EinwanderInnen ins Rathaus! – Nei’geschmeckte von weit her übernehmen politische Verantwortung

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15. Januar 1989 | Gerne bezeichneten sie sich als „Exoten“, die mitten in und mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft lebten, arbeiteten, liebten, lachten, stritten und sich vertrugen. Sie kamen aus Italien, Spanien, Jugoslawien, Griechenland, der Türkei, aus dem Iran; sie suchten Arbeit, Schutz vor politischer und religiöser Verfolgung, ein Leben in Würde und Freiheit. Traditionelle ArbeiterInnenviertel wie der Stuttgarter Osten wurden ab den 1960er Jahren zu einer zweiten Heimat für die EinwandererInnen. Dabei war es nicht immer leicht gewesen, wie die türkischstämmige Leyla Süngerli aus eigener Erfahrung zu berichten weiß: Ende der 1980er Jahre suchte sie mit ihrem Kind eine Sozialwohnung in Stuttgart und geriet an einen korrupten Beamten des Wohnungsamtes, der sich an der Wohnungsnot unter den EinwanderInnen systematisch bereicherte. Mutig deckte sie gemeinsam mit einem Redakteur der migrantischen Stuttgarter „Kanackenzeitung“ und weiteren HelferInnen diesen Missstand auf, der deutschlandweit Empörung auslöste. Nicht zuletzt diese Aktion bestärkte das Selbstbewusstsein der lokalen Migrantenszene und bildete die Grundlage für den nächsten Schritt, wie Shahla Blum anmerkte: EinwanderInnen sollten auch in der Kommunalpolitik endlich ernst genommen werden und in die Parlamente gewählt werden können.

 

Diesem Ziel verschrieb sich eine bunte Gruppe migrantischer und deutscher Aktivisten aus der Landeshauptstadt, die am 15. Januar 1989 als „Initiative EinwanderInnen ins Rathaus“ in das Licht der Öffentlichkeit trat. Rund 150 Menschen mit verschiedenen Pässen versammelten sich im „Theaterhaus“ im Stuttgarter Osten und diskutierten mit der Türkin Sevim Çelebi, der ersten Migrantin in einem deutschen Landesparlament (Westberlin). Am Ende der Veranstaltung stand eine Erklärung, die allgemein das Wahlrecht für alle in Deutschland lebende Menschen – unabhängig von Herkunft und Pass – einforderte, unter anderem für über 80.000 EinwanderInnen in Stuttgart.

Hinsichtlich der Kommunalwahlen im Herbst 1989 wollten die Aktiven konkret erreichen, dass EinwanderInnen mit deutschen Pass auf „wirklich sichere Listenplätze“ gesetzt werden, erinnert sich Harald Stingele, damals in der Wählerinitiative aktiv. Die Stuttgarter „GRÜNEN“ hatten beschlossen, auf die ersten 15 Plätzen ihrer Wahlliste zwei MigrantInnen mit deutschen Pass zu setzen – einige Mitglieder der Initiative „EinwanderInnen ins Rathaus“ kritisierten diese Entscheidung als „Alibi“ und zu unsicher.. Letztendlich setzte die Basis der GRÜNEN bei der endgültigen Aufstellung der Liste ein klares Signal: Initiativenmitglied Gordana Golubović wurde auf Platz 1  gewählt, Guillermo Apericio auf den zehnten und Shahla Blum auf den elften. Auch Leyla Süngerli wurde auf die Liste gesetzt.

Man wolle nicht zuletzt das „Sprachrohr der Migranten in Stuttgart“ werden, wie Shahla Blum zeitgenössisch das Ziel der Wählerinitiative zusammenfasste. Mit vielbeachteten Aktionen wie dem „Tag der deutschen Vielheit“, einem bunten Fest der Nationen im „Theaterhaus“ (Juni 1989), Umfragen unter den EinwanderInnen und Gesprächsrunden wirbelten die Mitglieder der Wahlinitiative den Wahlkampf auf und setzten gesellschaftliche Ausrufezeichen.

Der Ausgang der Kommunalwahl vom 22. Oktober 1989 – die GRÜNEN errangen mit 12,4% der gültigen Stimmen sieben Sitze im Gemeinderat – brachte Frau Golubović und Frau Blum die Möglichkeit, den Forderungen, Ideen und Projekten der migrantischen Bewegung in der Landeshauptstadt politisches Gewicht zu verleihen.

Nicht zuletzt der unnachgiebigen Arbeit solcher Gruppen wie der „Initiative EinwanderInnen ins Rathaus“ ist es zu verdanken, dass Menschen wie die kurdischstämmige Muhterem Aras heute Präsidentin des baden-württembergischen Landtags werden können. Doch gibt es in Sachen Gleichberechtigung, Integration und Teilhabe von EinwanderInnen noch immer viel zu tun. Die NachfolgerInnen der Initiative von 1989 führen deren Anliegen fort.


Zum Weiterlesen- und forschen:

 

„Festival is just for you“ – der Reutlinger Verein GIG brachte Musik statt Kommerz

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13. Dezember 1970 | Ich weiß genau, was Sie denken:  Vier DM, das sind zwei Euro oder 13 „Capri“-Eis, wenn sie das kultige Wassereis im Jahre 1970 am Kiosk Ihres Vertrauens kauften. Viel und wenig zugleich, je nach Sichtweise. Die rund 30 Rock- und Popfreunde jüngeren Semesters, die sich am 13. Dezember 1970 in Reutlingen zusammengefunden hatten, sahen es nicht ein, selbst besagte vier Mark den „Profitgeiern“ des boomenden Musik- und Konzertbusiness in den Rachen zu werfen. Die Liebe zur Livemusik für ’ne kleine Mark mündete in der Gründung des Vereins „GIG. Kultureller politischer Verein zur Förderung progressiver Kunst und Musik Reutlingen“ am 1. März 1971.

