1918, der Südwesten erhebt sich (Teil 4) – Badens provisorische Regierung

Ein Kommentar

 10. November 1918 | Stuttgart und Friedrichshafen hatten stark vorgelegt: Mit Generalstreik und der frühen Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten am 4./5. November stand Württemberg in erster Reihe des revolutionären Geschehens von 1918. Verschlief Baden die Veränderungen? Natürlich nicht: Am 8. November fanden sich in den badischen Garnisonsstädten Lahr und Offenburg erste Soldaten in Räten zusammen; über den Rüstungswerken in Karlsruhe hatten Arbeiter rote Fahnen gehisst. Kern der Krise, in der „das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann“ (Antonio Gramsci) war die Frage, welche Institution in Zukunft die Regierungsmacht ausüben darf und wer sie dazu berechtigt.

Zwei Tage darauf wurde eine doppelte Lösung auf die Frage gefunden. Der Arbeiter- und Soldatenrat Mannheim rief die „Sozialistische Republik Baden“ aus. Weiter in Süden wandte sich der Karlsruher Soldaten- und Arbeiterrat (SAR) an die Bevölkerung der badischen Residenzstadt:

„Eine neue Zeit der Freiheit ist angebrochen. Lasst uns ihrer würdig sein. […] Haltet zu ihm [dem SAR], vertraut ihm. Sorgt selbst für Ruhe und Ordnung, die unbedingt im Interesse der Allgemeinheit gewahrt werden muss.“

Bei Gewalttätigkeiten wurden standrechtliche Erschießungen angedroht. So weit kam es aber nicht: Dass die Revolution im Südwesten weitgehend friedlich verlief, liegt auch in der historisch gemäßigten Einstellung der Sozialdemokraten begründet, die in Baden ab 1905 eng mit den Liberalen zusammengearbeitet hatten und 1918 einen erheblichen Teil der Mitglieder in lokalen Räten stellten. Radikale Kräfte wie die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) hatten es schwer, ihrer Meinung Gehör zu verschaffen.

Die vorläufige Volksregierung Badens nimmt Platz (Generallandesarchiv Karlsruhe, Nachlaß Geis, Nr. 1)
Die vorläufige Volksregierung Badens nimmt Platz (Generallandesarchiv Karlsruhe, Nachlaß Geis, Nr. 1)

In Karlsruhe arbeiteten SAR und Wohlfahrtsausschuss, ein Zusammenschluss verschiedener Parteien, eng zusammen und fanden sich am 10. November zu einer provisorischen Regierung zusammen. Vorsitzender wurde der SPD-Mann Anton Geiß. Großherzog Friedrich II. von Baden blieb nichts anderes übrig, als ohnmächtig zu akzeptieren, was er nicht mehr ändern konnte. Fünf Sozialdemokraten, zwei USPD-Mitglieder, zwei Zentrums-Mitglieder sowie jeweils ein Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei und der Nationalliberalen Partei stellten die Minister. Schon in ihrer ersten Bekanntmachung kündigten sie an, das Volk über die zukünftige Staatsform, Monarchie oder Republik, abstimmen zu lassen.

Des Volkes Stimme | 1918, der Südwesten erhebt sich (Teil 4) – Badens provisorische Regierung

Für die Wiedergabe des YouTube-Videos auf den Play-Button klicken. Dadurch erklären Sie sich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt werden. Mehr Informationen und die Datenschutzerklärung von Google finden Sie unter https://policies.google.com/privacy?hl=de.

Am Folgetag forderte der eigenmächtig handelnde Matrose Heinrich Klumpp den „größten Lump von Baden“, Großherzog Friedrich II., zum Thronverzicht auf und feuerte mit einigen Begleitern auf die Fassade des Karlsruher Schlosses. Eingeschüchtert verließ der Monarch die Stadt, auf den Thron verzichtete er aber erst am 22. November.

Parlamentarische Republik oder Räterepublik: Diese Frage sollte nicht nur in Baden die kommenden Monate beherrschen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Martin Furtwängler (Bearb.): Die Protokolle der Regierung der Republik Baden, Bd. 1: Die provisorische Regierung November 1918 – März 1919 (= Kabinettsprotokolle von Baden und Württemberg 1918-1933 Teil I, Bd. 1), Stuttgart 2012.
  • Markus Schmidgall: Die Revolution 1918/19 in Baden, Karlsruher 2012 [Digitalisat des KIT].

