde waren keine weltfremden Blümchensammler, sondern verbanden ihre Liebe zur Natur mit einer klaren politischen Haltung: Nur in einer sozialistischen Gesellschaft könne die Trennung zwischen Stadt und Land aufgehoben werden und die Ausbeutung von Mensch und Natur endgültig beendet werden. Wenig verwunderlich, dass die Naturfreundebewegung durch das NS-Regime verboten wurde und sich Mitglieder dem aktiven Widerstand anschlossen (beispielsweise die Stuttgarterin Liselotte Hermann). Nach Jahren der Verfolgung wurden die Naturfreunde Württemberg am 24. März 1946 wiedergegründet.

„Lasst nicht verzagend die Zeit verrinnen, wir wollen wagend Neues beginnen“, lautete das Motto des ersten Jugendtags der Naturfreunde Württemberg am 11. und 12. September 1948 in Esslingen. Es sollte ein begeistertes Symbol werden, wie die Jugend sich vom Erbe der nationalsozialischen Erziehung mit ihrem Rassenhass und Kriegsdrill lossagte. Der Landesjugendleiter Karl Pfizenmaier fand eindringliche Worte:

„Die Opfer und Leiden, die der Faschismus gefordert hat, dürfen nicht umsonst gewesen sein. Ein neuer Geist, eine neue menschliche Haltung müsse werden […]. Grenzsteine können und dürfen keine Hemmsteine zur friedlichen und sozialen Entwicklung Europas und der Welt sein, soll die menschliche Gesellschaft nicht untergehen.“

Dass die Jugendlichen auf dem Esslinger Marktplatz sangen, tanzten und  fröhlich beisammen waren, erstaunte in Zeiten von allgemeiner Not und Währungsreform einige ältere Semester.

In den kommenden Jahrzehnten blieben die Naturfreunde ihren Idealen treu, engagierten sich gegen Flächenfraß und Großprojekte wie Stuttgart 21, in der Friedensbewegung und für eine weltoffene Gesellschaft, die Menschen miteinander und mit ihrer Umwelt in Einklang bringt.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • NaturFreunde Württemberg: Homepage.
  • NaturFreunde Baden: Homepage.
  • Touristenverein „Die Naturfreunde“, Bund für Touristik und Kultur, Landesverband Württemberg: Von der Idee zur Tat. Aus der Geschichte der Naturfreundebewegung, Heilbronn 1970.

Mehr als Schall und Rauch – Emil Molt und die Gründung der ersten Waldorfschule

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7. September 1919 | Seine Zigaretten gingen in Rauch auf, an den Namen seines Unternehmens Waldorf-Astoria erinnert über Umwege lediglich eine Luxushotelkette aus New York. Dieser Flüchtigkeit zum Trotz hat der 1876 in Schwäbisch Gmünd geborene Unternehmer Emil Molt seiner Nachwelt etwas Bleibendes hinterlassen, das überhaupt nichts (mehr) mit Glimmstängeln zu tun hat. Doch im Tabak lagen die Wurzeln: Seit 1906 leitete Molt erfolgreich seine Zigarettenfabrik, die ihren Hauptstandort noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs nach Stuttgart verlagerte. Zeitgleich setzte sich der aufstrebende Fabrikant das Ziel, den ArbeiterInnen und Angestellten die Nutzung sozialer Angebote wie Erholungsheime zu ermöglichen. Auch der erste Betriebsrat Württembergs wurde unter seiner Führung in den Waldorf-Astoria-Werken gegründet.

 

Im Jahre 1907 schlossen Emil Molt und seine Ehefrau Berta eine prägende Freundschaft mit dem Anthroposophen Rudolf Steiner – ein „Wendepunkt“ in seinem Leben, wie Molt später in seiner Autobiografie anmerkte. In den bewegten ersten Monaten der Weimarer Republik bemühte sich Molt, den Ideen Steiners eine Stuttgarter Bleibe zu verschaffen. Für die Kinder der ArbeiterInnen seiner Fabrik in Stuttgart-Ost wurde ein ehemaliges Ausflugslokal auf der luftigen Uhlandshöhe zur ersten Waldorfschule der Welt umgewandelt. Am 7. September 1919 wurde die Eröffnung gefeiert. Das Schulkonzept hielt einige überraschende Neuerungen parat: So wurden die rund 250 ABC-SchützInnen nicht wie gewohnt nach Geschlechtern getrennt, sondern gemeinsam unterrichtet. Die Aufnahme von Kenntnissen und Wissen sollte praktisch, in Einheit von Geist und Körper erfolgen. Aus diesem Grunde nahmen Handarbeitskurse, die Arbeit im Schulgarten oder die Beschäftigung mit Ausdruckstanz und Gymnastik einen gewichtigen Teil des Lehrplans ein. Noten? – Fehlanzeige!