Das ambitionierte Projekt passte perfekt in die politisierte Atmosphäre jener Jahre, die sich nicht zuletzt in der damaligen Musikszene klangvoll und stimmgewaltig niederschlug. Es waren die Jahre der wabernden Klangteppiche des Progressive Rocks beziehungsweise dessen deutscher Entsprechung, des Krautrocks: Die Haare waren lang, die Lieder mit Spielzeiten bis zu 25 Minuten und mehr noch länger. Neben der unverzichtbaren Hammondorgel wurden (weitere) ungewöhnliche Instrumente bemüht, es jazzte, blueste und folkte an allen Ecken und Enden mit oftmals psychodelischen Einschlag und Ausgang. Viele Texte wurden politischer und manche Bands eröffneten den musikalischen Klassenkampf gegen das alte Establishment, darunter die Kölner Politrocker Floh de Cologne, Ihre Kinder aus Nürnberg oder Eylenspiegel aus dem Großraum Stuttgart.

 

GIG wollte die Spielregeln des Musikgeschäfts ändern: Man wollte Konzerte organisieren, die sich finanziell selbst tragen sollten und sich nicht daran bereichern. Die Preise sollten jugendfreundlich sein (drei bis vier Mark waren üblich), indem man durch die so angelockten Massen die vollständige Deckung der Unkosten erreichen wollte; eine gehörige Portion Eigenleistung sollte ebenso Geld sparen. Den weltverändernden Idealismus hinter dem GIG-Konzept zu vermitteln erwies sich als schwierig, wie der Musikjournalist Christoph Wagner betont. Dass einigen Jugendlichen selbst drei Mark Eintritt zu hoch erschien und diese sich sodann am Mobiliar der Konzerttätten austobten, riss Löcher in die klammen Kassen des Vereins.

Dennoch gelang den GIG-Aktivisten um Horst Werb und Reinhard Kühner immer wieder, frischen Wind in die schwäbische Provinz zu bringen, beispielsweise beim Reutlinger Open Air-Pop Festival im Juli 1971 mit den Bands Swegas, Warm Dust und Kraftwerk. Relative Newcover wie Raw Material, Magma, Beggars Opera, Barclay James Harvest füllten mal mehr mal weniger die Hallen.  Trotz der Zusammenarbeit mit Jugendklubs, mit SMVn und ASTAs verstrickten sich die Aktiven immer wieder in Kleinkriege mit kommerziellen Veranstaltern sowie mit dem sparsamen wie anspruchsvollen Publikum; in Tübingen floppte im Mai 1972 ein Auftritt der britischen Rocker von UFO und endete in Empörung und Gewalt. Schlussendlich zog der Rockzirkus weiter und der kapitalismuskritische GIG-Verein zerbrach noch in den 1970er Jahren. Dass es heute immer mehr alternative Festivals (Stichwort „Umsonst und Draußen“) gibt, ist vielleicht ein später Erfolg der Reutlinger Antikommerz-Musikrebellen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Christoph Wagner: Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folksfreaks Baden-Württemberg aufmischten, Stuttgart 2017.

/// EinwanderInnen ins Rathaus! Die Geschichte hinter der Forderungen lesen Sie am 15. Januar 2020.

„Unser Mut wird langen“ – die Protestaktionen gegen die Raketenbasis in Mutlangen

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10. Dezember 1983 | „Das weiche Wasser bricht den Stein“ war ein Motto der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Ab dem Herbst 1983 begann der stete Tropfen des Protests gegen atomare Rüstung und die drohende Vernichtung der Menschheit nahe des Ortes Mutlangen auf der schwäbischen Ostalb hörbar zu werden. Bereits seit 1964 hatte die US-Army dort ihre Mittelstreckenraketen Pershing I(A) stationiert, wogegen Mitglieder des örtlichen Gemeinderats im Jahre 1969 ihre Stimme erhoben – David gegen Goliath. Die Proteste hielten sich damals allerdings in Grenzen, nicht zuletzt, weil die US-Truppen ein wichtiger Arbeitgeber für die Region waren. Doch je länger sich die Atommächte USA und Sowjetunion in der Logik einer atomaren Abschreckung verstrickten, desto höher wuchsen die Raketenberge, desto schneller wurden Rufe der „Nachrüstung“ laut, da doch der gegnerische Machtblock einen eventuellen militärischen Vorteil erlangt habe.