/// Morgen steht ein gewichtiges „Nein“ im Mittelpunkt!

1918, der Südwesten erhebt sich (Teil 3) – Karl Fraaß und die Revolution

Schreiben Sie einen Kommentar!

9. November 1918  | Revolution in Stuttgart! Für den 18-jährigen Karl Fraaß ging am 9. November 1918 ein Traum in Erfüllung. Begeistert schrieb der aus Wannweil stammende Elektromonteur in sein Tagebuch auf, wie er mitten im Geschehen war.  Als „Spartakist“ zählte er sich zum linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), die sich wegen ihrer Ablehnung des Krieges von der SPD abgespalten hatte. Fraaß wollte eine sozialistische Räterepublik verwirklichen, in der die Arbeiterinnen und Arbeiter bestimmen sollten.

Tatsächlich wehte am 9. November 1918 eine rote Fahne über dem Wilhelmspalais, dem Wohnsitz von König Wilhelm II.. Selbst in Württemberg hatte der populäre König keine Zukunft mehr, auch wenn sich seine Abdankung noch bis zum 30. November hinauszögerte. Aber für eine „sozialistische Republik“ gab es deswegen noch lange keine Chance. Im liberal-konservativ geprägten Württemberg bekannte sich die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung zu einer umfassende Beteiligung aller Bevölkerungsschichten und lehnte einen radikalen Bruch ab.

Des Volkes Stimme | 1918, der Südwesten erhebt sich (Teil 3) - Karl Fraaß und die Revolution

Für die Wiedergabe des YouTube-Videos auf den Play-Button klicken. Dadurch erklären Sie sich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt werden. Mehr Informationen und die Datenschutzerklärung von Google finden Sie unter https://policies.google.com/privacy?hl=de.

Fraaß musste dies schnell enttäuscht feststellen. Bereits am 20. November notierte er: „Die Revolution wird von den Blauen Schritt für Schritt verraten auf den Schlossplatz werden schwarz-weiß-rote Fahnen u. Wimpeln aufgehängt um den heimkehrenden Truppen etwas zu bieten u. diese marschieren in voller Ausrüstung samt Stahlhelm ein. O Revolution, ich beklage deinen frühen Fall. O Tage der Freiheit wo seid ihr geblieben?“ Fraaß wollte dies nicht akzeptieren und kämpfte mit der Waffe in der Hand am 9. Januar 1919 für „seine“ Republik, als er an der Tagblattturm-Besetzung in Stuttgart teilnahm. Vergebens!

Auch nach der Revolution blieb das Leben von Fraaß mehr als spannend. Er trat der neuen KPD bei und hoffte noch immer auf die „richtige“ Revolution. Nachdem er 1930 arbeitslos geworden war, reiste er zweimal in die Sowjetunion. Im März 1933 rettete er sich vor den Nationalsozialisten in die Schweiz. Im Exil in der Schweiz begann seine Ernüchterung über den Kommunismus. Die Schweiz schob ihn 1940 nach Deutschland ab. Als Mitglied der Organisation Todt kam Fraaß an die Ostfront und musste bis 1944 Kriegsdienst leisten. Ab 1946 baute er den Behrendt-Verlag in Stuttgart auf und gründete die Buchgemeinschaft „Stuttgarter Bücherfreunde“. Politisch überzeugten ihn nun vor allem Theodor Heuss und dessen liberale Demokratische Volkspartei (DVP). Fraaß starb 1962.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Morgen stellt sich in unserem OnlineKalender die Machtfrage. Blieben Sie neugierig!