Die Wirtschaftskrise von 1929 trieb zahlreiche ArbeiterInnen in die Arbeitslosigkeit und Emil Molt musste sein Unternehmen an die Konkurrenz verkaufen. Seiner Waldorfschule blieb er bis zu seinem Tode im Jahre 1936 mit großem persönlichen wie finanziellem Engagement treu.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Kai Simone Nellinger/Miriam Weigelt: Emil Molt, 1876 – 1936. Fabrikant und Schulgründer [Denkblatt der Stiftung Geißstraße 7, hg. von Michael Kienzle/Dirk Mende].
  • Emil Molt: Entwürfe meiner Lebensbeschreibung, Stuttgart 1972.
  • Dietrich Esterl: Emil Molt, 1876 – 1936. Tun, was gefordert ist, Stuttgart 2012.

/// Die Blume am Revers, die Zukunft fest im Blick. Um wen es sich handelt, steht auf dem Kalenderblatt vom 11. September.

 

Geschichte wird bewahrt – das „Hotel Silber“ wird Lern- und Gedenkort

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3. September 1979 | Der alltägliche Terror gegen Andersdenkende, die Überwachung und die Kontrolle der württembergischen Bevölkerung hatten zwischen 1933 und 1945 eine Adresse: Das mondäne Gebäude des ehemaligen Hotel Silbers in der Stuttgarter Dorotheenstraße beherbergte zu dieser Zeit die „Staatspolizeistelle“, den Sitz der Württembergischen Gestapo. Von den dunklen Verwahrzellen im Keller bis zu den Räumen des Referats N (Nachrichtendienst) im Dachgeschoss dienten die hier Angestellten dem NS-Staat und seiner rassistischen, menschenfeindlichen Ideologie. Nach 1949 nutzte hauptsächlich die Kriminalpolizei das nach Kriegszerstörungen wiedererrichtete Gebäude, wobei sowohl ehemalige NS-Polizeibeamte als auch ehemalige Verfolgte hier Anstellung fanden.

 

Wenig geheim also. Dennoch geriet die Geschichte des Ortes zunehmend in Vergessenheit. Jedoch nicht ganz: 40 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs veranstalteten die Jungsozialisten (Jusos) Stuttgart gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) eine Aktionswoche vom 3. bis 14. September 1979. Vor dem „Hotel Silber“ forderten die Aktiven die Einrichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus in Stuttgart. Doch erst auf das nachdrückliche Betreiben einiger StuttgarterInnen um den Widerständler Hans Gasparitsch wurde zumindest eine (recht versteckt aufgehängte) Gedenktafel installiert.

Als im Jahre 2008 Pläne öffentlich wurden, das Gebäude abreißen zu lassen, regte sich Protest. Die Bürgerinitiative „Lern- und Gedenkort Hotel Silber“ forderte, den Ort und seine Geschichte für die kritische Erinnerungsarbeit zu erhalten und erfahrbar zu machen, woraufhin sich die neugewählte grün-rote Landesregierung im Jahre 2011 für den Erhalt entschied. Ein Runder Tisch, bestehend aus Gedenkinitiativen, Interessenverbänden, politischen Gremien und Gruppen, lieferte Impulse für einen Lernort „Hotel Silber“, der vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg zusammen mit den Initiativen erarbeitet wurde. Nach Jahren der Diskussion, der forschenden Vorbereitung und diverser Feinabstimmungen konnte am 3. Dezember 2018 die Eröffnung des „Hotel Silber“ als Außenstelle des Hauses der Geschichte gefeiert werden.

Besonders junge Menschen können sich im Rahmen von Workshops die verschiedenen Facetten von Verfolgung und Verbrechen im Nationalsozialismus erschließen. Gedenken soll im „Hotel Silber“ praktisch werden und für ein demokratisches Miteinander aller Menschen werben.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Zigaretten und alternative Lernmethoden: Das passt nicht zusammen. Welche Verbindungen dennoch bestehen, lesen Sie am 7. September.