 

Im Jahre 1979 verkündete die NATO ihren „Doppelbeschluss“:  Verhandlungen Mit den Warschauer Vertragsstaaten sollte zunächst über Rüstungskontrollen und den Abbau von atomaren Mittelstreckenraketen (Pershing II im Westen, SS 20 im Osten) verhandelt werden – bei Misserfolg sollten neue Raketen stationiert werden. Die angesetzten Gespräche der Machtblöcke zeitigten keine Erfolge und tröpfelten dahin. Zeitgleich begann in Mutlangen und Umgebung, direkt neben den Mittelstreckenraketen, das weiche Wasser zu fließen. Ab 1980 gründeten sich mehrere Friedeninitiativen, darunter die „Bürger gegen den Atomtod“ sowie die „Christliche Arbeitsgemeinschaft Frieden“ (CAF). Mit ihrem betont bürgerlichen Auftreten wollte die ökumenische Gruppe zeigen, „dass nicht nur ‚Chaoten‘ gegen die Raketen sind“, wie sich die Mitbegründerin Lotte Rodi erinnert. Befürchtungen, dass auch in Mutlangen die Proteste zu Gewalt führen könnten (wie die Proteste gegen das geplante Kernkraftwerk in Wyhl), wurden immer wieder geäußert. Dass die jahrelangen Mutlangener Proteste (bis auf wenige Ausnahmen) friedlich blieben, ist ein Markenzeichen der Bürger- und Friedensbewegung vor Ort. So blockierten anlässlich des Antikriegstags am 1. September 1983 rund 70.000 Menschen sowie zahlreiche Prominente drei Tage lang die Tore des US-Airfields, unter ihnen auch die Schriftsteller Heinrich Böll und Günter Grass sowie namhafte PolitikerInnen wie Erhard Eppler (SPD) und die Grünen-Aktivistin Petra Kelly. Mutlangen war schlagartig bekannt geworden.

Nachdem der Bundestag am 22. November dem Nato-Doppelbeschluss zugestimmt hatte, rollten die ersten Pershing II-Raketen in Mutlangen an, woraufhin es am 10. Dezember 1983 erneut zu einer symbolischen Besetzung mit rund 10.000 Teilnehmenden kam. Sind Sitzblockaden Gewalt und strafrechtlich zu ahnden? Um diese Frage entbrannte vor den Gerichten im Südwesten ein heftiger juristischer Streit: rund 3.000 vorläufige Festnahmen und zahlreiche verhängte Geldstrafen zwischen 1983 und 1987 illustrieren die Bedeutung der Auseinandersetzung. Sogar Richter beteiligten sich medienwirksam an den Blockaden (so geschehen am 12. Januar 1987). Das Konzept des zivilen Ungehorsams war zu einem generationen- und schichtenübergreifenden Phänomen geworden.

Nicht ohne Spannungen sei das Verhältnis gewesen zwischen den bürgerlichen Aktiven des CAF und den autonomen Bewohnern der „Pressehütte“, die sich als AnsprechpartnerInnen der Medien und Koordinatoren betätigten, erinnert sich der Aktivist Wolfgang Schlupp. Teile der Mutlangener Bevölkerung beschwerten sich über die „Dauer-Demonstranten“ (BILD, 05.02.1984) und waren zugleich von den mutigen SeniorInnen beeindruckt, die sich ab 1986 regelmäßig zu Aktionen trafen und von der Polizei fortgetragen wurden. Trotz alledem: Die Raketen blieben.

Erst die sich entspannende Weltlage und der (mittlerweile ausgelaufene) INF-Vertrag von 1987 bewirkten Anfang der 1990er-Jahre den Abzug der Pershing II-Raketen aus Mutlangen.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Manfred Laduch/Heino Schütte/Reinhard Wagenblast: Mutlanger Heide. Ein Ort macht Geschichte, Schwäbisch Gmünd 1990.
  • Friedens- und Begegnungsstätte Mutlangen e.V. (Hg.): Mutlanger Erfahrungen. Erinnerungen und Perspektiven (= Mutlanger Text, Nr. 13), Mutlangen 1994.
  • Reinhold Weber: Mutlangen – mit zivilem Ungehorsam gegen Atomraketen, in: ders. (Hg.) Aufbruch, Protest und Provokation. Die bewegten 70er- und 80er-Jahre in Baden-Württemberg, Darmstadt 2013, S. 141-164.
  • Lebenshaus Schwäbisch Alb: Sammlung von Texten, Dokumenten, Rückblicken damaliger Mutlanger FriedensaktivistInnen.

/// Abheben auf progressiven Klangteppichen zum kleinen Preis: Wo und wie erfahren Sie am 13. Dezember!

Südwestliche (Un)entschiedenheit – eine Volksbefragung und ein Quiz

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24. September 1950 | Voller Selbstlob kommentierte der Mitherausgeber der Stuttgarter Zeitung, Erich Schairer, die Volksbefragung über die Einrichtung eines Südweststaats: Die Presse habe sich zur Sachwalterin des öffentlichen Interesses gemacht, als zeitgleich in 83 badischen und württembergischen Zeitungen am 15. Februar 1950 der Aufruf „Das Volk soll sprechen“ abgedruckt wurde. Die Meinung der Bevölkerung in den Ländern Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern sollte festgestellt und von den politisch Verantwortlichen endlich umgesetzt werden. Ganz grundlos schwoll dem Pressevertreter nicht die Brust, denn immerhin fiel die Forderung nach einer Volksbefragung auf fruchtbaren Boden. Der politische Acker war bestellt, auf dem die beiden verfeindeten Lager in den kommenden Monaten emsig manch harten Tobak und Propagandablüten säten.

Kleine Pause, Zeit zum Spielen! Unser Quiz hält knifflige Fragen für Sie bereit – wie gut kennen Sie sich aus mit der Partizipation im Südwesten? Los gehts!