1918, der Südwesten erhebt sich (Teil 2) – der irrtümliche Generalstreik

Ein Kommentar

4. November 1918 | Vielleicht war es ein Anflug revolutionärer Ungeduld, als der Stuttgarter Delegierte Ferdinand Hoschka die Sitzung der revolutionären Betriebsobleute in Berlin vorzeitig verließ. Sonst hätte er bei seiner Rückkehr nach Stuttgart den Genossen um Fritz Rück nicht irrtümlicherweise mitgeteilt, dass ein reichsweiter Generalstreik für den 4. November 1918 vorgesehen war. Sofort ließ Rück Flugblätter drucken und traf Vertrauensleute aus verschiedenen Stuttgarter Betrieben. „Unsere Flugblätter haben eingeschlagen, aber in der Sitzung der Betriebsvertreter wandten sich einige Sozialdemokraten und Gewerkschafter scharf gegen den Streik“, erklärte zwar ein Vertrauensmann bei Daimler dem wartenden Rück am morgen des 4. November. Doch es gab kein Halten mehr: Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter zogen durch den Stuttgarter Osten und trafen auf einen zweiten Zug der Cannstatter Schuharbeiter.

„In dem Zuge, der etwa 10-12.000 Personen umfasste, sah man vorwiegend junge Burschen und Arbeiterinnen […]. Die Leute an der Spitze schrien und brachten Hochrufe auf die sozialistische Republik aus“,

beschreibt der damalige württembergische Staatsminister des Inneren, Ludwig Köhler, die Szene. Vorbei am Wilhelmspalais, dem Wohnsitz von König Wilhelm II., zog die Masse zum naheliegenden Schlossplatz, versäumte es jedoch nicht, dem Hausherrn ein „Hoch auf die Republik“ entgegen zu schmettern. In einer Rede forderte Fritz Rück die Abdankung aller deutschen Monarchen. Fortan sollten Arbeiter- und Soldatenräte demokratisch über das Geschick des Landes entscheiden.

Schließlich kam es zum Showdown zwischen den Revolutionären und der Staatsmacht im Innenministerium. Schnell war klar, dass es keine Einigung geben konnte.  „S’ischt aber wäge dem Sischtem!“, konterte Karl Seeberger den Hinweis des Innenministers, dass der König in Württemberg doch immer vorbildlich konstitutionell regiert habe. Nach weiteren Protestzügen und Ansprachen endete die Demonstration um 16.30 Uhr.

Die Rote Fahne vom 5. November 1918 (Bildnachweis: Hauptstaatsarchiv Stuttgart P 2 Bü 12)
Die Rote Fahne vom 5. November 1918 (Bildnachweis: Hauptstaatsarchiv Stuttgart P 2 Bü 12).

Zwei Stunden später trat der Arbeiter- und Soldatenrat Württembergs mit Rück als Vorsitzenden zum ersten Mal im Gewerkschaftshaus zusammen. Dessen Forderungen wurden in einer neuen Zeitung, der „Roten Fahne“, abgedruckt. Die Ernüchterung war groß, als am Folgetag klar wurde, dass nur in Stuttgart gestreikt worden war. Noch hielt Friedrichshafen die Streikfahne hoch, was Rück und August Thalheimer veranlasste, zu den rund 5.000 Demonstrierenden zu fahren. Noch im Zug wurden sie verhaftet. Den Zug der Zeit konnten die Polizeibeamten allerdings nicht mehr anhalten.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Sylvia Neuschl: Geschichte der USPD in Württemberg, oder: Über die Unmöglichkeit einig zu bleiben, Esslingen 1983, S. 157-163.
  • Ludwig Köhler: Zur Geschichte der Revolution in Württemberg. Ein Bericht, Stuttgart 1930.
  • Die Erinnerungen Fritz Rücks an die Revolution im Südwesten, vgl. Fritz Rück: Schriften zur deutschen Novemberrevolution (=Beiträge zur Geschichte des Sozialismus und der sozialen Bewegung in Süddeutschland, Bd. II), hrsg. von Ulrich Cassel/u.a., Stuttgart 1978.
  • Elisabeth Benz: Ein halbes Leben für die Revolution. Fritz Rück (1895 – 1959). Eine politische Biografie, Essen 2014.
  • Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.): Vertrauensfragen. Der Anfang der Demokratie im Südwesten, 1918 – 1924. Katalog zur Großen Landesausstellung, Haus der Geschichte Baden-Württemberg, 30. September 2018 bis 11. August 2019, Stuttgart 2018.

/// Der nächste Eintrag folgt am 9. November.