Ein Lob auf die Provinz – die Revolution von 1848 in Sigmaringen

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26. September 1848 | Eine rote Fahne über Sigmaringen? Wer würde das Zeichen der Revolution an der oberen Donau vermuten? Sind Revolutionen nicht etwas für Großstädte? Und doch glückte den Hohenzollern am 26. September 1848 etwas, was in den Metropolen Berlin und Wien nicht gelang. Eine Volksversammlung setzte einen Sicherheitsausschuss ein, die Mitglieder des jüngst erst gegründeten Turnvereins holten sich Waffen. Den regierenden Fürsten Karl Anton packte so die Angst, dass er mitsamt seiner Regierung Reißaus nahm und an den Bodensee floh. Erst acht Monate später gelang den Badenern mit ihrem Großherzog dasselbe Kunststück. Ansonsten allerorten Fehlanzeige in deutschen Landen, die Fürsten blieben unbehelligt auf ihren Thronen. Wäre das Sigmaringer Vorbild doch nur öfter befolgt worden…

Geschenkt, dass Karl Anton am 10. Oktober im Geleitschutz von 2.000 bayerischen Soldaten in sein Schloss zurückkehrte. Ja, auch die Sigmaringer waren eher erschrocken über die Folgen ihres Mutes. Nicht mehr auszulöschen war aber, dass die Hohenzollern unmissverständlich die Forderung nach der „Freiheit des Volkes“ erhoben hatten.

Fahne der Sigmaringer Turngemeinde

Karl Anton verstand diese Botschaft nur zu gut. Er zog die Konsequenzen und drängte den preußischen König dazu, seine Unter-tanen zu übernehmen, deren Geist er als „roh und hundsgemein“ einschätzte. Als Hohenzollern 1850 zu preußischem Staatsgebiet erklärt wurde, löste die neue Regierung in Sig-maringen sofort den rebellischen Turnverein auf und suchte dessen rote Fahne, die so augenfällig an den 26. September 1848 erinnerte. Doch die Turner versteckten sie als Rouleau getarnt in einer Werkstatt. Als der Verein 1862 wieder neu entstand, änderten sie auf der alten Fahne nur die Jahreszahl „1848“ in „1862“ um.

Im heutigen „Turnerbund 1848 e.V. Sigmaringen“ lebt bereits im Namen die Erinnerung an dieses demokratische Erbe fort. Und die Fahne ist ein großartiges Ausstellungsstück im Haus der Geschichte Baden-Württemberg.


Bildnachweis: Turnerbund 1848 e.V. Sigmaringen

|||  Am 02. Oktober erscheint der nächste Eintrag. Es geht ins Grüne!

Spinner oder Visionär? – Gottlieb Rau und die Republik

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24. September 1848 | „Erhebt Euch im Namen Gottes für das Volk“. Am Sonntag, dem 24. September 1848, war für Gottlieb Rau der große Tag gekommen. Im Auftrag der Demokratie wollte er von Rottweil den „ganzen Schwarzwald“ zum Volksfest nach Cannstatt führen. Von Metzingen bis Hall rief er die Bürger auf, ebenfalls zu kommen. Auf dem Wasen sollte die Monarchie abgeschafft und die Volkssouveränität friedlich proklamiert werden.

Ausgerechnet dort, ein aberwitziger Plan!

Kaum aufgebrochen, schreckten seine Anhänger vor den Bajonetten des Königs zurück und kehrten schon in Balingen um. Angeblich sollen sie ihren Frust im Schnaps ertränkt haben.

Rau selbst zahlte einen hohen Preis für seinen Traum. Nach 28 Monaten Haft auf dem Hohenasperg wurde er 1851 zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Zwei Jahre später wurde er in die USA abgeschoben. In New York eröffnete der ehemalige Glasfabrikant einen Gasthof, der zur Anlaufstelle für notleidende deutsche Emigranten wurde. Ein amerikanischer Traum ohne Happy End – bereits 1854 starb Rau.

War er wirklich nur ein naiver Spinner?

Erst vor 20 Jahren änderte sich das Bild. Menschen wie der Historiker Paul Sauer oder Manfred Stingel vom Schwäbischen Albverein entdeckten einen „anderen“ Rau: einen christlich motivierten Vorkämpfer für soziale Rechte, einen wagemutigen Unternehmer, der mit seinen Innovationen Wohlstand schaffen wollte, einen Demokraten, der einem trägen Obrigkeitsstaat Beine machen wollte.

Rau war seiner Zeit voraus – ein Visionär für den Aufstieg Württembergs von einem Hunger leidendem Agrarland zu einer wohlhabenden Industrieregion.

Bild: Grafische Sammlung, WLB Stuttgart

Eine Republik für drei Tage – Amalie und Gustav Struve in Lörrach

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21. September 1848 | Revolutionen machen ist Männersache, das ist viel zu gefährlich, viel zu brutal für Frauen – Gustav Struve kannte die Meinungen seiner Freunde nur zu gut. Seine Frau Amalie sollte nicht dabei sein. Struve zögerte. Die Ausrufung der Republik am 21. September 1848 in Lörrach musste erfolgreich sein. Die ganze Revolution drohte zu scheitern, die alten Kräfte drängten bereits zurück an die Macht. Jetzt oder nie! Amalie durfte dies nicht gefährden.