Auf der einen Seite ackerten die „Altbadener“ für den Erhalt der badischen Eigenständigkeit. Ihren stärksten Fürsprecher fanden sie in Staatspräsident Leo Wohleb. Auf Plakaten wurde vor dem geplanten Südweststaat als „Schwabenstreich“ gewarnt, und auf Großkundgebungen wie in Konstanz (20. Juni 1950) stießen die Altbadener heftig mit ihren Gegnern zusammen. Was besonders in Südbaden zu einer regelrechten Glaubensfrage geriet, wurde auf württembergischer Seite deutlich weniger emotional geführt. So klagte der stellvertretende Innenminister von Württemberg-Hohenzollern, Theodor Eschenburg: „Was uns ärgert, ist, dass wir keine Gegner haben!“ Mit „wir“ meinte er die Fürsprecher des Südweststaates, die sich in der „Arbeitsgemeinschaft für die Vereinigung Baden-Württemberg“ sammelten. Der Journalist Edwin Konnerth musste wenige Tage vor der Volksbefragung festhalten, dass der „Mann der Straße“ (außerhalb Südbadens) viel mehr mit Alltagsdingen denn mit staatsrechtlichen Fragen beschäftigt sei. Und wenn man auf das Politische zu sprechen komme, rangieren die Südwest-„Plänkeleien“ weit hinter der Frage einer möglichen Wiederaufrüstung der BRD und dem Krieg in Korea.

So viel schwäbische Gelassenheit rief Mahner wie Gebhard Müller, den damaligen Staatspräsidenten von Württemberg-Hohenzollern, auf den Plan. In einer Rede warnte er davor, dass eine geringe Wahlbeteiligung nicht nur den Altbadenern in die Hände spiele, sondern auch den Kommunisten, die gegen einen funktionierenden Südweststaat als „Beitrag zur Genesung, zum Wiederaufstieg und zur Stärkung des antibolschewistischen Deutschlands“ agitierten. So sprach sich beispielsweise die KPD Südbaden prinzipiell für den Erhalt der alten Länder aus, doch sah sie in der Befragung lediglich ein Ablenkungsmanöver von den übergeordneten Zeitfragen wie einer möglichen deutschen Wiedervereinigung. Gegen deren Protestaktionen mit eigenen Stimmzetteln ging das badische Innenministerium entschieden vor.

 

Am Montag nach der Volksbefragung waren weder die Südweststaat- noch die Altländer-Befürworter in Feierlaune. Zwar sprachen sich rund 1,5 Millionen Abstimmende für den Südweststaat aus, zugleich plädierten rund 634.000 gegen die Vereinigung, hauptsächlich im Abstimmungsbezirk Südbaden (rund 541.000 Stimmen). Rein rechnerisch ergab sich damit für das alte Land Baden eine Mehrheit von 5.000 Stimmen gegen die Vereinigung. Die Diskussionen um Heimat, die laut Gebhard Müller tiefer reichten als „ein Zufallsstaat von Napoleons Gnaden“ – gemeint war die territoriale Neuordnung Badens durch Napoleon ab 1803 – zogen sich noch Jahrzehnte.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Leo BW: Der Weg zum Südweststaat.
  • Landtag Baden-Württemberg/Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Hgg.): Die Entstehung des Bundeslandes Baden-Württemberg. Eine Dokumentation, bearb. von Paul Sauer, Ulm 1977.

/// Wir enden wie wir begonnen haben: In bester Verfassung. Morgen mehr dazu!

Ein neuer Geist blüht – die Naturfreunde Württemberg denken Mensch und Umwelt zusammen

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11. September 1948 | Es sieht so aus, als ob uns und unseren Planeten nur noch SchülerInnen retten können, die am Freitag statt in die Schule auf die Straße gehen. Die junge Umweltbewegung „Fridays for Future“ ist auch im Südwesten unterwegs, um die Erwachsenen zum echten Umdenken in Sachen Klimaschutz zu bewegen. Vor über 100 Jahren war der Klimawandel noch kein Thema, vielmehr gab es (junge) Menschen, die aktiv an einem Bewusstseinswandel arbeiteten. Die Wurzeln der Naturfreundebewegung liegen in der österreichischen Arbeiterbewegung, aus deren Reihen im Jahre 1895 die erste Ortsgruppe in Wien hervorging. Der Kampf um eine klassenlose Gesellschaft sollte mit der Suche nach den Schönheiten der Natur einhergehen: Erste Formen eines „grünen Tourismus“ wurden ausprobiert, es wurde gewandert und internationale Kontakte gepflegt.

Bereits im Jahre 1907 gründeten die „grünen Roten“ im südbadischen Konstanz die erste Ortsgruppe im Südwesten – die WürttembergerInnen zogen mit der Stuttgarter Ortsgruppe im Jahr 1910 nach. Parallel zur Waldheimbewegung, die ArbeiterInnen gesunde Freizeit- und Versammlungsorte im Grünen schaffen wollte, richteten die Naturfreunde recht bald ihre eigenen Wander- und Ferienheime ein, in denen Stadtkinder vom rauen Alltag abschalten konnten.

 

Die Naturfreunde waren keine weltfremden Blümchensammler, sondern verbanden ihre Liebe zur Natur mit einer klaren politischen Haltung: Nur in einer sozialistischen Gesellschaft könne die Trennung zwischen Stadt und Land aufgehoben werden und die Ausbeutung von Mensch und Natur endgültig beendet werden. Wenig verwunderlich, dass die Naturfreundebewegung durch das NS-Regime verboten wurde und sich Mitglieder dem aktiven Widerstand anschlossen (beispielsweise die Stuttgarterin Liselotte Hermann). Nach Jahren der Verfolgung wurden die Naturfreunde Württemberg am 24. März 1946 wiedergegründet.