1918, der Südwesten erhebt sich (Teil 1) – Fritz Rück spricht Klartext

4 Kommentare

24. Oktober 1918 | Deutschland im Oktober 1918: Hunger und Krieg und keine Aussicht auf Besserung. Im Gegenteil: Die Arbeiter der Zeppelinwerft in Friedrichshafen waren zu einem „Vaterländischen Erbauungsabend“ geladen, auf dem der SPD-Abgeordnete Paul Lensch seine Durchhalteparolen verbreiten wollte. Nicht eingeladen, dennoch anwesend war ein gewisser Fritz Rück aus Stuttgart. Mit seinen kritischen Einwürfen brachte er den Redner aus dem Konzept und den Saal zum Kochen, ein „Orkan von Beifall“ erhob sich. Rück war 1917 Mitglied der Spartakus-Gruppe geworden und führte ab Oktober 1917 die USPD in Württemberg, eine SPD-Abspaltung, die sich gegen die Fortsetzung des Krieges stark machte.

Demonstration Ende Oktober 1918 in Friedrichshafen (Bildnachweis: Kreisarchiv Bodenseekreis).
Demonstration Ende Oktober 1918 in Friedrichshafen (Bildnachweis: Kreisarchiv Bodenseekreis).

Dasitzen und abnicken, das war nicht sein Stil. So forderte Rück vom Redeleiter eine freie Aussprache nach dem Referat. „‚Hier gibt es keine Aussprache‘, fauchte der Oberingenieur. ‚Dann gehen wir!‘“, antwortete das Publikum. Ein Teil der Versammlung schritt durch die Tür und mit der Arbeitermarseillaise auf den Lippen zogen sie durch die dunklen Friedrichshafener Straßen. Auf dem Marktplatz redete nun Fritz Rück zu 400 Menschen: „Vom Rande eines Brunnentrogs aus entwickelte ich die Grundzüge des revolutionären Programms“, schreibt er in einer zeitnah erschienenen Erinnerungsschrift. Nieder mit dem Krieg, hoch die sozialistische Republik, so zwei Kernforderungen. Was zwei Tage vorher mit den Demonstrationen der Maybach-Arbeiter in Friedrichshafen begonnen hatte, nahm nun weiter Fahrt auf. Noch vor dem Aufstand der Kieler Matrosen Anfang November setzte die Arbeiterschaft im äußersten Südwesten ein Signal gegen Krieg und für die Revolution.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Die Erinnerungen Fritz Rücks an die Revolution im Südwesten, vgl. Fritz Rück: Schriften zur deutschen Novemberrevolution (=Beiträge zur Geschichte des Sozialismus und der sozialen Bewegung in Süddeutschland, Bd. II), hrsg. von Ulrich Cassel/u.a., Stuttgart 1978.
  • Elisabeth Benz: Ein halbes Leben für die Revolution. Fritz Rück (1895 – 1959). Eine politische Biografie, Essen 2014.
  • Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.): Vertrauensfragen. Der Anfang der Demokratie im Südwesten, 1918 – 1924. Katalog zur Großen Landesausstellung, Haus der Geschichte Baden-Württemberg, 30. September 2018 bis 11. August 2019, Stuttgart 2018.

/// Am 26. Oktober erscheint ein neues Kalenderblatt. Wieder geht es um einen Bahnhof, der die Gemüter erhitzt.

Ein Lob auf die Provinz – die Revolution von 1848 in Sigmaringen

Ein Kommentar

26. September 1848 | Eine rote Fahne über Sigmaringen? Wer würde das Zeichen der Revolution an der oberen Donau vermuten? Sind Revolutionen nicht etwas für Großstädte? Und doch glückte den Hohenzollerinnen und -zollern am 26. September 1848 etwas, was in den Metropolen Berlin und Wien nicht gelang. Eine Volksversammlung setzte einen Sicherheitsausschuss ein, die Mitglieder des jüngst erst gegründeten Turnvereins holten sich Waffen. Den regierenden Fürsten Karl Anton packte so die Angst, dass er mitsamt seiner Regierung Reißaus nahm und an den Bodensee floh. Erst acht Monate später gelang den Badenern mit ihrem Großherzog dasselbe Kunststück. Ansonsten allerorten Fehlanzeige in deutschen Landen, die Fürsten blieben unbehelligt auf ihren Thronen. Wäre das Sigmaringer Vorbild doch nur öfter befolgt worden…

Geschenkt, dass Karl Anton am 10. Oktober im Geleitschutz von 2.000 bayerischen Soldaten in sein Schloss zurückkehrte. Ja, auch die Sigmaringer waren eher erschrocken über die Folgen ihres Mutes. Nicht mehr auszulöschen war aber, dass die Hohenzollern unmissverständlich die Forderung nach der „Freiheit des Volkes“ erhoben hatten.