Von Anfang an hatten Amalie und Gustav Struve gemeinsam gekämpft: in den vielen Prozessen gegen Gustav in Mannheim, im Gasthaus Salmen in Offenburg, wo Amalie den „Forderungen des Volkes“ zujubelte, im April 1848, als in Freiburg der erste Aufstand zusammenbrach, oder im gemeinsamen Exil in Frankreich.

Jetzt in Lörrach musste Amalie zusehen, wie ihr Mann zur Tat schritt und unter der Parole „Wohlstand, Bildung und Freiheit für Alle“ ihr gemeinsames Programm verwirklichen wollte. Beamte wurden verhaftet, die Staatskassen beschlagnahmt, die Feudallasten der Bauern „sofort abgeschafft“ und dafür eine progressive Einkommenssteuer eingeführt.

Ihr erzwungenes Untätigsein erschien Amalie wie ein Zeichen dafür zu sein, warum alles zum Scheitern verurteilt war. In ihren „Erinnerungen“ schrieb sie zwei Jahre später über diesen Moment: „So lange selbst im Sturm der Revolution so viele Rücksichten auf hergebrachte Vorurteile genommen werden, wird das Joch der Tyrannei nicht gebrochen werden.“

Am 24. September endete das Unternehmen in Staufen im Kugelhagel der badischen Truppen. Die Struves wurden festgenommen.

Bild: MARCHIVUM, Mannheim


||| Wir blättern weiter im Kalender: Am 24. September erscheint der nächste Eintrag.

Freier Platz oder Moderne? – das Bürgerbegehren zum Bau des Stadthauses Ulm

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20. September 1987 | Über Geschmack wollten sich die Ulmerinnen und Ulmer gerne streiten, als im Jahre 1986 der endgültige Entwurf für ein Stadthaus auf dem weitläufigen Münsterplatz feststand. Direkt neben dem höchsten Kirchturm der Welt sollte ein moderner Bau, ganz in Weiß gehalten, Raum für Kunst, Kultur und Begegnung bieten. Ulms Öffentlichkeit war gespalten: Zwischen Lob und „Des braucha mir ned!“ schwankten die Meinungen über Richard Meiers Entwurf.

Dies zeigt, wie schwer es die Gegenwartsarchitektur in der Traditionsstadt doch hatte, allen weltgewandten Impulsen der bis 1968 hier ansässigen Hochschule für Gestaltung (HfG), dem Nachfolger der Bauhausschule, zum Trotz. Doch als es um die „Gute Stube“ Ulm ging, durfte die Meinung der Einwohnerschaft keinesfalls ungehört bleiben. Der vom Verein „Alt-Ulm“ eingeforderte Bürgerentscheid verfehlte allerdings das notwendige Quorum und im Jahre 1993 öffnete das Stadthaus seine Pforten.


  • Zum Weiterlesen: Anja Göbel/u.a.: Stadthaus Ulm, 2. Auflage, Ulm 2005.
  • Stadthaus Ulm: Homepage.

||| Lust auf mehr? Der nächste Eintrag erscheint schon morgen.

„Vor allem war es die Lust am Lernen!“ – das erste Gymnasium für Mädchen

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16. September 1893 | Warum sollten Mädchen kein Abitur machen dürfen? Hedwig Kettler und Anita Augspurg wollten den Ausschluss der Mädchen von höherer Bildung nicht länger hinnehmen. Mit ihrem Verein „Frauen-Bildungsreform“ kämpften sie für ein erstes Gymnasium in Deutschland – am 16. September 1893 erreichten sie in Karlsruhe ihr Ziel. Kettler rief die ersten Schülerinnen dazu auf, „den Beweis zu erbringen von der natürlichen Ebenbürtigkeit des Frauengeistes“. Die 1880 in Karlsruhe geborene Rahel Goitein, Tochter eines orthodoxen Rabbiners, nahm sich diese Worte besonders zu Herzen. Als beste Abiturientin durfte sie im Juli 1899 die Abschlussrede halten. Das 125jährige Jubiläum feierten das Fichte-Gymnasium und das Lessing-Gymnasium, die beide auf das erste Mädchengymnasium zurückzuführen sind, mit einer Wiederaufführung der Rede.


  • Zum Weiterlesen:  Die Person Rahel Straus-Goitein.
  • Dem Fichte-Gymnasium und  Lessing-Gymnasium Karlsruhe sowie Frau Anna Martiny gilt unser Dank für die freundliche Unterstützung.

||| Es bleibt spannend: Der nächste Eintrag erscheint am 20. September.