„Lasst nicht verzagend die Zeit verrinnen, wir wollen wagend Neues beginnen“, lautete das Motto des ersten Jugendtags der Naturfreunde Württemberg am 11. und 12. September 1948 in Esslingen. Es sollte ein begeistertes Symbol werden, wie die Jugend sich vom Erbe der nationalsozialischen Erziehung mit ihrem Rassenhass und Kriegsdrill lossagte. Der Landesjugendleiter Karl Pfizenmaier fand eindringliche Worte:

„Die Opfer und Leiden, die der Faschismus gefordert hat, dürfen nicht umsonst gewesen sein. Ein neuer Geist, eine neue menschliche Haltung müsse werden (…). Grenzsteine können und dürfen keine Hemmsteine zur friedlichen und sozialen Entwicklung Europas und der Welt sein, soll die menschliche Gesellschaft nicht untergehen.“

Dass die Jugendlichen auf dem Esslinger Marktplatz sangen, tanzten und  fröhlich beisammen waren, erstaunte in Zeiten von allgemeiner Not und Währungsreform einige ältere Semester.

In den kommenden Jahrzehnten blieben die Naturfreunde ihren Idealen treu, engagierten sich gegen Flächenfraß und Großprojekte wie Stuttgart 21, in der Friedensbewegung und für eine weltoffene Gesellschaft, die Menschen miteinander und mit ihrer Umwelt in Einklang bringt.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • NaturFreunde Württemberg: Homepage.
  • NaturFreunde Baden: Homepage.
  • Touristenverein „Die Naturfreunde“, Bund für Touristik und Kultur, Landesverband Württemberg: Von der Idee zur Tat. Aus der Geschichte der Naturfreundebewegung, Heilbronn 1970.

Geschichte wird bewahrt – das „Hotel Silber“ wird Lern- und Gedenkort

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3. September 1979 | Der alltägliche Terror gegen Andersdenkende, die Überwachung und die Kontrolle der württembergischen Bevölkerung hatten zwischen 1933 und 1945 eine Adresse: Das mondäne Gebäude des ehemaligen Hotel Silbers in der Stuttgarter Dorotheenstraße beherbergte zu dieser Zeit die „Staatspolizeistelle“, den Sitz der Württembergischen Gestapo. Von den dunklen Verwahrzellen im Keller bis zu den Räumen des Referats N (Nachrichtendienst) im Dachgeschoss dienten die hier Angestellten dem NS-Staat und seiner rassistischen, menschenfeindlichen Ideologie. Nach 1949 nutzte hauptsächlich die Kriminalpolizei das nach Kriegszerstörungen wiedererrichtete Gebäude, wobei sowohl ehemalige NS-Polizeibeamte als auch ehemalige Verfolgte hier Anstellung fanden.

 

Wenig geheim also. Dennoch geriet die Geschichte des Ortes zunehmend in Vergessenheit. Jedoch nicht ganz: 40 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs veranstalteten die Jungsozialisten (Jusos) Stuttgart gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) eine Aktionswoche vom 3. bis 14. September 1979. Vor dem „Hotel Silber“ forderten die Aktiven die Einrichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus in Stuttgart. Doch erst auf das nachdrückliche Betreiben einiger StuttgarterInnen um den Widerständler Hans Gasparitsch wurde zumindest eine (recht versteckt aufgehängte) Gedenktafel installiert.

Als im Jahre 2008 Pläne öffentlich wurden, das Gebäude abreißen zu lassen, regte sich Protest. Die Bürgerinitiative „Lern- und Gedenkort Hotel Silber“ forderte, den Ort und seine Geschichte für die kritische Erinnerungsarbeit zu erhalten und erfahrbar zu machen, woraufhin sich die neugewählte grün-rote Landesregierung im Jahre 2011 für den Erhalt entschied. Ein Runder Tisch, bestehend aus Gedenkinitiativen, Interessenverbänden, politischen Gremien und Gruppen, lieferte Impulse für einen Lernort „Hotel Silber“, der vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg zusammen mit den Initiativen erarbeitet wurde. Nach Jahren der Diskussion, der forschenden Vorbereitung und diverser Feinabstimmungen konnte am 3. Dezember 2018 die Eröffnung des „Hotel Silber“ als Außenstelle des Hauses der Geschichte gefeiert werden.

Besonders junge Menschen können sich im Rahmen von Workshops die verschiedenen Facetten von Verfolgung und Verbrechen im Nationalsozialismus erschließen. Gedenken soll im „Hotel Silber“ praktisch werden und für ein demokratisches Miteinander aller Menschen werben.


Zum Weiterlesen und -forschen:

/// Zigaretten und alternative Lernmethoden: Das passt nicht zusammen. Welche Verbindungen dennoch bestehen, lesen Sie am 7. September.

„Gleiches Recht als Staatsbürger“ – die Charta der Heimatvertriebenen

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5. August 1950 | Neben vielen anderen schönen Dingen (z.B. einem meist fröhlichen Fest am Neckarstrand, einem nicht immer erfolgreichen, gleichwohl großartigen Fußballverein und dem Gartenhaus eines genialen Erfinders) ist Bad Cannstatt völlig zu Recht stolz auf seine umfangreichen Mineralquellen. Im Gegensatz zu den Bewohnern des gegenüberliegenden Neckar-Ufers können sich die Cannstatter an einem Großen und Kleinen Kursaal erfreuen, die an die prächtigen Zeiten des Badeortes Cannstatt erinnern. Im angrenzenden Kurpark wird auch an ein anderes Ereignis erinnert, das leider gar nichts mit den schönen Dingen des Lebens zu tun hat. Am 5. August 1950 unterzeichneten die Vertreter der Vertriebenen im Großen Kursaal die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“.