Fahne der Sigmaringer Turngemeinde (Bildnachweis: Turnerbund 1848 e.V. Sigmaringen).

Karl Anton verstand diese Botschaft nur zu gut. Er zog die Konsequenzen und drängte den preußischen König dazu, seine Untertanen zu übernehmen, deren Geist er als „roh und hundsgemein“ einschätzte. Als Hohenzollern 1850 zu preußischem Staatsgebiet erklärt wurde, löste die neue Regierung in Sigmaringen sofort den rebellischen Turnverein auf und suchte dessen rote Fahne, die so augenfällig an den 26. September 1848 erinnerte. Doch die Turner versteckten sie als Rouleau getarnt in einer Werkstatt. Als der Verein 1862 wieder neu entstand, änderten sie auf der alten Fahne nur die Jahreszahl „1848“ in „1862“ um.

Im heutigen „Turnerbund 1848 e.V. Sigmaringen“ lebt bereits im Namen die Erinnerung an dieses demokratische Erbe fort. Und die Fahne ist ein großartiges Ausstellungsstück im Haus der Geschichte Baden-Württemberg.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Maren Kuhn-Rehfus: Der Sigmaringer Turnverein und die Revolution von 1848, in: Hohenzollerische Heimat, Jg. 38 (1988), S. 41 – 44 [Digitalisat].

|||  Am 02. Oktober erscheint der nächste Eintrag. Es geht ins Grüne!

Spinner oder Visionär? – Gottlieb Rau und die Republik

2 Kommentare

24. September 1848 | „Erhebt Euch im Namen Gottes für das Volk“. Am Sonntag, dem 24. September 1848, war für Gottlieb Rau der große Tag gekommen. Im Auftrag der Demokratie wollte er von Rottweil den „ganzen Schwarzwald“ zum Volksfest nach Cannstatt führen. Von Metzingen bis Hall rief er die Bürger auf, ebenfalls zu kommen. Auf dem Wasen sollte die Monarchie abgeschafft und die Volkssouveränität friedlich proklamiert werden.

Ausgerechnet dort, ein aberwitziger Plan!

Kaum aufgebrochen, schreckten seine Anhänger vor den Bajonetten des Königs zurück und kehrten schon in Balingen um. Angeblich sollen sie ihren Frust im Schnaps ertränkt haben.

Wollte der Monarchie Beine machen: Gottfried Rau (Bildnachweis: Grafische Sammlung, WLB Stuttgart).

Rau selbst zahlte einen hohen Preis für seinen Traum. Nach 28 Monaten Haft auf dem Hohenasperg wurde er 1851 zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Zwei Jahre später wurde er in die USA abgeschoben. In New York eröffnete der ehemalige Glasfabrikant einen Gasthof, der zur Anlaufstelle für notleidende deutsche Emigranten wurde. Ein amerikanischer Traum ohne Happy End – bereits 1854 starb Rau.

War er wirklich nur ein naiver Spinner?

Erst vor 20 Jahren änderte sich das Bild. Menschen wie der Historiker Paul Sauer oder Manfred Stingel vom Schwäbischen Albverein entdeckten einen „anderen“ Rau: einen christlich motivierten Vorkämpfer für soziale Rechte, einen wagemutigen Unternehmer, der mit seinen Innovationen Wohlstand schaffen wollte, einen Demokraten, der einem trägen Obrigkeitsstaat Beine machen wollte.

Rau war seiner Zeit voraus – ein Visionär für den Aufstieg Württembergs von einem Hunger leidendem Agrarland zu einer wohlhabenden Industrieregion.