 

 

Wasser statt Wein – der Große Kursaal war der passende Ort für die Unterzeichnung, denn zum Feiern gab es fünf Jahre nach Kriegsende nur wenig. Mehrere Millionen Deutsche, die durch Vertreibung und Flucht ihre Heimat verloren hatten, versuchten mühsam ihre Existenz wieder aufzubauen. Willkommen waren die wenigsten gewesen. Die Vorbehalte der eingesessenen Bevölkerung gegenüber den Neuankömmlingen waren massiv. Mit den fremden Habenichtsen, die auch noch so ein seltsames Deutsch sprachen, wollten die wenigsten etwas zu tun haben oder gar teilen. Bei den Vertriebenen entstand nicht von ungefähr oft der Eindruck, sie sollten alleine den Preis des verbrecherischen Krieges und der Niederlage zahlen.

Umso beachtlicher war die „Charta der Heimatvertriebenen“. Immer wieder ist in den letzten Jahren auf die Unzulänglichkeiten und Lücken des Textes hingewiesen worden. Ja, es stimmt, heute würde manches anders und deutlicher formuliert werden. Aber das ändert nichts an dem wegweisenden Charakter der Erklärung. Die klare Absage an „Rache und Vergeltung“ war einer der großen Schritte hin zu einem friedlichen Europa. Das „Recht auf Heimat“ wurde zwar als eines der „Grundrechte der Menschheit“ postuliert, aber es sollte gerade ausdrücklich nicht durch Gewalt verwirklicht werden. Wer sich ein wenig mit der europäischen Geschichte beschäftigt hat, wird die Bedeutung dieser Haltung leicht zu schätzen wissen.

Das unzweideutige Plädoyer „für die Schaffung eines geeinten Europas“ und die Forderung nach einer vollen Integration der Vertriebenen im eigenen Land, verleihen der Charta neben dem Gewaltverzicht bis heute Gewicht:

1. Gleiches Recht als Staatsbürger nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Wirklichkeit des Alltags.

2. Gerechte und sinnvolle Verteilung der Lasten des letzten Krieges auf das ganze deutsche Volk und eine ehrliche Durchführung dieses Grundsatzes.

3. Sinnvollen Einbau aller Berufsgruppen der Heimatvertriebenen in das Leben des deutschen Volkes.

4. Tätige Einschaltung der deutschen Heimatvertriebenen in den Wiederaufbau Europas.

 

 

Die Forderungen blieben nicht auf den Kursaal beschränkt. Am nächsten Tag wurde die Charta in Stuttgart vor bis zu 100.000 Menschen vorgetragen. Den Rahmen bildete die mahnende Ruine des Neuen Schlosses. Wer heute das Glück hat, dort Konzerte anhören zu können, sollte auch einmal an die Augusttage im Sommer 1950 denken und ein Gläschen darauf trinken. Es muss ja nicht unbedingt Mineralwasser sein.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Landeszentrale  für politische Bildung BW: Das „Recht auf Heimat“ als der zentrale Inhalt der Charta [Scan des Original-Dokuments].
  • Budn der Vertriebenen: Text der Charta.
  • Landeszentrale  für politische Bildung BW/Angelika Hauser-Hauswirth: Deutsche Heimatvertriebene im Südwesten (= Baden-Württemberg, Landeskunde 16/2010) [online].
  • Jörg Hackmann: Die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ vom 5. August 1950, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2010 [online].

/// Am 12. August sind wir zwar in der Toskana, aber leider nicht im Urlaub.

Der „alte Gruschd“ – Mosbach saniert seine Altstadt, nicht den Bahnhof

Ein Kommentar

27. Juli 1967 | Man nehme: Fachwerkhäuser, schmale Gässchen, Kopfsteinpflaster und eine gehörige Prise Romantik, backe dies einige Jahrhunderte und fertig ist eine typische Kleinstadt in Baden-Württemberg. Heute sind die zumeist umfassend sanierten Orte touristische Kleinode. Dies ist jedoch nicht immer so gewesen: In den 1950er Jahren waren viele alte Häuser verwohnt, Bäder und Toiletten sehr einfach gehalten und Komfort war in etlichen Wohnstuben ein Fremdwort. Das „Wirtschaftswunder“ weckte gleichermaßen Bedürfnisse wie Möglichkeiten: Fort mit dem „alten Gruschd“ war ein Satz, der auch in Mosbach im Odenwald häufig zu hören war. Ganze Häuser fielen dem Bagger zu Opfer, so beispielsweise das ehemalige Kaufhaus Held am Marktplatz oder das Fachwerkhausensemble Goebes an der Hauptstraße. Mit viel Glas und Beton schufen die Bauherren zeitgenössische Symbole des Fortschritts.

 

Was die einen als notwendig, ja sogar als Chance betrachteten, lehnten andere scharf ab. Konsequenterweise formierte sich Widerstand: Am 27. Juli 1967 wurde der Verein „Alt-Mosbach“ unter ihrem Ersten Vorsitzenden Adolf Frank in das Vereinsregister eingetragen. Als Fürsprecher für die alte Bausubstanz wollte der Verein auftreten, indem er Veränderungen in Mosbach kritisch dokumentierte und immer wieder auf den Stadtrat einredete, das historische Stadtbild nicht dem Zeitgeist zu opfern. Zudem versuchten die Aktiven, den Autoverkehr aus der engen Innenstadt herauszubringen. Diese Forderung wurde mit dem Bau der B27-Umgehungsstraße bis zum Jahre 1976 verwirklicht. Die 70er Jahre brachten mit dem „Städtebauförderungsgesetz“ in Baden-Württemberg neue Möglichkeiten der Veränderungen: Während in Karlsruhe der Abriss des Stadtviertels „Dörfle“ anlief, besannen sich die Mosbacher auf ein Konzept der „erhaltenden Erneuerung“. In drei Stufen wurde die Innenstadt saniert, wobei Denkmalschutz und die Interessen der Anlieger gleichermaßen Beachtung fanden – Gesamtkosten: 36 Millionen DM.

 

In den 90er Jahren erregte noch einmal der geplante Ausbau der B27-Umgehungsstraße die Mosbacher Gemüter. Dem Autoverkehr sollte der alte Bahnhof aus dem Jahr 1862, eine architektonische Visitenkarte der Stadt, geopfert werden. Eine Bürgerinitiative (BI)  ging entschlossen gegen das Projekt vor, sammelte Unterschriften und hielt Demonstrationen ab. „Das war für Mosbach schon etwas Besonderes“, erinnert sich Christine Krieger, damals selbst in der BI aktiv. Beachtlich sei zudem gewesen, dass sich über alle Parteigrenzen hinweg Mosbacher für ihren Bahnhof engagiert hatten, ergänzt Tim Krieger. Sehr ärgerlich für die Aktiven sei die Entscheidung des Denkmalamtes Karlsruhe gewesen, das Bahnhofsgebäude zum Abriss freizugeben, obwohl es zunächst für den Erhalt plädiert hatte, so Christine Krieger weiter. Im Februar 2002 rollten die Bagger an und beendeten 140 Jahre Verkehrsgeschichte. Neben diesem „Mahnmal für die Exzesse der 1960er Jahre“ (Tim Krieger) brachten die 90er auch viel Positives: Mit der Sanierung der „Alten Mälzerei“ ist ein vorzeigbares Kulturzentrum entstanden.

(Unser Dank gilt dem Stadtarchiv Mosbach, dem Stadtmuseum sowie den Eheleuten Krieger für die freundliche Unterstützung(.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Große Kreisstadt Mosbach (Hg.): Mosbach und die Sanierung seiner Altstadt 1974 bis 1997, Mosbach 1997.
  • Verein Alt-Mosbach (Hg.): Neues Haus in alter Stadt. Kritische Würdigung baulicher Veränderungen in der Altstadt von Mosbach/B. seit 1961, Mosbach 1969.
  • Verein Alt-Mosbach (Hg.): O Mosbach! Kritik der Altstadt-„Sanierung“ in Mosbach seit 1981 (= Mosbacher Schriften, Heft 6), Mosbach 1985.
  • Bürgerinitiative „Rettet des Bahnhof“ (Hg.): Der alte Bahnhof in Mosbach. Geschichte und Zerstörung eines Kulturdenkmals, Mosbach 2002.
  • LeoBW: Überblick über fotografische Archivalien zur Altstadtsanierung Karlsruhe.

/// In unserem nächsten Kalenderblatt am 5. August geht es um das Thema „Heimat in der Fremde“.

Sternstunde – Die Breisacher Volksbefragung zu Europa

Ein Kommentar

9. Juli 1950 | Heute schon Sterne gesehen? Keine Angst, das ist keine Drohung, obwohl wir auf Ihr Geld anspielen: Geldbeutel auf, Münzen raus! Neben der Wertangabe werden Sie eine kleine Europakarte entdecken, umgeben von zwölf Sternchen. Europa ist auf unserem Geld, beim Eurovision Song Contest in unseren Ohren, auf unseren Tellern, auf den Stimmzetteln. Mit ihren 28 Nationen (never mind the Brexit) ist die Europäische Union trotz aller Probleme und berechtigter Kritik ein starkes Staatenbündnis, das auf demokratischen Säulen ruht. Sie erinnern sich? Die jüngste Europawahl liegt gerade etwas mehr als ein Monat in der Vergangenheit. Was heute für viele selbstverständlich scheint, war für die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht weniger als ein großer Traum, der zwischen Ruinen und schmerzlichen Erinnerungen an die faschistische Aggression  aufblühte. Am 9. Juli 1950 gingen die Menschen in Breisach am Oberrhein, direkt an der Grenze zu Frankreich, einen ersten symbolischen Schritt. Die Formulierung auf den Stimmzetteln der freiwilligen Europa-Abstimmung lautete damals:

„Sind Sie für die Beseitigung der politischen und wirtschaftlichen Grenzen innerhalb Europas und für den Zusammenschluß aller europäischen Völker zu einem europäischen Bundesstaat?“

95,6 % der Wählenden stimmten mit „Ja“, ein überwältigendes Signal. Die Abstimmung hatte die „Europäische Bewegung“ organisiert, die sich für eine praktische Völkerverständigung einsetzte. Dass gerade Breisach neben Bremen und Castrop-Rauxel als Abstimmungsort ausgewählt wurde, lag nicht zuletzt am Engagement des damaligen Bürgermeisters Josef Bueb.