Zum Weiterlesen und -forschen:

Eine Republik für drei Tage – Amalie und Gustav Struve in Lörrach

3 Kommentare

21. September 1848 | Revolutionen machen ist Männersache, das ist viel zu gefährlich, viel zu brutal für Frauen – Gustav Struve kannte die Meinungen seiner Freunde nur zu gut. Seine Frau Amalie sollte nicht dabei sein. Struve zögerte. Die Ausrufung der Republik am 21. September 1848 in Lörrach musste erfolgreich sein. Die ganze Revolution drohte zu scheitern, die alten Kräfte drängten bereits zurück an die Macht. Jetzt oder nie! Amalie durfte dies nicht gefährden.

Von Anfang an hatten Amalie und Gustav Struve gemeinsam gekämpft: in den vielen Prozessen gegen Gustav in Mannheim, im Gasthaus Salmen in Offenburg, wo Amalie den „Forderungen des Volkes“ zujubelte, im April 1848, als in Freiburg der erste Aufstand zusammenbrach, oder im gemeinsamen Exil in Frankreich.

Des Volkes Stimme | Eine Republik für drei Tage - Amalie und Gustav Struve in Lörrach

Für die Wiedergabe des YouTube-Videos auf den Play-Button klicken. Dadurch erklären Sie sich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt werden. Mehr Informationen und die Datenschutzerklärung von Google finden Sie unter https://policies.google.com/privacy?hl=de.

Jetzt in Lörrach musste Amalie zusehen, wie ihr Mann zur Tat schritt und unter der Parole „Wohlstand, Bildung und Freiheit für Alle“ ihr gemeinsames Programm verwirklichen wollte. Beamte wurden verhaftet, die Staatskassen beschlagnahmt, die Feudallasten der Bauern „sofort abgeschafft“ und dafür eine progressive Einkommenssteuer eingeführt.

Ihr erzwungenes Untätigsein erschien Amalie wie ein Zeichen dafür zu sein, warum alles zum Scheitern verurteilt war. In ihren „Erinnerungen“ schrieb sie zwei Jahre später über diesen Moment: „So lange selbst im Sturm der Revolution so viele Rücksichten auf hergebrachte Vorurteile genommen werden, wird das Joch der Tyrannei nicht gebrochen werden.“

Am 24. September endete das Unternehmen in Staufen im Kugelhagel der badischen Truppen. Die Struves wurden festgenommen.

(Bildnachweis: MARCHIVUM, Mannheim)


Zum Weiterlesen und -forschen:

||| Wir blättern weiter im Kalender: Am 24. September erscheint der nächste Eintrag.

Die „Forderungen des Volkes“ – die Versammlung im Offenburger Gasthaus Salmen

3 Kommentare

12. September 1847 | Mit einem lauten „Ja“ stimmten rund 900 Menschen im Gasthaus Salmen den 13 „Forderungen des Volkes“ zu. Der Landtagsabgeordnete Friedrich Hecker hatte zuvor verlesen, was er mit dem Mannheimer Journalisten Gustav Struve als Programm für die „entschiedene“ Opposition entworfen hatte: die Rücknahme aller Einschränkungen der Verfassung – volle Presse-, Gewissens- und Lehrfreiheit, sowie persönliche Freiheit – und gleichzeitig deren Weiterentwicklung.

Des Volkes Stimme | Die "Forderungen des Volkes" - Versammlung im Offenburger Gasthaus Salmen 1847

Für die Wiedergabe des YouTube-Videos auf den Play-Button klicken. Dadurch erklären Sie sich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt werden. Mehr Informationen und die Datenschutzerklärung von Google finden Sie unter https://policies.google.com/privacy?hl=de.

Zu den liberalen Grundrechten sollten soziale und demokratische Forderungen treten: Beteiligung der Bürger an der Rechtsprechung, „volkstümliche Wehrverfassung“, progressive Einkommenssteuer, eine nationale Volksvertretung, Ausgleich des „Missverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital“ und „Selbstregierung des Volkes“ anstelle der Beamtenherrschaft. Damit waren fast alle wesentlichen Forderungen der wenige Monate später beginnenden Revolution vorweggenommen. Nur ein wichtiger Punkt fehlte noch: Das Wahlrecht für alle blieb unerwähnt.

Wir danken dem Kulturbüro sowie dem Stadtarchiv Offenburg für die gute Zusammenarbeit.


Zum Weiterlesen und -forschen:

||| Der nächste Eintrag erscheint am 16. September. Bleiben Sie neugierig!

Datenschutz © 2018 | Haus der Geschichte Baden-Württemberg