 

Auch der badische Staatspräsident Leo Wohleb war ein starker Fürsprecher der Aussöhnung, besonders mit Frankreich. Er trat unter anderem als proeuropäischer Redner vor der Abstimmung auf dem Breisacher Münsterplatz auf.

Heute trägt Breisach den stolzen Titel „Europastadt“ und pflegt Städtepartnerschaften unter anderem mit dem französischen Neuf-Brisach auf der anderen Rheinseite sowie dem polnischen Oświęcim (Auschwitz). Im Stadtbild finden sich ein Europalicht, ein Europabrunnen, eine Europafahne auf dem Eckartsberg sowie die Skulptur „Europa greift nach den Sternen“. Greifbar wird hier der Bundesstaats Europa bereits seit dem Jahre 1950.


Zum Weiterlesen und -forschen:

Alleinerziehend, na und? – Luise Schöffel gründet den „Verband lediger Mütter“

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 8. Juli 1967 |  Sie machte vielen Frauen Mut: die Herrenbergerin Luise Schöffel. Ihren Sohn (Jahrgang 1944) zog sie alleine groß und arbeitete zugleich als Lehrerin an der örtlichen Schule. Alleinerziehende Mütter hatten es auch in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels Mitte der 1960er Jahre in Westdeutschland alles andere als leicht: Sie wurden diskriminiert, über sie wurde getuschelt und oftmals reichten die Unterhaltszahlungen der Väter nicht oder blieben ganz aus. Eine Reform des „Unehelichenrechts“ und die Absicherung der Alleinerziehenden durch staatliche Sozialleistungen waren in den Augen Luise Schöffels dringend geboten. Mit Zeitungsannoncen bat sie um Zuschriften von ledigen Müttern, die sich zahlreich meldeten und zum Teil verzweifelte Lebensumstände schilderten:

„Was ich da las, war erschütternd: materielle Not, Vereinsamung, ständige Schwierigkeiten mit dem Jugendamt, den Pflegestellen, in Mutter-Kind-Heimen, keine Unterhaltszahlungen, das Jugendamt behalte Teile der Unterhaltszahlungen ein, um dem Kind Vermögen zu bilden‘ usw.“ (Aus den Erinnerungen Luise Schöffels, 1992)

Eine Geschäftsstelle im Wohnzimmer: Bis Mitte der 1970er leitete Luise Schöffel den „Verband lediger Mütter“ von den heimischen vier Wänden aus (Bildnachweis: Gunhild Ziegenhorn).

Mit der Gründung des „Verbands lediger Mütter e. V.“ am 8. Juli 1967 beschritt die Herrenbergerin einen mühsamen wie letztendlich erfolgreichen Weg. Energisch sammelte sie Informationen zur sozialen Lage lediger Mütter, verschickte 270 Fragebögen und schuf auf diese Art eine solide Argumentationsgrundlage für ihr Anliegen. Noch im Dezember 1967 veranstaltete Schöffel gemeinsam mit der CDU Baden-Württemberg eine öffentliche Veranstaltung, in dessen Rahmen sie die Arbeit der Jugendämter kritisierte. In einem Schreiben an den Europarat forderte sie, den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen, die Rechte alleinerziehender Mütter zu stärken. Mit Erfolg: Durch Straßburg gerügt änderte die neue Bonner SPD/FDP-Regierung mit Willy Brandt an der Spitze im Juli 1970 die betreffenden Gesetze.

Mit diesem Inserat im Schwäbischen Boten animierte Luise Schöffel im Frühjahr 1967 ledige Mütter zur Gründung eines Verbands (Bildnachweis: Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg).

Mitte der 1970er Jahre verlagerte der mittlerweile in „Verband alleinstehender Mütter und Väter (VAMV)“ umbenannte Verein seine Geschäftsstelle aus Luise Schöffels Privatwohnung nach Frankfurt am Main. In den kommenden Jahren rückte der Verband mit verschiedenen Initiativen und Vorschlägen die soziale und finanzielle Lage der von ihm Vertretenen in den Fokus der Öffentlichkeit: Bereits Ende der 1980er erhobene Forderungen nach einem Rechtsanspruch für Tagesbetreuung gehörten ebenso zur Arbeit des Verbandes wie die Dokumentation der Auswirkungen der Hartz IV-Gesetze auf Alleinerziehende. Luise Schöffel, die sich im Jahre 1976 von der Leitung des VAMV zurückzog, war zudem kommunalpolitisch für die SPD aktiv und die erste Frau im Böblinger Kreistag. Der VAMV ist damals wie heute die starke Stimme der Alleinerziehenden geblieben.


Zum Weiterlesen und -forschen:

  • Valentina Finckh/Claudia Nowak-Walz: „Ich wollte das Recht reformieren, denn wer im Recht diskriminiert ist, ist es auch in der Gesellschaft“. Luise Schöffel (1914 – 1997), in: Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg (Hg.): Frauen gestalten Herrenberg. Herrenbergerinnen des 20. Jahrhunderts. Politik – Bildung – Sport, Mössingen-Talheim 2014, S. 23-34.
  • Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg: Kurzbiografie Luise Schöffel.
  • Verband alleinstehenden Mütter und Väter: Erinnerungen Luise Schöffels an die Gründungsphase des Verbands.
  • Verband alleinstehenden Mütter und Väter: Homepage.

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